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Wiener Morgenzeitung · 1927-04-03 · Heft 2909 (3.4.1927) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2909 (3.4.1927)
Date
1927-04-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Wie die Versicherung, daß die christlichsoziale Partei eigentlich nicht antisemitisch ist, zu werten ist, läßt sich daran ermessen, daß die Christlichsozialen anläßlich der bevorstehenden Wahlen ein Bündnis mit den rohestem Pogromhetzern, mit den nationalsozialistischen Hakenkreuzlern abgeschlossen haben. Die österreichischen Sozialdemokraten, die sich vielfach auf jüdische Stimmen stützen mid in deren Programm der I u d e n p u n k t fehlt, huldigen, tm Gegensatz zu den Arbeiterparteien anderer Länder, den antisemitischen Instinkten der Massen. Ihre Presse übergießt alles Jüdische mit Spott und Hohn, und ihre Vertreter, die jüdischen nicht zuletzt, tun alles, um dem Verdacht der J.up en freun-1ich'kel t' auszuweichen. ' . . Ueberall sind also die Inden der leidende Teil. Weder die christlichsoziäle Bundesverwaltung, noch die sozialdemokratische Gemeindeverwaltung steilem j ü d üs che Beamto oder jüdische Arbe i,t e r an. Die Erlangung von Konzessionen oder Lizenzen wird den .Juden'erschwert. oder unmöglich gemacht. Durch eine rücksichtslose Ausweisungspraxis werden viele ehrlich arbeitende Junden zur Verzweiflung gebracht. Die Steuer- Praxis ist tendenziös gegen die Juden gerichtet. In den Schulen ist unsere Jugend Verfolgungen ausgesetzt, der Zutritt zu den höheren Lehranstalten wird vielfach verwehrt. Das Heimatsrecht wird den . Juden verweigert. In Versammlungen, Zeitungen und Plakaten werden die Juden beschimpft und bedroht, man scheut nicht davor zurück, direkt ihre Ermordung zu fordern. Die Behörden und die herrschenden Parteien stehen diesem zügellosen, gesetzwidrigen Treiben teilnahmslos gegenüber. Auch das den Juden durch die Friedensverträge und das österreichische Gesetz gewährleistete Minderheitsgesetz wird ihnen v o r e n t h a l t e n. Im Sinne dieses Minderheitsgesetzes gebührt den Juden ein entsprechender Anteil aus den Bundes- und Gemeindesteuern für die Zwecke der jüdischen Jugenderziehung und der jüdischen sozialen Fürsorge. Dieser Anteil wird ihnen verweigert. Diese Zustände machen die Sammlung: aller jüdischen Stimmen zur Pflicht. Die österreichische Judenschast muß Mandatare in die Vertretungskörper entsenden, die riickhaltslos der herrschenden, auf die moralische, wirtschaftliche und politische Entrechtung gerichteten Tendenz entgegentreten. Fürs Judentum und für Oesterreich! Im Sinne dieser Parole werden die jüdischen Mandatare zu den Fragen Stellung nehmen, die heute den Mittelpunkt der Diskussion bilden. Oesterreich läuft Gefahr, das Opfer eines von rechts und links in rückhaltsloser Form geführten Klassenkampfes zu werden. Es ist oberste Pflicht jüdischer Vertreter, im Sinne der Ber st ä n d i g u n g und Versöhnung der Klassen und Stände zu wirken, insbesondere aber dagegen anzukämpfen, daß Juden und jüdische Stimmen im Klassenkampfe von rechts oder links her ausgespielt werden, in einem Kampfe, der zur Zerrüttung Oesterreichs, zur Steigerung des Judenhysses, zum Bürgerkrieg führen muß. Gttreu den