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Wiener Morgenzeitung · 1927-03-06 · Heft 2881 (6.3.1927) · p. Seite 10

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2881 (6.3.1927)
Date
1927-03-06
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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.it« 10 tm...,. - - ~um, -ssonnu:.. Wiener Morgenzeitnn. März 1987 Nr. SM Der Schutzmann Sapogow. Von Arkadij Awertschenko. (Aus dem Russischen fibersetzt von Simeon Silbermann.) Der Faltaer Schutzmann Sapogow wurde vom Po- Kzeidirektor mit einer ehrenvollen, seinem Benehmen und seinem Verftatvde entsprechenden Mission betraut, nämlich: alle in seinem Rayon wohnenden Juden zu beobachten und festzustellcn, ob diese tatsächlich dasjenige Handwerk betreiben, das sie angemeldet hatten, da bekanntlich nur das Ausüben eines Handwerks den Juden die Berechtigung gibt, in der herrlichen Jaltaer Natur zu wohnen. Mm: erteilte ihm den Auftrag, die schlauen Semiten wie folgt zu kontrollieren: jeder Jude soll an Ort und Stelle — in Sapogows Anwesenheit — einen in sein Handwerk einschlagenden Gegenstand fertigstellen uitb dadurch beweisen, daß er die überaus wachsame Polizei nicht hinters Licht führt, oder deutlicher gesagt, diese nicht betrügt. . . „Du mußt aber sehr aufpassen l" belehrte der Rayonsinspektor den Schutzmann Sapogow, „denn die Juden sind imstande, dich zum besten zu haltet:! Du wirst sehen!" „Die Juden mich? Was? Mich? Das werden sie wohl nicht erleben!" Sapogow entfernte sich. „Gute:: Morgen!" sagte Sapogow, beim jungen Abram Goldin e.intretend. „Höre n:al, Bruderherz, ../dein Handwerk?...... hm... tust wohl dasselbe wie bisher? Ha?" „Und warum denn nicht?" Vertvunderte sich Abram Goldin. „Ich esse Gott sei Dank Brot mit Butter, denn, wissen Sie, Herr Wachinspektor, die Photographie, das ist so eu: Fach, bei dem man — wenn es richtig betrieben wird — Brot ,mit Butter' essen kann. Cha-cha-cha! Auf Ihr Wohlsein!" „Ja—a—a..." räusperte sich Sapogow, vor: einem Absatz auf den anderen tretend. „Nun, Bruderherz... du sollst es mir beweisen! Die Obrigkeit hat heute eine strenge Kontrolle der Juden angeordnet..." „Warum denn nicht," beeilte sich Abram. „Ich werde dem gnädigen Herrn an Ort und Stelle eine Photographie machen, daß sich der Herr in sich selbst verlieben wird... Ich möchte den Herrn bitten, Platz zu nehmen. So, bitte, den Kopf ein wenig zur Seite, die Augen können Sic ein wenig intelligenter machen..., den Mund bitte zuzumachcn! Schließen Sie doch den Mund 5 Mächen Sie keine solchen Grimassen, als ob Sie Zahnschmerzen hätten. Was die Nase anbetrifft, bitte ich ■*- wenn es Ihnen rncht schwer fällt — diese vorläufig «icht mit der Hand zu berühren. Dann, wenn ich fertig sein werde, können Sie meinetwegen alle Finger in die Nase stecken, aber vorderhand müssen Sie die Hand' am der Brust halten. Jetzt bitte ich, sich nicht zu rühren. Nun, nehmen Sie einen erstaunt-kulturellen Gcsichtsausdruck an! Ich mache jetzt die Aufnahme! Fertig! Danke! Jetzt können Sie mit Ihrer Nase machen, was Ihnen nur beliebt." Sapogow erhob sich, reckte vergnügt seine mächtigen Weder urrd näherte sich neugierig dem Apparate. . „Nun, nehme es mal heraus!" „Was... soll ich herausnehmen?" „Nun, das was bei dir dort fertig wurde, zeige mall" „Sehen Sie mal, Herr... jetzt