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Wiener Morgenzeitung · 1927-02-05 · Heft 2852 (5.2.1927) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2852 (5.2.1927)
Date
1927-02-05
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr- 2R2 Men, Samstag Mener Morgenzeir««s s. Fevvmrr 1937 SWe 8 - .-.—n..—-''' '•■■ ..r:,r„:>,,::r■••;•■.„\z-=rr^^.,:===r-.r::r==\v'.=r==^^""=.L^.. '..-- -----------s«sa Copjtij^ht 19)7 by R» Löwit Verlag, Wien — Lefftefg. ■; 4 ■ , - <?j - ■•' ,/s5ic kommen!" schrie bzx fimge Vlasse Kellner. Tr stanD Zwischen dem gokdenen und dcm blauen Salon wie ein B'ckd des Grauens, der Angst, der Ohnmacht. ES war derselbe, dem an diesem glichen Abend eine Platte mit S.kt-gläsern ans der Hand geglitten war, als er, ficü-ernd aus die drohende Straße lauschend, einen dumpfen Schrei dort zu hören geglaubt hatte. Aber jetzt halluzinierte er nicht. Ein dunkler Lärm quoll aus der Stadt, Helle Rufe gellten dazwischen. Und fdfon ließ jemand rasselnd und krachend die eisernen Rolläden Hinabstürzen, einer löschte das Licht im blauen Zimmer, der heitere Aufruhr des funkelnden. dustenden Restaurants verstummte jäh. Kellner vevst? inten mit Tellern und Sklberschüsscln mitten im Servieren, eine Hand mit Weing'laZ erstarrte aus haD>om Weg zum lüsternen Mund. Das Lachen einer Frau blieb als schreckliche stumme Fratze auf ihrem erblichenen Gesicht. Der .Klavierspieler, der Cellist, der Zweite Geiger brachen ab, und nur der Primgeiger, lächelnd wie zuvor, nur anderen Sinnes, siiihrte seine Kanti'lene der S?renade — Priska von Lublin hatte sie vor fünf Minuten bestellt — gelassen weiter fort, und sie klang wie teuflischer Gesang aus anderer, besserer Welt, indes sich Untergang. Mord, Entsetzen näherten. Draußen, hinter den eisernen Minden, lag im Wind und Frost der Februarnackt dek Kurfürsten da mm. Menschenleer, entblößt von erschreckten Lebendigen, starrte die breite Straße von Baumgerippen, Laternenpfählen. Die gewaltigen Häuser, mit iä>h erloschenen Fenstern, gaben den Unrat .ihrer Fassaden, Erker, Balkone, Saufen, Karyatiden, Rlösenporlale, antiken Giöbel, Därme schamlos der wilden Nacht preis. Es war finster. Kein Steen war heut' Wer Berlin ausgegangen.. M?.r an. hohen Fenstern glanzten bleich die AngstmaSken spähender Gesichter. Die Rache kam. . 'I * Von der Ge'dächlniÄirche wälzte es sich heran, eine! Schlammaoelle Mensch, ein übertretender Sumpf, zäh. stinkend, von Geräuschen gurg'lnd. Wie W llengisckt überstürzte sich ein greller Schrei. Die hinter den Mauern lauschten mit dar Inbrunst der Todesangst. Wem galt es? ,/Schlagt ste tot!" Das heulte jetzt -laut ans und drang wie Messer in die feigen Herzen. Das hungernde, frierende, neidische Volk von Berlin drang in die verbotene Welt ein, da, wo sich sein Sckf.veiß i-n Bnvgrmdrr und Sc'kt verwandelte, seine Tuberkulose in Wiltzpret, sein Frost in Dampfheizung, sein Hunger in Musik und Tanz. In den Case.s, den Restaurants, den Salons, den Spiellhöllen und Bars, den Etagen für Opium und Kokain. Unzucht und Laster beteten tausend verzagte Herzen falsch? Gelübde fär Rettung und Erhaltung des Lebens, Gelübde, vergessen., wenn die Gefahr pn Nachbar weitergezogen um des anderen willen? Was du tor.ft, känn ich zweimal- Sich', wie ich's treibe, und platze vor Neid. Keiner lebte für sich selbst. Jetzt war der andere schuld am Tod des Genossen. „Hott die Juden 'raus!" „Hapip, heppl" „Nieder mit den Juden!" Weit weg, oben rm Norden, in der Hirtenstratze, zertrümmerten in gleicher Stunde die Entfesselten, Verführten, Geblendeten eine Haustür, drangen in eine schmutzige, kalte Stube, fanden ein schwarzlockiges Judenilind im Bett und warfen es gegen die Wand, von der die durckwarnrte Tapete hing. Eine junge Frau schrie unter den Tritten stinkender Prostituierter, die d>'» Bande Zuhälter, Bierkutscher, Gymnasiasten und Oberlehrer folgten. „Mein Kind!" schrie sie, während