Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2899 (24.3.1927)
- Date
- 1927-03-24
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2309 Wie», Donnerstag Wiener Msrgen-eirmrg 34. «Lrz 1SL. JÜDISCHE WEIT Boa Den syrischen Jude«. Die Zahl der Juden in Syrien ist nicht sehr groß. In Damaskus gibt es ihrer etwa 10.000, ebensoviel in Aleppo, in B e! r u t 4000 und in Saida rund 1000. Der größte Teil dieser Juden stammt aus Spanien. Es sind die Nachkommen jener int Jahre 1492 nach der Türkei verschlagenen spanischen Juden, die sich dazumal in Saloniki, Adrianopel und Konstantinopel niedergelassen hatten. Diese spaniolischen Juden sind verhältnismäßig spät nach Syrien gekommen. Außerdem gibt es eine bedentönde Zahl jüdischer Familien aus Mesopotamien, Persien oder Indien. Aschkenasische Juden sind nur wenige zu finden. Unter den syrischen Juden gibt es viele Großkaufleute, kleine Händler, Angestellte, Bankiers und Geldwechsler. Bon der jüngeren Generation widmen sich verhältnismäßig viele den medizinischen und Rechtsstudien. Ueber die syrischen Juden veröffentlicht ein Reisender, der erst jüngst längere Zeit in Syrien geweilt hat, im Pariser „Univers Jsraelite" interessante Beobachtungen. Die Juden sind in einem gewissen Sinne schon seit langer Zeit assimiliert, was sich darin äußert, daß sie sich viele Sitten und Gebräuche ihrer Umgebung zu eigen gemacht haben. Andererseits zeigt sich wieder bei ihnen, soweit die religiösen Gebräuche in Betracht kommen, ein ausgesprochener Konservativismus. Bis zu Beginn dieses Jahrhunderts gab es kaum einen Juden in Syrien, der den Sabbat entweiht, sich über die Spetsegesetze hinweggesetzt hätte oder es gewagt hatte, eine Mischehe einzugehen. In der letzten Zeit hat sich in dieser Richtung manches geändert. Der synagogale Ritus der syrischen Juden unterscheidet sich kaum vom sephavdischen Ritus in anderen Ländern. Die Rabbiner stehen hier nicht in jenem Ansehen, wie in den westlichen Staaten. Jede Gemeinde hat ihren Chacham Baschi und außerdem einige gewöhnliche Rabbiner, die dem Rabbinatskollegium angchoren und gleichzeitig hebräische Sprachlehrer, Schächter und Vorbeter sind. Die Chasanim gehen fast ausnahmslos tagsüber irgendeinem anderen Gewerbe nach. Aus der alten Zeit hat sich in Syrien ganz besonders der Mißbrauch mit dem Cherem erhalten. Besonders in Aleppo, dessen Juden in dieser Beziehung viel rückschrittlicher sind als die Juden von Damaskus und Beirut, hat die Exkommunikation ihre alte Kraft erhalten. Sie wird schonungslos gegen jeden, der den Sabbat entweiht, aber auch gegen solche nngewendet, die ihre Frauen ins Kaffeehaus mitnehmen. Ausfallend ist die Fruchtbarkeit der Frauen in Aleppo. Man findet hier 22jährige Frauen, die bereits Mutter von fünf Kindern sind. Familien mit 15 Kindern gehören durchaus nicht zu den Seltenheiten. Der junge Mann führt nach seiner Verheiratung seine Gattin in sein Elternhaus, wo sie verbleiben, Bleibt eine Frau längere Zeit kinderlos, wird sie mit dem Scheidebrief entlassen. In Damaskus hat die Assimilation der Juden unter französischem Einfluß bereits tiefere Spuren hinterlassen. Der Grandrabbiner von Damaskus, Tagger, ist ein äußerst intelligenter, gebildeter Mann, der eine ganze Anzahl von Sprachen beherrscht. Er besitzt großes Ansehen. Zur Zeit des Aufstandes in den Jahren 1925/26 hatten die Juden von Damaskus sehr viel zu leiden, das Judenviertel wurde zum Teile zerstört. Heute herrscht in Damaskus bereits so weit Ruhe und Frieden, daß die Bürger der Stadt ihrer Arbeit wieder nachgehen können. Das jüdische Viertel von Damaskus macht durchaus nicht den Eindruck eines Ghetto. Seine Straßen sind immer sauber und die Menschen gepflegt. Interessant ist die Sitte, daß die