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Wiener Morgenzeitung · 1927-04-02 · Heft 2908 (2.4.1927) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2908 (2.4.1927)
Date
1927-04-02
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Zeile 8 Men, SamStag Wiener Morgenzeitung S. April 1927 Nr. 2908 KRIEG GEGEN CHAJE TURTELTAUB Von SCHALOM ASCH Autorisierte Uebersetzung aus dem Jiddischen von SIEGFRIED SCHMITZ Copyright 1997 by R. Lfrwit Verlag, Wien — Leipilg „Der hochmögende Herr müssen doch einsehen, daß ich nicht für Bauern Heringe aus dein Faß holen kann, das paßt nicht für mich." „Für mich paßt es auch nicht," entgegnete Herr Schmschinski dem Assessor. „Es geht wohl ums Vaterland, aber wie paßt es, daß ein Edelmann Bauern bedienen soll? Das einzige, was ich tun kann, ist, hinter der Kasse zu stehen. Zahlung entgegenzunchmcn und die Bücher zu führen — dabei muß ich bemerken, daß auch das meinem Stand durchaus nicht entspricht: doch da cs das Vaterland verlangt, kann ich nicht nein sagen." „Wenn jemand bei der Kasse stehen, die Losung einkassieren und die Bücher führen soll, so bin ich es," erwiderte der Assessor. „Wie kommen Herr Schwischinski eigentlich zu Büchern? Ich bin Assessor und habe immer mit Büchern zu tun gehabt; und wenn jemand die Bauern bedienen soll, so bin ich cs gewiß nicht." „Und ich ganz gewiß nicht!" fiel Herr Schwischinski mit scharfer Betonung ein. „Euer Wohlgeboren vergessen, mit wem Sie sprechen! Sie sprechen mit einem Edelmann!" — der Assessor schlug auf den Tisch. „Wenn hier in diesem Lokal von einem Edelmann die Rede ist, so bin ich es!" — schrie Herr Schwischinski Und schlug auch auf den Tisch. „Das heißt also, wenn ich recht verstehe, daß der hochnrögende Herr es wagt, an meinem Adel zu zweifeln?" — der Assessor wurde rot und trat, die Hände in die Hüften gestemmt, Herrn Schwischinsti gegenüber. „Das heißt also, wenn ich es recht verstehe, daß Herr Assessor es wagen, an meinem Adel zu zweifeln?" — Herr Schwischinski stemmte ebenfalls die Hände in die Seiten „Euer Wohlgeboren haben meine Ehre beeidigt!" „Euer Hochwohlgeboren haben meine Ehre beleidigt!' Es half nichts mehr, daß der Pfarrer und der Doktor später zwischen den beiden Herren Frieden machten, nach der berühmt gewordenen Schlacht um die Ehre, die zwischen den Direktoren des christlich-katholischm Hern s- und Petroleumgeschäftes stattgefunden hatte. An Kund.n blieb doch nur Manka „das Mensch" oder ein anderes Frauenzimmer, das der soliden Bürgerschaft beweisen wollte, sie sei gut patriotisch und halte sich an den Grundsatz ,Zeder, zu den Seinen". Die Bauern, aus den Dörfern ha'tm Furcht in 'das polnische Geschäft zu kommen. Wenn sie eintraten und die zwei vornehmen Herren sahen, erschraken sie, fielen ihnen zu Füßen und küßten ihnen die Hände, kormten vor Furcht kein Wort hervorbringen und mußten sich selber bedienen. Die Edelleute ließen sie selbst ihre Säcke Sa'z und die Fäßchen Heringe aus den Wagen heben; denn es paßte ihnen nicht, Bauern zu bedienen. Sie bedeuteten den Kunden, es gehe wohl um das Vaterland, doch Welmann sei Edelman Und Bauer sei Bauer. In den ersten paar Wochen, nachdem der Rummel mit dem polnischen Geschäft vorüber war, stah'en sich die Bauern in den Laben -der Chaje Turteltaub