Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2916 (10.4.1927)
- Date
- 1927-04-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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ecttc 2 Wwn, Sonntag Wiener Morgenzertrmg 10. April 1927 Nr. 2916 Ae jüdische Front. —V. Wien, 10. April. Die antirnarxistischc Eircheitsliste arbeitet ihren antisemitischer: Grundcharakter immer stärker heraus. Alle Mährer der Ritualmord-Politik sind in ihr vereinigt. Riehl,- Schulz, Göttinger, Wagner, irrer zahlt die Namer: der Edlen! — sind da und ihre AmvesenIM, so unerfreulich sie für Oesterreichs Geltung nild guten Namei: ist, bedingt doch das Gute, daß nach dieser Seite hin, klare Verhältnisse geschaffen worden sind. Für diese Lifte ist kein Jude einzu fangen urrd die Matter des bürWrttchen Freisirms, die sich siir die Seipelfront engagieren, haben Srsyphus-Arbeit zu verrichten. Wenn man nicht seit jeher die politische Einflusslosigkeit dieser Zeitungen kennen würde, die sich doch nur ans ihrer falschen Stellung und aus ihren: jiidischen Antisemit is ums ergibt, so müßte nratt fast diese Einheitsliste bedauern, die sich solcher Unterstützung erfreut. Man stelle sich, um ein Bergleich-sbeispiel zu schaffen, vor, daß ein tschechisches Blatt die Wahl des Karl Hermann Wolf empfehlen würde. Die Inden freilich nrüssen sich den Schimpf gefallen lassen, der ifftien durch diese, unter demokratischer Maske laufende Anpreisung geschieht: Papier ist geduldig und die Pseudodernokratie hat doch nieuranden, der sie anders anhyren würde. Die Anbiederungen nach rechts waren fruchtlos, da doch drüben: der Riehl schon akzeptiert nxrr: die Flucht zu den Inden ist mu rnehr ein heiteres Nachspiel, das die politischen E^espenster zu liefern, sich selbst schuldig zu sein wahnen. Sci's d'rum! Mit Erstaunen aberrrinmrt man die Haltung des sozialdemokratischen ZentraLorgmrs locchr, das sich ganz auf die philosemitische Seite gelegt hat. Was doch Wahlen alles briirgen! Zwar taucht noch immer Jesaias Aberbach und neben ihm Sami Bronner auf; aber die Gegenseite wird auch bedacht. Die „Arbeiter-Zeitmrg" rügt den Pogromton und sic druckt sogar die Redeblunren des Walter Riehl ab. Die sind ja nicht von heute und dieser PvonLachos der 'Scipelliste hat ja in früheren Zeiten Sätze geschmiettect, die für imnier geistiges Gut der tzakenkreuzlerei geworden sind. Wer in diese:! vergangenen Zeiten hat sich die Arbeiter- Zeitung" nicht so kritisch zu chm gestellt. Es waren jai keine Wahlen und man konnte sich den Inder: gegenüber so zeigen, wie es der wahren Einstellung entspricht. Für die „Arbeiter-Zeitung und damit auch Sür die Parteiführer gab es keine Judenfrage, keine Juden, rocher als Konfession, noch Äs Nation. Religion ist doch Privatsache, nicht wahr, und zwar in bezug auf. die Katholiken. Bon den jüdischen So- ■ zialdemo traten wird die Konfessionslosigkeit als Unterbau für die rote Nelke gefordert. Das nationale Jud-entrmt ist wieder eine klerikales Gesellschaft und es gehört unter klasisenbewußten Sozialdemokraten zum guten Ton, nichts von: - Palästinawerk zu wissen, von einer Kulturlciftung, nebender du: aus altgenreinen Mitteln mit Zivang herausgeholten Mener Wohnhausbauten.verschwinden.' Jetzt, vor den Wah'lech sind die Juden auf einmal da. Freilich nicht als politischer Faktor, o