Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2881 (6.3.1927)
- Date
- 1927-03-06
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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N r. 2881 Men, Sonntag W1r«er Mve-ra-ett««- 6. MSrz 1937 GS« 13 Wirtschaft und Börse wöhrend der Wahlkampagne. Kaum sieben Wochen trennen uns vom Wahltag. Aber dieser in den letzten Zügen liegende Nationalrat, der mit ehrlicher oder gespielter Freude seine Selbstauslösung beschloß, versteht es noch, so zu tun, als ob es auf seine Beratungen und (untvahrscheinlichen) Beschlüsse noch irgendwie ankäme. Er vertreibt sich die Zeit mit dem Gezänk über die Schutzzölle, die immerhin auch noch als ein' (wenn auch in seinen Wirkungen äußerst problematisches) Wirtschaftsprogramm gelten könnten, sowie über die Alte rsverficherung der Arbeiter, obwohl sich kein Wähler der Täuschung darüber Hingaben wird, daß mit der generellen Altersversicherung der Arbeiter, die überdies noch mit der Selbständigenversicherung zusammengekoppelt wird, Oesterreich sozialpolitisches Neuland betreten würde, und daß die Kosten, wie immer sie auch kalkuliert toerden mögen, ein Plus der Belastung der Wirtschaft ergeben würden, das diese gerade in Zeiten einer Krise und zunehmender Arbeitslosigkeit — die Höchstziffer der Arbeitslosen vom Jahre 1925 ist in dieser Woche überschritten worden — nicht auf sich nehmen kann. Aus all diesen Schwierigkeiten bilden die Wahlen den erlösenden Ausweg, vor allem für die Mehrheitsparteien, die, wenn auch gegenüber den Massen in die Defensive gedrängt, trotz allem so viel gewonnen haben, daß der Wahlkampf nicht mehr wie der vorangegangene im Zeichen des M ie t er schütz es, einer einfachen, den Massen verständlichen und unmittelbar ihren Lebensnerv berührenden Frage, stehen wird. Weniger am Herzen liegt den Nationalräten die Gesetzesvorläge über die Förderung des Exportes nachRußla n d, die, loenn auch mit einem Grundgebrechen belastet, immerhin von allgemeiner wirtschaftlicher Bedeutung. ist. Zweifellos würde durch die im Gesetze vor--, gesehene Aussällshaftung' des Staates nicht ein einziger Groschen mehr für die Steigerung der Produktion und des Exportes aufgebracht weiden. Der Lieferant, der kein Geld hat und nach Rußland liefern möchte, müßte weiterhin auf das Geschäft verzichten, so daß von einer Gesetzwerdung der Vorlage eine Hebung der Produktion keineswegs' zu erwarten ist. Aber das sollte doch nicht hindern, wenigstens die' Lieferungsmöglichkeiten, dort, wo sie gegeben sind, in die Wirklichkeit ümzüsetzen, indem man hieft'ir den in der Staatsgarantie gelegenen Anreiz auslöst. Biel politische Lorbeeren find damit allerdings nicht zu holen und daran mag es wohl liegen, daß in allen Winkeln um Rußland Ruhe ist und rechts oder links nirgends mehr von seinem Geschäft ein Hauch zu verspüren ist . . . Inzwischen weisen alle Wirtschaftsziffern auf eine bisher noch nicht dagewesene Zuspitzung der Verhältnisse hin.' Die Stockung in Handel und Wandet illustriert am deutlichsten die Tatsache, baß auf offenem Markte Geld um zirka 1.6 Prozent unter der offiziellen Diskontrate angeboten wird, ohne daß nennenswerte Abschlüsse zustande kämen. Eine Geldflüssigkeit, von der die Wirtschaft keinen Gebrauch machen kann, ist ein ungesunder Zustand; hierin äußern sich aber nur die Wirkungen einer seil Jahren in den Idem der Inflationszeit befangenen Wirt schaftspolitik, die nicht rechtzeitig umgelernt hat und noch im letzten Augenblick günstige Gelegenheiten verpaßt hat. So z. B. sind kürzlich ausgiebige ausländische Kredit, für.die Erneuerung der Straßen Oesterreichs