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Wiener Morgenzeitung · 1927-01-19 · Heft 2835 (19.1.1927) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2835 (19.1.1927)
Date
1927-01-19
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Wien, Mittwoch Wiener Morgenzettn»- 19. Jänner 1927 'Seide 7 Nr. 263-', Sühne «nL Kunst. „Prokurist Poldi." Rolandbnhne. Die Wiederb Segnung mit diesem vortrefflichen Jargon-Lustspiel von Armin - Friedmann und Ludwig Nerz macht Freude. Humor,, einige gut gesehene Typen aus bem Kanfinantlsleben (dort, wo es noch Tradition hatte, alte, brave Hausärzte und Provinzkunden),-Geschmack, Gemüt, ja sogar eine richtige .Handlung. Hingegen 'lägt es zwei Qualitäten aus der Eisenbachzeit — Zote und Selbstbeschinuhung — durchaus vermissen. Im -Mittelpunkt dieser Aufführung steht der greise Doktor Ritzky S.igi Hofers, eine Prachtfigur, rundherüm mit Gemütlichkeit gepolstert und von den platten Sohlen bis zur mächtigen Glatz-e mit Menschlichkeit gefüllt, nicht aufs Reißerische angelegt, nicht mit Witzracketen operierend, sondern eine ganz große, eine meisterliche Gestaltung, etwa den Erzählungen Leopold Komperts entstiegen. Neben ihm sind der amüsante Georg S ch r e ck e r, die muntere Paula Waiden, die anscheinend sehr begabte Grttl Westermeyer und Herma Tesar besonders zu loben, aber auch die anderen Mitwirkenden bestehen in Ehren. Aus Stück und .Darstellung strömt echte, warme Heiterkeit, die nicht mit dem letzten Fallen des Vorhanges verpufft. Man nimmt {1? ans dem Theater mit, sie Mt an, wie die Wirkung ir>: guten, alten Hausmittel, welche Doktor Ritzky seinen Patienten verschreibt. O. A. Hasta«, der Schwärmer. Die erste Wiener Erstaufführung einer Oper durch das Radio! Zunächst vermißt man natürlich in der Radiottehertragung der Oper von Wilhelm Kienzl die Szenerie aus „Tausend und eine Nacht", die Menschen und, ihre Kostüme, ihr Mienen- und Bewegungssplel. Hassan/der Schwärmer, der arme Schuster aus Bagdad, der feinen Wunschtraum, Kalif zu werden, auf Befehl des wirklichen ir'alifen .für einen einzigen Tag erfüllt sieht, wurde von Herrn G a l l o s recht munter, gesungen, die stbrigen Sänger gerieten durch die Launen, des Radio ein wenig ins Hintertreffen. .Kienzls Musik erfreutdurch ihre einfachen melodischen Linien, sie ist volkstümlich und - anspruchslos.. Durchaus anspruchÄos ist auch Kienzls orientalisches Kolorit, es sind nur wenig umgewandelte österreichische, ja wienerische W'isen, welche in der Residenzstadt Bagdad am Hofe‘ des Kalifen erklingen. Die harmlose Geschichte von Hassans Liebesnat und Hassans modernen Volksbeglückungsi dealen wäre vielleicht ein Volltreffer für unsere Volksoper. Im Radio, so wertvoll es auch als Volksergiehungsmittel ist, gewinnt man ja vorläufig doch nur die eine Hälfte des musikalischen Dramas, insolange nickt Fernphoto und Fernkino das Klangbild durch das optische Bild zu ergänzen vermög'N. . ilb. Aus den Theater«. Burgkheater. Morgen, halb 8 Uhr, „Vokpone". Opernth'eäter. Morgen, 7 Uhr, „Der Freu U| q U § o p e rj Morgen „Die fch 3 n e Hel ena"., Akademietheater. Morgen, halb 8 Uhr. „Strefmama" (Abonnement 2. Gruppe). „ Raimundtheater. Samstag und Sonntag nachmittags 3 Uhr Märchenvorstellung „H ä n s e l n n d G r e t e l"; täglich, halb 