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Wiener Morgenzeitung · 1927-02-27 · Heft 2874 (27.2.1927) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2874 (27.2.1927)
Date
1927-02-27
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Setze 6 Men. Sonntag «Wiener Morgerrzettrmg sl. Februar M87 Kr. 3874 tuoe ANS KREUZ i ROMAN vom KURT MÜNZER by B* L8«it Verlag, Wien - Leipnlg. (23. Fortsetzung.) Da stand das Volk auf. In der Schrveiz. Gegen den F«irck> im Land. Man zog durch die Stadt in dumpfen Massen. Schweigende Fahnen schrien die Not in den Tag, in die Nacht, flammende Schrift auf weißem und schwarzem Grund. Die, die arbeiteten, die, die düngten (mit sich selbst), hungerten, froren, krepierten. Seuchen gingen um, rätselhafte Krankheiten. Ueberall brach Gift aus. Das Menschengeschmeiß hatte die Reinheit der Elemente vettwrben. Nim schwitzte noch die Erdkruste Bazillen. Das Volk rottete sich zusammen. Es forderte — nicht einmal sein Glück, nur Linderung der Not. Es war so gement gemacht von den Herren, von den Reichen so erniedrigt, entselbstet, von den Arbeitgebern so entrechtet, daß es noch sein gutes Recht imr mit den Mitteln des Unrecht Begehrenden zu verlangen wagte. Selbst bescheiden fürchtete es sich zu sein. Es forderte das, worauf cs als Mensch Anspruch hockte, als wäre es Untermensch, der Gnade erfleht. Aber — es rottete sich. Mann, Weib, Kind, sie zogen durch die Stadt, sie hielten an vor den militärgesicherten Banken und sangen hilflos ihre Internationale. Mädchen öffneten den Mund zu diesem ohnmächtigen Gebet mrd waren so schön in ihrer Hingabe an ein Ideales. Man zog vor die großen Restaurants, die Hotels der Fremden, die Kaffes, wo die Dirnen sich musizieren ließen, Spione Billard spielten, Desserteure Leitartikel entwarfen. Ueberall rasselten Jalousien herab, Lichter erloschen, Gesichter erblaßten. Die Internationale tönte dunrpf, wie aus dem Grab, in die Säle, voll Geruch von Frauen, Kaffee, Likör und Wem, Tabak. Steine flogen an die Läden. Ein Schuß fiel. Soldaten mußten schießen. Von Häusern bröckelten Steine, ein Kmd schrie gellend auf.. Im Terrafsenkaffee saßen die Künstler, die Intellektuellen, und sogen Stoff aus der Atmosphäre. Im Odeon, erbäte der Tisch der Literalen, jeder entwarf em sozialistisches Drama; der berühmte. Kritiker einen Essay; der Satiriker ein Aphorisma. Sie -lebten noch vom Hunger des Volkes. Aber jeder Steinwurf an die gesicherten Fenster ließ sie erzittern. Große Schauspieler aus Berlin und Paris, dfe gastierten, spielten ihre Billardpartien weiter. Die Kellner servierten Mokka, Eier im Glas, Sahnengefrvrenes, Eoctails. . In fernem Kaffee in der Bahnhofstraße ließ Abel Adler Leu Bogen sinken, als die Rolläden niedersausten. Da waren sie. Wer, wer? Die geliebten Brüder. Jude Und Proletarier — welche tiefe Brüderschaft. Beide gleich gehaßt; weil gefürchtet; gleich getreten, weil beschämt. Er erinnerte sich plötzlich: Jude fern in Deutschland. — Vor verrammelten Türen stehen, wo die andern alle Rechte sich anmaßen; amsgestoßerr sein vom gottgewollten Anspruch aus Mitleben; verbannt ins Ghetto, da doch die Welt allen gehört... Und