jüdischen Frauen am Freitag abends, im Nachtgewand gekleidet, vor das Haustor treten, während die Männer etwa eine Stunde lang vor ihnen vorbeidefilieren. Die vorgeschrittenste und auch assimilierteste Judengemeinde bilden zweifellos die Juden von Beirut. Hier gibt es viele Schulen, seit etwa 60 Jahren eine Universität der Jesuiten und eine amerikanische Hochschule, die von den Juden sehr stark frequentiert werden. Sekt der Errichtung des französischen Mandats über Syrien ist Beirut der Sitz des französischen Oberkommissärs und der höchsten Regierungsämter. Bertha Guggercheimer gestorben. Nus New Dort wird gomÄdet: Frau Beviha GuWenheimier, Witwe nach Max Gugaenheimer, verstarb dieser Tage in St. Paul, während sie mit vor Hadassah-Präsidentiin, Frau Irma Oindlhedm, aus einer Propaganda tour war. Frau Guygeniheimer war eine große Philtanthrvipin; erst voriges Frühjahr stiftete sie 50.000 Dollar zur Errichtung von Spielplätzen in Pa-Iöstlna. Auch in Amerika errichtete sie eine Anzahl Stiiflnmgen. Ihr Hingang hat {große Teilnahme geweckt. Die Gedächtnisrede am Grabe sprach Rabbi'ner Dr. Stephen S. Wise. Eine jüdische Professorin an einem indische« College. Aus London wird uns berichtet: Die Regierung von Indien ermannte Fräulein Rebekka Perlzweig 'Mn Professor für Mathematik an der Hochschule von Kurseang in Indien. Miß Perl zweig ist die Tochter eineL- Londoner Kantors, ihr Bnker ist Rabbiner an einem Reformtempel. Dr. Ettknger Oberinspektor der Ren^orker Schule«. Wie uns aus Newhork berichtet wird, wurde dieser Tage der bekannte jüdische Pädagoge Dr. William Stringer zum Oberinspektor der Newyo.ker Schulen beste.lt. Dieses Amr, mit welchem ein Jahresgehatt von 12.000 Dollar verbunden ist, wurde jetzt eigens für Dr. Ettinger geschaffen. Es ist dies eine Anerkennung für die 42jährigen erfolgreichen Dienste Dr. Ettingers im Schulwesen der Stadt Newhork. Dr. Simon Rundstei« Mitglied des Internationalen Instituts für Privatrecht. Aus Gens wind berichtet: Der Völkerbund vat veröffentlichte soeben die Liste der Mtglieder des auf Vorschlag der itollieuisschen Regierung geschaffenen Internationalen Jnstiituts für Pvivatrecht. Polen wird oatrch den bekannten Warschauer Juvvsben Dr. Simon Rund st ein vertreten. Das genannte Institut hat die Ausgabe, eine DereinheiMchung und Koordinierung der Normen für das Privatrecht hsrbeizus'ühren. Bühne und Kauft. Frankreich und die Beethoven-zentenarseier. Die Feier in der Sorbonne. — Die Vertretung Frankreichs bei der Wiener Zentenarfeier. (Eigenbericht der „Wiener Morgenzeitung".) Ms Paris wird uns telegraphiert: Dienstag, den 82. März fand in der Sorbonne aus Anlaß des 100. Todestages Beethovens eine musikalische Feier statt, die außerordentlich eindrucksvoll war. Es gelangten die Ouvertüre zu „Coriolan", die 5. und die 9. Symphonie sowie das Geigenlonzert zur Aufführung. Künstler der Oper und der Opera eomique wirkten mit. Es dirigierten d'J n d y, R a b a u d und G a u b e r t. Dem Konzert wohnte der Präsident der Republik und der Unterrichtsminister bei. — Donnerstag reist Unterrichtsminister Herriot nach Wien, um Frankreich bei der Beethoven-Zentenarfeier zu vertreten. In seiner Begleitung werden sich befinden sein Kabinettchef B o l l a e r t, der Direktor des Konservatoriums Rabaud, der bekannte Berlioz- und Beethoven- Biograph P r o d h o m m e, der Generalsekretär des Konservatoriums Chantavoine und der Präsident der französischen musikhistorlschen Gesellschaft T i e r s o t. Unter den prominenten französischen Gästen der Wiener Beethovenfeiqr werden sich ferner Romain Rolland und Jules Romains befinden. Sie wiener Sein. Bei der Wttu.r Beethoven-Zeuteirarfeier werde,; eine Reche von Staaten durch offizielle Delegierte vertreten