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Wiener Morgenzeitung · 1927-02-20 · Heft 2867 (20.2.1927) · p. Seite 10

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2867 (20.2.1927)
Date
1927-02-20
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Wien, Sonntag 20. mtuat im Nr. 2M7 Nachdruck verboten. Gerson, der Moskauer Uhrmacher, Serach, der Färber, Pinchas, der Schlosser, und Leiser, der Hausdiener, tollten alle zusammen bei Boruch, dem Kurswarenkrämer, ihren FesttagZsubel aus. In seiner kleinen Wohnung im vierten Stock. Und sie haben wild getollt: getankt, gesprungen, gesirpgen und gelacht. Am wildesten war Gerson, der Moskauer Uhrmacher. Natürlich. Seine Stimme ist stark und schallend. Und dann kennt er allerlei ,Mücke". DaZ heißt, er kennt eine Menge Melodien singt so drollige Kidduschim. Und gar seine Mles-Beitz-Lieder und ähnliche Schnurren! Ein reiches Repertoire. Gerson ist ein junger Mann von einigen dreißig .Zähren, aber er ist schon ganz grau. Nur hie und da noch ein schwarzes Haar auf seinem dichtbewachsenen Besicht. Tiefe Furcktzn durchznhen seine Stirn. Dimkelblaue Ringe säumen seine Augen. Ein alter, schwarzer, fleckiger Nock, von dem das Futter herabhängt, nmhükllt seine armselig? Gestalt. Sein rechter Stiesel ist am Hacken geplatzt, so daß sein ganzer Fuß 'ranskriecht. Er schledvt ihn nach, aber 'bctB stört seine Lustigkeit nicht, llnd frbMich klang sein Lied: Arvseir dalim — hauschivnoh. (Holser der Armen, hilf uns!) .Das fand Beifall. Der Stiefel wanderte von Hand zu Hand. Und als man ans der Schul' ging, wurde der Stiesel wie ein Panier vorausgetragen mit einem lustigen Marsche. Nachher hat Gerson den Stiefel nicht mehr zu sehen bekommen. Und bis heute ist noch nicht festgeftellt, was aus dieser Reliquie geworden ist. Gerson machte sich darüber weiter keine Sorgen. Er nahm irgendeinem braven Bürgersmann seinen Gilmnrischuh fort Un'd zog ihn ans seinen nackten Fuß. Und so, in einem Stiesel und einer Galosche, tollte er schon den ganzen Simchas Tauro einher. Aber sein Ucbermut wird-doch von Zeit zu Zeit gedämpft. Seine. Hosen find nämlich an einer etwas verfänglichen Stelle geplatzt und er muß schamhaft die Schösse seines Rockes zure^rücken. - Serach, der Färber, gibt Hm nichts nach. Er würde vielleicht den Uhrmacher noch übertrumpfen, aber bei ihm haperts mit den hohen Tönen. Ihn schmerzt die, Brust, und wenn die Lieder in die hohen Lagen steigen, überläßt er Gerson ganz die Führung. Dann macht er so eine Bewegung mit der Hanid, als wollte er untertäniig bekennen: Im Singen ist mir Gerson doch über. — Gelb wie Wachs ist sein Gelsicht. Die Wangen sind dürr und eingefallen, umrahmt von einem blonden, dünnen Bärtchen. Sein Haar ist auch schon grau, obwohl er erst dreißig Jahre alt ist. Seine Kleider unterscheiden sich nur wenig von den Kleidern seiner lustigen Genossen. Er kann sich nichts daraus einbilden. Aber er Hat einen neuen Hut. Damit dieses Prunkstück ihn nicht zu sehr von Gerson, dem Uhrmacher, abhebe, guckt ein spindeldürrer Ellenbogen aus dem zerrissenen Aevmel hervor. Gerson und Serach sind die Ansiuhrer. Und andächtig, untertänig und begeistert blicken Pinchas', Leisers imiö Boruchtz gedrückte, versorgte Gesichter aus sie. — Armseliges Mahl steht auf dem Tisch: Hering, Gurken, Lebkuchen. Viel Speisen -werdet ihr bei mir nicht finden. Daraus hat sie Boruch schon vorher aufmerksam gemacht. Da fragte Gerson: Ist Schnaps da? Wie denn! antwortete Hm Boruch. „Und Brot? — Nicht zu versündigen, Brot ist da." - Und Hering und Gurken werden auch da sein? — Wie beim König. — Dann ist doch nichts weiter zu reden. Vorwärts marsch. — Das weiße Horn, Der krumme Mojjsche, Uze, kuze, kukareku. Liesen edlen Text sang Gerson in der Weise von Atich Horeissoh lodaas, und vorwärts gings. ( Goäson, Serach, Pinchas, Leiser sind Einsame in der großen Stadt. Weib und Kind sind in der Ferne. Wo wird man lustig sein können? Das hat ihnen schon lange Sorge gemacht. Nun aber ist eine neue Seele in sie gekommen, die Festtag sseele des Simchds-Tauro. Schon