Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2909 (3.4.1927)
- Date
- 1927-04-03
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/2979076-2981905-2981997--29611-3017755- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
7 Wiener Morgenzettmrs S. April 1987 Nr. 8609 Serichtsfaal. Ser ttresr«»n«>Prorrß. <Mt ehügen Pagen ist vor dem Gericht in Plauen ein Pvryßtz gegen den dortigen Rechtsanwalt Müller im Gange, der in viMschen und deulschnationalen Zeitungen dem ReichsanßenMinistLr Dr. Gustav Stresemann vorgewovfen hatte, er ftche mit dem „Opj«u>den" Litwin, dem GeneraldiveEtvr der Vvaporator-^eseldschaft, in ständiger Geschäftsverbindung, fti AttfstchtSrat disfer Gesellschaft und deshalb an gemisten Manipulationen, wie z. B. BerschieHtmg von Schrot nach dem ftttjfaffb, miffchuDig. Ai der BerhandLung kam vorgestern die kmnmifsa rische Aussage des ReichSaußenmimifters Dr. Stresemann zur ÄerHandlung. Stresemann wies die Unstichhälti-g-keit der Behauptungen Müllers nach und erklärte, er habe außer den ihm zchtchenden Tantiemen und Dividende keinerlei Zuwendungen von seiten LitwinS erhalten. Er habe Litwin während des Krieges oder vor dom Kriege durch Kommerzienrat Friedrich kennen gelernt. Man hat hier und da die Nase Wer ,3*» Jrü»en Litwin" gerümpft, wie man es in den antisemitischen Kreisen t-ut. Er alber habe es nicht für bedenklich gefunden, mit einem Juden in GoschÄstsvevbindung zu treten, da ja diese Geschäfte ganz einwandfrei waren. Litwin, als Zeuge vernommen, güb genaue Auskunft über die Manipulationen der Evaporator-Gesellschaft. Als die Verteidigung, inn die Qualifikation LitwinS zu erschüttern, immer mehr ins einzelne geht und auch die Fragestellung danach abstimmt, fetzt sich Litwin mit plötzlich durchbrechender Bitterkeit energisch zur Wchr: ,Hch weiß, ich bin der Oftzude Litwin, der mit Hosenknöpfen handelte, als er nach Deutschland kam. Seit drei Jahren tverde ich gehetzt, da man Stresemann damit treffen will. Ich muß endlich auch meine Person schützen. Ich war in Rußland zehnmal reicher als jetzt in Deutschland. Ich habe meinem von mir er-vMten Vaterland die besten Dienste gleistet, vor und nach dem Kriege." — Rechtsanwalt Dr. Hahn: ,Mnnen Sie uns auch -über Ihre Verhandlungen mit Poi »care etwas sagen?" — Die Frage wird vom Gericht abgelohnt. Nun kommt die Einbürgerung Litwins zur Sprache. Litwin erklärt, seine Einbürgerung sei wiederholt abgelehnt worden, weil man damals in Preußen Leine Juden haben wollte. Später fei er deutscher Reichsangehöriger geworden. Der Zeuge Qbermagistratsrat Dr. Häusler erklärte, Litwin habe feit Beginn des Krieges im Jahre 1914 in WilmerSdvrff große Woh-lfahrtseinrichtungen geschaffen und 1949 diese auf ganz Berlin ausgedohnt. Er habe Kinderfpeisungen eingerichtet und an der Nordsee ein Kinderheim gegründet. Im Gegensatz zu anderen Wohltätern sei er nie mit seinem Namen hervorgetreten, sondern wünschte, anonym zu bleiben. 19Ö4 habe er infolge Rückganges seiner finanziellen Verhältnisse strne. Wohltätigkeit einstellen müssen. 4» 3«t Mahlzeit tvar'S, da traf ich «ine Lame, Jung, hübsch «nd klug — Helene war ihr Name -* Die stet wir ganz verklärt «m meinen Satt, den dine». Ich wühl nnr Snder.Sffig, der ist znm Lntziiae«. Ueberall erhältlich. Berel«, Borträge und BrrsamMmge«. Zionistische Sektion tz—8, 8. Bez., Benuoplatz 1a. Dienstag. den 6. April» Vortrag Dr. Leo Goldhammer: Jud ©ufj Oppenheimer. — Akademische Sektion des Verbandes der Zionisten-Revisionisten. Mor-gc-n, halb 9 Uhr, Ca'fe Hebdeti-a. 8. Bez., Dangsgasse 61, Disttossionsabenb: ,/Di-e Reaktiv iermnig öeS Aionistischeu Studenten." Hauptreferent: Ch. Gelber, Präses der .Jiudäa". Gäste willkommen! — Hitachduih- Jugend, 2. Bez., Glockengasse 30. Morgen, hall» 7 Uhr adenLS, Mcvndobinenlurs; Uhr Dr. Z. F. F i nkcl st ein: Sennmrr für jiddische üitevamr. — MaimonideS-Jnstitut, 3. Bez., Hetzg. 