noch im Krieg: der Mut des Juden selbstverständlich; aber der des Christen Lobes und Auszeichmmg wert! Die erste Fahne hat'ein Jude erbeutet, ein kleiner jüdischer Lehrer aus Berlin; er muß das eiserne Kreuz erhalten, aber andern Tags schickt man ihn dorthin, wo er fallen muß. So. enLlcdigen sich große Herren der Helfer. Eines Tages wird ihnen nicht mehr geholfen roerden können! Jüdische Flieger schirmen wie Engel das deutsche Heer: man verleugnet sie, lästert sie, wenn sie abgeschossen, verstummen, lrnb nicht widerlegen können. Plötzlich denkt der junge Abel an alles dieses, und fein Blut wallt auf; gegen die, die zu seinen Füßeh sitzen. Ahnt wer, daß der Fettid hier unter ihnen ist? Feind, weil Erkenner! Hasser, weil Fühlender und Durchschauender! lAbel sieht um sich, da lächelt ein Kind ihn an: Es war Oliva Leu, fünfzehnjährig, die neben ihrem Vater, dem Zcckdenkönig der Schweiz, saß. Sie hatte von dem Geiger 2lbel Adler gehört, und, musikverfallen, hatte sie erreicht —^ heut zum drittenmal — von ihrem Vater in dieses Kaffee mitgenommen zu werden, wo es dem Geiger einfallen konnte, ein Bach-Konzert zu spielen, Sätze aus Bruch, Franck, Tschaikowsky, Beet^wen, Mozart. Sie wußte nichts als: Musik. U«b jetzt, wo sie schon verstummt, hörte sie sie noch, ''utzte nichts von der Gefahr der Straße, lächelt« den jungen beiger cm, als säße sie mit ihm in unerreichbarer Gott-- 'ihe. Das ergriff ihn jo sehr. Ein Kind konnte die ganze Menschheit retten. Wo dieses Lächeln erblühte, konnte er .licht hassen. Es rechtferttgte, es allein, die ganze Sürst«... Er lief zur Tür auf die Straße, und als Schüsse fielen, Scheiben herabprasselten — denn die Soldaten schossen in die Lust, zog er die Jalousie hoch Und stand vor dem Volk. Tausend Gesichter waren ihm zugewandt, eine gischtende Woge Menschheit, eine einzige Welle des Meersdas er liebte, lieben wollte — und sie war furchtbar, wie ein klaffender tausendmäuliger Abgrund, eine stinkende Kloake, unerträglicher tötender Blick, das Haupt der Gorgo. . Oie Vorteile für Damen und Herren von Borenstein & Markus, II.» Hollandstraße 1 (Tel. 46-7-67) sind: Eleganz — Qualitätsstoffe — tadellose Paßform — konkurrenzlose Billigkeit! — Auch Teilzahlung. Wer er taumelte nicht. Sr sagte laut: „WaS tut Ihr, Freunde? Mit Gewalt vernichtet man nur sich selbst. Ihr werdet es an dies«» Kriege erlern/ Keiner wird siegen, alle werden sich selbst zerstören. Und dessen Gewalt die stärkste bleiben wird, wiü» auch der niedrigste sein." Seine Stimme wurde lauter. Nichts kann unendlicher schweigen als Menschenmenge. Sie schwieg, und alle hörten den kleinen schwarzen Menschen reden. Er stand in der Tür, Licht fiel auf ihn, aber hinter ihm hatten die Feigen alles gelöscht. In Finsternis zitterten die preisgegebenen Männer. Und nur Oliva Leu hatte sich hinter Mel $ß>Iej geschlichen und die Merrge draußen sah ihr im Dämmer schwebendes Gesichtlein wie das Antlitz des Schutzengels an seiner Schulter. „Geht nach Haus, meine Lieben. Langsam und friedlich. Die Nacht ist so schön und warm. Zerreißt.Eure häßlichen Fahnen. Das Schicksal kennt Euern KunnNet, und die Menschen, die nichts