nein, nur als Objekte des Mitleids. Die „Arbeiter- Zeitung" hält der Einheitsliste den Pvgromton vor, der, hört, o Hort, auf dem! Lande draußen angeschlagen wird. Ja, haben toir denn nicht noch die Artikel im Gedächtnis, die der Popp und Schneeberger in: Landtag und Nationalrat als Reden herableierten, imt den Volks- und staatsgefährlichen Juden den Landarbeitern zu empfehlen? Das war offenbar noch kein Pogronrton. wie es doch auch jetzt kein Pogromton ist, wenn eine soziald»mocratische Bezirksorganisation die brüderliche Eintracht von Rosenkrmlz, Hakenkreuz und Zionsstern in begeisteren Worten besingt und wenn der sozialistische Abendversler die Inden begeifert. Die „Arbeiter-Zeitung" Halt sich bc-ri fern, lächelt Unschuldsvoll uud süß, als hätte sie nie die vom Riehl artgefallenen jüdischer: Studenten als QofiwMbx ÄestHiMpsi, als hätte nie Ltzutner den Gesetzdnttvurf eingebraiht, der die äu'slandsjüdischen Hochschüler degradiert und' so genau das tut, was die Riehl-Leute verlangen. Säge mir, wie du zu den Juden stehst und' ich werde dir' sagen, wie es um deinen Freiheitssinn steht. Es gibt keirren ärgerer: :nü> keiner: besseren Maßstao als das Verhalten zu einer für roehrlos gehaltener: Schichte. Die Stellung zur Judenfrage ist die Probe auf Freiheitlichkeit überhaupt. In den: abscheulicher: Verfall des öffentlichen RechtSenrpfmderrs, der in Oesterreich eirrgetreten ist und besser: Opfer zunächst die Juden wurden, die jüdischen Werktätiger:, die jüdischer: Aerzte, Beamten, Handiverker, in diesem Niedergang hätte die Sozialdemokratie ein festes und sicheres Zentrum fern können und miissen. Wer sie hat sich der Reaktion rücht entgogengestellt und sie hat keinen Schritt getan, unk der Verpöbelung entgegenznwirken. Kein 'Jude wird von: Bund angestellt, kein Jude wird staatlicher Arzt. Die Inskription an der Hochschule wird ihm bestritten, aber er besitzt sie noch. Ist er an der Hochschule, so kaim er , sich nur unter unsäglichen Schwierigkeiten, zum Beispiel zum Arzt, heranbilden. Die judenreinerr Abteilungen an der: Kliniken vermehren sich und hier ist der Nurr:erus clausus tatsächlich eirrgetreten. Wir mochte:: um: tvissen, was die Sozialdemokratie getan hat, um diesem Nebel zu steuern. Sic ist im Nationalrat stark genug, um Remednr zu schaffen. Aber sie sieht diese Entwicklung sehr gerne. Sie braucht verelendete Menscher:, verzweifelte Intellekt,rcllc, so wie sic entwurzelte Kauftente braucht, die die Steuerpolitik des Rat- I Hauses zrnn Konkurs oder nr die Arbeitslosigkeit treibt. Die Katastrvpheutheorie wird zunächst an dem jüdischen Objekt zur Praxis ausgestaltet. I Diese Praxis wiegt tausendmal schwerer <üs der offi- > zielte, programmatisch civbekannte Antisernitisnms der Christ- ' lichsozialen. Sie machen den Jrtden nichts vor, sie verbin- | den sich mit Riehl mtb Schulz und Göttinger. Aber die Sozialdemokratie hat cinrnal das Vertrauen sehr weiter jüdischer .Kreise besessen und sie hat es gebrochen. Sie hat die Juden enttäuscht uud verlasserr, so wie sie die Sache der Freiheit überhaupt \ni Stiche gelassen hat. Der jüdische Wähler hat diesmal erkannt und er lveiß, daß er von den Chrisilichsozialen nur der: Riehl, vor: der: Sozialdemokraten nur den Sever und Schnecberger zu erwarten hat. Er wirb dafür sorgen, daß ihnen aM: die Manrrer seines