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Wiener Morgenzeitung · 1927-03-06 · Heft 2881 (6.3.1927) · p. Seite 9

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2881 (6.3.1927)
Date
1927-03-06
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 2881 itfteit, Sonntag Wiener Morgenzettung 6. März 1927 0^8 kvcu der Zeit LITERATÜRBEILAGE DER „WIENER MOB GENZEITUNG- Kolportage! und Knast ... Der Avalun-Verlag in Hclleran legt in einer entzückenden Neuausgabe, mit den alten Zeichnungen, unteranderen Daumkers, ein wenig gekürzt, gut durchgeschen, des alten Sue „Geheimnisse von Paris" auf den Tisch des raffinierten Genießers. Nach so viel großer, ernsthafter Literatur — welche Erholung! welche Spannung! Erhitzung iwch des filmisch blasierten Gehirns! Kolportage? Aber natürlich, Herr Lehrer! Aber soll uns nicht vergönnt sein, einmal im Geist auszuschweifen, das konzentrierte Abenteuer auszukosten, literarische Libertinage zu treiben? Ist Sue gar so weit weg vom klassischen Balzac? vom heiligen Victor Hugo . . .? Amüsanter ist er bestimmt. Nur ist, im 20. Jahrhundert, das Amüsement eine verrufene Sache. Wenn's die andern haben. Und wenn ich in Verruf komme: ein fanwses Buch, Meisterlverk eines genialen Schmierfinks, gewaltigster Ahne des Sensationsromans! Und: so ihr wahrhaft gebildet, kultiviert, künstlerisch seid, wird euch der alte Sue erquicken! Auch mit großen Abenteuern, doch ganz ernsthaft, streng literarisch, kommt der junge Taurus-Verlag in Berlin, der das neue, uns junge Rußland über die Grenze bringt. In einem Sammelbande „Zwischen, Gestern und Morgen" werden uns ein knappes Dutzend unbe'- kannter russischer Schriftsteller vorgestcllt, jeder zumindest ein Profil, wenn nicht eine ganze Persönlichkeit, jeder mit einer eindringlichen, hier dichterisch zarteil, dort weltanschaulich tönenden Novelle, mit einer packenden Schilderung, einer erschütternden Erzählung. Welche Schule habeil diese jungen Dichter? Man spürt überall: der große Tolstoi, den man zu vergessen anfäiigt (o, seine ewigen Romane!); der (bei uns so maßlos überschätzte) spintisierende Dostojewski. Uild nicht wie bei uns schwächliche Nachfolgschaft, Kopie; sonderil die Meisten find verarbeitet, geistig verdaut, seelisch überwunden: Großartig ist, wie der Sowjet die Freiheit in Behandlung seines Systems erlaubt!-Schließlich: - der russische Mensch — Gott sei dank! — ist derselbe geblieben. Das Interessanteste des gewichtigen. Buches, zu sehen, wie dieser ewige (wunderbare!) Russe sich in das neue Rußland 'schickt. - •' In einem ztoeiten Buch desselben Verlages, im „Wetterleuchten", wiiÄ uns L e o n i d L c o n o w vorgeswllt, 27 Jahre alt, aus dem Bauernstand, roter Gardist und außerdem ein literarisches Phänomen. Denn dieses Bandes zlveite Novelle „Des kleinen Mannes Eilde" ist eine geradezu geniale Sache! Heutig bis zur Unglanblichkeit. Von ihr ans versteht man alle ncueil Künste mit ihren gevnietrischen und metaphysischen Eiitstellungen. Original bis zur Groteske. Tiefschürfend bis zur Qual. Man leidet beim Lesen, man erlebt verzweifelt rnit. Dostoje'lvski ist geradezu geschlagen. Lconow ist viel plastischer als Dostojew'- ski. Ein Erlebnis mit langem Echo. Danach, wie deutsch! holdes Entzücken, statt wilden Ergrifsenseins, süßer Flötenklang nach rasendem Schlagzeug: Friedrich Schnack: „Sebastian im Wald" (Jakob Hegner, Hellerau). Eichendorsf von heute, ein Dichter unter Wolken und Banne, zwischen Getier und Bach, im Wort schlicht, - Hirtenhaft, fast kindlich zeichnend. Ein Aquarellist, noch das