Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2888 (13.3.1927)
- Date
- 1927-03-13
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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mHettet M-stzM-eMMg '!S. Mürz Nr. Settett) Wien, Sonntag Die unsichtbaren Ringer. Vton M. Arzibaschew*). ,-Jn meiner Jugend", begann der alte StaatsantvM, „mußte ich, ehe ich Staatsaivva! tsub-stitnt wurde, M ttnterfuchuugsrichter fungieren. - Gnes Tages war eure Frau und ein vierzehnjähriges WÄdchen ermordet worden. Es war ein Raubmord von seltener Brutalität. > Wir kamen am Tatort mitten Ln der Nacht an. Jch^ loerh nicht, warum es mir einfiel, daß die Gerichtsbehörden immer in der Nacht ankommen. Wir kamen also anverhörten die Zeugen und Machten uns ein Bild von der Sache. Das Bauernhaus, welches Schauplatz dieser fürchterlichen Tat geworden war, stand mitten auf einer Wiese. Wie wir später feststellten, hatten die beiden getöteten Frauen insgeheim Branntrvein ausgeschenkt. Der Flurhüter stand unweit des Hauses auf Wache Und zitterte vor AnM. Es war stockfinster. Wir traten ein. Die Hütte bot nichts Ungewöhnliches. Die Decke war niedrig, Ln einer Ecke hingen Heiligenbilder, Auf dem Tisch, in einer Büchse, Brot. Eine Kerze brannte, flackernd, da die Türe offen stand und die Scheiben zerbrochen waren. In der 'Zimmermitte lag auf der Erde eine dicke Frau, deren Hemd zerrissen war, so daß der von braunen Flecken bedeckte Körper zu sehen war. Ihr Kopf war abgeschnitten, dennoch sah es aus, als ob er einen anblickte. Es war sofort llar,. daß der Mörder, der — wie wir überdies später erfuhren — ein schwächlicher Mann war, an diesem Koloß von einem Weibe starken Widerstand gefunden haben mußte und ein wilder Kampf getvbt hatte, ehe es ihm gelungen war, sie zu Boden zu werfen, ihr den Fuß auf den Rücken zu setzen und von ihr unter Drohungen zu verlangen, daß sie ängebe, wo das Geld versteckt sei. Zweifellos hatte sie die Antwort verweigert, urü» er hatte sie daher am Haar.gepackt und versucht, chr den Hals abzuschueiden. Dieser Hals war so dick unb fett, daß es ihm mit einem Schnitt nicht gelungen war und er mehrmals mit dem Messer ansetzen mußte. Er war ausgeglitten, hatte das Weib in die Schulter /geschnitten, und das Blut war auf die Diele gespritzt. Erst als die Frau die Kräfte verlor, war es dem Mörder gelungen, den Kopf gänzlich vom Rumpfe zu trennen. Wach der Art, wie er geschnitten hatte, zu schlichen, nurßte der Kopf bis zum letzten Augenblick gelebt haben. Das Weib hatte so laut geschrien, daß man es im ganzen Dorfe gehört Hatte. Die Leute erzählten, daß die Laute allmählich in ein Schluchzen und Wimmern übergegangen waren. Die Bauern waren aus Angst nicht zu Hilfe geeilt, weil zu jener Zeit bewaffnete Zigeunerbanden durch die Gegend zogen. Und feigeres Volk als die russischen Bauern gibt es auf der ganzen Welt nicht. Als die Frau getötet war, begab sich das Ungeheuer von einem Mörder auf den Dachboden. Dort hielten sich die beiden Kinder, ein Mädchen von vierzehn und fcfm Knabe von sieben Jahren auf. Und hier erfaßte diesen. Menschen der Durst nach Blut. Zuerst wollte er das Mädchen wohl einfach umbringen, daß sie ihn nicht etwa später auzeigen könne, und begann, sie die Treppe hinabzuzerren. Das Mädchen verteidigte sich, so gutes konnte. In diesem Ringkampf wurden dem Mädchen Kleid und Hemd vom Leibe gerissen, und als der Mörder das Weib nackt sah, wurde er zum wilden Tier. Er hatte soeben , sechs Monate Kerker verbüßt, in denen er keine Frau zu Gesicht bekommen hatte. Der Himmel weiß es. *) Der berühmte rus-ftsche Dichter ist am 4. März gestorben. KLUB RADIKALER 210N1STB N Mittwoch, den 16. März 1927, um halb 9 Uhr abends, im Cafe Atlashof, I., Aspernplatz (Klublokal: Eingang Wiesingerstraße um die Ecke) Klubversammlung Gegenstand. Das Programm der Zionisten-Revlsionlsten Referent: Dr. Norbert Hofmann Freje Aussprache, Wer alle mögliche« I I Eniffttunosiiirfii ■«■■■■■■I1 vurchzcmcicht