angeboteu worden, das Angebot fand aber kein Verständnis, weil als Bedingung gestellt worden tvar, daß die Automobilsteuern in eine einheitliche Bundessteuer mit festen Sätzen zusammengczogen werde, was wieder an dem Widerstand der an der Automobilabgabe interessierten Faktoren gescheitert ist. Da während der Wahlperiode Regierung und Parteien andere Sorgen haben,, so ist auch wenig Hofftmng vorhanden, daß ein dieser Tage in der Generalversammlung der Baumaterialienhünd-ler erörtertes Projekt für Straßenbauten und Straßenrenovierungen, die gewiß nicht allein von dem Gesichtspunkt des Automobil-. und Fremdenverkehres bedeutungsvoll sind, sondMt in ebenso hohem Maße für die Belebung der Bautätigkeit durch Erschließung von Neuland und für die Steigerung der Beschäftigung der Baustoffindustrie, des Gewerbes und des Handels, der Verwirklichung nähergebracht tverde. Danach wären Antom obilstraßen-Aktiengesellschasten nach italienischem Muster zu bilden, die die Automobilsträßen bauen und erhalten solle!:. Es liegen Erfahrungen darüber ' vor, daß solche Unternehmungen keineswegs crträgnislos bleibe», sondern daß sie auf Basis der eingehobenen Taxen und Gebühren eine zehnprozentige Verzinsung abiverfen könne». Aber dazu dürste es in der mit den Wahlen ausgefüllten baugünstigcn Periode kaum ifummcu — die Gründung von Autostraßeu- Aktiengesellschaften »rußte zahlreiche Instanzen passieren, wann und wo hätten aber diese es jemals eilig gehabt, wenn eS galt. Vernünftiges zu fördern? Dafür zerbricht man fich den Kopf wegen der Einführung von Pr äm jene in lagen bei der Postsparkasse. Da es sich um einen albernen Gedanken handelt, so wird er natürlich überall ernst genommen, und schon haben die Sparkassen eine geharnischte ErÄärnng gegen den Plan erlassen, dessen Verwirklichung sie beim Wrttlauf um die Spareinlagen ins Hintertreffen drängen könnte. Wie sollte es dmn auch anders sein, als daß man, in der Hoffnung auf zwei bis drei Prozent Zinsm und auf einen -Treffer von ein paar hundert Schilling, eine Einlage von 50 Schilling machen müßte, und zwar zur selben Zeit, in der Baulose um 18 bis 20 Schilling Trefferchancen bis zu 260.000 Schilling enthalten und den Zinsenverlust durch eine im Laufe der Jahre erfolgende Kurssteigerung hereinbringen lassen?... Die Prämieneinlagen sind fürwahr keine Gefahr, sondern nur eine Albernheit, berechnet für „Schwachmathici" und ausgeheckt von jenen, die alle Geld- und Wirtschaftsprobleme vom Gesichtspunkte des kleinen Lotto lösen ivvllen. Ein getreues Bild einer ratlchen Wirtschafts- und Finanzpolitik spiegelt die Wiener Börse wider. Ter Markt der österreichischen Werte bleibt weiterhin fast gäuzlich vernachlässigt, so daß die Gesamtumsätze auf ein Minimum gesunken tvären, wenn die Wiener Börse! nicht noch auch ein Markt für nationalstaatlich Werte wäre. Dadurch kommen doch hie und da von außen irgendwelche Anregungen, die rvenigstens in den fremden Effekten das Geschäft beleben. Das war auch in den letzten Tagen der Fall, als die von der Talbot-Gruppe zugesagten Kredite sich in den Aktien de r un g.a rischen Gesellschaft«:n, die mit den Jnvestitionsarbeiten betraut werden sollen, auszuwirken begannen. Ungarn geht: einem wirtschaftlichen Aufschwung entgegen, der von der Budapester Börse schon jetzt cskomp.tiert Mrd, indem sie ihx.. Jnjeresse in immer mehr zunehmendem Mäße den Aktien derjenigen mrgarischen Jndustriegosellschaften und Banken zuwiendet, die die Investitionen dürchfi'lhren, bezw. finanzieren werden. Der Einwirkung der Budapester Börsenvvrgänge konnte sich auch die Wiener Börse nicht verschließen, und so kam es, daß