ihre Rippen brachen und ein Tritt ins Mutterherz sie betäubt?. „Mamuschka!" jammerte der Knabe. ,,Maim«ick!?a!" Schon waren sie allein. Die Unseligen waren auf die Straße zurückgeslutet. Aus einem Fenster warf ein junger Bursche ein ganzes Zimmer hinaus, Instrumente eines Zahnarztes, Flaschen, Maschinen, Stühle. Aus der Dür gegenüber stürzte ein Jude im Kaftan. ./Schont sein Haus, li'be, liebe Leute!" kreischte er. ..Ist er nicht Euer Wohltäter, der Rubin Gerechter? Kuriert Euch die Zähne, heilt Euch die Schmerzen? Für nichts, für umsonst, wenn Ihr nichts habt? Und jetzt raubt Ihr iihn aus, fck,neidet Euch selbst ins Reisch?" Nder eine Frau riß ihn an den Schläfenlocken. „Die kann ich brauchen!" schrie sie, und sein Geheut, als sie ihm das graue Haarbüschel ausriß, war so furchtbar, daß alle, wie vom Blitz getroffen, zurück-, stürzten. „Gerson. "mein Leben', was haben sie mit Dir gemacht!?" Eine Frau war ans' dem Haus gelaufen,' deckte den Mann mit ihrem Leib. ,^Jhr Ti-re!" schrie sic. .^ihr Tiere! Sein graues Haar! SM Ihr nicht fein graue? Haar?!" Blut floß ihni über das Gesicht, er lag auf der Schwelle, von innen kam Uackerlicht einer Kerze. Dennoch: einer bückt? sich, griff der Frau an den Kopf — ein Scheites blieb ihm in der Hand, schwarze, trockene Perücke, und über dos Haupt der wild Blickenden stürzte eine Welle blonden Haares, wachsenden, jung gebliebenen .Haares. . Aus We'berk hlen Schreie, als en'-sesselte dieses Bild letzten Trieb. Da scholl es aus der Grenadierstraße: „Hierher, hierher! Räuchert sie aus! Hattet sie s"st!" All-? stürzten dahin, wo größere H'katombe winkte. Der Jude lächelte unter Blut und Tränen. (Fortsetzung folgt.) Im mtlitarwisfenfthostlichen Verein hielt gestern der Stab-hauptmann des BundeStzsereS De. Regele einen Vortrag über den Krieg der Zukunft. Der Bericht konstatiert. daß der Vortrag lebhaften Beifall fand. Das Publikum bestand aus Offizieren und Zivilisten. Das die Offizier Beifall spendeten, ist verständlich, aber die Zivilisten«..'? Der Dortrag gab einen Vorgeschmack dessen, waS die Menschheit zu erwarten hätte, wenn sie sich die Hetzereien noch lange gefallen ließe und wenn die die Herrschaft bekam! men, die gestern applaudierten. Dr. Regele sagte, in allen Staaten f:1 das Bestreben wahrnehmbar, im Kriegsfälle auf kein Alter und kein Gcfu'.lecht zu verzichten. Die Männer werden zu Helden, die Weiber zu Hyänen. (Die Kinder zu verlausten Verbrechern.) Der ZukunftSkrieg wird ein mecha nischer sein, er wird mit Tanks geführt werden. DaK sind herrliche Aussichten für die Mordsabriken und für ihre Aktionäre. Kleine Staaten werden rasch überrannt werden. In der Lust wird gekämpft, die Städte werden vergast und jeder Bürger wird, statt des Huhns im Topf, eine Gas maske besitzen. Tie Verteidigung wird sich auf daS „Tarnen" verlegen; darunter versteht man das Nnsichtbarmachen größerer lebenslvlchtiger OLjrtte und die rasche Verdun kelung der Städte. Man wird z. V. in Wien auf einen Hcbeldruck die Beleuchtung ausschalten, wenn nämlich nid)t im gegebenen Augenblick der AmtZdiener den Schlüssel zum Kasten in der nächsten Weinstube verloren haben wird. Herr Stabshauptmann Regele fand lebhaften Beifall. Dem Vortrag werden weitere ähnliche folgen. Das ist gut so. denn die Bevölkerung lernt wenigstens die Gefahren ke„ nen, die ihr drohen. . wird etng'fprrrt." Jur westlichsten Bundesland, in Vorarlberg, ist es, wie man aus einer im Nationalrat eingeb«,hten Interpellation erfährt, eine alltägliche Sache geworden, daß Gendavmerieorgane Verhaftungen vornehmen, obwohl das Gericht selbst die für eine Verhaftung angeführten Verda '..tsmomente als völlig unzureichend ansieht und davon die Gendarmen verständigt. So wurden z. B. beim Gendarmeriekommar.do Höchst drei Personen wegen Mordverdachtes eingeliefert. Erst nach einem Monat stellte sich heraus, daß ein Mord überhaupt nicht Vovlag, weshalb