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Wiener Morgenzeitung · 1927-01-23 · Heft 2839 (23.1.1927) · p. Seite 11

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2839 (23.1.1927)
Date
1927-01-23
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Äveir, Gdmrtag Wiener MerMr-ettrmg 23. Jänner 1927 Seite 11 MISSTR/UIEN IN DER LIEBE von JOSEF POPPER'LYNKEUS. Der grobe Philosojch und Sozialreform-er Josef Poppet-LhnLeus, item vor kurzem erst in ' Wien ein Denkmal gefetzt wurve. war auch ein Meister -er pointier:«» GliZge. Das beweisen seine i-Iür pov'^r Vb-'ni^sicn eines Realisten" (Vcvlag Carl R«ibner. Dretden), in denen dichterische. Perlen KU >fin>:en ' find ^.-c-.ei.« rven'aaiD »--? na^'t-'.^n! c ErzMung entnommen: „Schau, daß . du fertig wirst, der Bär ist gleich fertig!" schrie der Principal einer SeiltältzergesellsLM, inderp er seinen Kopf durch die halögeöffnote Tür in den Stallraum h'-neinsteckte. ,^lch komme gleich", antwortete mit heiserer Stimme ein Mädchen, das, ein mit Goldflittern besetztes weißes Kleid in der Hand, auf dem Stroh saß und starr vor sich hinsah: und der Prinzipal war sofort wieder zu seinen Leuten auf den Marktplatz hinausgeeilt. Das Mädchen, bereits genügend geschmeckt, warf rasch das Flitterkleid über sich, schüttelte den Kopf, damit sich die ausgelösten goldblonden. Haare gleichmäßig um ihren Nacken herumlegten, setzte sich einen Reifen aus Messingblech als Diadem auf die Stirne, dos die Haare am Kopfe feschielt, und Nahm dann einen tänzelnden Anlauf, so, als cid sie von weiter Ferne atemlos dahsrgeeilt käme. Vor der Bretterbühne blieb sie dann plötzlich, stehen und zeigte sich nun der sichtlich überraschten Zuschauermenge. Man klatschte in die Hände, sie machte zum Danke rund umher die zierlichsten Verbeugungen und gab sich alle erdenkliche Mühe, in ihr mageres Gesicht die Züge eines freundlichen Lächelns zu bringen. Da nun der Tanzbär seine Künste beendet hatte, trat der Prinzipal aus sie zu, nahm sie galant bei der linken Hand und führte sie auf die Bühne, um sie dem Publikum vorzustellen. Hierauf erschollen wieder Zurufe; das Mädchen ging zu dem gespannten Seile hin, übernahm aus den Händen des Direktors die Balancierstange und begann,, diese hin und her wägend, die richtige Spannung des Seiles mit den Füßen zu Pvüsen. Als nun das Mädchen seine Wanderung auf dem Seile begann, waren alle Fenster der Häuser aüf dem Marktplätze mit Neugierigen bes.etzt; und, vermöge der Richtung, in der das Seil gezogen war. kam sie, vorwärts schreitend, immer näher und in säst gleiche Höhe mit dem Fenster des zweiten Stockwerkes eims vorfpringenden Ha-üses. In diesem Fenster zeigte sich, soeben vom Studiertische ausge-stcmden, ein junger Mann; er war nicht besonders schön, ciber seine Züge mit ihrem träumerischen Ausdruck schienen immer einen Menschen zu suchen, dem e.r ganz besonders gut sein könnte. Als der Student die Seiltänzerin von dem anderen Ende des Seiles herankommen, dann ihre phantastische Kleidung, ihre langen, goldblonden Haare sah und die zierliche Art. wie sie ihren schlanken Beinen abwechselnd eine kleine Drehung gab und dann ihre kleinen Füße graziös auf das Seil hinstellte — La erschien sie ihm so außerordentlich schön und liebreizend, als ob ein Wesen ' vom Himmel her auf ihn zugeschritten lerne. Der junge Mann steckte den Kopf so weit als möglich ans dem Fenster hinaus, und da sie fiJJ> ihm mehr und