Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2841 (25.1.1927)
- Date
- 1927-01-25
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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OM 6 Wien, DienAvH Wiener Mergenzeitnng 25. JSnmr 1927 Nr. 2841 Serichtssaal. Sin Aachspiel za dem Prozeß gegen Franz Steiner. In dem Prozeft gegen den Sohn des kürzlich versto» denen Landeshauptmannes Leopold Steiner, den Bankbeamte Franz Steiner, der bekanntlich mit einer Verurteilung wegen betrügerischen Schuldenmachens endete, wurde auch eines Vorfalles Erivähnung getan, der zu einer Anklage gegen'den'Bankgeschäftsinhaber Rudolf Ag o'st o n wegen Erpressung führte. Franz Steiner hatte von Agoston ein Darlehen von 15.060 Schilling ausgenommen, die er in gewagten Spekulationen verlor. Der Rechtsbeistand seines Vaters, Tr. .Hans Gürtler, der mit der Regelung der finanziellen Verps.ichtungeu des jungen Steiner b.traut war, trat mit Agoston in Verbindung, um eine Herabsetzung der Schuld zu erioirken. Im Lause einer Unterredung soll 2lgostoii gedroht haben, das; er die Veröffentlichung eines bereits vorbereiteten Artikels im „Abend" und in der „Stunde" erwirken werde, in ivelchen die Geschäfte des Franz Steiner besprochen werden und durch den auch dessen Beziehungen zu der Kontoristin des Agofton Hilda P. der Oefsentlichkeit bekanntgogeben werden. Der Angeklagte verantwortete sich dahin, daß er von Steiner, dem er 150 Millionen geliehen habe, mit Versprechungen hingehalten wurde, und daß die Eltern uitb die Frau des Franz Steiner sich bereit erklärt hatten, für die Schulden, aufznkommen. Die Aeußerung habe er in seiner Erregung während einer Unterredung mit Dr. Gürtler, der ihm 67 Millionen abzieheir wollte, und mit der Anzeige, ivegen Wuchers drohte, getan. Nach durchgeführrem Beweisverfahren sprach das Schöffengericht unter Vorsitz des Hofrates Dr. Wüstingcr den Angeklagten mit der Begründung frei, daß er zur kritischen Zeit bereits eine Haftungserklarung des Landeshauptmanns Steiner in der Tasche hatte, daß also für ihn ein Erpressungsmotiv nicht gegeben sei. Der Angeklagte habe sich in seiner Erregung über die ihnr von Rechtsanwalt Dr. Gürtler angedrohte Anzeige zu der inlriminierten Aeußerung Hinreißen lassen, ohne daß ihm eine böse Absicht nachgewiesen werden konnte. Kann uran Stenern aus der Welt schaffen? In dem Geschäft des alten Naftalie Wolf in der Taborstraße erschien eines Tages ein städtischer Kommissär, iiberprüfte die Bücher und fand, daß die Fürsorgeabgabe nicht ordentlich verrechnet werde. Der Kaufmann, in der Besorgnis, eine Steuerstrafe zu erleiden, reichte dem Kommissär zwei Zwanzig-Schillingnoten und sagte: „Da haben Sie für die Armen und schaffen Sie die Sache aus der Welt." Der Beamte erstattete die Strafanzeige. Nun hatte sich Wolf unter der Anklage der versuchten Verleitung zum Mißbrauch der Amtsgewalt vor einem Schöftensenat unter dem Vorsitz des Hofrates Dr. C z e r n y zu verantworten. Wolf, der nur im Jargon spricht, erklärte, den Ausdruck „aus der Welt schaffen" in dem Zusammenhang mit einer Steuerzahlung überhaupt nicht zu kennen. Sein Verteidiger Dr. Sperber beantragte die Ladung eines Gerichtsdolmetsches für Jiddisch, die jedoch abgelehnt wurde. Wolf wurde zu einem Monat Kerker verurteilt. Vereine. Vorträge und Versammlungen. Jüdischer Frauenbund und Zionistische Fra-us»rorgcmtsation (Kickturstelle). Der rieswöchentliche Bibe-lvortrag der Freu Esther Mieses im „Jüdischen Zentrum" findet aus rechnischen Gründen statte heute, Donnerstag, den 27. d., statt; 1. Februar wieder jeden Dienstag. Eintritt frei! — Zionistische Frauenorganisation