das österreichische Kapital, das bis vor kurzem in Unganverten eher abgabebereit gewesen ist, in dieser Abgabeueigung in den letzten Tagen nachließ, seitdem bekannt wurde, welch gewaltige Investitionen in Ungarn bevorstehen. Ebenso hatte die Wiener Börse die Festigkeit der Alpine Montau-Aktien der Verquickung der Alpine Montaugesellschaft mit dein internationalen Eisenkartcll, die Festigkeit der Bodenkreditaktien (und tvegen des festen Umtausch- Verhältnisses auch' der Unionbank- und Verkehrsbankaktien) der Verbindung mit der Pariser Börse zu verdanken, >vo die Bodenkreditaktien notiert sind und in den letzten Tagen eine Besserung erzielten, die sich automatisch den: Markte der Bodenkreditaktien mitteilte. Ein drittes anregendes Moinent, allerdings nur spekulativen Charakters, empfing die Börse dieser Tage wiederum von Berlin ans, wo die dort notierten österreichischen S ilb e^Prioritäten •' nach längerer Unterbrechung eine neue Aufwärtsbetvegung einsrhlugen, der der Markt der Silberprioritäten in Wien naturgemäß folgen mußte. Begründet wurde das neu erlvachte Interesse für die altösterreichischen Eisenbahnobligationen damit, daß angeblich schon in der nächsten Zeit eine Enunziation der Repara- > wnskommission zu erwarten sei, worin cs heißen werde,-'daß die Auffassung, wonach ein österreichischer Silbergulden gleich sei zwei Papierkronen, nicht der Ansicht der Reparations-' kommission entspreche. Eine solche Erklärung itriirbe den Standpunkt der österreichischen Regierung, daß es für Oesterreich keine Balorisationsfrage gebe, zweifellos erschüttern. Der Druck der deutschen Finanzkreise und der deutschen Inhaber altösterreichischer Schnldtitres macht sich immer wieder in den Börsenbetuegungen auf dem Anlagemarkt fühlbar, indenr die Interessenten bestrebt sind, ihren Besitz an solchen Titres zu vermehren. Diesem. Vorgehen liegt ein konkreter Plan zugrunde : Ein großer Besitz an altösterreichischru Schuldtitres soll die Position der deutschen Gläubiger bei künftigen Verhandlungen wegen der Wiederaufnahme der Zinsenzahlungen stärken. Der Zusammenschluß der zersplitterten deutschen Kronenschntzverbände in eine einheitliche „Ständige Kommission zur Wahrung der Interessen deutscher Gläubiger ausländischer Werte", der unter Führung der großen deutschen Finanzinstitute zustande gekommen ist, läßt auf eine planmäßige Aktion schließen, die Ivvhl auch das Beschreiben des Klageweges gegen -zahnmngsttntvillige Schuldnerstaaten nicht scheuenwirb. Das in den Völkerbund ausgenommen« Deutschland geht . daran, seine Forderungen im Ausland einzütrciben, und es ist eine gedankenlose Vogel-Strauß-Politik, den Ernst. dieser Tatsache zu verkennen. Ter alte National rat und . die alte Regierung lassen ihren Nachfolgen! eine unerfreülich.: Erbschaft zurück. Eine der unerfreulichsten Passivposten ist die nichtgelökte Schuldensrage. / HÖCHSTE iihjdUS, WM LEISTUNGSFÄHIGKEIT •Za den Schzih.en nässende Stou-mpfe ‘Zfetttealexmd Sbrtüewajid. VMknMJtiasiah&fesst® j&Sfc Warnung vor übereilten Berkünse» von Staatspapiere«. Anttli'ch wind verlautbavt: In jüngftor Zeit beiMcn Auftärrfer — zumsist mittels Kraftwagens — das flache Land, um Sttmtspapveive, insbes-onidove die 6 p rozentigen Staatsanleiheoblig atro neu, an sich zu Lriiiligen. Den Besitzeivn werden hüebsr Preise bezahlt, die oft-- mals n i ch t e i n m a l d i e H ä l f t e d e § K u r s w e 11 c '§ erreichen. Die Dorkäuifer wenden absichtlich über den tvahrclN' Wert der Anleihe im unklarsn gelassen und teilweise auch dadurch getäuischt, daß' sich Me Aufkäufer den Schein amtlicher Frmikbrcmäve gseben. Um wsöde 'Kvckse