Hai und trotz großer diättscher Entbehrungen keine Gewichtsabnahme erzielen konnte, versuche Dr. Hoffbauery Entfettung-- tab kette«, die vor allem keine Aenderung der gewohnten Lebensweise verlangen und in kürzester Zeit Gewichtsverminderung bewirken. — Depot» M f Apotheke H. Bayer. Wollzeile Nr. 13 I looeeeeeaeqeeeeeeeiiaeeeetteeeeoeqqa«! in welchem Zustand er de« Körper des kleinen Mädchens zurückgelassen hat. Im Bauch hatte sie drei große Löcher, die Kehle war durchschnitten, und der Mörder hatte sich mit dem Blute des Opfers derart beschmiert, daß Wände, Fußboden, Türflur, ja selbst die Haustür Spltren davon aufwiesen. furchtbar," rief ein Mitglied der Kommission aus. Mer schrecklicher noch war es, daß der kleine Bruder des Mädchens, hinter dem Ofen versteckt, diese Schlächterei mit angesehen hatte. Der Mörder wollte auch ihn töten, doch verlor er, offenbar vom Blut der beiden Opfer gesättigt, den Mut und wurde schlapp. Er hatte den Kleinen schon bei den Händen ergriffen und zückte bereits das Messer, als sich das Kind aufs Bitten verlegte. „Onkelchen, liebes Onkelchen, tue mir nichts," rief das Kind und bedeckte die Hände des Mörders, die ihm soeben Mutter und Schioester getötet hatten, mit Küssen, so daß sehr kleines Gesicht vom Blute seiner Angehöri? gen gefärbt war. Und so, weinend und die Hände küssend, als wären es die des Vaters, der ihn züchtigen wollte, gelang es ihm, sein Leben zu retten. Auf Grund der Angaben des Knaben wurde der Mörder festgenommeu. Als wir den Knaben später wieder verhörten, sahen wir deutlich, welche Spuren diese Tragödie an ihm hinterlassen hatte. Der Junge wurde mager wie ein Zündhölzchen, seine Augen waren riesengwß, voll Angst irrten sie ununterbwchen nach allen Seiten, und seine Zunge sprang aus dem.Munde wie ein Frosch. Er war furchtbar anzufehen und erregte zugleich Mitleid und Ekel. Es wäre besser gewesen, man hatte auch ihn umgebracht. Er war kein menschliches Wesen mehr, kaum noch ein Schatten. Und noch schmerzlicher war es, daß man ihm im Laufe der Verhöre die Seele zerreißen mußte, da man ihn ja notwendigerweise die fürchterlichen Geschehnisse noch einmal erleben lassen mußte, um auf die Spur des Mörders zu kommen. Der Junge war der einzige Zeuge, und es bestand begründeter Verdacht, daß der Mörder ein Mann aus dem Dorfe sei und vom Knaben wvedererkannt werden dürfte. Ich wiederhole euch die Aussage des jungen:. „Als er meiner Mutter den Kopf abgeschnitten hatte, warf er ihn weg, Mutters Körper bewegte sich aber rwch auf allen Vieren, als ob eine Kröte herumhüpfte. Ich flüchtete mich voll Entsetzen hinter der: Ofen und sah dann, wie er sich auf meine Schwester stürme und sie hinwarf. Meine Schwester schrie, er aber rief: „Schweig, ich bringe dich um!" und begann, ihr das Messer in den Leib zu stoßen. Ich heulte und schlug den Kopf. gegen die Wand/* Ms das Kind seine Aussage beendet hatte, begann es zu kreischen und im Kreis herumzulainsen. Wir konnten es tau in halten, und es fuhr fort, zu schreie:: und unsere Hände gleichzeitig zu küssen und zu beißen. Der Mörder wurde natürlich festgenommen. - * Drei Monate später tourde ich zmn Staatsanwaltsubstituten ernannt und mußte zufällig der Hinrichtung dieses Monstrums beiwohnen. Ich will nicht beschreiben, welche Wirkung es auf mich ausübte, als ich erfuhr, baß die »Todesstrafe verhängt sei und daß gerade ich der Exekution beiwohnen müsse. Ich schauderte. Schon drei Tage vorher lebte ich uutet dem Druck schrecklicher Vorstellungen. > Ich hatte gänzlich vergessen, was dieser Mann war, was er getan hatte und warum er verurteilt worden war. Ich wußte imr, daß man einer: Menschen des Lebens berauben wollte und daß ich daran teilnehmen mußte. Es war noch Nacht, als ich mit den anderen Persorren, die, dem Gesetz entsprechend, der Hinrichtung beiwohnen müssen, im Gefängnis ankam. Ich weiß nicht warum, aber wir waren alle der Meinung, der Verurteilte müsse schlafen. Vielleicht hatten wir