8 Uhr, „Di e Z i r k u s P r i n z e s f r n". Frau Rolaud und das Burgtlieater. Der Vertrag mit Frau Jda Roland ist am 16. d. M. abgelaufen. Die Künstlerin tritt auch seither im Burgtheater nicht mehr auf. Wie nun die „Korr. Herwei" von informierter Seite erfahren haben will, bemühe sich Generaldirektor Schneid-rhan. die. Affäre R o l a n d—H erterich beizulegen. Dies' geschieht auf Wunsch maßgebender Stellen, die davon unangenehm berührt seien, daß diese Angelegenheit durch das Bekanntwerden einzelner Details einen antisemitischen Anstrich erhalten hat. Die NolandbÜhnv von den Hakeickreuzlern übernommen. Die Deut sch e. K u-n stgemeinschaft, eine Gründung der Wiener Hitlerleute, hat den Betrieb der Rolandbühne in der Praterstraße übernommen. Die Eröffnungsvorstellung findet am 28. Jänner statt. Zum Leiter der Bühne wurde der Direktorstellvertreter der Exl-Bühne, Hans H e r d e g e n, bestellt. Maske und Persönlichkeit. Der Verfasser der bielgelesenen Werke „Brevier für Weltreute". das „Land ohne Musik" und der „Sinn der Astrologie", Oskar A. H. Schmitz, wird heute über Einladung des Kulturbundes im Vortragssaal, 1. Bez.. Annagaffe 6. um.halb 8 Uhr. über „Maske und Persönlichkeit" sprechen. Gäste willkommen! Wiener italienische Gastspiele. Das „T e a t r o d e i Piccolo" wird anfangs Februar in den Wiener K a mmersprelen gastieren. —An derselben Bühne spielt im März die gegenwärtig'größte Bühnenkünstlerin G r a m m ät i c a mit ihrer Truppe. „Die Jagd Gottes", das Drama Emil Bernhards, dessen ostjüdische Legende „Die fremden Jahre" gegenwärtig' in unserem Romanteil erscheint, geht nach der vorjährigen Frankfurter Uraufführung in dieser Spielzeit am Berliner Deutschen Theater i.n Szenp. Die männliche Hauptrolle spielt Jakob F e l d h a m in e r. Das Werk des Dichters — es Ist der Berliner Rabbiner Emil Bernhard Cohn — wurde in der ..Wiener Morgenzeitung" eingehend gewürdigt.-Auch einer der bedeutendsten Szenen des Dramas haben wir veröffentlicht. Serichtssaal. das Urteil im Welß-Auchr-Prozeß. Die Nichtigkeitsbeschwerden des Alexander Weiß und der Staatsanwaltschaft verworfen. — Das Urteil gegen Artur Fuchs aufgehoben. Nachdem Dr. Josef Stein die Nichtigkeitsbeschwerde für Artur Fuchs begründet hatte, indem er ausführte, daß Fuchs nach den Zeugenaussagen aus der Intervention bei Castiglioni für sich keinen Vorteil.gezogen habe, verkündete der Vorsitzende nach längerer Beratung in dem Kassationsprozeß Weiß-Fuchs das Urteil. Die Nichtigkeitsbeschwerde des AlexanderWetß und. der Staatsanwaltschaft wurde ab gewiesen, dagegen der Nichtigkeitsbeschwerde des Artur Fuchs Folge gegeben und b ,t e Strass ache z u r neuerlichen Verhandlung, au die erste Instanz zurückverwiesen. In der 4 Begründung führte der Senatsprüstdent Dr. S m o I r k - F r n g e r aus, daß Weiß dadurch, daß er sich mit den von Castigliom angebotenen 16 und später 20 Millionen nicht einverstanden erklärte, sondern mehr Geld verlangte, den Schacher in einen erpresserischen Schacher verwandelt habe, der alle im Gesetz aufgezählten Merkmale des Verbrechens der Erpressung an sich trug. Hätte sich,Alexander Weiß mit dem ihm angebotenen Betrag begnügt, so wäre nur eine passive Bestechung vorgelogen. Auch im formellen Sinne ist das Erstgericht. vollkommen