geht's noch nicht. Jetzt ist noch nichts da! Ich muß erst in einen dunkeln Raum gehen, das Negativ entwickeln..." Sapogow drohte dem Juden mit dem Finger und lächelte.; „Che—che—che! Nein! Bruderherz! Altes Kunst- Hück! Wir kennen dich! Du mußt mir an Ort :ind Stelle zeigen! Das kann ein jeder tun..." „Was sagen Sie, Herr?!" schrie der Photograph beunruhigt. „Wie soll ich es Ihnen zeigen, wenn es noch Nicht beleuchtet wurde? Man muß dochnoch in die Dunkelkammer gehen, die rot beleuchtet wird. Man muh Koch...»" „Ja, ja..." nickte Sapogow mit dem Kopfe, den Juden ironisch betrachtend. „Rotes Licht... nun, ja... natürlich... Dunkelkammer... Bei Gott, die Schlauheit der Juden hat schon die höchste Stufe erreicht! Tut Ihr denn diese List irgendwo lernen, oder sonst was...? Oder kommt es bei euch von selbst? Ich sott ihm — sagt BÜCHEREINLAUF. ic. Alfred Adler: Studie über Minderwertigkeit von Orfotten. Verlag I. E. Bergmann, München. Alfred Adler: Menfchenke:m>tms. Verlag S. Hirzel, Leipzig. Ernst Angel: Thomas Gdilfon. Ernst Angel-Verlag, Berlin. H- I. Bell: Inden und Griechen in. römischen Alexandrien (Be-ihefte zum „Alten Orient"), .Heft 0. I. C. Hinrichssche Buchhandlung, Leipzig. Julius Berstel: Lichtende rgs Idyll. Verlag Philipp Reclam imr., Leipzig. Dr. Armin Blau: Die Bibel als Quelle für FolklorM. Verlag Hazovof, Hamburg. Paul Forro: Die Inftl der Lust. Roman. Amalthea-Veriag, Zürich, Leipzig, Men. Griepenkerl: Ein Uebörleöer..)er. Verlag Philipp Reclam Leipzig. I er — ein rotes Zimmer geben... Cha—cha—cha. Du I sollst es sofort herausnehmen!" „Nun, wem: ich es jetzt herausnehme, wird die Photographie vollständig weiß sein! Und wird beim Sonnenlicht sofort verschwinden!" Sapogow ivar erstaunt. „Und woher haben es die Leute? Welch schlaues Volk es ist? Eine Dunkelkammer, sagt er... So, so> selbstredend! Cha—cha—cha! Dir wirst sehr wenig in dieser rote:: Kammer ausrichten. Wir kennet: euch/ Sofort sollst du es heraus nehmen!" „Gut," seufzte der Photograph und zog vom Apparat einen weißen Karton hervor. „Da sehet: Sie mal her! Hier ist es!" Sapogow nahm den Karton in die Hand, betrachtete diesen, und in seiner Seele entflammte eine bittere Bcleidigung. „So—o—o... Und das soll bedeuten, daß ich so aussehe? Ein schöner Photograph bist Mt! Jetzt verstehen »vir, was ihr da treibt..." „Was verstehen Sie?" erschrak der Jude. Der Schutzmann sah den Photographen zornig an. „Du bist eü: falscher Mensch! Also, höre mal, morgen wirst du ausgewiesen! Innerhalb vierimdznmnzig Stunden mußt Ml fort!" Sapogow stand vor der lithographischen Anstalt des David Szepelewitsch, uitö seine Lütgen musterten verdächtig die jeltfrvucu Bretter und Platten, die in allen Ecken und Enden durcheinander umherlagen. — „Guten Morgen," begrüßte ihn Szepelewitsch höflich. „Wie ist das werte Besitzen?" „Wie immer. Und du, bist ein Handiverke-r? Was für Handwerk betreibst du?" „Ich bin Litograph. Ich mache verschiedene Karten, Bisitkarten, Verlobungskürten, Hochzeit starten, Einladungen, auch Totenzettel..." „Du sollst es mir beweisen!" sagte Sapogow mißtrauisch, „so ein Ukas ist herausgekommen!" „Aber, mit dem größten Vergnügen! Ich »oerde sofort an Ort und Stelle die Vifitkarte des gnädigen Herrn abdruckeu. Wie ist Ihr werter Name? Pawel Maksimowitsch Sapogow? Einen Moment! Ich werde es