Oesterreichs. Morgen, Mittwoch, findet der vierte Vortrag des „Zyklus für Lie jüdische Frau" um 5 Uhr nachmittags im HÄ me der Hakoah, 1. Bez., Wipplingcrstraße 24—26 (Eingang durch den Hausftur) statt. Referentin Frau Dr. Waldmann: „RaM Elieser Hhrkanos und die Frauen." — Zionistische Bezirksfektion Leopoldstadt. Die Vereinsmttglieder werden bei der heute in den Olympiasälen (1. Bez., Rotihgaffe 1) stattsindenden Trauerfeier nach Achad Haam vollzählig erscheinen. Aus diesem Eirunde entfällt rer Borrrag Dr. Müllers. Das Erwachen. Novelle von David Pinski. (Aus dem Jiddischen übertragen von Theodor Zlocisti.) Leibke war ein guter Talmudschüler, der das Leben noch nicht kannte. Siebzehn Jahre war er schon alt und doch noch ein Fremder in der Welt. Denn sein Leben und seine Welt bargen die festen Deckel des Folianten. Seine Seele schwebte in der altersgrauen Vergangenheit, und verklungener Rede lauschte sein Ohr. Und sein Herz schlug mit dem Herzschlag der alten Weisen. Sein Studium allein war der Inhalt seiner Gespräche. Und ausregen konnte ihn nur die Debatte einer schweren Talmudstelle. Scharfsinn und Phantasie hat auch er gehabt. Aber sein Scharfsinn galt allein harten und herben Fragen, und seine Phantasie spann und wob nur den Faden der alten Hagadah. Wurde er müde des ewigen Grübelns und Deutend und lechzte seine Seele nach dem Frieden eines Wiegenliedes, dann pflegte er hineinzublicken in die alten Mären des Midrasch, und er las sie in einem neuen Singsang und mit anderer Stimme. Und seine Seele bangte nach der alten Vevgmt-genheit und der großer: Zukunst. Und lnmgte nach Wundern und nach Schönheit. Dann kam es wohl, daß er sich niederlegte oder sich mi ein Kissen lehnte, sich durchs Haar fuhr und die Klappe seines Nockes festhaltend hineinstarrte in die weite, weite Welt. Und Bilder traten ihm vor die Seele, Träume seiner reichen, aber bangenden Seele, Bilder der Vergangenheit, Bilder der Zukunft. Er erträumte sich die Zeit, da er noch nicht geboren. Im Himmel droben, im Duste des Paradieses sitzt seine Seele. Und sie lernt die Thora mit Gott. Um einen VOLKSWIRTSCHAFT Europas Anleihehunger. Sie Finanzierung Des staatlichen Gelsbedarles. Die rn ganz Europa wahrnehmbare rückläufige Bewegung des Leihpreises für Geld schafft für die Finanz- Verwaltungen eine günstige Situation für die Ausnahme von Staatsanleihen. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, so wird Deutschland, das in den ersten Tagen des neuen Jahves das Signal zu einer Ermäßigung der Bankrate für , eine Reihe von Notenbanken gegeben hat, diesmal auch wieder an der Spitze marschieren. An der Berliner Börse haussierten gestern die Kriegsanleihen des Reiches, was darauf zurückzuführen war, daß das „Berliner Tageblatt" aus gut informierter Quelle mitteilbe, daß die Vorbereitungen für die Auslegung einer 500 Millionen Mark-Anleihe schon sehr weit gediehen seien. In Deutschland rückte die Geldflüssigkeit, die erst vor kurzem den 7prozentigen Pfandbrieftypus ermöglicht hat, alsbald den Oprozentigen Pfandbrieftypus in die Nähe, ja man erwartet dort schon für die nächste Zukunft sogar die Kreierung des bprozentigen Typus. Ein ähnlicher Kapitalsüberfluß ist in der Tschechoslowakei zu bemerken, wo alle Staatsanleihen sich dem Kurse von 100 Prozent in rapidem Tempo nähern und wo die Oprozentigen Hypothekarpfandbriefe den Paristand bereits erreicht haben. Die tschechoslowakische Finanzverwaltung steht nunmehr mit dem Bankenkonsortium in Verhandlungen auf Begebung von 5 oprozentigen Kassenscheinen, wobei die neuen Titres mit einer längeren Laufzeit als aus 5 Jahre ausgestattet werden sollen.. Andere