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Wiener Morgenzeitung · 1927-03-13 · Heft 2888 (13.3.1927) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2888 (13.3.1927)
Date
1927-03-13
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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St. 8888 Ai«i, Sanotaq «. «k, tm «Mtt JUDE ANS KREUZ! RONAN VON KURT MÜNZER <fcHfiDijMfWT I VH**, Wkm - M*%!Kch««L MtaM — er hatte sie RÄ Vahr« kaum beachtet legte ihm ihre schmale Hände auf die Schulter. glaube," sagte sie, ,chte Kollegin hat es nicht so schlimm gemeint. Sie spricht in der Empörung über die Belästigung und verallgemeinert mir einen Zufall." ,^Jch verbitte mir Ihre Parteinahme, Fräulein Mendel," rief die Hegewaldt. ,Lieht wollen Sie mich wohl mit jüdischer Großmut beschämen. Ich werde dem Rektor, dem Schulrat, der Behörde Mitteilung machen, wie Herr Mvaffa Stellung nimmt." Severin Gurossa schrieb für den Borrvärts und mrdeve Blätter des Volks. Die Behörde fürchtete ihn und versetzte die Hegewaldt mt eine reinrassige Schule. Später erfuhr man, daß die Mutter der Hegewaldt eine Jüdin war. ,Za," ragte Gurassa zu Johamm Mendel, „kern Antisemit ist so unbarmherzig gegen Juden, wie der Jude selbst, wenn er gegen sein Volk aufsteht, wenn das eigene Kind gegen den Vater sich empört, wehe dir, Vater." jBon diesem Tage an wuchs eine Liebe ftir die stille JÄmr in dem Lchrer. Er heiratete das einsame Mädchen; sie gab Privatstunben in den Vorderhäusern der Gegend, wv Metzger ltWb Delikatessenhändlier reich geworden waren uvd ihre Töchter mit Bildung versehen lassen wollten. Ne rsiar zwar Jüdin, aber der arische Gatte glich das aus. Sie lebten bescheren und halfen, soweit ihr Mick reichte. Die Aermstm der Klasse, drei Mädchen und ein Knabe, ahm bei ihnen. Johanna kochte für die Wirtin und Doktor Sternberg mit, sie hatte somit alsbald eine große Faimitie. Aber es ging eine Heiterkeit von ihr aus, die das armseligste Kohlessen würzte und cdelte. In ihrer engen Stub esaßen die Vier beisammen, an Nachmittagen, wenn das Spiel der Kinder an der Pauke heraufscholl und Boris letzter Pattent gegangen mar. „Was tveiß mar: hier vom Juden," sagte der Arzt. „Nur der Jude von allen Völkern ist geistig bis zur Ra-- ferch ist eilt Lernender von weltvergessender Leidenschaft. Man muß den Ostjuden über dem Talmud sehen, singend chit Gott allein und der Lehre, oder in Frage urü> Antwort mit den gelehrten Brüdern, alle versponnen in den Geist, Um die wahre Welt des Juden kennen. Dort imtt> der voNfeMM) MÄ nach der GelehrsünMt verteilt und demchse». Der Gelehrteste ist der Adligste. 'Run, sagt mir, wo ist ein zweites Voll, das fo hoch im Geiste lebt?" „Aber sind wir deshalb iricht auch ganz weltfremd?" rief Abel Adler. „Die weltgewandten Judcm sind keine Juden mehr. Ist Rathenau noch Jude? Nur noch int Herzen, in der Methode und Leidorfchast des Geistes. Mer jüdischer Mensch nicht mehr. Der wahre Jude ist mrpolitisch. Man drängt ihn erst auf Plätze, ht Stellungen, die seiner Bestimmung gar nicht entsprechen." „Würde man uns in Frieden lassen," sagte Fvau Johanna in ihrer stillen Art, „würden wir das ungefährlichste aller Gastvölker sein, ohne jede Einwirkung aufs öffentliche Lebe». Aber sie quälen und necken und stoßen uns, da muß man sich wehren und da ntitreden, wo wir am linsten still und unsichtbar wären." , I ,Lsch liebe den Juden," sagte Gurassa, der schon grau war irttb erst jetzt, beim Leben mit Johanna Mendel Glanz mrd Freude in die Augen zurückbekam, „aber ich kann ihn von Schuld nicht freisprechen. Der Jude entartet Wie bei keinem Voll sonst, ist Judentum mit Religion verhaftet. Und der moderne Jude ist