durch eine Hintertür, bannt man sie nicht sehe. Es nützte nichts, daß der Pfarrer fie Sonntag für Sonntag mit Höllcnstrafen schreckte; die Bauern gingen dorthin einkaufen, wo es ihnen vertranter und bequemer war. Ein paar Wochen später gingen sie schon ganz offen in Chaje Turteltaubs Laden. Und nicht nur die Bauern, auch die polnischen Einwohner der Stadt, alle „Präsidenten", „Direktoren" und „Sekretäre" der „Polnisch-christlichen Gesellschaft für Heringe und Petroleum" schütten insgeheim ihre Dienstboten unr Petroleum und Heringe in Chaje Turteltaubs Laden. Chase Turteltaub verkaufte näm- Oie volkstümliche Geschichte der Juden von HEINRICH GRAETZ ist soeben in neuer Ausgabe erschienen 3 Ganzleinenbände mit reicher Goldprägung auf holzfreiem Papier in Antiqua gedruckt PREIS 40 SCHILLING Ein Standardwerk des jüdischen Hauses Unentbehrlich für jede Bibliothek R. Löwit, Verlag, Wien I Fleischmarkt Nr. 1 Rotenturmstraße Nr. 22 (Schluß.) lich stets um einen Groschen billiger als das polnisch-christliche Geschäft. Niemand begriff, wie sie das tun konnte. Herr Schwischinsti sagte, das sei nur deshalb möglich, weil Rothschild und das internationale Finanzkapilal hinter Chaje Turteltaub stünden. Der Vertreter der polnischen Bank, welcher die Gesellschaft revidieren kam, faste frei'ich, der Grund liege darin, daß die Jüdin ihre Waren selbst von der Bahn hole, während die Herren Direktoren ihren dldel ausschnapsen. Darauf antwortete Herr Schwischinsti dem Beamten, er möge in der Wahl seiner Worte vorsichtiger sein: „Was meinen Sie, ist der hochmögende Herr Schwischinsti vielleicht eine Jüdin, daß er Heringfässer schleppen soll? Haben . Sie vergessen, daß ein Edelmann vor Ihnen steht?" Die Hände in die Seiten gestemmt, fügte der Herr Assessor hinzu: „Haben der Herr damit vielleicht meine Ehre beleidigen wollen?" Als der Bankbeamte das Wort „Ehre" hörte, schwieg er erschrocken. Nnige Wochen später war der Laden der polnisch-christlichen Gesellschaft geschlossen. Nur das Schild blieb übrig, das wenige Geld, das vorhairben war, vertranken die b.iden Herren Direktoren im polnischen Kasino, bei der Versöhnungsfeier nach dem Kampf nur die beleidigte Ehre. Wenn seither Chaje Turteltaub von ihrem kleinen Laden aus auf das geschlossene polnisch-christ'iche Geschäft blickt und das Schild mit der Mutter Gottes zur Rechten' und Jesus zur Linken sicht, die mit den Fingern. vom Himmelsthron herab auf den Laden weisen, wo man Petroleum und Heringe kaufen soll, dann denkt Chaje Tnrteltaub: ,^Fch habe eine starke Hilfe; ich habe Kinder zu ernähren, die in ben Cheder gehen"... (Ende.)' ' Bühne und Kunst. Flvello. Neuinszenierung in ver StaatSoper. Mit einer musikalisch fast geglückten „Fidelio"-Auf - führung klang das schöne Bcethovenfest in den festlichsten Schlußakkord aus. Es war eine sogenannte Galavorstellung: Im Zuschauerraum sah man das offizielle Wien und viel Fremde von Distinktion im gutsitzenden Frack und in großer Abendtoilette, auf der Bühne spielte die erste Garnitur. Eine edle rührende Frauengestalt war Lotte Lehmann als Leonore. Das Lyrische betont sie vorläufig iwch stärker als das Dramatische,.doch der herrliche Wohllaut ihrer Stimme, das tief Menschliche ihrer Sprache uttb der Adel ihrer Erscheinung machen sie zu