staatliche Kreditoperationcn scheinen vorläufig in der Tschechoslowakei derzeit nicht in Aussicht genommen zu sein, da die tschechoslowakische Finanzverwaltung vorläufig noch abwarten will, ob die Bewegung auf dem Anlagemarkte tatsächlich eine Dauererscheinung zu sein verspricht. Aus demselben Grunde wurde auch zunächst die Herabsetzung der offiziellen Bankrate und vor allem des Einlagezinsfußes in der Tschechoslowakei vertagt, zumal man befürchtet, daß ein niedrigerer Emlagezinsfuß ein Abströmen von Einlagen veranlassen könnte. Die günstige Konstellation aus den europäischen Geldmärkten ermöglicht es Poincare unter vorläufig ostentativer Meldung des amerikanischen Marktes eine ganze Reihe kleinerer langfristiger Anleihen in Europa unter- TAUSENDE un'erer Abonnenten haben bereits Prämien erhalten TAUSENDE haben ihre Ansprüche geltend erwacht und erhalten in den nächsten Tagen ihre Prämien. Wo ist Ihre Anmeldung? großen runden Tisch sietzen die höchsten und göttlichsten Seelen, die Lehrer des Talmuds, die größten Tanaim. Amoraim und Gaonim, un-d Gott obenan, Moscheh zu seiner rechten Seite und der Engel Sandalfon hinter Gott, und sie lernen Thora. Und auch seine Seele ist unter ihnen und zeichnet sich aus; denn sie findet Feinheiten, die alle entzücken. Gott ist mit ihr zufrieden und alle haben sie lieb. Sie sitzt an irgend einer Ecke des Tisches. Aber alle verlangen, daß sie obenan sitzen mntz und wahrlich auf Gottes Schoß . . . Und sein Herz schlägt so laut und möchte zerfließen in seiner Worrne und all dem großen Bangen. Und nun sännt seine Seele wieder an zu lernen mit einem oildcn, verzehrenden Feuer: die höchste Stufe will sie erreichen, ehe sie geboren lvird. Ein anderes Trauingesicht: Sein Geist schwebt in d'ie altersgraue Zeit des jüdischen Volkes zurück. Er lebte in ihr. In jedem Geschlecht' der alten Zeit 'lebte er. Jedes großen Mannes in Israel war er ein Freund und Vertrauter. Kein frohes Ereignis gab es in Israel, aber auch kein Unheil, das Leibkcmictzt miierlebl hätte. Aber der größte Held war immer in seinem Träumen und Dichten Moscheh, der uns die Lehre gab. Leibke war Moschehs Diener, ein zlveiter Josua. Und noch mehr! Er war wie ein Kind Moschehs, ein Teil von ihm, ein Funke seiner flammenden Seele. —Und der Arbeit ist viel. Moscheh zieht ihn in seine Dienste. Ja, er verläßt sich auf ihn wie auf sich selbst. Die letzten Geheimnisse der Lehre vertraut er ihm an, die Weisheit jedes Buchstaben der heilig-en Schrift. Aus diesen Phantasien blieb ihm die Gewißkeit, daß seines Geistes Wunder noch blühen würden und verborgenen Sinn klar aus ihren Quellen sprudeln wollen. Und dann packte ihn wieder der Eifer des Studiums wie wildes zubringen. Er bedient sich hiebei der privatwirtschaftlichen Organisationen wie der Eis.nbahngesellschaften oder der Kommunen und es ist bemerkenswert, daß wegen des großen Erfolges der Anleih: der französische» Staatshahnen der Betrag auf 150 Millionen Schweizer Franken erhöht wurde. Die holländische Tranche bc.rägt statt 25 Schweizer Franc 35 Millionen Franc. Weitere 10 Millionen Franc wurden anderweit im Ausland placiert. Die Schweizer Tranche von 30 Millionen Franc bleibt unverändert. Auch die e l s a ß - l o t h r i n g e r i s ch e Eisenbahn konnte in der Schweiz eine Anleihe in der Höhe von 75 Millionen Schweizer Francs, die marokkanische Eisenbahngesellschaft in Amsterdam eine 30 Millionen- Gulden-Anleihe unterbringen. Für die 7prozcntige in Amsterdam aufgelegte Obligatdonenanleihe der Stadt Paris in der Höhe von 28 Millionen Gulden macht sich überall, auch in Wien, Interesse geltend. Poincare gewinnt durch solche „Stabilisierun-gsanleihen auf Umwegm" die Mittel für einen Manövrrerfonds in stabilen Devisen, da die Anleihenehmer den Gegenwert lediglich in Papierfrancs erhalten. Auf di.se Wüse sind ihm bereits 60 Millionen Dollar zugeslossen und cs ist die Gefahr abgewendet, daß die Manövriermassc, die seit der Befestigung des französische Francs zunächst durch sreibändigen Ankauf von Devisen geschaffen worden war, im Falle eines Tendenzumschwunges auf deni Deviscnmarkt durch Angstkäufe der Industrie und der Spekulation wieder gelichtet werden. Eine große Fin-anztre-nsakitivn bereitst die türkische' Nnglerung vor. die besckssossen hat, für den Ausbau der Eiserboihirlinien und Hafen-cm'l-agen 200 Millionen türkische Pfund StttMschülld'chciuc aus-'ugeben. Düs-? sollen ine^rha?) 10 Jahren eiu-gslöst werden. Für diese Schuldschein-? Heftel die Türkische Agrarbank. d'e auch die Schuldscheine unterfer-tiaen wird. D?r Senat 'garantiert die gesetzlich? Einlösung der S'^t'lDverschrÄ'sl-'ingen und Haftel h i efü r mit. dem Tabak-. Alkohol- und Zündholzinonopo-l. Die Kcften d?r ansgnführenden Bauten h-'den zunächst die aussührenden Gefell'chefbcn, eiine schwedisch-belgische Grupp?, zu tragen, während die N'>p'ernu,g 50 Prozent nach dem Ablauf jcd-?s Finanzjahres rückgcihtt. während die veMcBen-den 50 Prozent t-urch di-? cOV-in Schu/dhl-rine geiduckt werden sollen. D?r Beginn der Arbeiten soll am 1. März I. I. erfolgen. Den -europäischen An1e?h?b>?därsn-'.ssen gegenMer verhält sich d e r a m -e r i k a n i s ch e Markt wetterhm ziemlich ablehnend. Jlnini-^ehin ist es bemerkenswert, daß, wie a-us Warschau wird, nunmehr die wiederholt ansgencmm>en<en und immer wieder erfolgbo-s gebittchenen An leühev erhandln» gen zwischen Polen und den VcvLMligtcu Staaten in nächster Ze-it z-um Ziele führen. Ein g-rotzsr Teil der -in»- 1 ii i »_i iiliiii ... mwni im i i i.jim» , »jaU"". JLT.’■-» Feuer: neue Lande zu suchen und zu erforschen, die noch niemand entdeckte, - neue Tiefen, die sich scheu verbergen. Oder er schritt in die weite Zukunft hinaus. Der Messias ist gekommen, das Heiligtum erbaut aus jenem lieben Gestein, so die Engel seit Jahrtausenden geschlagen. Aus ihren Schleiern hat Gott die Sonne gelöst und die ganze Welt ist umgossen von ihrem Glanze. Und Leibke sitzt unter den Heiligen und Großen. Gott sitzt oben mit Moscheh zu seiner Rechten und Sandalfon hinter sich. Und man lernt die Thora. Und die Thora enthüllt sich sitzt in ihrer ganzen Größe und die Wunder entschleiern ihr Geheimnis. Nur das Geheimnis der Geheimnisse ist noch verhüllt, und Gott will es jetzt entschleiern. Dann aber wild ein Licht jubeln über der Welt, daß selbst in die Sonne die Scham kommt... Und er — Leibke — weiß dieses letzte Geh.imnis schon. Er hat es enträselt, ehe daß Gott noch das Lösungswort gesprochen ... Und diese Wonne läßt sein Herz so stark klopfen; und wieder beginnt er zu lernen der Thora wegen, nur der Thora' wegen, ihrer Süße wegen, und in dem schweren Sehnen seines Herzens. Unter allen Geschl"chtern lebte der Vergangenheit Leibke und in der weiten großen Zukunft, überall und alle Zeiten; nur nicht in seiner Zeit! Er kannte das Leben nicht und wußte nichts von der Welt. Sein? Eltern halten schwer für ihren einzigen Sohn gearbeitet. Nach ihren Lasten hat er nie gefragt. Sie hatten die besten und teuersten Leute gesucht und alle Sorgen vor ihm verborgen. Er fragte nicht, woher alles kam. Oft hatten sie gesprochen von schweren Zeiten: er hörte nichts und wußte nicht, daß er wohl zuhören müßte. Ja, selbst des Vaters urch der Mutter Seufzer risse» ihn nicht aus seiner Welt der Träume. (Fortsetzung folgt.)