mehr näherte, klopfte ihm das Herz immer mächtiger; und in die höchste Aufregung geriet er gar, als das Mädchen die letzten Schritte in raschem Lauf bis zum Ende des Seiles ganz nahe an seinem Kopse zurückl-egte. Den Studenten machte es den Eindruck, als ob sie nur sornctwMn hier herausgekommen wäre, ja, es schon nicht hätte erwarten können, ihn zu sehen, und darum auch zuletzt so rasch zu ihm herangelaufen käme. Das Mädchen clber, das bisher an nichts anderes als an feine Sicherheit dachte, hatte früher den Studenken gar nicht bemerkt; und erst als sie ganz dicht vor ihm. stand und sich eben, um auszuruhen, zwischen die gekreuzten Stangen des Seilgerüstes setzen wollte, bemerkte sie den jungen Menschen und blickte ihm einigermaßen verwundert ins Angesicht. Sie vertiefte sich in seine Züge und sahihm dann spagend in die Augen. Der Student tat dasselbe und da gewahrte er: em gedrungen heiteres Lächeln, ein unter der Schminke abgehärmtes Gesicht, abgsmagsrte Arme und Beine. Da stiegen ihm sogleich tiefes Mitleid und Drang nach Erbarmen aüf. Das Mädchen, während es sich niedersetzte, konnte keinen Blick von ihm lassen; -er junge Mann scharrte sie ebenfalls unverwandt an. Und in dieser Höhe, ganz allein, währeiw unten die .tosende Menge Beifall klatschte, vergaßen die bs'den aljes, lvas um sie her vorging; es war ihnen so. wie weyn nur sie allein, ohne Zusammenhalt mit der ganzen anderen Mett und nur für einander, existierten; ja, als cb sie seit jeher zueinander gehört hätten, und das Soll eigens zu dem ■ '.wecke gezogen wölben wäre, damit sie endlich einmal ' nmenkommsn konnten. eis sprachen kein Wort! Das Mädchen aber bemerkte immer deutlicher die tief mitleidsvollen Züge des Studenten; und da ihr nun in dem ganz nahen Ängrsichds, voll von Erbarmen, die ganze Größe ihres Elends in neuer Weise zum Bewußtsein gekommen war, durchzuckte sie in unaussprcchlichn Schnelligkeit eine Reihe so mächtiger Empfindiungen, baß ihr der Atem zu stocken begann. Rasch stand sie auf und fing sofort an, nach Vorschrift rückwärts gekehrt, ihnn Weg auf dem Seile zurückzulcgen; am Ende angekommen, lehnte sie schnell die Balancierstange an das Serlgerüst, stieg, ohne sich um das PukMum zu kümmern, mit gang verstörten Zügen herab, dann setzte sie sich auf die Schaubühne, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen mild begann, unter 'heftigem Schluchzen, unaufhörlich zu weinen. Das Weinen wollte gar kein Ende nehmen; die Zuschauer murrten. untd der Prinzipal erboste sich nicht wenig über diese Szene und über die Unterbrechung der ganzen Produktion-; er ritz ihr die Hände vom Glicht weg unld fragte sie in barschem Ton: ,.Was hast du? 'Was g'lbt's?"! Das Mädchen vergrub wieder ihr Gesicht m die : Hände -und schluchzte, den Kopf tief in den Schoß geneigt, ohne zu antworten, weiter. Da der Prinzipal sah, daß das kein Ende nehmen wollte, rief et zw:'i kleine Buben seiner Gesellschaft, die, .in weißen Trikots, schon auf.seine Befehle warteten. .Ihr SckMinsbrchen, macht unterdessen eure Dummheiten!" sagte er ihnen mit gedämpfter Stimme, packle das Mädchen, warf es wie e'men Sack üö2r seine rechte Schulter, wobei ihr die langen Haare bis zum Boden KONZERTDIREKTION I RICHARD LANYt WIEN BBttlerer Konzerthaussaal SopBfajf, den 6. Februar» halb 8 Uhr abds. VORLESUNG DR. PRÄGER Jüdische schwanke (Rosinkess mit Mandlen) aus einer unveröffentlichten Sammlung KARTEN von 70 Groschen