ohne Religion. Er hat ein Feld, und bestellt es nicht. Früher beteten die Juden Und lasen im Talmud und überließen Gott die Welt. Und Gott nahm sich seines treuen Volkes an. Aber heut wollen sie sich um alles selbst kümnrern, lassen die Lehre beiseite, wollen Westmenschen sein, haben weltlichen Ehrgeiz. Wohin führts? Man haut die Ausdringlichen. Und die Allerjüngsten? Sie wollen nach Zion fliehen... Das ist vielleicht die größte Feigheit, die endgültige Auflösung. Der Jude lebt heut nur noch vom Widerstand. Drüben, mit sich allein, auf eigenem Boden der von Natur aus Unansässige, wird er da nicht sich selbst verzehren? Der Jude, der Jude bleibend sich assimiliert, der sich tu Kämpfen der erwählten Heimat würdig zeigen will, scheint nrir größer und bewundernswerter." „Severin," sagte Johanna liebevoll, „nichts scheint mir heut in der ganzen Welt liebenswerter und wunderbarer als der bebeisterte Zug der Jrä«n in die neue alte Heimat. .Sie sind in der ganzen Menschheit die letzten Märtyrer des Ideals. „Märtyrer des Ideals! Sie werden also an ihm sterben. Du hast recht: nichts großartiger oÖ: bem Zdack $t Neneu. AVer es vertvtkMthM, an» «tut MKNyii, veoeov« schon Untergang. — Untergang von Ideal und Mwalist. Hoffnung auf Zion hätte immer überirdisch blekben «üffen. Palästina ist die Verbannung des Juden aus der Welt. Jetzt hat er sich mit Mut HeiEvecht in Europa crworben ttnd soll eS leichtsinnig den Wirten htawerfen? In der engen Heimat drüben muß der Jude ersticken."! Sie disputierten. Mer Mel mußte cüHöoecheu kn Kein Caft, Boris zu seinen Patientm, Gurassa setzte sich M seinen Artikel, «Nb Johanna Mckte ohne Laut in ihrem Fensterwinkel fiir die Kinder der Nachbarir. Wel geriet in deir Strom der Arbeiter. Wenn er in die UvtergrurüBahn stieg, umfing ihn die Masse des FkbrikSproletartats mit dem furchtbaren Gemch, der tfjtt tckht ekelte. Vom Kinde bis zum Greise war jcder ihm verwandt. Aber schrecklich war das Gefühl: ich gehöre nichtgu ihnen.... Er fuhr in sein Cafö, in die unterirdische Hölle, wo Licht gleißte, Geld am Boden zerstampft wurde, er stand auf leuchtendem Podium in Wolke von Parfüm, Wein, Leckereien. Und wenn er auch dasselbe tat wie feine Brüder in der Tiefe: arbeiten, Geld erwerben — noch für sie, diese Brüder: wenn sie wüßten, wie er eS tat, sie würden ihn aus stoßen, den Bruder von oben. Sr war aus der andeveu Welt. Er litt, wenn er diese Arbeiterzüge sah, er tat Frack unterm Mantel, mit weißen Geigerhänden, während sie schwielige, blutende, nie mehr saubere Hände ihm drohend jjfit zeigen schienen. Sehnsucht ergriff ihn, zu sein wie sie, er dünkte sich feige flüchtig aus bem Fron der Menschheit. Noch wenn man dem Luxus diente, gehörte mau Kul ihm. Gr war einsam, er fror. Wenn er einer von. ihnyr wäre, würde er froh sein können... Und tm Sommer zweiundzwanzig trat er tofö Arvetter in eine chemische Fabrik ein, in der Chausseestraße, am Wedding, wo er Ampullen verpackte, wo er —- mit feine» weißen Härchen bevorzugt — Gifte abwog, etikettierte, wo er von halb «djt bis vier vom Keller bis zum Dach vieler Gebäude lief, schleppte, sich schelten ließ, Fehler machch nacharbeitete, bis er, todmüde, sich wusch in die Prenzlauerallee fuhr, zugehörig der arbeitenden Masse, sich Umzog, nach dem Kurfürstendamm raste und mit zitterndem Arm den Bogen zum Shimmy hob, zur Romanze, zur Cavatine. Er wußte: es war undurchführbar. Warm jbKfe-«c schufen: i :! ' „Ich werde nicht länger Wlent" rief „ÄUL-moch arbeiten. Arbeiter fein!" WorHchun-g 4m MorrtagAatL) Die große nesse-Aflrakfton ist die ■ sensationelle Hoden-Schau resisQote dar noitarg am 15. d. 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