Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2888 (13.3.1927)
- Date
- 1927-03-13
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. SS8S Mm, Sonntag Wi«««k MorsMMtmrs 13. März 1927 G«e S LITERATURBEILAGE DER ."WIENER MORGENZEITUNG- Seele der Mutter. Au Heinrich Manns jüngstem Roman „Mutter Marie" (1927, Verlag Paul Zsolnay, Berlin-Leipzig, 1. -bis 30.000). In Heinrich Manns gesamtem Romanwerk heben sich deutlich drei Gruppen ab: Die Romane der Frauen (die Trilogie „Göttinnen" ist Gesamtausdruck dieser Gruppe), die bizarren Romane (für die „Schlaraffenland", „Professor Unrat" und eitrige Novellm charakteristisch sind) und die Zeitromane (vom! „Untertan" bis zürn „Kopf" zu einer Trilogie geschlossen). Des Dichters jüngstes Werk, das eben erschienen ist, kehrt wieder a>r seinen Anfang zurück, aber in ganz anderer Form, „Mutter Marie", Manns jüngstes Werk, unterscheidet sich von seinen Romanen der Frauen wie Mythos von Geschichte und taucht aus dein Bereich epischer Begrenzung in merkwürdige Tiefen, die Unterirdisches, Unirdisches zu atmen scheinen. Der Kampf einer Mutter um ihr Kind ist der äußere/ Vorwurf dieses Romans. Felrcie Marie Baronin Hartmann, aus irgend einer dunklen Tiefe niedrigster Herkunft ausgestiegen, hat sich einmal, in beit Zeiten ärgsten Elends, eines Kindes entledigt, es mt einem Brunnen ausgesetzt nnbi jahrelang seiner vergessen; bis dann-die Erinnerung wieder erwacht, sie dazu treibt, ihr Kind/zu suchen. Sie findet es in dem Sohn einer Generalsfamilie, den die General in um einer Erbschaft willen als ihr eigenes Kind <ntgenommen hat. Nun will die wirkliche Mutter beit Sohn zurückhaben; sie kann ihn nur durch. stärksten Kampf zurückge- . mimten, denn rings um sie ist Niedertracht, Berechnung und Gemeinheit, in ihr brennendes Begehren der Fran und weltliche Unrast. All das muß überwunden werden. Und Felicie, die einst Marie hieß, wird wieder Marie, überwindet die Welt und sich, wird Mutter Marie. Kolportage — die trockene Wiedergabe der/Fabel ergibt nichts anderes als das. Und dennoch hat Mann um diese dünne arme Fabel, die-so penetrant nach Kolportage riecht, das -My sterin m der Mutterschaft gestaltet. Im Anfang hat es beit Anschein, als würde Manns neuester Roman sich der Gruppe der Zeitromane Misch'ießen, die die letzte Etappe im bisherigen Schaffen des Dichters kennzeichnet Ein Gesellschaflsbild wird entrollt und Zeitcharak- . teriftik gegeben. Ueberraschend mitten darin manches, was. weit über die Charakteristikhinaus als Enthüllung wirkt; so erzählt Ballentin, der Sohn der Marie, daß er eine Zeit lang Nntänzer war, ünd sagt dabei: „Jede Gesellschaft weiß, was sie von den ihr unterworfenen Menschen zu halten hat und wozu sie sich ihrer bedient... Ich kann zU dem allen nur sagen, daß es eine Erfindung der reich-bürgerliche» Gesellschaft ist, ihre Frauen und Töchter mit bezahlten Angestellten tanzen zu lassen. Auch der Mel hat Abhängige mißbraucht — aber noch nicht dazu." . Schon solche Stellen sprengen den epischen Kreis, der dem Roman als Gattung gezogen ist; aber Manns Technik geht mit geradezu Nachtwandlerischer Sicherheit in dem ganzen Roman immer bis an den Rand des Kreises epischer Gestaltung. Jenes Enthüllen, das anfänglich so überraschend in die Zeitcharakteristik fällt, wird allmählich zur Methode uttb im weiteren Ausbau des Buches löst der Dichter meisterhaft,' manchmal mit zarter Behutsamkeit, manchmal mit unheimlich znpackendem Griff Hülle um Hülle von der Körperlichkeit seiner Gestalten, bis nur noch bloße Seele, bloßer Urtrieö frei liegt. Seit je Meister der