korrekt vorge-gangen. wenn auf die Einvernahme Eastiglioms verzichtet wurde. Die Abweismrg der Ni chtig ke itsbes chwer d e der Staatsanwaltschaft wurde damit begründet, daß die der Nichtigkeitsbeschwerde zugrundegelegten Annahmen als unrichtig angesehen werden mußten. - Der Nichtigkeitsbeschwerde -des Artur Fuchs wurde statt gegeben, weil sich im Urteil ein Widerspruch befindet, indem an einer Stelle angenommen wird, daß Fuchs nurBotengänge gemacht habe, während an einer, anderen Stelle davon gesprochen wird, daß er mit Weiß einverstanden war. Tatsache ist, daß sich das Gericht der Erwägung nicht verschließen konnte, daß das Urteil g e g e n Fuchs nicht aufrecht zu halten war und daß er üb?r die b l o ß e V e r m r t t l u n g eines Gespräches nicht hinausgegonpen war. Ueber die Berufung gegen das Strafausmaß für Alexander Weiß beriet der Oberste-Gerichtshof sodann in geheimer Sitzung. Das-Urteil wird rm fchnf-tlichen Wege erfolgen. CHINA~WS1N MIT EISEM BEWÄHRTESTES KRÄFTIGUNGSMITTEL UR SCHWÄCH II CH E b.REKONVAIESZEMTE „Oetauitet gude" ist für einen Saiten eine Ehrenkünkung. Aus W <r r s ch a >rt wird nn§ terichtet: Der Oborft-e Gerichtshof h-a-t-w dieser Tuge in einem Prezeßfall d-ie Frage zu entscheiden, ob der Vorwurf gegen einen Juden, daß er gerauft sei, eine Ehreirbelcidigung sei und den Betreffenden in seinem wir-tfchasilichcn um? gesellschaftlichen Fartlommerr schädigen könne. In der ersten Instanz wurde der Beklagte wegen Ehrenbclcidrgun-g zu zwei Wochen A rre st verurteilt. " Appellsenat heb in zweiter Instanz das crstrichderliche Urteil auf uns sprach den AngeFlagien frei, da Dct liebevtui-tt von einer Rclichou zur anderen in Polen zu den gc-N'ährlciste-ten ttiechten der Staatsbürger gehöre. Vor dem Obersten Gerichtshof vertrat -der Amvalt des Klägers den Stand-Punkt, Laß es feinem Klienten auf den pnuzipichlen Gesichtspunkt ankomme und er es nicht gelten lassen könne, daß die gegen ihn vom Veklagterk nusgestreute Behauptung, er sei ge-taufi, keine chrenrühcige Kränkung bedeutet. Wenn jemand vorn Ch-riskensum zum Judentum Übertritt, sei es klar, >laß jede VerbefferLung seiner inaterielleit Lage ausgeschlossen ist. Wenn aber ein Jude zuin Christentum Übertritt, schwebe' ihn: sicherlich immer der Gedanke an materielle Vorteile vor Augen und das setze ihn in deic Augcrr seiner Mitmenschen und besonders der jüdischen Gesellschaft herab. In dem- Milieu, in welchem sein Klient aufwuchs und lebt, wird die Flucht aus dem Judentum als das schmählichste Verbrechen angesehen. Auch die Prostitution sei gesetzlich nicht verwehrt und da soll es keine Boleidigung sein, wenn man von einer anständigen Frau verbreitet, daß sie Prostituierte sei? Zur Zeit der Zarenherrschaft wurde in Polen jeder Pole, eer den russisch-orthodoxen Glauben annahm, als ein Verbrecher und Verrräter tvrtb eine Schande für die Familie angesehen, weil es jedem klar war, daß die Tat bloß wegen materieller Vorteile begangen wurde. D n sselbe gilt auch von dem Juden, der sich taufen läßt. Nach dom Plädoyer des Staatsanroalts und einer kurzen Beratung des Gerichtshofes verWndete der Vorsitzende da» Urteil, wonach die Beschwerde des Klägers als bcgründet anerkannt, das Urteil der Zweiten Instanz aufgehoben und die Angelegenheit zur neuerlichen Behandlung