Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2839 (23.1.1927)
- Date
- 1927-01-23
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2889 Wien, Sonntmg Wiener Msr-enzeißnng 23. Jänner 1927 Gelte 9 Das Buch der Zeit LJTEB ATURBEIIAGE DER ."WIENER MORGENZEITDNG‘ Abenteuer Im Buch ^ean sollte meinen, der große Krieg habe die aus- ^.oeisende Ercebnisgier des Menschen gestillt, aoer erst nach ihm brach die anscheinend unstillbare Sehnsucht nach Abenteuer im Zeitgenos>en aus. Man verschmäht den Roman, die knappere Novelle, man sucht das Fieber der Reiseo.schreibungen, die unerhörten Äträpazen der Expeditionen, die Erstajen heißer Inseln, fremder Völker oder die Wunder und Visionen ent,esselter Phantasie. Der Spürsinn einiger Verleger erfaßt das und gab dem Volk, was rs begehrte. Sofort stellte sich alles darauf ein. Der Rest des Publikums sowohl wie der Verlegerschast. Das Ereignis dieser Literatur ist aber, daß sie gut ist! Es sind Meisterwerke geschrieben oder neu entdeckt worden. Man kann nächtelang im Buche ausschweifen ohne ftatzenjammer, Reue und Beschämung: es warön Dichter und Denker, dercn Gesellschaft Rausch und Entrückung bedeutete. Ein Roman „Das Indische Wunder" von Ludwig von Wohl (ft!. F. Kachler, Leipzig) geht auch dem bequemsten Leser leicht ein. Künstlerische Ansprüche muß inan hinter sich lassen — vielleicht aufatmend —, aber dann, unbefangen, vorurteilslos-wird man von diesem rasenden Buch durch Meere und Länder geschleift, von Opipmhöhlcn bis in den ewigen Schnee des Himalaya, von pompösen Soupers bis in Leprakrankenzellen, von Mord bis Heiligkeit. Im Tempo eines 'entfesselten Films rast das Buch ab, glänzende Kolpor.age von heute. Und sogar noch mit Geschmack geschrieben, selbst im höchsten Elan nicht die Haltung des Wortes, die Scheu vor der Phrase verlierend. Ein Abenteuer anderer Art ist es, das Mussolini-Buch der Mar g h e r 11 a Safratti zu lesen (Paul List, Leipzig). Welche Einstellung man auch zum Duce haben f mag, hier handelt es,sich darum, endlich einmal unpolitisch zu. sein, endlich einmal einer Persönlichkeit sich aus- ' liefern zu können. Es ist gleichgültig, wie man nationalistisch zu ihm steht: Mussolini ist ein Mann! Em ganz großer Kerl, ein Kopf, eine Leidenschaft.. .Einseitig, ja. Aber nur nach einer Seite kann Genie sich entfalten. Und sein' Leben — in diesem edlen, freundschaftlichen (nicht verliebten!) Buch einer Frau, einer Mitarbeiterin, geht einem aus wie ein wunderbares, großes Abenteuer des Geistes, der Energie, der Zielbewußtheit. Je mehr er Mensch wird, Mussolini, desto größer erscheint er. Unbedingt ein Verdienst des Buches, das zugestandenermaßen den Klatsch ebenso benötigt wie die geistige Einfühlung, das Anekdote und Seelenbelauschung entzückend (eine Frau schreibt!), miteinand.r mischt. Ein Buch von stürmischer Lebendigkeit, von heißem ‘ Atem. Mussolinis Atem selbst ist darin. Es wird Helsen, diesem' großen Mann auch beim Gegner Liebe neben Achtung (ich denke, die hat jeder Anständige vor ihm!) zu gewinnen. Wirklich, es bleibt das abenteuerlichste Erlebnis, in einen Menschen hinabzusteigen, an den Fenstern seiner Seele zu stehen, hineinzuschauen, wo Götter mit Getier, Dämon mit