freskenhasten SWderung, hat Mann hier rein im Formalen, Sprachlichen, nahezu Unerreichbares erreicht. Eine ganz eigenartige Nuance in diesein Buch vom Mutter-Mysterium ist die Verknüpfung mit dem katholischreligiösen Symbol, den Höhepunkt der künstlerischen Gestaltungskraft Manns in diesem Buche bildet die Szene, da der Dichter Maries Beichte schildert. Es liegt geradezu etwas dämonisches in dieser Schilderung-, die zugleich Symbol für das Fallen der letzten irdischen Hüllen wird. Iw dieser Szene dringt -Manns Darstellung bis zu den letzten Grenzen der Wesentlichkeit, zu jenen Grenzendie schon über dys Wesenhaste hinaus in unendlichen, nur der schrankentpfett Phantasie zugänglichen Raum reichen. Beginnt - mit „Mutter Marie" eine ireue Epoche im Schlaffen des Dichters? Wird nach der Gruppe der Zeitromane vielleicht eine der zeitlosen Romane folgen? Bis nahe an die Grenzen jener Zeitlosigkeit führt das jüngste Buch von Mann; letztes, innerstes Menschenschicksal gestaltend, ist es stärkste Dichtung, darum vielleicht mit schwersten begreifbare. Siegfried Schmitz'. „Deutsche Kunst und Dekoration." Das Februarheft dieser gediegenen Darmstädter Kunstzeitschcift (Berlagsänstalt Alexander Koch) ist in seinem hauptsächlichen Inhalt drei bildenden Künstlern gewidmet: Dem Düsseldorfer Maler Theo Champion, dessen Thema „Die Landschaft an der Peripherie der Stadt" ist, dem Russen Mare Chagall, der in ParisHeimatsrecht erworben hat und jetzt auf der, Höhe seiner Mist steht, und dem Bildhauer Aristide M a i l l o l. Ganz ausgezeichnete Reproduktionen von Werken dieser drei Künstler sind d«t Aufsätzen über ,ßoe beigefügt. Dem auch sonst reich illustrierten Heft ist als Kimschruck P a s c i n s Gemälde „Mulattin" bngeftigt. ««» der Werkstatt der SpemschSpfmlg. Richard Strauß. — Hugo von Hoftnannstyal. Wir tvifsen sehr wenig über das Verhältnis Mischen Ton- und Textdichter der früheren Zeit. Die beiden scheinen nicht sehr geschwätzig oder briefschxeiblustig gewesen zu sein. Sie schufen Ms einer genialen Situation heraus, auch dort,/wo/der. Otoff schon festgelegt war und hätte nicht deutsche Gründlichkeit und der Hang ztir Befriedigung biographisch-philologischer Interessen sich mit den Arbeiten von De Ponte, Schikaneder beschäftigt, so wären die'Namen dieser, Textdichter kaum mehr als Namen geblieben. , .' . Richard Straußens europäische Berühmtheit erzwang die Teilnahme auch an dem Schaffen, das sich sozusagen hinter den Kulissen-'abspielte, und! wenn sein Sohn, Dr. Franz Sttauß, den „Briefwechsel mit Hugo von H ofmannstha l" (Paul. Zsolnay Verlag, Wien) herausgab, so geschah dies etwa, nicht aus dem Bestreben, einer" aufhorchenden musikalischen Welt sozusagen einen Nachlaß. vorwegzu nehmen, sondern Einblick zu gewähren in eine künstlerische Werkstatt, an der. ernstes Interesse und snobbistischc Neugier in gleicher Weise beteiligt sind. Der• Briefwechsel umfaßt eine Epoche von IO Jahren, mit- 1907 btiiginnend. Man erfährt zunächst von dem Planeiner. Oper „Semiramis", einer Casanova-Komödie, einem, Balletteutwurf „Orest und die, Furien", und schließlich von den zustandegekommenen" Werken, wie „Elektra", -,Rosenkavalier", >,Ariadne auf Naxos", „Josefslegende", „Frau ohne Schatten". Ueber alle diese Werke setzt eine intime Kritik und Gegenkritik ein, Gedankliches und Szenisches wird verworfen und wieder eingegliedert, neue Ideen .tauchenauf, erfahren Modifizierungen, wobei es. öfters ohne- Verstimmungen' und Disharmonien nicht abg-eht./Dieser. Teil der Briefe besitzt einen eigenen Reiz. Er,/zeigt zunächst die geistige und kritische, dem