40. Margen (Montag), 0—7 Uhr, Dr. A. Kaminka: „-Schluß des Buches Micha"; 7—8 Uhr. „More Nvbuchim, Wer Intellekt und Schicksal ttet Individuen". — Wiener B?t- ^smnidrasch, 2. Bez., Tempebg. 8. ö Uhr Lektor Dr. S. Ge lb« hauS: ,Mechi.lra"; 6 Uhr LÄtor Dr. S. Rubin: „M'^raifch, nach den Quellen eoläm-tert und interpretiert." — Volkshochschule Leopoldstadt (Vokksheim), 2. B«, ZirkuSgafse 48. 7 Uhr. FÄstsaail, Musik aus dem -neuen Rußland. Karten zu 40 Groschen bis S. 1.—. * Ansuchen mn Aufmchw« in das „-Israelitische Hojpitsl" in Bad Gleichender« sind bis längstens 15. Mai an die Zentralstelle für jlmsche soziale Fürsorge in Wien, 1. Bez., Seitenstettengasse 2, 2. Stock, Tür 10, zu richten, wosewst auch Auskunft über den zu leistenden Berpflegsbeitrag erteilt wird. In Rot geraten. Ein bedauernswerter Krüppel, der lange Jahre als Chordirigent fungierte, aber, gegenwärtig ivegen feines Zustandes in dieser Eigenschaft nicht verwendet wird, Familienvater ist und mangels jeglächer Möglichkeit eines Verdienstes lich in sehr schwerer Not befindet, ersucht uns, edke Menschenfreunde am seine une seiner Familie Notlagr aufmerksam zu machen. Name und Adresse des Mannes ist uns bekannt. Wir werden bei uns einlausende Spenden ihm überweisen. Realschule Schottenbastei. Ko'legend ig im gemütlichen Beisammensein, Samstag- 9. April, Restaurant Kaisevhvf, Rachausplatz, Ecke Felderstraße. «s Zentmm der Soziale» Hilfsgemieinschaft ler, 2. Bez., Untere Augartenstraße 35. Monttg, den 4. April 7 Uhr abends im Rahme» der Elternabende Lichtbildevvortrag Dr. Isidor Klaber „Schädigung du'xh Genußmittel". Gäste willkommen. Eintritt frei. — Die BichtbMerdorträae fiir Kinder werden aus technischen Gründen bis aus weiteres eingestellt. — Dienstag, den 5. Avril von 8 vis 9 Uhr Kurs: Pyhsiowgie und Hygiene von Doktor Isidor Klaber. Per Verein für oneutgeltiichen Arbeitsnachweis, L Bez., Taborftraße 59, Mt seine diesjährige Generalvarsammluns am Montag, den 11. April o. I. um 7 Uhr pivends im Cafe de France, 1. Bez., Schottenring 3, ab. VOIKSWHtfSCHAffT < Weder Lueger-Seipels Wnstlertum »och Meitners Mntneüum. Re Avtwort her WdMrn MrtschaiKrrr. Wewr man 3S0 Millionen Spargelder verwaltet, so kamt, soll und muß man damtt etwas anfangen, um neue Werte zu schaffen und den Massen zu Arbeit und Brot zu verhelfen. Der reichste Zwangsverband Oesterreichs, die Gemeinde Wien, hat sich jetzt darauf besonnen, daß er über die notwendigen Mittel zur Förderung des Gewerbefleißes verfügt, daß er seine eigenen Ersparnisse gut veranlagen könnte, daß er kreditfähig ist, und wenn er nur wollte, ihm die Geldgeber di« Türen einrennen würden. So hat denn auch die Gemeinde beschlossen, 50 Millionen Schilling an die Gewerbetreibenden zu höchstens sechs Prozent zu verborgen, 100 Millionen Schilling in den Dienst des russischen Exportgeschäftes der österreichischen Industrie zu stellen und zirka 60 Millionen zum Ausbau des städtischen Elektrizitätswerkeis, 'des Kabelnetzes sowie zur Entlastung des Straßenbahn-- Verkehrs durch Aufstellung neuer Autobuslinien zu verwenden. Das ist das konkrete Produktionsprogramm des Stadtrates Breitneri Es hat die Aufnahme einer