Geist ringen. Alfred Kubin bannt uns' magisch, wenn er sein Buch „Dämonen und Nachtgesichte" vor uns aufschlägt (Carl Neißner, Dresden). Er erzählt sein Leben, das heißt: Weg und Irrweg feines Lebensgefühles, Begegnungen mit dem Ewigen und Zufalls-Gespenstischen, Ekstasen seiner Stimmen und Gesichte, die Entwicklung eines Denkers, Tllasters, Geistersehers und Kunstgestalters aus dem Chaos des Menschlich-Sinnlichen zum schaubar Metaphysischen. Die Entfaltung solchen Daseins ist Belehrung, Einblick in garstig Kosmisches ohnegleichen. Ein Abenteuer höchster Gattung. Auf sein Wort läßt Kubin dann das Bild folgen, hundertdreißig Reproduktionen von Bildern, Zeichnungen, Lithographien, in denen Traum, Vision, geistig«: Erkenntnis, seelischer Konflikt Gestalt gewinnt, die erschreckt und zugleich eigene Wirrnis löst. Unvorstellbares, Mystisches, Begriffliches kann dieser einzige Künstler in Form auÄrückcn. Er zeich-' net Träume, und sein Strich ist schon Deutung. Er malt ein Haus — und wie der große Dichter Hinter den Worten das Unsägliche schwingen läßt, so ist hier Mauer« Dach, Fenster von offenbarem Geheimnis erfüllt. Er illustriert Strindberg, und des Dramas letzter Tiefsinn geht auf. Das Innerlichste stülpt sich nach außen. Es ist ein Erlebnis, Schauers und Schauderns voll. Grauen und Ehrfurcht. Angst und Freude. Wie es immer das Begegnen mit Genie ist. Kurt Münzer. Stevensons neuerschleneneu Romane „Entführt" und „Der Junker von Ballantrae" wurden kürzlich hier besprochen. Inzwischen ist uns die „Schatzinsec" (Verlag I. C. C. Bruns, Minden in Westfalen) wieder zuaellommen, die Erzählung der Abenteuer des jungen Jim Hawllns, die Stevensons Ruhm bei der jungen Leser- Welt fest begründet hat. Die Vorzüge der Erzühlungskunst Stevensons, die Frische, Anschaulichkeit und rascher Fort- «der Handlung zeigen sich hier in einem seiner frühesten 'e bereits vereinigt. Ei» «euer Roman von Kurt Sounenfeld. Im Verlag Mäximilian Salzer, Wien, Leipzig, Stuttgart, erscheint demnächst ein neuer Roman „Der rote Schleier" von Kurt Sonnenfel d. »Sr urt Mensch. Das Thema vom schuldigen Müschen und dem unschuldigen Tier wird seit dem Dschungelbnch Kiplings von vielen, haupt.ächlich angelsächsischen Dichtem behandelt und alle tun dies in einer herzenswarmen, anmulenden Form. Im Vorjahre konnten wir hier von dem Hundewolf Blitz Erwähnung tun. Der Amerikaner Curwood") hat sich das sogenannte wilde Tier gewählt, das in feiner vollen Freiheit und Ungevundenheit dahinlebt, solange, vis das wildere, zweibeinige Menschentier in seine Nähe kommt. Alle Unbefangenheit schwindet; die Kreatur, die Gottes ist so wie der Mensch, wird geplagt und gepeinigt. Der Mensch, ihr überlegen durch Millen und psychische Anlage, geht mit ihr nicht anders um wie mit seinesgleichen. Er hat aus der Freude am Morden eine Wissenschaft gemäßst, in der er auch an daS Tier nicht vergessen hat. Biele tausend Lieder und Historien aller Sprachen und Rassen besingen die Jagd, sogar Denkmale sind solchen Jägern gesetzt worden. Stellt man aber dem Menschen das Tier gegenüber, dann, wird der Unterschied offenbar vielfach in einer für das herrschende Geschlecht beschämenden Deutlichkeit. Thrr, der