Praktischen "zuneigende Ueberlegenheit des Komponisten über den Ltteraten,Ud.er. immer nach Stoffen Kappig ist und sich an EtläHeMstgen und prinzipielles Auseinandersetzungen nicht-'geni'igtnn kann: das,-Betrübende, wie ein Dichter, wenn er auch die Würde seines Dichtertums wahren zu müssen betont, sich immer wieder auf ältere Beispiele, und-'-Rezepte' berüft/ immer wieder nach „Themen" spürt,, die der Eigenart der Begabung des Komponisten angepaßt sein sollen. Es wird uns klar, daß keine schöpferische Fähigkeit am Werk ist, sondern die Bearbeitung, eines Stoffes aus zweiter Hand, gut aufgeputzte Litera-, tur, wenn auch mit seltenem Feingefühl verbrämt, und -seitens des Komponisten ein Vertonen aus dem Machtgefühl der!, technischen Beherrschung. Im „Rosenkavalier" vermählte sich die Begabungbeider zu einem stkißm Werk, .das seine Geburt. einer glücklichen Stunde zu vlrdanken. hat. 'Oesters aber hat die Zusammenarbeit versagt.'Der Briefwechsel 'enthüllt partieweise mehr als dnt Briefschreiberit vielleicht recht sein könnte. Dieses „mehr" bleibt aber immerhin ein Gewinn für alle diejenigen, die wissend wollen, „wie's gemacht wird". Nicht nur Musik und Wort, auch Dekoration, Kostüme, Sensation, Propaganda. ■ , o. r. VON BÜCHERN, DICHTERN UND VERLEGERN. Eine kritische Gesamtausgabe der Werke Moses Men» delssotzns. Wir werden um Veröffentlichung nachstehender Mitteilung ersucht: Anläßlich der 200. Wiederkehr des Geburtstages Moses Mendelssohns im Jahre 1929 bereitet ein Komitee eine kritische Gesamtausgabe der Schriften Moses Mendelssvhns vor. Da es alles erreichbare'Material, zu verwerten bestrebt ist, bittet cs alle diejenigen, die Handschriften, seltene Drucke oder Briefe Moses Mendelssohns (von..ihm und an ihn) besitzen, um gütige Nachricht und, wenn nötig, um MiHweise Ueberkasliung. Alle Zuschriften sind an die ÄdreM von Herrn Professor Dr. Julius Guttmann, Berlin N. W. 87, WuNenweberstraße 2, zp richten. Herbert Eulenbergs jüngstes Buch!. „Um den Rhein" heißt der neue Roman von Herbert Enlenbera, der Mitte März im Verlag I. M. Spaeth, Berlin, erscheinen wird. Hermann Cohens Schiristen. Im Verlag S. A. Schwetschke u. Sohn, Berlin, sind soeben im Rahmen der Hermann. CMn-Stistimg der Akademie stir die Mssenschaft des Judentums Hermann Cohens „Kleine philosophische Schriften",« herausgeaÄen von Professor D. G ö rland und Professor Dr. E. Eassirer, erschiowon. Ein neuys Danmier-Wevk. Der Verlag AlbertLanzen, München, lädt zur Subskription auf ein großes Werk des bekannten Kunst- und Kultuchistoriters Eduard Fuchs ein, das dem Maler Daunrier gewidmet Ist. Das Erscheinen des Werkes wird für September dieses Jahres angeründigt. Hans; Adler, der bekannte Simplizifsimus-Lyriker, hat soehstn einen grdßen Roman /-Das S r ä d t ch e n" vollendet) der. bei Ed. Sträche,. Wien, erscheint. Ein Giorgione»Roman. Eiivin Weil bringt bei Eduard Strache» Men, einen neuen Künstlerroman „Venezianische Sonne" heraus, dessen Held Giorsiono ist. Das Liebesleben des Genies betitelt sich ein Buch von Dr. Emil Lenk. An der LieSesmahl wird die Gleichheit im Grundsätzlichen aller Erotik nachgewiesen und dabei versucht, das dynamische Entstehen des Kunstwerkes ans dem Erlebnis zn deuten. (Verlag Dr. Madaus u. Co., Radcbnrg.) Lebensfahrten eines Weltenbummkers heißt der neue Roman von Joseph Delmont (Verlag Gretblein u. Eo„ Leipzig) in dem der Held, ein Wiener, in die Welt hinanszieht und alle Abenteuerlichkeit«! des Lebens in allen fünf Erdteilen mitmacht. „Die erste Million — die schwerste". A. B. Farquhär, der führende Großindustrielle