davon wisijen wollen, schlagen vor Euren Affichen doch die Augen nieder. Es hat keinen Zwey, zu schreien. Die es nicht hören wollen, halten sich doch die Ohren zu. Warum wollt Ihr töten? Die Richtigen erreicht Ihr doch nicht. Die sind uns entrückt.. Wer weiß, ob sie überhaupt unter uns sind. Ob nicht doch alles von anderswo regiert wird? Liebe Freunde, ich spreche nicht von Gott. Wir wissen alle, esgibt nur wirkende Gottheit im Geschehen, keinen Regenten über der Welt. Dieser Gottheit müssen wir uns anheimstellen. Werden wir eigenmächtig, ach, dann si'.rd wir ganz verloren. Wir müssen warten. Ja, wenn Ihr geschlagen werdet, dann wehrt Euch! Wer Nach der geschlagenen linken Wange auch noch die rechte hinhält, der verdient, daß der- Schlag sie trifft. Aber wir wollen nicht anfangen. Es ist sehr schwer, ich weiß es. Aber Euer Herz hungert mehr als Euer Magen. Wenn Ihr lieben würdet, würdet Ihr geschützter sein. Hebt keinen Stein auf, reizt die Brüder Soldaten nicht zum Schuß. Es trifft nur den Schuldlosen. Ich kann Euch gar nicht helfen, gar nicht trösten, Ihr seht cs ja. Aber laßt doch dm Krieg draußen vor den Gvenzen. Wir wollen ein Beispiel geben." Er nahm zwei Burschen M den Händen, die gerade vor ihm standen, sie überließen sie ihm, einer lächle froh. „Sell isch gliech," sagte er. „'s Biespiel nüetzt nünmer." Aber damit war alles gut. Plötzlich rebeten alle miteinander, man. lachte, rief. Alte Männer umringten den, Geiger. „Chönnet mer noch öppes sagm," rief einer. Nagenu.Darmleidende nehmen mit bestem Erfolge „BOLUCARBON11, zusammengesetzte Tierkohle-Tabletten. Bolucarbon, von ärztlichen Autoritäten empfohlen, bestbewährt bei Blähungen, Auf stoßen, akuten und chronischen Magen- und Darmbeschwerden etc., sind ln der Apotheke C. BRAÖY, Wien, I., Rotenturmstraße 18, Ecke Flejschmarkt, stets lagernd, wo auch Literatur gratis erhältlich Ist Postversand überallhin. Eins taube Frau schrie: „Was Hätt'r gefeit? was HStt'r gefeit?" Abel Wler ging im Schwarm. Stuf einmal hatte er feine Geige in der Hand. Oliva Len hatte sie ihm nachgcp tragen, jetzt stand sie in einem Haustor der Dcchnhofstraße mit gefalteten Händen. Aus einer Seitenstraße kam, ohne Acht, vorsichtig das Auto ihres Vaters wieder vors Kaffee geglitten, von wo es sich geflüchtet hatte, als die Bande sich näherte. Auf dem Paradeplatz begann Abel zu spielen. Die Internationale; sie sangen es wie ein Festlied. Dann verstmnm!- ten sie; und nachts um elf, in immer wachsender Menge, gab Mel Adler sein erstes Konzert. Jetzt erfüllte sich ihn? sein Aben. So hatte er es geträumt. &et arme entrechtete« Mensch schöpfte Glück aus seiner Musik, fottb die Gottheit in sich, ruhte im ewigen Fluß des Geschehens loie vollendetes Seht. Kein Stern funkelte für dm jungen -Juden. Mer Mm sch ging ihm in wärmerem Glanze auf. (Fortsetzung im Montagblatt.) Wer alle mögliche« » » 1 enficnunflsiurpn » 1 ■ ■ ourchgemacht hat uul> trotz großer diätischer Ent» Lehrungen keine Gewichtsabnahme erzielen konnte, versuche Dr. Hoffbairers Entfettung-- tabletteu, die vor allem keine Aenderuug der gewohnten Lebensweise verlangen und in kürzester » Zeh Gewichtsverminderung bewirken. — Depot: Apotheke H. Bayer, Wollzeile Nr. LS jew33fleofl6e(HweM6aoae8ae86fl38eKW806fli Vereine. Vortröge und Versammlungen. Verband der Zionisten-Revisionisten. Heute, halb 1*1 Uhr, L Dez., Schottemckng 13 (Cafe Müller), Versammlung; PalästtniaaMbau, dbe Nattvnalvatswahlen. Rossrenten Gemeinderat Dr. P l a f ch k e s und Dr. Paul Diamant. — Führer, kurs des Zionifttfchon Kulturamtes (9. 