der BvvöÄenuing Var empftnALcheM Schaden zp: bewahvon, lvird daher vor übereilten Verkäufen solcher Stcvatspapicivc, insbesondere' der Z-wangsanibeihe, gewarnt und ausdrücklich darauf hm-.' gowvesen, daß eine aintlichc Einziehung der Zwangs* a n l e i h.e o b l i g a t i o n e n nicht .erfolgt ist und' datz diese Obligationen einon Bärseburs haben, der auch aus den Kursblädtoon der Dageszeitungsn zu ersehene ist imd den Kurs für je 100 Kronen Nom-male zum Ausdrück büirgti Dir Behörden sind angewiesM, de»! Treiber! biefete Aufkäufer ein basondeves Augenmerk zuzu-iveniden und ixf'. Be.tretirngssall unnachsichtW gegen sie omzuffchrvkivy..^.') Francs und Lira^ Die Lira lonme gestern ihre tagsvor^> her erzielte Kurssteigerung behaupten.. In den übrigen. De»:, vifen ergab sich eine kleine Verschiebung in der Devise Ma». drid, die ein wenig ängezogen hat. Der französische.: Franc tendiert bei zirka 20L4 ae^en Zürich archatteird ruhig. Von amtlicher französischer Seite werden die Gerüchte üüereine gemeinsame Aktion der .Bank von Frankreich, der. Bank von England und der Deu-rschen Neichsbank zur Stabibsterü-ng des französischen Francs Dementiert; zwischen den jüng-sten' . Besprechungen Mantagu Normans mit M o r c a u' und' der Neise Normans nach Berlin, wo er mit dem Neichsbanikpräsidenten Schacht zusammenkam, bestehe keinerlei Züsamnienh.iiig. Auch von deutscher Seite wird erklärt, daß der Au'fcmhrlt Normans in Berlin nur einer der gewohnten. Besuche sei, die von den Notenbanken vereinbart worden waren, um einen regelmäßigen Gedankenaustausch über aktuelle Fragen der GeD-polittk zu pflegen. Die österreichische-Bankrate. In.der gestern abgehaltenen Lltonalssitzung des Generälratcs der Oesterreichischen Nationalbank hat im Anschluß an den Geschäftsbericht Genera'lrat Hofrat Georg Stern den Antrag gestellt, die Bankrate'um ein weiteres halbes Prozenr zu errnäßigen. Der Antrag wurde von der Mehrheit des Generalrates abgelehut, nachdem sich der PräsDent Dr. Reisch gegen eine Herabsetzung ausgesprochen hatte mit der Motivierung, daß die Geldflüssigkeit der letzien Wochen auf den maßgebenden Anslands-märkten, wie London und Berlin, nachgelaffen habe. Zur Wiener Frühjahrsmesse sind -ungemein zaMreiche Nachfragen aus den Nachbarstaaten und aus England eingclanfeu. Außerdem sind sehr diele Gesellschaftsreisen, und zwar avs Italien, Holland, Deutschland und der Schweiz angemeldet. - Die Eisenkartellverhandlungen in Düsseldorf. Düsseldorf, 5. M-ärz. Gelegent-lich der Beratungen der internationalen Nohstahlge me in schaft wuEe die Bildung von Verbänden besprochen. Die Aussprache nahm einen durchaus befriedigenden Verlauf und es wurde beschlossen, sie in Kürze forrznsetzen. Hierauf wurde mit den Vertretern der p o I n i s ch e n Werke über deren B e! t r i't t zur internationalen Rohstahlgemeinschast beraten. Die Besprechungen sührren zu einer Annäherung der beiderseitigen Stanlp-unkte. Da noch verschiedene Unterlagen beizubringen sind, wurde, beschlossen, die Verhandlungen demnächst fortzuführen. Kooperation der tschechoslowakischen Gkasündustrie. Drs „Prager Tagblatt" schreibt: Nach dem Zusanunenschlliß. der .Firmen Siemens, Müh l ig und der Bildung de.s Koope- '.ratienSverbandes I n w a l d - S t ö l z -l e haben die führenden ' .:schechos!owakischen -Exportfirmen,. - hauptsächlich t'i-se. - vier - .'Unternehrnungen, Verhandlnngen eingeleitet, um durch eine.» engeren Zusammenschluß den bisherigen scharfen PveiÄavM zu beseitigen, der namentlich 'iln Aüs-lande zu Verlusten ge- Magen- und Darmleiden werden durch eme einkachv Venecin-Trinkkur erfolgreich bekämpft. <4