aus der Treppe zu Boruch fing ihr Gesang an. Hastig wurden einige Türen geöffnet und neugierige Arsg-en blickten auf die fröhlichen Juden. : „Gut Jontef!" riesen die lustigen Brüder jedem zu. „Betrunkene Juden", so erklärte Woyeiks Dienstmädchen ihrem Herrn. ■ „Aha, das kommt zu mir", dachte Debora, das We-ib Bornchs. Und ein Schrecken fuhr ihr in ihre Glieder, als das Lärmen näher und näher kam. Sie warf einen traurigen Blick auf ihr Tischchen, aus dom die Speisen standen. Und vom Tischchen ivanderte ihr Auge zum Ofen, wo ein warmes Mahl gelangweilt br-delte. Mer sie fand keine Zeit mehr, etwas darüber zu hecken. Denn schon wurde die TM lärmend geöffnet und ülstig polterte die Bande ins Zimmer, Boruch an der Spitze. sflge Brüder Von David PInskI Und aus munteren Kehlen flog Debora ein fröhliches Mtt Jonkes, Hausfrau!" entgegen.. <Sk aber antwortete mit süßem Lächeln: ,Min'gutes Jahr!" Die Gäste fingen gleich an mit ihrem Uebemnit. Sie tanyten und fangen. DGora ging in die Mche und Bvkuch folgte ihr. .MaS soll ich nur den Leuten Men? Ich weiß es nicht", sagte Ddbora und sie seuPte. „Ist Schttvps da? Brot und Walls auch? Und Gurken? Dattn ist gut. Sie werden's uns nicht weiter übelnehmen", meinte Boruch. -und er wurde still. „Wo ist .«Schnaps dal, Der reicht ja nicht!" sagte Debora verdrossen. ,Meun ör nicht reicht, mutz der Dwornik neuen holen. Sehr einfach." „Gewiß, holen! Und Geld ~ du Hast doch davon die schwere Menge." Das war bitter. Gin Schreck kroch Boruch in die Beine. ' V. ■ , ,^ast du denn gar nichts mehr?" „Wohersoll ich Geld haben? Woher?" sagte Debora mit bitterem LoWen. . ' > Da wurde Boruch still. ' Und traurig ließ er den Kopf sinken. Mbtr er raffte sich zusammen: „Wenn schon!" Und er ging wieder zu seinen Genossen ins Zimmer. Nach einer Weile brachte Debora die Heringe, die Gunken, die Challe und die Lebkuchen. Und die Bande hat getollt, daß die Stube sich fast aus die Seite legte. Serach stand schon oben aus dem Tisch!, hopste wie ein Wilder, rieb sich die Nase mit den Mißen und sang: Tolle, Armer, tolle, toll', Denn die Flasche ist noch voll. Und hie anideren reichten sich die Hände, lachten sangen, sprangen. Die Schultern zuckten und hüpften, die Köpfe drehten sich! wie die Kreisel und die Mße schlugen dröhnend den Takt. ... Mer was nutzte das alles: Der Schnaps wurde immer weniger. Boruch und Debora blickten sich traurig an. Boruch lief in die Küche. Die Frau hinterdrein. „Hast du wirklich gar nichts?" fragte er sie. „Mer ich bitt' dich!, woher soll ich etwas haben?" ^Wenigstens 16 Kopeken." „Woher nur?" lind bittere Verdrossenheit' bebte in ihrer Stirnme. „Du -weißt es doch, vor dem Feste gabst du mir ..." Doch Boruch will sich auf die Rechnerei nicht weiter einlassen. „Eine.böse Geschichte", sagte er betrübt. Da sprang Leiser in die 'Küche. ,Mo sa'i-d Ihr denn?" Boruch lief ihn: gleich in die Anne. Und Debora tat, als suchte sie etwas im Tischschub. „Seht nur, seht." Und Leiser zeigte die Masche. Sie war leer. ,Hch seihe", sagte Boruch lächelnd. „Nun?" „Nu, n-u, nu-?" „Man muß sie wieder füllen." „Was man muß, weiß ich. Aber-" Er zog die Schultern in die Höhe — spreizte die Finger. Die Handfläche war auch leer. Da nahm Gerson das Wort: ^Herrschaften. die Taschen her! Ich besitze dreißig Kopeken. Mein Eigenm i Für Freunde des Bl jüdischen Witzes m In ungefähr vier Wochen erscheint m Jüdische .Schwänke ■a Ul Sammlung ostjüdischen Volkshumors III [ Übersetzt von MAX PRAGER und SIEGFRIED SCHMITZ ■i Zuqi erstenmal« begegnen wir in dieser einzigartigen Sammlung der wahrhaft echten Atmosphäre des jüdischen Volkshumors, der durch die sorgsam durchgeführte Übersetzung zu ursprünglicher, unmittelbarer Wirkung kommt, , OB « | »1 1 m Ol II DB R. Löwit, Verlag II m Wien,!. Be«., Fleischmarkt Nr, 1 II m II 1^ssssssssss^ H tum. Ich trage sie in der Tasche, heut', am Jontef! Ich bin nun einmal ein alter Sünder." ,DO ich" — bkuMNte Serach und seine vevglotzten Augen starrten auf die Tasche — „ich bin ein frommer Junge. Meine Tusche ist festtäglich leer, wie Gott es geboten hat." Bei Pinchas fanden sich 16 Kopeken. Leiser hatte auch „festtägliche" Taschen. Der Dwornik wurde gerufen und nach Schnaps geschickt. Und es wurde weiter getollt.