33., Wähvingerstr. 18). Morgen, Monvag, halb 7 bis halb 9 Uhr, Hebräisch, halb 9 Ihr, Dr. Go l» Hammer: PvlästtnakurS. — Die Bereinigung jüdischer Akademiker. DienS:vg, 8 Uhr» Bortvag Prof. Dr. EiSler über „Bilder zur Mbel aus der Kirnst des Südens." (Turnhalle der Talmud-Thora" -Schube, 2. Bez^ Mckl-zgasse 16.) — Miscachi, Wien. Masseu.meeÄ'Ng Mittwoch um halb 8 Uhr cibendS im Festsaal „Bayrischer Hof" (2. Dez., Dabovftraße 39), Vortrag des Hemm Oberrabbiner Doktor I. Hoff mann. — Jüdischer HochschulauSschuß. Mdttavoch. 7 Uhr crben^S, im Vereins beim der zion. Sektton, 8. Bez„ Bennopbatz 1, Bovivags-abeno. Vortragende: 1. Herr Hans Kan dl: „Die Geschichte der Judäa"; 2. Herr Dr. Sanruttl S ch m e r l e r: „Die Jewish Agency." — Jugendverein Erez- Israel. Heute, halb 8 Uhr aben.:^ 2. D^., ZirluSgasse 98, itevarischer Abend, Ch. N. Bialii gewidmet. — Hirachduch- Jugend, 2. 93e3., Glockewgasse 80. Heme, K6 Uhr nachm., Doktor Ch. Tartakower, Govlon-Seminar; halib 6 Uhr, hebräische Sichah; Mombug,, %8 Uhr abends, Seminar für jüdische Literatur: Dr. Z. F. Finkelstern. — Wiener Bet. Hamivrasch, 2. Bez., Dem.pe!gasse 3. Honte, 5 Uhr. Doktor S. Gelb haus: „Mechilla°; 8 Uhr. Dr. S. Rubin.: Midrasch; Mon»:ag, 6 Uhr, Pr. N u.bi.U: Tallnrud. — Verein der Preßburger in Wien. Dienstag, halb 9 Uhr abends, im Hotel: Continental, GschnaS-Fest. —• Verein für jüdische Ge. schichte und Literatur in Wien, 2. Bez., Ferdinandsstraße 23. Morgen, halb - 8 Uhr abenas, tm Klnbsaale der Habovh, 1. B„ Wivplingevstraße 24—26, Vortrag Prof. Dr. Jalvb Dvonner: „Heber GvlÄschmiedekmrst und Kdisthmtdwerl bei den Juden." Jüdisches Zentrum der Sozialen Hivlfsgerneinschaft Anitta Müller, 2. Bez.. Untere Augartenstraße 35. Heute entfällt der Nachmittag für jüdische Kunst. Morgen, halb 6 Uhr nachmltrags, 3. Kindernachmittag. Sie haben xiietit metir viel Zeit fwenn Sie aus der Prämlen-Aktion der »Wiener Morgenzeitung“ die herrlichen Geschenkwerke erhalten wollen, die Qr Jahres- und Halbjahresabonnenten ausgesetzt sind. Nur noch bis 31. März 1927 können wir, da die starke Nachfrage nach unseren Bücherprämien unsere großen Bestände stark gelichtet hat, die folgenden Gratisprämien zur Verteilung bringen. Jahres-Abonnenten erhalten bei sofortiger Vorausbezahlung der Jahresbezugsgebühr nach Wahl: JoaepUws 9lovli(i SÄMTLICHE WERKE. In drei eleganten Prachtlelnenbänden, Mehr als 2000 Seiten, schönster, klarer Druck, holzfreies Papier, oder KetnHcA Shcaetx GESCHICHTE DER JUDEN. Drei vornehme Geschenkbände. 2200 Seiten stark, oder ifoen ICedtn PALÄSTINA. Ein herrlJLeacikonband m. 800neuen Bildern aus Erez Israel in meisterhalter Reproduktion. Text v. d. berühmten Forschungsreisenden. 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