Erhabene und Bewegte in zarten Farben malend, die Gestalt in sanften Konturen zerfließen lassend. Ein Buch, von strömendem Klang, musikalisch, romantische Melodie, in reinem Kontrapunkt begleitet. Nicht lesbar.für die Hyänen des Feuilletons. Man muß selbst noch Herz haben, um dieses Buches Herzschlag lieben zu können- Wir sind, von Schriftstellern verdorbeih den Dichtern kaum iroch gewachsen. Nur ein Schriftsteller, aber ein blendender, ist der Ire M i chae l Arle n. Ueber ein kleines Thema (von der zur Liebe geborenen, also an Liebe sterbenden Frau) schreibt er ein großes, langes, - tiefes Buch, ein Buch der hundert entzückenden Feuilletons, der hundert bezaubernden Dialoge, in die die Geschehnisse versteckt sind. Mit Kunst ohnegleichen ist da ein Roman in Plauderei gekleidet; urrd soviele Worte auch fallen: es bleibt überall noch'die Wehmut, der Tiefsinn, das Geheimnis des Ungesagten. Ein bißchen diel Worte, wirklich! ein englischer Ueber-Fontane- Aber: man möchte keines missen: jede Seite hat ihre Köstlichkeit. Dennoch hat Ullstein dieses Buch herausgebracht, und es heißt „Der grüne Hut". Und nun die große Kunst, das Werk, Schöpftmg aus Geist, Blut und Seele: „Perpetua", der erste große Roman des Dichters Wilhelm von Scholz, des Akademikers (Horenverlag, Berlin-Grnnewald). Ein Roman aus dem Mittelalter, aber so ganz ans Mensch heraus geschaffen, so rein Menschentum darstellend, daß er wie aus dir und wir entstanden, von uns zu reden, ftir uns Geltendes zu bedeuten scheint. Der Roman zlveier Zwillingsfchwestern. Die heilige wird als Hexe verbrannt, die unheilige vonr Papst heiliggesprochen. So stark die Fabel ist, so betvegt die Vorgänge: das Belegende liegt jenseits von ihnen, liegt in ihrer seelischen Erfülltheit, die über das zeitlich Bedingte aus diesem unserem Tag, unserer Beziehung zu Welt, Mensch, Gott stammt. Die Sürwerin wird Heilige ... Den tiefsten Sinn der Heiligkeit demonstriert der Dichter so. Nicht in Betrachtung und Darlegung, sondern in Gestaltung und Darstellung. Alles ist Vorgang, Ereignis, Erlebnis. Menschen aus uralter Volksvorstellung, aus Märchen und Legende, durchsetzen das Buch; Wunder geschehen. Die Allmacht des historischen Gedankens findet prachtvolle Beispiele. Aber nirgends wird Scholz psychologisierend, er hat die Kraft, den Zustand zu schaffen, der das Wunderbare uns natürlich produziert. Mystik? . . Der Dichter, unser Mystiker der Literatur, schreibt nicht den Roman um sie: , das Leben selbst ist das Mystische; indem er Leben und Mensch aufzeigt upd aufdeckt, ivird er Mystiker. Ein Roman der Wunder, der Hexen, des Mittelalters: und ein Buch des Menschentums. Mit jedem Wunder wird es schwerer an Wahrheit urid Wirklichkeit. Unwiderruflicher hat Wilhelm von Scholz nie dargetan, daß er ein Dichter ist, zur Schöpfung begnadet. Kurt Münzer. Senkeund Lue». Brunold Springer: Die genialen Syphilitiker. (Vevkvg der Neuen Generation. Berlin-Nikolassee.) „Zivilisation ist SyphMsivtron." — fo formuliert BvU'Nolid Spriinger, der Verfasser oines mahnenden Buches, das Schicksal der zivMsiertvn Menschheit, wenn sie wicht dazu gelangt, die Lues anszurotten. Um seine Dla-hniMH an die Menschon rvirksamer zu machen, führt Springer das Schicksal von einigm Dutzend gen>m>lisr Bortvetor der Menschheit an, di« dar Syphilis oder ihnenFol-getoankheiten erlogen sind, darunter auch solche, denen ' die grauenvolle Krankheit schon als unheilvolles Ebbe in die Welt mitgegeben tvcvvd. Wir kennen das AAer und das Ursprungsland der Seuche nicht, und -der Sir-ei-t,,ob sie inEuropa