-— Nur Debora saß traurig beiseite. Die Tränen waren ihr nahe. Sie mußte an jene Simchas-Tauro- Tage ldettken, wo bei ihr in der Stube der Branntwein nur so in Strömen floß. Das waren gute Zeiten. Da war sie die einzige Krämerin der Gasse. Und über hundert Frauen waren ihre Kunden. Nicht wie jetzt — ein paar armselige Weiber, die auf Borg nehmen und nicht ahzahlen. Da riß Serach sie aus diesen trüben Gedanken. „Was sitzt Ihr so da? Was? Werl kein'Geld da ist? — Welcher Mensch hat Geld? — Wer lebt denn wirklich gut? — Alle, was? Man ist ein Mensch und man darf sich nicht sorgen. Oder sind wir keine Inden mehr? Was?" Und dabei warf er seinen Genossen einen Blick zu, als läge in seiner Frage der gange Sinn, das ganze Geheimnis ihres Lebens. Und Leiser gab ihm eine klare Antwort: „Wirklich. Man muß trinken." Serach griff das Wort auf; füllte die Gläser: „Wirklich, man muß trinken." Arff Debora freilich hatte diese Philosophie keine Wirkung, undauch Boruch verlor, da er sie ans-ah, seinen altenMut. „Wennihr euch sorgt — was soll ich sagen?!" Des Uhrmachers Worte warfen sich arvf Boruch und Debora. ,Jch! Ihr seid doch wie Großväterchen und Muhme. Ihr lebt beieinander. Und ich? Ach — mein Weib wohnt mit den fünf Kindern irgend in diesem Höllental. Ich! Hab' ihnen keine Kopeke geschickt zu den Feiertagen. — Woher sollte ich sie nehmen?! — Ich mußte mich allein die Feiertags so durchschlagen. Hier, dahin und her, so, so, wie es geht — durchgeschlagen. — Mer das arme Weib, was hat sie mit den silnf Kleinen gemacht?" — Sein Gesicht verzerrte sich und seine Stimme bebte: „Und ihr sorgt euch nun?!" Zu einem Schreien schwoll seine Rede an und überschlug sich in spitzer Ironie: „Ihr seht, wie ich herumlause. In einem Stiesel und in einer Galosche. Und die gehört noch einem anderen! Mer was ist das?! . . . Heut' ist Simchas-Tauro. Man darf sich nicht sorgen, ach . . . Lamstrahira . . . bim . . . bam. Lamstrahira . . . bim . . . bim . . . '>bnm." Und er sing an zu singen. Mochten auch die Lippen zucken: Er sang wieder ir seinen Hellen, hohen Tönen. Die übrigen sangen mit. Mer es fehlte der Schwung, ihr Herz wollte nicht froh werden. Wie ein Stein lag es aus ihrer Brust. Am liebsten hätten sie gesprochen von ihrem armen Leben, von ihrem Elend und von ihrer Not. . . . ,^Er kann reden! Ha! Er meint, er ist schonder Aermste aus der Welt." Leiser unterbrach sein Singen. „Wollte ich erst erzählen, dann würdet Hr was zu hören bekommen! ... Ich Hab' noch dazu einen guten Chef, der mich zehnmal am Tage krepieren läßt. . . . Könnte ich euch erzählen! . . „Genug schon, genug! Was sind das für Reden am Jont.es?!" Mso unterbrach ihn Serach. „Singt rnstr Tara . . . Tara . . . Tara ... Wir sind ja gute Bottler alle . . . Tara . . . Tara . . . Tara ... Wir tragen -gute- Päckchen alle. ... Tara. . ." „Und was für welche!" ries da Pinchas. Lamstrahira . . . bim. . . bam. Alles nennt sich Päckchen. Lamstrahira . . . bim." „Ach was! Was soll man darüber reden!" schrie Serach. „Lustiger, immer fröhlicher! Lamstrahira,. . . bim . . . bam . . ." Und er fing an, mit wilder Kraft zu singen. Sprang auf den Tisch. Und wirklich: sie wurden alle wieder lustiger, lebendiger. Sie hopsten, und mit verschlungenen Händen — Debora war auch .dabei — tanzten sie um den Tisch herum. Sie schrien vor Lust. Ihre Witze, stampften den Boden, daß es dröhnte. Im tollen Tanze, im wilden Singen wollten sie . all die Mutlosigkeit übertönen, die ihre Seelen drückte, und die Sorgen, die an ihrem Herzen nagten, leise und leise. Tränen war in der -heißen Luft. , . . Und immer lauter wurde ihr Lärm, und Serach i machte noch wildere Sprünge., Er dachte nicht mehr an feine kranke Brust. Immer höher stieg sein Lied, immer höher: „Tolle, Armer, tolle, toll' . . ." (In -deutscher Nachbildung von Theodor Zlo eisti.)

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