bis 5 Schilling bei R. Lanyl 1., Kärntnerslraße 44, Buchhandlung , R. Löwit, I., Rotenturmstraße 22, und Bücherstube Rath, II., Taborstraße 20 ä hevabreichiten, und verschwand mit ihr, während sie immorfort weinte, in dem Gasthof am Platze, wo sie ringemietet waren. Der Student, dem das Benehmen des Mädchens nich-t verständlich war, bemerkte, wie sie wcggetragen wurde; und als er sie über der Schulter des vierschrötigen Direktors der Truppe herabhängen sah, wuirbe ihm unaussprechlich wehe zu Mute. — Am nächsten Tage, noch vor der Stunde der Produktionen der Akrobaten, besuchte ein JsUAmdffsund den Studenten, um von seinem Fenster aus die Kunststücke mit ansehen zu können. Sie sprachen auch von der Seiltänzerin, und der Freund bemerke bald, daß der andere eine tiefe Zuneigung zu ihr gefaßt haben müsse. Endlich gestand es der Student auch offen ein, er habe die ganze Nacht von dom armen Mädchen geträumt, und er könne gar nicht aushören, an sie zu denken. Der Freund war darüber nicht tvenig erschrockene „Wohin soll das führen?" sagte «r. „BcLenke doch, daß das sin Mädchen aus der Hofe des Volkes ist; umhergetrioben in aller Welt; mit wer weiß wie vielen Männern schon verbu'lK gewesen — wie soll das enden? Siehst du denn nrchi,, daß nur der Flitter und das Blechdiadem' dich berückt haben, und daß das schlaue Märchen mit dir kokettiert hat?" Der Student entgegnete: Flitter und Diadem galten mir nichts, besonders, als sie mir nahe stand; sie hat auch gewiß nicht mit m'vr kokettiert; sie. konnte eS ja gar nichtdomt ihre Züge waren so deutlich vergrämt, daß jede Ziererei ausgeschlossen war. Und daß sie aus der Hefe des Volkes und viel umhorgetrieben ist, was soll das machen? Wir können auch nicht sicher wissin, ob sie so sehr verbuhlt war, wie du es annimmst'. im-b:; selbst weM eS wahr wäre, kömtte es mich nicht abhalten, dieses arme Wesen zu bemitleiden und zu lieben. Erinnere dich an das Wort unsives alten Lehrers: „Mitleid und Verbrechen gewisser Art korrigieren die schlechten Zustände der-^esellschaff": ich habe meine Partie beim Mitleid, und aus Mitleid mag auch wohl meine Liebe zu d:m Mädchen stammen." Diese WOrte machten den Freund des Studenten nicht wenig besorgt; er bot alle Redc-gabe auf, um ihn umzustimmen. Und als alles vergeblich war, nahm er seine B-itfliJlJt zur List und sagte: „Ich scho, niemi« Mühe ist umsonst aufgewenLat; es sei denn so! Liebe die Seiltänzerin! Dir wirst aber trotz deiner L-sibe einsehen, baß es bei ihrem Vorloben' nng^eigt scheint, wenigstens o'ne Prclbe mit ihr zu machen und zu erforschen, ob auch sie dich liebt;. denn du wirst dich doch wohl nicht damit begrchgen wollen, sie ohne Gegen!icibe gerne zu haben?" „Nun, und rvas soll geschehen?" fragte der Student. ,/Stelle folgenbe Prcbe mit ihr an: Wenn sie wieder zu deinem Fenster kcmmt, so zeige ihr «ine ganz gleichMti.g'2 Mene unb verlasse mit mir zusammen -das Fenster. Wir werden dann sehen, cö ba§ Eindruck auf sie macht; liebt sie dich, so wird sie sich tief kränken und alles daransehen, mit dir wirber zusammenzukcmmen; und c.