Amerikas auf dem Gebiete landwirtschaftlicher Maschinen hat unter diesem Titel im Verlag Grethlein u. Co., Leipzig, eine Autobiographie erscheinen lasten, die kein Rezept gibt, sondern in einfacher, lebendiger und humorvoller Schilderung die Lebensbeschreibung eines Mannes bringt, der sich vom Lehrjungen zum Teilhaber und schließlich zum Dollarmillionär hinaufgearbeitet hat. Die Sammlung „Wege zum Wissen" des Ullftein-Verlngcs, Berlin, erscheint um zehn neue Bände bereichert, die neben einer Schilderung von Edisons Lebenswerk in der Hauptsache imturwisienschastlichen Problemen zu voMtümlichcr Darstellung verhelfen. - „Der ewige Jude", Eugen Sues weltbekanntes Büch wird, geschmückt mit Illustrationen von Gavarni, in neuer Bearbeitung von Bernhard Jolles Mitte März vom Avalun-Berlag, Helleran, herausgebracht. Die Leipziger Messe in der jüdischen Kulturgeschichte. Tie Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums bereitet eine ausführliche Schrift von M. Freudenthal, „Leipziger Meß-Gäste", vor. Die Familiennamen der Juden. Im Verlage I. Kaüsf- -mann, Frankfurt a. M., veröffentlicht Dr. Erwin Manuel Dreifuß eine ausführliche Studie über die Familien n am en der Juden unter besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse . in Baden zu Anfang des 19. Jahrhunderts. Der Wert der wissenschaftlich einwandfreien, dennoch aber für weitere 'Kreist gedachten Abhandlung liegt weniger darin, daß u. a. mehr.als 800, verschiedene Namen erklärt werden, als in der unser ganze-3 Wissen über dieses Thema zusammenfasstndcn Art der Darstellung? Darüber hinaus hat der Verfasser an Hand bis^' her unveröffentlichter Akten einen wertvollen Betrag zur allgemeinen Geschichte der Emanzipation und zur Familienforschung gegeben. „Stickereien und Spitzen." Das soeben erschienene neue Heft dieser von Alexander Koch, Darmstädt, herausgegobtrien Blätter für kunstlicbendc Frauen ist als Sonderheft „Künstlerische Kinderkleidung" erschienen. Es bietet eine Fülle von Anregungen in Wort und Schrift. An einer Reihe von Illustrationen wird gezeigt, daß man bei der Kinderkleidung Mit feinerem Gefühl die Natur gewähren lassen muß, daß das Kinderkleid nicht den Zweck hat, die Lieblinge „heranszuputzcn",/sondern dem natürlichen Wachstunr eine leichte Fassung zu verleihen. BÜCHEREINLAUF. Richard Hartmann: Die Welt des Islam einst und heE (Beihefte zum „Alten Orient"), Heft 11. I. C. Hin-richsschc Duchhairülung, Leipzig. Dr. Rudolf Odcbrccht: Grundlegung einer ästhstifchen. Werttheorie. (Band 1: Das ästheiifche Werte-rlebnis). Bemag Reuth er und Reichnrd, G. m. b. H., Berüin. Dr. Fritz Schulhof: Conoi-smus, d-ie Kunst der Setbstüberrsdung als eine neue psychische Behau>dlun.gsmethode. Verlag Movitz Perles, Wien. Karl Stamm: Dichtungen I und II. Verlag Rascher, u. Cie., Zürich. Der Reichsverein der Bank- und Sparlassenbeamtep Oesterreichs in den Jahren 1997 bis 1927. (Anläßlich der 20. Wiederkehr des Grnndungstages im Allftrag des Zentralvorstandes dargestellt von Dr. Franz Landertshammer.) Wien, 1927, Selbstverlag. Zoege von Mautcriffel: Tagebuch einer Egoistin. Verlag Fleischhauer n. Spohn, Stnttgart. Für Furim - AuWtirungsn smpfsdlsri wir HAMANS iiniiiiniiiiiiiiniiininimiiiniiiniiniiiniiiniinniinniHiHiiniiiiniiniiinii» FLU CHT IHINIt1llllllllllllI!l|lll!III!lll|ll||||||||||!llll|!|||||l||||||||||||||||tliri|H|!!||j||| ' von SAMMY GRONEMANN Ein entzückender, kleiner Purimscherz In 5 Szenen Ein Märchenspiel, voll launiger Einfälle, lustiger Verse und wirbelnder Situationen PREIS 1 SCHILLING Buchhandlung R. LÖWIT WIEN, I., ROTENTURMSTR. 22