das Verfahren gegen die grundlos Verhafteten eingestellt wurde. Beim Bezirksgericht Dornbirn wurde eine Person in Haft gebracht. Nach achttägiger Haft kam die Aufklärung: Der Häftling hatte wegen unbefugten Badens eine Geldstrafe von 10 Schilling zu erlegen. Ein anderes Mal würde eine Frau behufs Bekanntgabe Ihres Aufsnte Haltes gesucht. Sie wurde verhaftet und mußte auf Verlangen der Gendarmerie — wegen Fluchtgefahr in Haft bleiben. — In Vorarlberg fcheiüt die alte SimPlizisiiinuS-Anekdcte in vervielfältigter Auflage wahr geworden zu sein, Inder erzählt wird, daß ein Gericht an einen Gendarmerieposten die Aufforderung . richtete, einen Erben zu befragen, ob er die Erv)hast c u itt oder sine beneficio inventarii antrete. Dior Gendarmerieposten meldete darauf prompt: „Jnkulpat wurde vorsichtshalber in'Haft gen out m c tt." Das Wetter. » ' Das Werter hat sich Liberal! anfgeibeitert. M* 1.: milde. Die VorauSsage spricht von gleichbleibsudem Wetter, nur geringe Temperaturveränderung. TvÄUung. - : Montag den 7. Februar d. I., findet in BreÄau die Trauung deS Fräulein Nosl Löwit (AVbach), Tochter des Prärstdenten des österreichischen Kantorenvereines iHerrn OVevlantor I. Wort und Frau Jchosrne, geb. Akbacharh, mir Herrn Dr. Fritz Gerstel, Zahnarzt, statt. Selbstmord. Gestern hat sich die ZöjÄhrige Avise Urba.nsk aus einem Gangfenster des ü. St-ockwev'eS in den Hof gestürzt r.nd blieb mit schweren inneren Verletzungen leblos .litzgen. ^Dle R-ettungsgelellschaft wurre berufen, doch tonnte der Jnsp'ek« tionSarzl nur mehr den Eintritt des Do§eS feMellen. Dar Motiv der Tat ist unbekannt. War. „Schlagt tu« Juden tot!" Die Palnsiwändc d-sr königlichen Straße er'b-ebten. Nackte Wsi>5er. die Balkon? trugen, ve-nzerrten die Stuckgesichter. Fä'lkfche Sältlen waerden sich feige zu den BarockgicHel'N der auLtichwisen-den Por-tale- Von den Spiegelglclsschei'ben verschwanden ^die weißen Fratzen der Lauscheitden, Sprühenden, Spitzeng-ardinen schimmerten wogend. Jalousien krackten nieder. Ein Stein flog an den Rolladen eines Fensters, das breit und gemein hinter leerem Vorgarten grinste; und PriÄa, die blonde Kc-kotte ans Luülin, schrie ans als hätte er sie g-ebrosifen. Erst bei diesem Schrei Uetz der Prim-gsiger sein Instrument sinken. Erst als dies? Frau schrie, schien er zu bagreisen, daß um ihn Angst unü Grauen war. Alle sahvn sich ratlos an. Es war die Zeit, wo die von Hunger, Derleu-m» düng, gcheimer Absicht gehetzte Menge der eigenen Schuld sich entledigen wollte wnid die Verantwortung bei den Glücklicheren suchte. W?r. de«r nntergeht, bekennt sich zum eigenen Henker? Wer, der fällt, schilt eigen Äug? und Bein? Man dreht sich um unb schreit, noch ins Leere, drohend und anklagentd: Du! Einer sah den anderen an. Plötzlich haßten sich alle. Der Mann die Dirne, die er dazu gemacht hatte, weil er, rvm rhre-ttvillen. jetzt hier saß, aß, fraß, trank, soff, sich vorbereitete für rihr Bett. Die Dirne den Mann, weil sie Dx ihn sterben sollte, von dem sie doch Äbte. Ein Mann den anlbeten. Genoß nicht jeder nur WIR HABEN. UNSEREPRAMIENAKTIOr^VERH Jahres - Abonnenten Halbjahres. Abonnenten erhalten bei sofortiger Vorausbezahlung der Jahresbezugsgebühr nach Wahl: Jfoscpfkus &tm>iu9 SÄMTLICHE WERKE. In drei eleganten Prachtlelnenbändcn, Mehr als 2000 Selten, schönster, klarer Druck, holzfreies Papier, oder Meinridk Svaefx GESCHICHTE DER JUDEN. Gcschenkbünde. 2200 Selb oder Drei eiten staik, Yoruehme &W€>n y£cdin PALÄSTINA. Einhetrl.Lexikrnbaudm 300neuen Bildern aus Erez Israel in meisterhatter Reproduktion. Text v d. berühmten Forschungsreisenden. erhalten bei sofortiger Vorausbezahlung der Bezugsgebühr folgende Gratlsprämien nach Wahl: SfAeorfot Hcvsl FEU LLETONS. Zwei geschmackvolle Geschenkbände. 700 Seiten stark f&Mwn DIE ZIONISTISCHE BEWEGUNG. Zwei Bände in einem hocheleganten Großoktavbaad. 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