gleich aus die Platte hinschreiben...." „Wohin gehst du der:::?" beunruhigte sich Sapogow. „Nein, Bruderherz, du mußt es hier ir: meiner Anwesenheit aufschreiben!" „Selbstredend, in Ihrer Anwesenheit! Auf jene Platte dort!" Der Lithograph beugte sich über die Platte und Sapogow sah ihm Über die Schtilter zu. „Wie schreibst du der:::? Ist es de::n so richtig? Ha?" „Auf der Platte schreibe ich vor: rechts nach links, mW auf der Vifitkarte wird es schon richtig heraus kommen." Sapogorv schöpfte tief Atern und legte seine Hand auf den Arm des Lithographen. „Nein, so ist es nicht nötig. Ich will es nicht! Du, Bruderherz, sollst nicht schwindeln. Schreibe nach'Christenart!" „Ich habe doch bereits gesagt, daß es nach Christenart fein wird. Aber, um das zu erreichen, muß mau eben verkehrt schreiben." Sapogow^lachte auf. ’,ßlm muß? So..Nein, Bruderherz, matt muß mcht! Schreibe regelrecht, von links nach rechts!" „O wehe! Was sagt der Herr? Der Abdruck wird doch in diesem Falle verkehrt sein!" „Schreibe, wie es sich gehört!" befahl Sapogow streng. „Du sollst mich nicht zum Narren halten!" Der Lithograph zuckte die Achsel und beugte sich über die Platte../ Nach zehn Minuten hielt Sapogow eine Vifitkarte in der Hand, und die Augenbrauen verdüsternd, las er: „Wogopas Srhrüromiskam Lewap..." Eine schwere Last lag ihm am Herzem „So—o—o? Und das soll ich sein? Jetzt verstehen wir! Jawohl, dazu seid ihr Juden immer fähig! Ein schöner Handwerker bist du! Ich werde dich ausschreiben! «Morgen früh wirst du ausgewresen. In viernndzwanzig Stunden..." Als Sapogow sich entfernte, verfinsterte sich fein treuherziges Gesicht. Ei»: Schmerz unverdienter Beleidigung war auf seinem Gesicht zu leser:. „Wogopas," dachte schwer atmend der Schutzmann „Wogopas, Schtiwomiskam Lewap...!" Der alte Leiba Buckus saß in einer Gartenlmlbe und verdiente sein Anskommen in der Weise, iridem er eü:e sonderbare Erfindung ausbeutöte, die bei allen Straßcnpassanten Verwunderung hcrvorrief... Es war dies ein wunderlicher Apparat mit zwei Öesfnungen; in cirre warf man ein Fünfkopekenstück hinein ünd von der anderen fiel ein Stück Schokolade in farbiges Papier gewickelt heraus. Viele Buben wußten ganz genau, daß man so eilte Schokolade im erstbesten Laden,, ohne irgend «velchen Apparat kaufet: kann, aber dieser Apparat lockte ihre forschenden Gemüter... Sapogow näherte sich dem alten Leiba und fragte lakonisch: „Höre mal, du! Du bist Handwerker, was machst du eigentlich?" Der Alte hob seine geröteten Augen zum Schutzmann und erwiderte gleichgültig: „Ich mache Schokolade." „Wie machst du dein: diese?" fragte Sapogow, mißtrauisch der: wunderliclM Apparat musternd. „Was heißt wie? So...! Hier wirft man fünf Kopeken hütein und dort fliegt die Schokolade heraus!" „Aber, du lügst ja!" sagte Sapogow. „Das kann nicht sein!" „Warum lann cs nicht sein? Es kann! Sie werden gleich sehen. So..." Der Alte zog au3 der Lasche ein Geldstück urck) warf es in die Ocfiuuug. Als von der zweiten Oessnung ein Stück Schokolade herausflog, krümmte sich Sapogow vor Lachen us.ld ries entzückt: „Aber, lote ist es dein: nröglich? Ach, du lieber Gott! Wie geht es denn, Alter?" Sein vcrlvllndcrter Blick hastete am Apparat tv-ie festgebannt. „Das ist jo eine Maschine," sagte der Alte achsel- : zuckend, „scher: Sie es denn nicht?" „Eine «Maschine, das ftimmt wohl, hm... eine Maschine," erwiderte Sapogow. „Aber wie entsteht die Schokolade? Das Geld ist doch aus Kupfer, hart, während die Schokolade süß und weich ist! Wie kann aus den: harten Geldc ein so schmackhafter Gegenstand durch diese Oessnung herauskommen?" Der Jtkde betrachtete mit seinen geröteten Angeln den Schutzmann und senkte langsam die Augonbrauen. „Elektrizität rrnd Säure. Die Säure verdünnen, die Elektrizität verwandelt cs, dann befördert es die Spiralfeder nach außen." „Na, na, na," nickte Sapogow mit dem Kopfe. „Was die Leute alles ausdenken! Du sollst nur weiter machen, Alter. Das ist ein gutes Handwerk. Arbeite für dein" Gesundheit!" „Das tue ich auch!" sagte der Alte gleichgültig. „Arbeite, Alter. Dies da, Bruderherz, ist eine Kunst. Nicht einen» jeden ist es gegeben! Lebe wohl, Alter. Cha—cha—cha!" Was aber der Schutzmann nach diesen Worten tat, kann man sich nur durch seine Verwunderung und durch seine Ehrfrlrcht vor den Naturgeheimnissen und der Tiefe der menschlichen Wissenschaft erklären: er reichte dem Alte;: mit einer freundlichen Bewegung ... die Hand. Nächsten Tages verließen Szepelewitsch und Goldin mit dem ersten abgehenden Dampfer die Stadt. — In Erfüllung seiner Dienstpflicht kam Sapogow hin, um sie zu begleiten. „Für Euch, niedrige Menschei:, habe ich kein Herz", sagte er, treuherzig beit Kopf schüttelnd. „Es gibt nur einen anständigen Juden, der ohne Betrug lebt, und es gibt eine a:ck>ere Sorte Juden, und zwar eine betrügerisch?. Wenn du, Bruderherz, ehrlich arbeitest, mit Schokolade oder was anderem, Üoerde ich dich in Ruhe lassen! Jawohl! Aber wenn — Wogopas Schtiwomiskam Lewap . . . mm was sollte ich denn machen?" Anna Freud: Einführung in die Technik der Linderanalysc. Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Leipzig, Wien, Zürich. Dr. Otto Färber: Krieg dem Friodon. Roman. Verlag' Franz Peter Scholze, Leipzig. Heinrich Mann: Mutter Marie. Roman. Verlag Paul Zsolnay, Men. , Theodor Reik: Wie man Psychologe wird. Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Leipzig, Wien, Zürich: Dr. Franz Alexander: Psychoanalyse der Gesamiper-söiilichkeit. (Neun Vorträge über die Anwerbung von Freuds Jchcheovie auf die Neurasenlehve.) Internationaler Psychocma- . lytischer Verlag, Leipzig, Men, Zürich. Max Steiniger. Beethoven. Verlag Philipp Reclam jun.- Loipzig. N. L. Stevenson: Dr. Iekyll und Mr. Hyde und andere Erzählungen (Roman der MelttiteraMr). Verlag Hesse und Becker, Leipzig. N. L. Steoensqn: Der Strand von FallÄsa und anderes. (Romane der Weltliteratur.) Verlag Hesse und Becker, Leipzig. R. L. Stevenson: Des Rajahs Diamant. Der Selbstmovdklub. (Romane der Weltlktemtur.) Verlag Hesse uiife Becker, Leipzig. R. L. Stevenson: Die Schatzinsel. (Romane der Weltliteratur.) Verlag Hesse und Becker, Leipzig. N. L. Stevenson: David Bnlsour.. (Roman der Weltliteratur.) Verlag Hesse wito Becker, Leipzig. R. L. Stevenson: Der Ju-ntker von Balkm-trae. Vevbag Hesse u. Becker, Leipzig. „Deutsche Kunst und Dekoration", Heft 5, Februar 1907. Verlagsanstalt Alexander Koch, Darmstadt. „Stickereieil und Spitzen", Heft 4, Fevruar 1007. Derlagscmstalt Alexander Koch, Darmstadt. Dr. G. Lehlnnnll: Vvrfthule der Dketaphysi!. Vevkag Renther u. Relchhard, Berlin.

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