Traditionen des jüdischen Volkes tverden seine Vertreter dafür eintreten, daß dem arbeitenden Menschen sein volles Recht werde, das heißt: für die Aufrechterhaltung aller sozialen Errmrgorrfchaflen, für die Versorgung aller Kranken und Alien durch die Gemeinde, für die Alters- und Invaliditäts- Versicherung der Arbeiter, der Beamten und. der Angehörigen selbständiger Berufe, für produktive Ar. beitslosenhilfe. . Sie werden dahin wirken, daß die Mittel für diese Zwecke durch gerechte und vernünftige Besteuerung gller Stände aufgebracht werden. Sie worden dagegen Stellung nehmen, daß bei der Besteuerung ein Teil der Bevölkerung gegen den anderen ausgespielt werde. Sic werden daher Stellung nehmen gegen die Steuerpolitik des Bundes, welche die Interessen der Landwirtschaft denjenigen der Industrie, des Gewerbes und des Handels ungebührlich vorzieht, gegen jene Zollpolitik, welche Nahrungsmittel und wichtige Bedarfsgegenstände verteuert, und gegen die Steuerpolitik der Wiener Gemeinde, welche unter Ablehnung von Anleihen, daß heißt jeder gerechten Verteilung der Lasten auf mehrere Generationen, die Entwicklung von Handel, Geiverbe und Industrie unmöglich macht, Unternehmungen vernichtet und zahllose Arbeitslosigkeit schasst. In der Frage des Mieterschutzes werden die jüdischen. Vertreter jene Haltung einnehmen, welche durch die Interessen der breitesten Bevölkerungskreise heute ein, heutig bestimmt ist: Sie werden . für die Aufrechterhattung des Mieterschutzes eintreten. Sie werden für die Beseitigung des herrschenden Wahlunrechtes eintreten. Unter dem Schein der Demokratie beinhaltet das herrschende Wahlsystem die Unterdrückung aller Minoritäten und liefert das Parlament der Herrschaft zweier Parteien aus, zum Unglück Oesterreichs. Mische M«»er «vd Fra«m! Wer diese Grundsätze als richtig erkennt, der wählt am 24. April die „Jüdische Liste": 8« de« Ratioualrat: Me«. Norm (L 20., 21. Bezirk» Robert Stricke r, Oberbaurat, Wien. Dr. Desider F r i e d m a n n, Rechtsanwalt, Wien. Dr. Leo Gold Hamme r,- Rechtsanwalt, Wien. Dr. Max Bernhardt, Rechtsanwalt, Wien. 3n allen übrigen sechs Wiener Wabikreisen lautet die Wische Liste, die zugleich auch Wahltteis.Berbands!iste ist, wie folgt: Dr. Desider Fried mann, Rechtsanwalt, Wien. Dr. Max Bernhardt/ Rechtsanwalt, Wien. Karl S chwa r z, Kaufmann, Graz. Dr.' Ludwig R o s e n b e ck, Arzt, Mödling. 3n denGemeinüerat: 1. Bezirk: Dr, Desider Fried mann, Rechtsanlvalt, Wien.. Dr. Alfred Löwy, Arzt, Wien. 2. Bezirk: Dr. Leopold P lasch kes, RechtsanwaU, Wien. Dr. Desider Friedmann, Rechtsanwalt, Wien. Robert S t r i cke r, Oberbaurat, Wien. Dr. Leo Goldhamm er,'-Rechtsanwalt, Wien. Franziska Ritte r m a n n, Fürsorgerin, Wien.; Viktor. B a u m; t n g e r, Kaufmann, Wien. Meier Henisch, Privatbeainter, Wien.; 9. Bezirk: Dr. Leo Goldhammer, Rechtsanwalt, Wien. Dr. Desider F r i e d m a n n, Rechtsanwalt, Wi: . Salo Schmerler, Privatbeamter, Men. N Hugo R e ch n i tz e r, Prokurist, Wien. Dr. Alfred Löwy, Arzt, Wien. Ella F i n k e l st e i n, Private, Wien. 29. Bezirk: Robert Stricker, Oberbaurat, Men. Wilhelm Petyam, Fleischhauer, Wien. Frau Perl M o d l i n g e r, Private, Wien. 3990

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