Vertrauens, die Kandidater: der jüdischen Liste als die einzigen Berufenen enbgegentreten. Die Wahlbewkgung. Ae SWett-Nfte. l>kur bis zum Mittwoch Haber: die Parteien noch Zeit, Auswechslungen in den von ihnen eingcreichten Mandatslisten vorzunohmcn. Die sogenannte Einheitsfront richtet ihre Bemühungen jetzt in verstärktem Maße darauf, noch einige kleinere Grilppen zum Beitritt zu veranlassen. Nach dem 13. April könnten dann allfällige Neulbeitriüe nicht mehr auf den Kandidaten tsten Berücksichtigung sindsn. Mit diesem Argument wird in den Verhandlungen über die Erweiterung der Einheitsfront jetzt stark gearbeitet. Da die Udeparte: und andere kleinere Gruppen noch immer harthörig fmä>, hat, wie berichtet, die Innsbrucker Kreiswahlöehörde, die vom Landbund, der Udeparte: und den Kommunisterl'am 3. April borgelegten Listen wegen verspäteter Einreichung nicht anerkannt. Die LanÄbändler ließen sich das nicht bieten und erhoben bei der Haupttvahlbehördc unter Anführung des Umstandes Protest, daß in Graz auch die.Einheitsliste erst am 3. April ihren Wahlvorschlag eingebracht hat, ohne daß die dortige Kreislvahlbehorde irgendeinen Änstand gemacht habe. Die Hauptwahlbehörde versagte daraufhin dem Beschluß der Innsbrucker Kreiswahlbshörde die Anerkennung, tvorauf den Innsbruckern nichts anderes übrig üliob, als die Listen des Landbundes, der Udeprrtei und der Kommunisten wieder gelten zu lassen. Wie es heißt, setzt man den Udeleuten sehr stark zu, ihre Bewerbung in Graz zugunsten der Einheitsliste didaturen dieser Gruppe hinfällig werden, weil sie nur in Graz einige Aussicht hat, ein Mandat im ersten Errrrrtt-' lungsverfahren zu erlangen. Hagen-«. Darmleidende nehmen mit bestem Erfolge „BOLUCARBON“, zusammengesetzte Tierkohle-Tabletten. Bolucarbon, von ärztlichen Autoritäten empfohlen, bestbewährt bei Blähungen-' Aufstoßer, akuten und chronischen Magen- und Darm« beschwerden etc., sind ln der Apotheke C. BRADY, Wien, L, Rotenturmstraße 18, Ecke Fleischmarkt, stets lagernd, wo auch Literatur gratis erhältlich ist Postversand überallhin. WahllSge«. Die Aufforderung au die Juden, am 24. UpM die Jüdische Liste %ii wählen, hat bei detr-Gegnern, insbesondere bei den Sozialdemokraten, ein sonderbares Echo erlveckt. Das Programm der „Jüdischen Liste" i st lu-'nansechtbar. Die aufgestellten Kandidaten sind polittsch und persönlich makellos. Da also sachliche und persönliche Mornente versagen, baut man die' Agitation auf plumpe Lügen auf. Man spekuliert aüf Dnmmtzcuit und Oberflächlichkeit hei den.Wählern. Me Rr. 1. „Die ,Jüdische Liste' hat keine Mssicht, weil zu tveuig jüdijche Wähler da sind." Demgegenüber fei fest-« gestalt, daß der Wahlkreis IV (Leopoldstadt, Brigittenau, Floridsdorf) über 65.000 Wähler zählt. Zr:r Erreichung eines Nattonalratsmandats sind. höchstens 18.000, zur Erlangung eines Gemeinderats Mandats höchstens 6500 (Stimmen erforderlich. Es würden somit die vorhandenen jüdischen Stimmen genügen, den Wiener Juden kn diesem Wahlbezirk allein drei Nattorralratkrnarrdate und neun GemelnderatSmandate zu sichern. Dazu kommen die Rest stimmen in den anderen Wiener Bezirken, die wieder ein bis zwei Mandate ergeben. Aber auch unter der Annahme, daß eine Zahl von Juden verblendet bleibt und unjüdisch, das heißt rot oder schwarz wählt, sind di- An-.d-ter: fstr