Grislybär, bummelt in der Harmlosigkeit seines Wesens durch die Sommerpracht der kanadischen Berge. Gutmütig erbarmt er sich eines verwaisten Bärenjungen Musqua, nimmt es mit sich und lehtt es die Sitte ^er Bären. Thrr vergißt erst an das Adoptivkind, als ihn die Liebe packt und ihn zu einem beschleunigten Marsch nach dem Norden zu seiner ihm entgegeneilenden Gattin?Skvaoo zwingt. Eine Jägergesllfchast überfällt den Ahnungslosen; er wird angeschossen, entkommt jedoch. Auf dem Rückmarsch treten ihm wieder die Menschenfeinde entgegen. Er wird mit Hilfe einer Hundemeute gejagt, trifft auf der Flucht einen der Verfolger, der schreckenS.'tarr sein lefstes Stündchen gekommen sielst Der riesenhafte Grisly, •) Oliver Curwood „Thrr,'devGrislybär". Kosmos Gesellschaft der Naturfreunde (FrancksHe Verlagshandlung Stuttgart) .... I!! Nur mehr wenige Exemplare vorrätig!! für unsere ♦ ♦♦♦ ♦ ugend * ♦♦♦ ♦ Schalom Asch ♦| Kleine Geschichten aus der Bibel S 3.— Baerwald ♦| Die Arche Noah ( David und Goliath | Biblische Schattenspiele . . . S 2.— R. Hirschfeld ♦| Saronsrosen. Erzähl. u. Gedichte S 5.—- Steinhardt>Klötzel ♦| Das jüd. Jugendbuch, reich illustr. S 5.— Klötzel ♦| Moses Pipenbrinks Abenteuer . S 2.— Pulvermann ♦| Festgesch. für die jud. Jugend . S 2.— Adele Sandler ♦| Bilderbuch, Bilder, Ve:se etc. unzerreißbar.. S 4.— Jüdische Jugendbücher ♦| 8 Bande komplett , . . .8 5.— BUCHHANDLUNG R. L Ö W I T, W I E N9 L ROTENTURMSTRASSE Nr. 22 neben bem bet Mensch wie ein Zwerglein aussieht, brummt ihn an und geht weiter. Diese Großmut, die mehr Verachtung ist. kann der Jäger nicht unerwidert lasten. Ei: rettet Thrr das Leven und reitet davon, nachdem «r noch dem in Gefangenschaft geratenen Musqua wieder die Freiheir geschenkt hat. Die Geschichte liest sich hübsch und leicht. An manchen Stellen, so bei dem Kampf des Bären mit einem Konkurrenten, der ihm das Fleisch gestohlen hat, nimmt die Darstellung sogar kräftige dramatische Farbe an. Gute Federzeichnungen sind über das Buch verstreut und markieren die lebensvolle Schilderung. l. Mdlschr Romane. S. Lewin: Zeitwende (Verlag der Soneino-Gefellschast, Berlin). — S. Poljakoff: Sabbatai Zwt (Verlag Der Heine- Bund, Berlin). Ein wenig bekanntes Werk der jiddischen Literatur wird von der Soncino-Gesellschast der Freunde des jüdischen Buches in deutscher Uebertragung dem Leserpublikum vermittelt. „Zeitwende" von Samuel Lewin ist eine umfangreiche epische Darstellung der inneren Umwälzungen im jüdischen Leben, wie sie in der Mitte des 19. Jahrhunderts begannen und sich immer stärker fühlbar machten. Der künstlerische Vorwurf ist mächtig, denn die kulturelle Revolution des Judentums' im Osten, die, auf die Verbreiterung des Kulturinbaltes nach der Profanseite hin gerichtet, im 19. Jahrhundert einsetzte und bis heute eigentlich noch nicht abgeschlossen ist, bildet gute Grundlage für große epische Gestaltung. Die Durchführung, wie sie Lewirr im ersten Teile seines Romanes (bisher ist erst dieser erschienen). bietet, ist mehr quantitativ, breit ausholend', sorgsam malend, in mancher Beziehung von MendÄa Mocher Sforim beeinflußt, ohne daß sich jedoch mit der von' ihm hergeholten naturwissenschaftlichen Genauigkeit