dem', was Beethoven in der Rolle und in der ganzen Oper ausdrücken wollte, zur Verkörperung höchster Sittlichkeit auf der Singbühne als m. stcher Anstalt. Piccaver, der ritterliche Belcanto-Sängee, .var ihr nicht ganz ebenbürtig. Er bleibt auch als Flovestau der Troubadour, der Nur-Sänger, welcher am Erleben und Gestalten vorbeifingt. Ausgezeichnet waren Frau Schumann mrd Herr Gallos als das zweite kontrastierende Liebespaar aus der niedrigen Wett, glänzend Herr Mayr als Kerkermeisirr, pechschwarz Herr I erg er als Bösewicht. Die am meisten befiibelte Primadonna der überaus beifällig aufgenommenen Festvorstettuug war Direktor Schalk. Nach der großen Leonoren-Ouvertüre, welche die herrlichen Philharmoniker besonders schön spielten, wollte der Beifall kein Ende nehmen. Die neue Inszenierung hat Dr. Lothar Wallerstein, einer unserer besten modernen Regisseure besorgt. In der Mahler-Roller'schcn Inszenierung bügelte Marcelline im Hofe, die Verwandlung unterblieb ltrtb der Aufzug der Wachen war sichtbar. Wallerstein briirgt zwei verschiedene Bühnenbilder, die Stube des Rocco und dann eine Art fast oricntalisiereuden Tempel-Rundbau, in welchen die Gefangenen in ganz merkwürdiger Gefängnis-Dreß aus sechs Zellentüren ausströmen. Das Menschliche des XOOOOQOOOOOQOOOOaOOOOOqOOOOOOOXOOOOQOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOGOOOOOOOCXXXX} I. Preis: Else Bibliothek von 300 Banden II. Preis: Eine Gratisreise nach Palästina UL Preis: Fünf Dünas Land in Palästina 4 und weitere 47 Preise Ausschneiden- L_ Skr. 49 BEZEICHNUNG DER WORTE: Wagrecht: 1 Staat in Europa, 5 Ortsbezeichnung, 7 Ciiern. Element, 8 Chem. Formel für Gallium, »0 Adriawind, 11 Festlicher Prunk, 13 Griechische Göttin, 14 ital. Musiknote, 18 Chem. Formel für Tellur, 19 Zum Leben wichtig, 20 Zentralamerik. Repub ik, 21 Ital. Musiknote, 23 Chem. Formel für Titan, 26 Rindermagen, 28 Stadt in Rußland, 30 Gewässer, 32 Aepypt. Sonnengott, 33 Departement in Frankreich, 35 Chem Formel für Nickel, 36 Deutsche Industriestadt an der Ruhr. Senkrecht: 2 Fluß in Sibirien, 3 Weibl. Vorname, 4 Fürwort, 5 Ital. Musiknote, 6 Gattune. 8 Fertig gekocht, 9 Chem. Formel für Aluminium, 10 Nachtlokal, 12 Nordische Oottheit, 15Jüd. Prophet, 16 Stadt und Gouvernement in Rußland, 17 Kopfbedeckung, 18 Handlung, 21 Getiär k, 22Europ. Hauptstadt, 24 Verrückt, 25 Stadt in Italien, 27 Nordisches Haustier, 29 Rinderart, 31 Nahrungsmittel, 33 Spielkarte, 34 Chem. Formel für Neon. Name: Adresse:- Ausschneiden Fflrlärunors Ab 13 Februar erscheint täglich In der „Wiener Morgenzeitung« ein Kreuz Worträtsel. CXKiarunxs 0| Dia„ramme 8inlj auszusclineiden und mit Tinte oder Untenblei auszutüllen und _ ___o —«IJa I A o ii « rr a m Gflltli Han Im pu sammeln. Am Schlüsse unserer Serie sind dann die teder Nummer befindlichen Rätselkupons an oie -■—-—— - —« ‘inzusenden. Jeder Einsender kann an der öffentlich stattfindenden Verlosung, deren genauer Zeitpunkt foch bekanntgegeben wird, teilnehmen. Blätter, in welchen unsere Rätsel erseh enen sind, können jederseit gegen Einsendung des Betrages in Briefmarken von unserer Administration nachbezogen werden * NB. Der Beischluß des auf Seite 2 befindlichen Kupons ist unbedingt erforderlich.

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