durch einen anderen Senat an die Zweite Instanz z urückgeleitet wird. Mit dieser Entscheidung' sprach das Oberste Gericht in Marschau Es, daß die Bezeichnung „gr tauftet Jude" für einen Juden eine EhrenLrankun-g sei. aoaefteoeaoeooeewftaeqeegaaoaaee gte^aooooeooooeeoeoeoaeooooeooeeeoooeoxMwmeeoeoA i i VOLKSWIRTSCHAFT Erhöhung der Mehlzölle? Parlamentarische tzuquete über die Rat der Lanmirtschsst nnd der Msthlenindustrie Unter dem Vorsitze -des Bundeskanzlers Doktor Seipel wurde gestern im Budgedsaal des Parlaments eine Besprechung über die Lage der Landwirtschaft und der Mühlenindustrie abgehalten, zu der mehrere Minister, Vertreter aller politischen Parteien, der Landwirtschaft, der Mlü'hlenindustrie und der Müih-- lenarbeiter erschienen waren. Dr. Seipel bezeichnete als Hauptzweck der Enquete eine Erörterung der Agrarzölle, da wiedevholt hervorgehoben wird, es sei ohne Aenderungen auf diesem Gebiete einy Besserung der Verhält- Nlsse der Landwirtschaft und der Mühlenindustrie nicht zu erwarten. Die Vertreter der Landwirte und der Mühlen» besitzex waren übereinstimmend der Meinung, es müßten Mittel gefunden werden, um ans dem Ausland mehr Getreide einznfüchren rmd die Mehloinsuchr soviel als möglich zu erschweren. Die Agrarier traten speziell für die Abschaffung der gleitenden Getreidezölle ein. Komnrerzialrat Klein (Vertreter der Mühlenindustrie) hob hervor, daß Oesterreich mit ungarischen^ Mehl überschwemmt werde, so daß 60 bis 70 Prozent der österreichischen Mühlen stillgelegt seien. Die österroichischen Mühlen seien nicht rnehr infftande, die inländische Ernte aufFUnehmen; die Folge davon sei, daß in . der letzten Z-it einige hundert Waggons Getreide in die Tschechostowakei gebracht werden mußten. Wenn die Mühlemndustvie evhalten bleiben solle, müsse eine Revision der Handelsverträge vorgenommen werden. Gin starrer Getreidesoll wäre I mit dern Bestände des n n g a r i s ch e it Handelsi vert r a g e s nicht vereinbar. Abg. Dr. B a ue r gab zu böden-ken, ob eine Aenderung des Mehchslles ohne Kündigung des ungarischen Hand elsv ertrag es §r: erreichen wäre. Dr. Se i p e L meinte, es wäre für die MüUew industrie besser, wenn eine fixe Spannung zwischen dem Getreide- und dem Mehszoll bestünde. Dieser Anschannng schlossen sich auch die Mühlenvertreter an. Dr. Seipel bemerkte weiters-, cs sei ga» nicht so, daß än den agrarischen Posittonen nichts geändert werden könnte ohne formelle Kündigung des Handelsvertrages. Es gibt andere Me. thoden, um eventuell zum Ziele zu gelangen Es müsse festgestellt lverden, da-nnt nicht das Wort von der K ü n d i g u n g des Hnndelsver - träges wir ein? Art Schreckgespenst gebraucht werde, das andere Jnteressentengrnppcn zu gcsährden drohe. Der Vertreter der Mühlenarveiter, 'Krisch, er wartet eine wirkliche un>b dauernde Verbesserung d-er Lage der Müülhlenin'dustrie nur vou der Ginführnng des Außenhandelsmonopol, für Getreibe- und Vkehlprvdnkte. Die Mühlenvertreter forderten schließlich -die. selben Schutzzölle für M a h l p r o d n k t e, w i e s i e in De u t s ch l a n d n n d i n d e r T f ch e - ch o s l. o w a k e i b e st e he n. Heute wird die Enquete mit der E r o r i c x u n f de r Vro'hz ö.l'l e fortgesetzt rverden.

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