Ausländsanleihe im Betrage von 30 Millionen Dollar oder 210 Millionen Schilling zur Voraussetzung, und mit bewundernswerter Schnelligkeit hat er alle die früher so unlustvoll empfundenen Gefühle gegen das Schuldenmachen überwunden. So könnte es scheinen, als ob sich nun Kleingewerbetreibende, Großindustrielle, Arbeiter und Angestellte uni ihm in dem Wunsche vereinigen, daß die Anleihe gelingen möge, aus der sich ein befruchtender Energiestrom auf das nach Arbeit lechzende Volk ergießen würde. Eine neue Ordnung soll aus der Gegenwart in die Zukunft hineinwachsen. Man fragt sich aber, warum das alles — Kredite an Gewerbe und Industrie und Schaffung neuer Gemeindewertv über Anleihekonto — erst jetzt in Angriff genommen werde. Diese Prinzipien der Wirtschaftspolitik, an die sich die Gemeinde Wien künftig halten will, wurden auch in der abgelaufenen Wahlperiode als vernünftig und zweckmäßig von unbefangenen Wirtschaftstheoretikern > und Praktikern empfohlen. Wie kommt es, daß sie; gerade von denjenigen als widersinnig, schädlich, arbeiterfeiMich. weil geldsackfrxjundlich verschrien wurden, die sich jetzt berufen fühlen, diese Prinzipien zu verwirklichen? Niemand wird es schwer fallen, die richtige Antwort hiefür zu finden — sie heißt: Wahlen! Was vor den Wahlen kapttalistisch gewesen und daher die schärfste Abwehr verdient hätte, ist also auf einmal zu einem sozialdemokratischen Wahlprogramm avanciert! Der nachdenkliche Wähler sammelt seine Erfahrungen über die erstaunliche Wandlungsfähigkeit derselben Wirtschaftsprinzipien (beileibe nicht der Politiker), die je den Wahlgezeiten das bürgerliche oder das proletarische Kostüm vertragen können, ohne daß die sichere Haltung der (nicht verwandelten) Politiker im geringsten beeinträchtigte. Diese Politiker sind wirklich von der unbefangensten Naivität und muten dem Wähler das unschuldigste Gemüt zu. Er soll sich freuen über mancherlei Gchchemke, die Breitrrers Füllhorn über ihn ausschüttet: Abschaffung der Untermietabgabe, der Lastkraftwagenabgabe, Fellbietungsabgabe, Ermäßigung der (OOOCaODOQOOC)OCX30000CXXXXXXX20PaOOOOOOOO Bukowinaer Zentralverband in Wien. Aufruf an alle Bukowinaer zu der heute Sonntag, 3. April 1927, pünktlich um 9 Uhr vormittags, im Wiener Bfirger-Cafd, II., Praterstraße 11, stattfindenden Wählerversammlung TAGESORDNUNG: Stellungnahme der Bukowinaer Wähler zu den bevorstehenden Wahlen. REFERENTEN: A. a£ Ehrlich, Präsident des Bukowinaer Zentralverbandes. Oberbaurat Ing. Robert Stricker. Gemeinderat Dr. Leopold Plaschkes. Bukowinaer! Erscheint in Massen, um unsere Forderungen für die entrechteten Heimatslosen und gegen deif wirtschaftlichen Buin unseren Mandataren vorzulegen. ooooooexx3oooooooexxxxxxxx>ooooooooooooo Lustbarkeitsabgabe für Theater und Maos, ÄN/reihung kleinerer Gast- und Kaffeehäuser aus o:±- teueren Genußmittelabgabe, Ermäßigung der Feenrdeuzimmerabgabe um 40 Prozent, sofern der Hotelier sich entschließt, Juvestitionen vorzunehnren, mn sein Hotel zu vennicten. Es sollen sich freuen: der Gasttmrt und Kaffeesieder, der Installateur und der Möbelerzeugcr, denen die Investitionen, der Hotelindustrie zugute kommen, u^vden, der Bezieher von Kraft- und Lichtstronl in dm Nachtstunden, also wieder der Gastwirt und Kaffeesie^r und Kinobesiher. Wenn daraus eine Berö-illiFung der Preise für den Gast folgen sollte (-darüber schweigen sich bcrgeit noch die Annalen des Wahlkanrpses aus), so tk zu hoffen, daß sich daraus ein Wahlstinnnenzunmch? für die bisherige Gemeinden!ajorität ergeben werde, womit