sein. Belgien entsendet den Außenminister Banlder- Velde, Deutschland den Reichsinnenminister v. K e u d e l l und den Reichsfinanzminister Köhler, Frankreich den Unterrichtsminister Herriot, Großbritannien Sir Hugh Percy Allen, Professor an der Universität Oxford, Italien Pietro Maseagni, die Niederlande Jonkheer van Beresteyn, Präsident der ToMchtervereinigung im Haag, Rumänien den Direktor des Bukarester Konservatoriums Ottesen, die Schweiz den Komponisten Dvr et, die Tschechoslowakei den Unterrichtsmister Hvdza und Ungarn den Minister des Innern v. Seitovszky. Dir Bereinigten Staaten rverden durch d>en Gesandtem Washburn, Polen durch den Minister a. D. v. Twardowski, das Königreich S. H, S. durch den hiesigen Gesandten Miloyev itch vertreten sein. SröffnangderBeethoven-SentenarausstellungderStadtMen. Samstag, den 26. ds., um 6 Uhr nachmittags, wird die im Neuen Rathaus von der Gemeindeverwaltung geschaffene Beethoven-Zentenarausstellung eröffnet. Die Feier wird im Sitzungssaal des Stadtsenates abgehalten. .Komtesse Mitzi." — „Das Veilchen." Akaveintetheatcr. Diesmal hat man's nicht zu beklagen, daß ein vortrefflicher Schnitzler-Einakter verspätet und „abgespielt" ans Burgtheater kommt. Früher war das Stück — nebst anderen fragwürdigen Motiven — aus einem durchaus stichhältigen Grunde nicht burgtheaterfähig: das mörderische Haus am Ring,, das große Burgtheater ist nicht fähig, den feineren Nuancen, den kleinen lächelnden Humoren dieser Komödie gerecht zu werden. Dort müssen Spielleiter, Darsteller, Sprecher glattbügeln oder vcirgröbern, wegstreichen oder unterstreichen. Jetzt aber hat die Staatsbühne ihr Kammerspielhaus. Hier sind Pastellfarben und Halbtöne verstattet, ein Augenzwinkern, ein Kräuseln der Lippen, ein gesprochener Gedankenstrich teilen sich dem Publikum mü — und die Künstler des Burgtheaters bestehen außerordentlich, lassen als Ensemble und in ihren Ginzelleistungen alle bisher gesehenen Aufführungen der „Komtesse Mitzi", auch die guten, hinter sich. Die Lola Langhuber der Frau Metzels ky ist meisterhaft, nicht von der leisest«, Ueberbetonung, nicht vom kleinsten Ansatz zum Affekt beeinträchtigt. (Man weiß, daß die Künstlerin in den letzten Jahren mancher ihr« Gestaltungen durch solche Neigungen Abbruch tat, und sicht sie diesmal mit großer Freude in voller Herrschaft ihrer unvergleichlichen künstlerischen Mittel.) Herrn Devrients Lioblesst, Thallers Liebenswürdigkeit, Frau Albach-Rettis Humor finden einander zu Men erreichter Harnwnie. Die Herren Mayrhofer, ZeSka der Jüngere, und Alb a ch, der ganz junge, bleiben Schnitzler nichts schuldig. Die Komödie heißt auch „Der Familientag", und es fügt sich, daß Mbach-Rettis Sohn im Stück als der Schn Albach-Rettis spielt. In Men Eisern, Stark, Mächtig wird jeder Säugling und jedes Kind, des mit echtem DIANA Franzbranntwein mit Menthol massiert wh-d. Bestes häusliches Schutzmittel des Kindes. Ständig als Mundwasser zu benützen earfiaäfeltffiSafiB. hat man für solche familiären Ereignisse was übrig, und man konnte diesmal am Dialog der reifen Künstlerin mü dem begabten liebenswerten Sohne seine Freude haben. Dann folgte Molnars „Da s Veilchen", von der Faschingsnacht des Burgtheaters her bekanich aber im intimen Raum des Mademietheaters weit wirksamer. Frau Seidl er hatte als „Veilchen" ihren großen Abend. Ihre kleine Choristin, des Mangels an jeglicher Theaterbegabung bewußt, im Glanz des Bühnentreibens ein Glück im Winkel suchend, ist eine Charaktergestalt. Die anderen Müwirkenden: die Herren Höbling, Heim und Arndt, die Damen Albach-Rettr, Wille und Droge r wurden seinerzeit nach Gebühr gelobt. Das leicht hingeworfene Spiel in der Theaterkanzlei ist feit der Faschingspremiere kürzer getvorden. Es