schon vor dor Entdeckung Amorckas bokaynt war, oder erst von dort ci'Nigeführt wiurve, laßt sich nicht eriMM-don. Sicher ist Mr, daß feit" dein Ende des 16. JahrhlMdvts die Verbreitung -Md Bvrfchqrftutg der 'Kraickhei^.m Enwpa wesentlich zugenommon hat. Die gewissermaßen 'oberirdische Geschichte der Syp.hKiS beginnt mit drei Päpsten, Alexander der Sechste aus dem Geschieht der Borgia, Julius der Z-iveüe und Leo der Zehnte aus der Famiilive der Ddedici. Diese drei hervorragonden Vortveter airf dom päpstlichen Stuhl, die mit außeiDcwöhnilipchen Eigenschaften ausgostattet waren, leiben den Autor des Buches in seinen biographischen Erörtsrungen übor die Wirkungen der Lues bei so vielen gsmalcn Menschen, zu gewissen Schlüssen hin, die aus Zusammenhängezwischen dem Genie .und .der europäischen Krankheit Hinweisen.' - Die Schlüffe Springers sind nicht ganz zwingend, ebenso tvenig zwingend wie die Beziehungen, die der Psychiater Lorrrbroso zivischen Genie' und abnormaler Geistestätigkeit LLibliriOL JMi^iNrrsr DER NETTESTE ROMAN i. bis 50. Tausend Halbleintriband S 9./0, GanzUmaiband S W.— Nirgends findet man eine derartige Inbrunst, eine solche Hingabe an di« aufgewühlte Seele des Weibes. Es ist ein Werk groß entfalteter Reife, ohne Vorbild in der deutschen Literatur, in einerSprache, die den Gipfel der Kunst erklommen hat. (Berliner Tageblatt) PAUL ZSOLNAY VERLAG / WIEN Herstellen -wollte. Es n.rag fein, daß die zurnetst in Konvulsionen sich vollziehoride schöpferische Tätigkeit des Genies, auf!reichem ©dbide inuner sie liegen möge, sich auch in der Sexnäslität zeigt, die ja, lvcnn auch roh physisch genommen, als schöpscoi'sche Triebkraft anzufthen ist. Daß mit gesteigortenr 'geistigen SchaffonStric-b in mancher: Fällen' auch Steigornng der physischen Triebe im Zusammonhange stehen kann, ist livahvschsinlich, gibt abar.kcrn.-en zjvmgonden Grund für Zusammen hänge zwischen Genie imd hemmn.ngsloser Sexualität, die irgendwie bestimmend wirken würde. Auch ist wicht j-e.de Krankheit, die ein Genie vorzeitig seinem Schaffen entrisfon hat, u'nbedingt auf luetische Grundlage zurückzuführen. Cm Beispiel für mehrere anfechtbare des Buches: Beethovens Tanib'hoit und fein merkwürdiges Verhältnis zu Frmmr sind dn-rchaus nicht unbedingt luetischer Erk.vMcki.mg oder Verevlnrng ercksprungen. Wohl war Deetho- Veils Vater cjiat Säufer und Schürzenjäger, doch die Otosklowse, an der Beethoven Ivahrscheimlich litt, gehört lliicht zu den Krankheiten, die auf luetischer Gru-ll>dlage entstehen; sie ist mehr ein physisches Degsnemtvonsmerkmäl und mag vielleicht als solches bei Beethoven ausgetveton sein. Daß er selbst eine Lues akquiriert hätte, dafür fm-don sich keinerlei Anhaltspunkte, und sein Verhältnis zu den Frauen, die ihm nahestanden, läßt sich psychoanalytisch auch ohne'Zuhilfenahme der Lustseuche erklären. Von solchen Einwänden abgesehen, ist das Buch Springers überaus wertvoll; es arbeitet vor allem die soziale Gefahr der europäischen Seuche heraus und.'weist Mit richtigem Verständnis darauf hin, daß die staatlichen Maßnahmen gegen die Syphilis, solange der ' Staat digentl-lch ein Männerstaat ist, unzulänglich bliciben müssen. Das Buch wendet sich an die Jugend und sollte auch vor allein der Jugend als mahnendes Wort in die Hand gegeben werden. E. G, Kdetz. „Die Chaiuza." Soeben hat die Weltorganisation.zioni-- stifcher Frauen (Womens International Zionist Organisation) unter diesem Titel ein bemerkenswertes, von Dobtor Nadja Sr ein verfaßtes Werbebüchlein herausgegeven,. welches die Bedeutung der