«f die eine rder die andere Weiss wird ihr dies, wie jedem Frauen^'iwmsr. das sich etwas fest vomimmt.. gewiß geüi'n'g.en. Dann hast du den Beweis ihrer Gegenlirlöe g-ewrmnen imd kannst sie beruhigt weiter lieben." Anfangs wollte der Student diesem Plane durchaus niicht Anstimmen; er befürchtete, es werde dem Mädchen zu wehr tun, wenn or es von sich stoße; sein Freund aber machte dazu «eine so überlegen satirische Miene, daß der Student eingchchüchtort wurde und es doch für geraten fand, auf den Vorschlag e'mzugehen. Eben war das Gespräch zu Ende, La begann wieber die, Produktion auf dem Seil. Die Tänzerin kam auf den SfHauplatz, trat mit festen Schritten zimr Gerüste und schritt rasch und munter das Seil hinan; -man sah' ihr an, sie konnte es kaum erwarten, himaufzukommen. Mas hat doch heute das Mädchen?" fragten einander die Zuschauor; „gestern weinte und schluchzte sie, heute stral/t sie vor Freude» und eilt auf das Seit hinaus, wähnend sie gestern nicht flchnell genug herunterkommen konnte!" ,^err Direktor." wandte sich einsc der Orts- Honoratioren cm diesen, ,-was war gestern mit dem Mädchen vorgegang,en? Heute ist sie wir, auisgewechselt." „Ich konnte nichts ans ihr herausbringen," antwortete der Prinzipal, „ich bemerkte nur, daß sie Ijentte nachts bis gegen den Morgen hm immerfort geweint hat, daun aber wurde sie mit einem Mala ruhig und' slÄief ein. Singend stand sie heute aus, ivas ich noch' nie an ihr brmerkt habe, und den ganizen Tag über war sie munter und guter Dinge." Fn der Tat sprang das Mädchen mehr, als sie ging, das Seil hinan, nahm rasch die Balancherstange -in dis Hände und schritt, st:ts Las Gesicht nach jenem Fenster am Seilende gerichtet, cklaftifch und seD-ftbewußt die Bahn entlang. Als sie an das Sa:lende kam, fand sie das Fenster wieder von dem Studenien besitzt; seinen Koll'Mr, -der hinter ihm stand, bemeickte sie anfangs nicht. Schon in einiger Entsirnumg zeigte sie deur jungen Manne «an lü'öerau-s freundlich «3 Angesicht und sah ihn dann, a'Is' sie sich niedersetzilie, mit bclseligter und lächelnder Miene so an, als ob sie einen allten Freund Wiedersehen und' auf irgendein liiebevolles Zeichen cider eine solche Äeußerimg von ihm warten würde. Der Student war ganz ergriffen, und eine Träne kam ihm -in die Augen. Sein Kollege jedoch, der Ute liebliche Miene der Seiltänzeivin als einen Kunstgriff betruHtete, mit dem sie den Studenten erc6>:rn wolle, stieß diesen in die SeÄe, um ihn an ihren Pl'an zn erinnern. ,^omm," sagte er zu ihm, ,/ch w'ü dir etwas zeigen", und zog ihn, der hierzu eine sehr finstere Miene machte, vom Fenstar weg in das Innere dir Wohnung. Als nun das Mädchen die finstere Mene des Studenten bemerkte, glarbte sie, e>s g'tlte ihr; und als er gar vom Fenster wegging und sie ohne jedes freundliche .Zeichen verließ, blieb sie einen Augenblick wie persttinsnt auf ihrem Platze Sie mxkic eine Zeit, ob er nicht doch wiedevköhren werde, und als das nicht gchchah, stand sie rasch aus, trog die Balancierstange mrchayisch in ihren Händen und schritt mit furchtbarem Emst langsam mD nachdenklich aus dem SM zurück. Wie geistesabwesend ging sie Len gefährlichen Weg weitvr, immer langsamer, immer "langsamer, das. Bild des jungen Menschen im Kopf». der ihr zuerst, wie oin Srlösir erschienen war und sie numnehr wieder in ihrem Elend allein ließ. . s Sie fühlt? einen vernichtenden Druck auf ihrem Herzen und, ihrer sÄbst nicht mehr mächtig, warf-sie, ungefähr in der M'tte des W:«g,rs angekommen, plötzlich die Balanciorstanga weg un«d stürzte sich auf das Pflaster herab. Der allgemeine Aufilchvei d?r Zuschauer rivf den Studenten wisch zum Fenster und da sah er, wie das Mädchen unten auf dom Pflaster lag und sich nicht

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