dürfte durch wesievs Striche an Wirkung gewinnen. A. Aus deu Theatern. Burgtheater. Morgen, 7 „Die Komödie der Verführung". (T'heatergemeinde Serie E, gelb.) «Akad emie theater. Morgen, A8 Uhr, ^Komtesse Mihi" (Abonnement erste Gruppe). Hieraus falgo „Das Veilchen". Operntheater. Morgen, 7 Uhr,-.Margxrrethe" (,Haust") mit Jan Kiepura als „Faust". Ms ^Mephistopheles" gastiert Herr Ludwig H o f m ann vom Staatsrheater in Wiesbaden. Deutsches Volkstheater. Samstag den 2. April gelangt das Schauspiel „Der Patriot" von lWfred Neumann zur Erstaufführung. Kammerspiele. Als nächste Novität geht die endliche Detektivkomödre „Nr. 17" von Jesferson Farjoon mit Hans Moser in der Hauptrolle Freitag, den 26. i>„ zum ersten Male in Szene. Bürger rheater. Das Gnseanible der V ol isoster absolviert ab Samstag, den 26. d. M., ein Geisamtgastspiel im Wiener Bürgertheater. Sonntag um 3 Uhr nachmittag gelaugt.anläßlich der Zentenavfeier das Lebensbild „Beethoven" von Rade! mit Karl Kneidinger in, der Titelrolle zur Aufführung. Ra im u ndtheater. Die Premiere der OScar Straus'schen Operette „Riquette" findet -vegen Erkrankung des Fräulein Küwl erst am Samstag den 36. b. M. statt. Neue Wiener Bühne. Morgen „Die Hochzeit von Valeni" mit Adolf Weiße, Samstag, den 26. d. M., ,,Der Königslentnant" mit Adolf Weiße und Sonntag, den 27. d. M., „Ein Böhm nt Amerika" mit Karl Kneidinger zur Aufführung. Ein Pnrimfpiet. Heute findet in dm OlhmpiaWcn die Uraufführung eines kustigen Purimfpieles des bekannteir Dichters Arnold Zweig statt; das Sptel vom König Achastli.-- verosch mr Sitte »und Sprache der modernen Dich,tung, das Spter von Purrm von Iu-rßm von heute gespielt. Dich: interessante Ausflchrung, £>le zum Schluß in dien traditionellen PnrrmvaU. übergeht, wurde von der Zionistischen Sektion L sorgfältig vorbereitet. tzaroah-ODchLstrr. Sonntag, ven 27. d. M. findet präzise halb 10 Uhr vormittags eine Vollprobe statt. An-skt's in englischer Sprach«:. Aus London wird nnS berichtet: An-fki's berühmte dramatische Lqgende „Dev Thbur" wurde für die englische BWne bearbeitet und vor kurzem in Leeds zur AuffMung geibrackt, wo das Werk großes Interesse erweckte. Demnächst kommt der „DY'buv" im Londoner Rohal-Dhsater heraus. Bedauernswerter Unfall eines Mischen Künstlers. Ms Gast Sir Msred Monds weilte der bedeutende Geiger Lener, der sich mit seinem Quartett derzeit in England gufhält, auf dem Schlosse Meljchet Court. Bei einem Spaziergang im Park glitt er so unglücklich aus, daß er eine arge Arntverletzung erlitt und mehrere Wochen lang seine Kunst nicht' ausüben kann. Das Lener-QuaLtetr: mußte sämtliche Engagements der nächsten Zeit rückgängig machen »mitte, Vortröge und Versammlungen. Akademische Sektion des Verbandes der Aionistvit- Revisionisten. Heute mn 8 Uhr abends im Ca.se .Helvetia", 8.' Bez.. Langegasse 61, Vortrag Dr. Otto Hahn: „Die Krise im Zionismus und ihre Lösung". Gäste willkommen. — Zionistische Jugendorganisation Prater. Heute, 8- Uhr, wichtige Besprechung. Sonntag, 8 Uhr, liest im Saaüe Jungstraße 8 Schauspieler Michael Preis aus Morris Rvsenfelb tot Rahmen der Pnvim-Mademie. — Bukowiner Zentralverband, 1. Bez., Elisckbethstvaße 6, 1/10. Heuve uni) morgen von 12 bis 1 Uhr Anmeldungen zur OstevauSspeisung. Für den Reiseverk<chr. Der Generaldirektor für deutsche Berkeürswerüumg hat ein handliches sechsseitiges Faltblatt hergestellt, welches beim Aufschlagen eine rurze Beschreibung des sehenswerten Deutschland mit den wichrigsten Äingckben über Eisenbahn», Reise- und P-a[V orkehr enthält und auf der Rückseite eine von Bitte der schönsten deutschen Städte umrahm« deutsche Essenl. r.toztc zeigt. Dieses Blatt wird au alle Reisebureaus und au alle Interessenten kostenlos ab- Mgedvn.