Frau für den Aufbau von Erez Israel schildert und insbesondere dem heroischen Werl der jüdischen Pionierin in Palästina giltdas sie unter den denkbar primitivsten Verhältnissen und unter den größten Entbehrungen leistet. Die Weltorganisation zionistischer Frauen (Wizo), die der Chaluza dient, chat das Hotel in Tel Awiw geschaffen, die prachtvolle Mädchenfarnr in Nahalal und drei KinüerMrsovgestellen, deren Bedeutung und hervorragende Mrksamkeit nickst genug gewürdigt werden kann. Auch über die Eigenart der Mädchenbivnzoth, die von der Wizo subventioniertwerden, wird der Leser dieser instruktiven Schrift informiert, sowie über das geistige Leben und Streben der Frau innerhalb des neuen Jischum. Ueberaus eindrucksvoll sind die oeigefügten Lichtbilder. — Dieser Schrift ist im Interesse des Palästinaaufbaucs weiteste Verbreitung zu wünschen. Korrespondegzolatt des . Vereines zur Gründung -und . Erhaltung einer Akademii: für die Wissenschaft des Judentums. 1926. Verlag C. A. Schwetschke u. Sohn, Berlin. Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums, derer: ..Vorsitzendv kdoktor Aron Hirsch, Pros. Albert Einstein und Direktor Oskar Wassermann sind, gibt außer ihren ständigen Veröffentlichungen auch ein Korrespondxnzblatt heraus, das den Zweck hat, '.die gelehrten Arbeiten der Akademie durch genleinverstäudliche Auf' sütze der breiteren Ocfscntlichleit bekänntzumacheu. Das vorliegende Heft des siebenten Jahrgangs, das soeben erschiene'.! ist, enthält außer den Berichten des wissenschaftlich:!: und des Vertoa.- tungSmorstandes der Akademie einen .anläßlich des 250. ToDestuellen Todestages Spinozas aktuellen Aufsay von Leo Strauß „Zur Bibelwissenschaft Spinozas und seiner Porläuscr", . soivie eine einleitende Erörterung zu einer größeren Arbeit über. Josef Süß Oppenheimer von Selina Stern. Der jüdißchc BüchermaM in Amerika. Im Jahre-1925 sind, itne die statistischen Feststellungen ergnöen, in':den Vereinigten Statten 136 Bücher und Broschüren in jiddischer Sprache in einer Gesamtauflage von rund 500.000 Exeinp-.ciren ediert worden. Georg Brandes' berühmte Sh»kaspearc-Biographie, die seinerzeit schon bei ihrem ersten Erscheinen größtes Aus- - sehen erregt hat, soll demnächst bei Carl stteißnep, Dresden, in einer neuen und endgültigen Gestalt heraustvnnnen, die Brandes selbst noch gesonnt hat. Walter RathenauS politische Tätigkeit. I. R e v e s z gibt in einem demnächst erscheinenden Buch „Walter Räthenan und sein wirtschastlicheS Wert" eine kritische Darstellung von Rathenaus Rolle im öffentlichen Leben Deutschlands. (Verlag Carl Retßner, Dresden.) Gnstav Meyrinks neuer Roman „Der Engel vom westlichen Fenster" ist soeben bei Grethlein u. Co., Leipzig erschienen. Die Geschichte spielt teils in Emtand der Königin Elisabeth, teils in Prag unter Kaiser Rudolf, dem Zauberer und Wundermann seiner Zeit. Auch in lftftni Roman wandelt Meyrink auf den Spuren, die das Reich der Ahnungen, des Unbekannten und Uebersinulichen fW ren. Vergangenheit und Gegenwart sind geheimnisvoll, uiw woben, Trarmr und Phantasie fließen durch die Jahr-' Hunderte.?ack London in Gesamtausgabe. Zu den sechs ,Bäner Gesamtausgabe der Werke Jack Londons, div bereits erschienen sind, beabsichtigt ' der Universi t <i t s- Berlag, Berlin W. 50, in diesem Jahr sechs neue Bände herausznvrtngen. Als erster Band davon soll im MHrz „I e r r h" erscheinen. Für den Herbst ist u. a. die Htzmustmbe des größten Romans von Jack London „Märtiv E d e n" in zwei Bänden geplant.

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