der Schilderung auch die künstlerische Intensität in vollem! Maße verbinden würde. Der starke Ronvanband ist drucktechnisch hervorragend hergestellt; ob er für den Buchliebhaber als der Typus des modernen jiddischen Romans gewählt werden mußte, ist noch fraglich. > Der Heine-Bund, eine nach dem Muster der deutschere Buchgemernschaften organisierte jüdische Buchgemeinde, hat als ersten Abonnement-Band für seine Mitglieder einen Sabbatai Zwi-Roman des russisch-jüdischen Schriftstellers S. Poljakoff herausgebracht. Der dankbare jüdisch-historische Stoff vorn falschen Messias Sabbatai Zwi wird von Poljakoff in einer psychologischen und soziologischen Analyse episch verarbeitet. Als Sabbatai Mrs! Gefährtin wird eine Art weiblichen Kaspar Hausers neben den Propheten gestellt. Die SchiLerung des sabbatianischen Zeitgemäldes ist eindringlich, vielfach von wohläbgewogener Genauigkeit in der Verknüpfung von Wirklichkeit und Wunder. Mag sein, daß dabei manchmal der leuchtende Glanz jener Epoche, der, mochte er auch auS falschen Steinen strahlen, doch ein starkes Leuchten'war und zugleich Wetterlerrchten für kommende Zetten, zu stark verdunkelt wird. Dennoch interessiert das (ebenfalls vornehin! ausgestattete) Buch, das dem bekannten Stoff neue, interessante Seiten abzugewinnen vermag. S. S. Carl David Marcus. Knut Hamsun. Eine BiaaväpW. Hören-Verlag, Berlin. Die erste deutsche Biographie des großen noroi,chen Dichters, wie der Verlag pompös an- Mnoigt, wird vielen Freunden der Hamsunschen Poesie ein braver Behelf sein, eine Biographie im Sinne literarhistorischer Menfchengestaltung ist sie leider nicht. Weder das rein levensöeschreibende noch kritische Material geht in die Tiefe. Man erfährt nickst, wieweit das kleine Norwegen in Hamsstn als dem schöpferischen Geist eine Rolle spielt. Man spürt auch nicht die Atmosphäre des Dichters. Hamsuns singuläte Persönlichkeit in der Weltliteratur erscheint überhaupt nicht dargestellt. Das Mysterium Hamsun wird aus dessen Werken leder selbst sich erstehen lassen. or. Ludwig Anton. Der Mann im Schatten. Roman. Verlag Georg Westermann, Braunschweig. Man sei nickst entmutigt, wenn man „wieder einmal" auf einen Napoleon-Roman stößt. Hier gcht die Gestaltung über ein einmaliges Geschehen in der Weltgeschichte hinaus. Der tragische Held, der im Schatten neben Großen steht, bekommt in aller Bürgerlichkeit Größe und Tiefe. Hauptmänn Bonaparte, General, Konsul, Kaiser — hier wird dieses Thema reflektorisch abgewandelt. Historisch gut fundiert (Briefe Napoleons an seine Geliebte Gräfin Walewska, Akten des Falles Dr. Gall), flutet der Roman breit un > wuchtig dahin. Epische Kraft zeichnet schicksalhafte Fügu' r maßvoll. Der Atem gcht dem Leser aus, nicht dem Erzähler. v. r. BÜCHEREINLAUF. S. Poljakoff: Sabbatai Zwi (Roman). Der Heine- Bund, Berlin. Eberhard Büchner; Medien, Hexen und Geisterseher. L'" ’ Albert Langen. 'München. „ * euer "Beiträge zur'Kunst und Kuttwr Asiens (Jahrbu.< .es Vereines her Freunde asiatischer Kunst und Kultür in Wien 1995/33), Band I. Krhstall-Verlag, Wiest. Dr. Albrecht Wirchr Männer. Völker und .Zeiten (Eine Weltgeschichte in einem Bande). Verlag Georg Westermann, Braunschweig und Hamburg.