uns nach der Lektüre von Romanest eingebildet, daß alle Verurteilten ihre letzte Nacht ruhig schlafen. Doch »t>ie hätte er schlafen sollen, wenn sogar ich in der vergangenen Nacht, fortwährend von kattem Schweiß bedeckt, immer »vieder erwacht war? Natürlich tvußte niemand genau, was der Verurteilte wirklich gemacht hatte, und die meisten sahen aus, als ginge es ihnen selbst a .is Leben. Die größte Verwirrung zeigte der Gefängniswärter. Er ließ niemanden in den schmalen Gang zwischen ' den Zellen eintreterr; nur ehre Schildwache stand dort, ein Soldat vom Pensa-Regiment. Boi» den verschieden«: Eindrücken, die sich an dieses Erlebnis knüpfen, blieb als stärkster in meinem Gedächtnis der Auftritt des Schließers, der, senkend tote eiitz alte Frau, auf die Uhr sah. Dann ließ er den Henker nffiereii. Diesen hatte ich mir in allen möglichen Gewalten vorgestellt, nur nicht in seiner iviMchen. Man denke sich eine Operettenfigur in einem schwarzen Dominv, mit schtvarzen Handschuh«:, vor dem Gesicht «tne Maske, durch deren Löcher rötliche Augen sichtbar werden. Unter der Maske stand ein grauer, kurzer Bart hervor. Man hatte glauben köimen, der Mann sei Gymnasialprofessor. Mit leichtem Schritt ging er an uns vorüber mtb grüßte. Alles befürchtete, er könnte uns die Hand reichen, mit der er den Strick einzuseifen und die Schlinge zuzuziehen hatte. Es ivar gelungen, den Tag der Hinrichtung 96* heimzuhalten, und so schlief noch alles im GefängrüSl. Das Schweigen war niederdrückend. Wir waren Überzeugt, daß die Häftlinge — hätten sie uns gchört — sich erhoben und an den Luken zusammengerottet hätten, um uns zu beschimpfen und anzuspeien. Im Korridor, ivv die Zelle des Delinquenten lag, sahen nur etwas Unerwartetes. Wir erblickten den Verurteilte::, aber nicht ihn, sondern seinen Kopf. Aus der engen Türluke, offensichtlich mit ungeheurer Kraft hindurchgetriebeii, kam ein toter,, wächserner, unbeweglicher Kopf hervor. Die Augen dieses Mipfes. liefen fortwährend im Kreise herum, bestrebt, die, ganze'Umgebung zu verschlingen. Dann hefteten sie sich auf uns, und eS schien, daß sie aus den Höhlen treten wollten. Wir blieben stehen und zitterten. wie eine Herde Schafe. Ich staich in der Nähe, so nahe, daß mich der Anblick delvlartig erschüttern konnte, daß ich später einen hysterischen Anfall bekam, der mich zwei Monate ans Lazarett stsselte. Die' Schildwäche erzählte, daß der Kopf dort knapp nach Sonnenuntergang gewesen sei, nicht einmal durch die Drohung, mit dem Bajonett zuzustoßen. Also hatte der Verurteilte die ganze Nacht hinausgeblickt, gierig, zu sehen, was es zu sehen gab: die blakende Lampe und den Soldaten mit dem Gewchr. Das Letzte, was er vom Leben noch zu sehen bekam. Erinnerte er sich an feine Opfer? Glaubte er, diese Strafe verdient zu haben? Sicher hätte er, noch einmal in derselben Lage, sie noch einmal gemordet. Als er aber herausgeführt wurde, hatte er sich Mlkommen wieder gefaßt. Wir hörten seine leichten Schritte auf dem Stein tmäwrhallen. Während man chm die Schlinge um den Hals jogtch murmelte er nichts alS: „Schneller! Schneller! Schneller!" Und dieses, Wort kam immer rascher aus seinem Munde, fo lange, bis es in einem Murmeln erstarb und man nichts mehr verstehen konnte. Als man ihn vom Galgen nahm, bemerkten wir plötzlich, daß seine Haare weiß geworden waren. So furchtbar muß feine Todesangst in dem Augenblick gewesen sein, als er hinten am Halse die unsichtbaren Finger des Henkers Krrspürt hatte, der chm die' Schlinge um den Hals, legte. Russische Autoren^^l neu eingelangt in unserer BUCHEB-ICHWEHME SS0L01UBIISI1. Illüll SS0LO6UBII Oer kleine Dämon BRJUSSOWII Oer feurige Engel DOSTOJEWSKI II Dämonen DOSTOJEWSKI II Ein Werdender DOSTOJEWSKI II Arme Leute 60G0LII Die toten Seelen GOGOL II Mlrgorod GOGOL II Abende auf dem Vorwerk TOLSTOI II Erzählungen Ganzleinenbande In vornehmster Ausstattung * S 3.- BUCHHANDLUNG R. LOWIT WIEIM.ROTEilTURMSTR.22 mm .it*1.^yT'i »««i '»NiM > l mi