ihr am meisten geholfen sein wird. Die alte Maxime des Privatlebens: „Kleine Douceurs erhalten die Freundschaft" ist nun auch g e'.neinbefähig geworden. Das Anleihe- und Jnvesttiionspwgramm kam als großes Douceur hinzu, um auch, die Tore des Parlaments sperrangelweit der großen Produktionspolitik zu öffnen. Warum nicht einige Jahre früher? Warum Gewerbcfreundlichikeit erst, nachden: in einem einzigen Jahre 10.000 Insolvenz?.» und Zusammenbrüche erfolgt sind? ES nehme der Wähler, was ihm gsboten rvird, und noch ehe es ihm wohl bekommen, möge er sich erkemrtlich zeigen! Wenn es je noch eines Beweises bedurfte, daß eine so betriebene Politik nichts anderes ist als das Streben, Macht zu üben und zu behaupten, so hat ihn die jetzige Wahlkampagne geliefert. Ob der jüdische Wähler daraus die notwendigen Folgerungen ziehen wird? Getoiß, wenn er sich nicht durch kleine Wahlgesch-enke, die sofort zurückgezogen werden können, sobald man seiner nicht mehr bedarf, blenden läßt. Denn vv‘. kann Wirtschaftspolitikirr ,v ' ' Weise betreiben: 1. Rein sozialistisch, indem mau u...Mttlich, wie dies Stadtral Ä ei» ner bis knapp vor den Wahlen tat, bestrebt ist, lull Hilfe des Steuerapparats den Gemeindebesitz zu vermehren; ivenn man auf alles eine immer schwerer lastende Gemeinde- Hypothek legt, bis der zusammenbrechends Privatbesitzer dem großen Zwangsverbande.das Feld räumen muß. Indes der Einzelne immer ürnrer wird, wachsen die Besitztitel der Gemeinde, bis es nur diesen einen reichen, gewattigen öffentlichen Besitzer gibt. Das wäre konsequent, aberman geriete dabei in Widrrspruch! zu den kapitalistischen Gesetzen, die noch draußen außerhalb der Wiener Stadttore in Geltung sind. Das ivußte Stadtrat Breitner vor den Wahlen, und daher sein Verzicht auf jede Anleihe, zumal er ihrer bei Fortdauer'dieses Systems, das der Gemeinde immer größere Wertsteigerungen eintrug, leicht entbehren konnte. 2. Indem nmn den Produzenten durch Abgaben möglichst wenig belastet. Es wird davon ausgegangen, daß der Unternehmer sich ftei bewegen soll, daß man ihm vor allem die Möglichkeit geben müsse, seine Kräft-e zu regen, daß man ihm aber^ auch nicht unter die Arme zu grcisßn brauche, weil, wenn er nur nicht in seiner Initiative gelähmt und ihm durch schwere Abgaben nicht das Betriebskapital hinwegbesteuert 'wird, er sich schon zu helfen wissen werde, woraus dann auch die in seinem B/ütckebe schäftigten Nutzen ziehen würden. Das ist die Kapitalistisch-liberale Wirtschaftspolitik. Für, welche Wirtschaftspolitik, man sich entschließt, ist Sachc der Weltanschauung, gewiß aber ist es, daß eine zwiespältig^ Wirtschaftspolitik, die beide Sy steine vereinige!: niill, zun: Schiffbruch verurteilt ist, weil sie nicht nach Belieben die Vorteile beider Sy st eine mischen kann, sondern nnr Schäden über Schäden kumulieren muß: die Schäden der schwierigen sozialistischen Uebergangszeit noch tiberbietet durch die dem kapitalistischen System anhaftenden Nachteile. Breitners Wahlprogramm — das ist dieser in den Dienst 'des Sozialismus gestellte Kapttalisnuls — ist jene Halbheit, die den durch die Kreditgewährung d^er Gemeint in Abhängigkeit geratenden Gewerttttreibenden nicf)t da. über beruhigen wird, daß er nicht für sich schafft, son dorn eines Tages mit den Mitteln der Kreditpolitik dypossediert werden kann. Vreitmrs Wirtschastsprogrannn. dürfte also kaum zur Entfaltung jener seelischen Energien des UnternehlnerS beitragen, die er nnnii't'hr als kapitalistischer Kreditgeber zu sechs Prozent anstrebt, um de«