die jüdische Liste" glänzend! Lüge Rr. r. „Die ,Jiidische Liste' ist reaktionär und mit den antisemitischen Christlichsozialen und Hakenkreuzlcrn verbunden." Die Kandidaten der „Jüdischen Liste" haben alle Anbote von christlich,sozialer Seite und alle Verhandlungen abgelchnt Die „Arboiter-Zetturrg" selbst hat das am 30. März festgestellt. Trotzdem entblöden sich die Sozialdemokraten rncht, die niederträchtige Lüge vorn Bürrdnis „zwischen Hakenkreuz, Roferrkranz uud Zionstern, zwischen Seipel, Waber und Chajes" zu verbreiten. Die antisemitischen Sozialdemokraten, welche Juden bei der Gemeinde nicht anstellen, Juden keine Wohnungen in den Gemeirrdehäuserr: geben, jüdischen Verein«: Turnsäle erttzieherr und sie Hakcrrkreuzlern geben und so werter, wagen von einem Bündnis zwischen „Jüdischer Liste" und Anttscmiten zu sprechen. Lüge Rr. 3. „Die für die Jüdische Liste' abgegebenen Stimmt gehen verloren und kommen den Chrisilichsozialen zugute." Durch die Aufstellung der „Jüdischen Liste" wer« den alle Juden, die nicht sozialdemokratisch wählen können, davon abgebracht, schwarz zu wählen, also direkt die Reaktion zu fördern, oder zu Hause zu bleiben, also die Wahlzahl zu verkleinern und dadurch die Chancen der Christlichsozialen zu verbessern. Denn die Christlichsozialen haben im IV. Wahlkreis das letztemal^ 43.000 Stimmen Und zwei Mandate erhalten. Nachdem die Wahlzahl nur 18.000 betrug, haben sie einen Ueberschuß von 7000 bis 8000 Stimmen erzielt, der ihnen jetzt, wenn es keine „Jüdische Liste" gäbe, gewiß ein drittes Mandat verschaffen würde. Bei den letzten Wahlen halten die Sozialdemokraten 104.000, die' Christlichsozialen 43.000, die Juden 13.000 Stimmen. Wenn alle jüdischen Stimmen den Sozialdemokraten zugefallen wären, hätten sie nicht ein Mandat mehr erhalten! Die „Jüdische Aste" ist also das beste Abwehrmrttel gegen die Reaktion! And da wagt man die ungeherrer» liche Lüge, daß die „Jüdische Liste" der: ChriWichsozialen-nützt! JEsche Wühler und Wählerinnen! Zeigt, daß iht euch nicht lote Stimmvieh behandeln lastet. Weiset den jüdisch-sozialdemokratischen AgiErteren, wenn sie mit diesen frechen Lügen kommen, di»; Tür! Lasset euch und die Juden nicht schnöde um die Stimmen und die jüd-is'sn Mandate betrügen! „Haplas" cmttrr „Wipa«". Um das PlakattermigSmonopol der »W : p a g", der städtischen PlakatierungSanstalt, zu brechen, wollen die Wiener Hausbesitzer.ein r:eues PlakatienurgSirrstttut aus genossenschaftlicher Basis, die „H a p l a g* gründen. Den Anstoß für die Gründung deS neuen Unterrrehmerrs gab der Umstand, daß die „Wipag" dm größten Test ihrer PlakatieruingStafeln den Sozialdemokraten vermietet hat, so daß für nichtsozialistische Wahlplakate nur wenig Raum Vorhände«: ist. Jeder Habsbesitzer kann bis 100 (hundert) Anteilscheine zeichnen, deren jeder 1 Schilling kostet. Die „Haplag" trägt sich auch mit der Absicht, in absehbarer Zeit Postkästchen irr den Wiener Häusem einzuführen, in die die Briefträger die Postsendungen der HanÄParteien aiblegen. Da die Postboten dann nicht mchr in die Stockwerke die Vriefschafter: bestellen müßten, wäre auch eine dreimalige Postzusiellur:g im Lage mögilich. Verlangen Sie von Ihren Lieferanten lie . «rill. Erhältlich in allen besseren Lebensmittelgeschäften! 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