Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2832 (16.1.1927)
- Date
- 1927-01-16
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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2832 Wiener Mor-en-etturrg 16. Minner 1927 Leite 13 Wien, Sonntag TOIM8IIIKT»CBAfI | Englands wirtschaftliche Interesse« in Shina. Was Europa anläßlich der Schwierigkeiten Englands in China ausführt, ist ein klägliches Bild des Unverstandes und der Verleugnung der eigenen Lebensbedingungen und der seiner zukünftigen Generationen. Das nationalistische Europa, einerlei, ob cs auf den Schlachtfeldern des Weltkrieges mit oder gegen England gestanden,' scheint nachgerade an Verkleisterung der Echirnkanlmern zu leiden, wenn es sich freudig ans den Tag vorbereitet, au dein die Engländer aus Südchina vertrieben sein würden. Die Vertreibung aus Nordchina müßte folgen und es begänne für England der Kampf um die Behauptung seiner iudischeu und mohammedanischen Positron. Bei der so gearteten europäischen Mentalität würde cs selbstverständlich die Erringung des Selbstbestimmüngsrechtes der Indier und Mohammedaner genau sc jubelnd begrüßen, wie es den Sieg der süo- und nordchinesischcn Generäle als Sieg des geknechteten KnliS preist, da dieses angeblich auf der 'höchsten Stufe der luateriellen Kultur stehende Europa keine Ahnung hat von den wirtschaftlichen Grundlagen seiner Existenz. Daß Europa so unglücklich konstruiert ist und Staat gegen Staat steht, my einander diese oder jene wirtschaftliche Konzession äbzuringen, ist gewiß bedauerlich, aber, nicht zu ändern. Die eifersüchtige Wahrung der politisch-wirtschaftlichen, Sondergebilde ist vielleicht mit ein Ausdruck der akti-vistischon Eigenschaften der weißen. Rasse, denen sie bisher die Eigentümlichkeit ihrer Kultur und ihrer Leistungen verdankt. Aber rein aus aktivistischem Tatendrang gehen doch nicht die Europäer nach Uebersee, organisieren nicht die europäischen Staaten, ob klein oder groß, die Handelsverbindungen mit Schanghai oder Dahomey, befördern sie nicht überallhin die Erzeugnisse ihrer in den Fabriken tätigen Arbeiterschaft. 25 Prozent des europäischen Jndustriefloißes im ungefähren Werte von 25 Milliarden Schilling wandern alljährlich nach Uebersee; man nehme Europa die überseeischen Märkte für diese 25 Prozent, lasse China, Indien^ Persien usw. sich von der europäischen Kapitaleinfuhr emanzipieren, begünstige dort Ausstände und Rivalitäten der einander bekämpfenden Generale — und Europa kann 25 Prozent seiner Bevölkerung nicht' mehr ernähren. Mer, fcigt jucm,. diese Waren- und. Kapitaleinfuhr nach den'.überseeischen Ländern geschieht in Formen, die nicht einmal ihren.Jnhalt, die Ausbeutung, notdürftig verhhllen. Das große China, mit einer Bevölkerung von. 400 Millionen Menschen, ist geknebelt, ausgesogen; bei-" nahe alle seine Zölle und. sonstigen Einnahmen sind für bloß 150 Millionen englische Pfund ausmachende Anleihen verpfändet und China verblieb nur der Ertrag einer Surtaxe von 5 Prozent auf alle evngeführten Waren, der sich auf nicht mehr als 20 Millionen Pfund jäbrlich beläuft. Damit sollte China die gesamten Bedürfnisse seiner staatlichen Verwaltung bestreiten; wäre es ein Wunder, daß das geknechtete Volk sich seiner Fronvögte zu entledigen versuch^? Und ist es nicht Pflicht jedes lvahreu Europäers, dem die Freiheit kein leeres Wort ist, dein nach Freiheit strebenden chinesischen Volke alle'. Sympathie.il zu zollen? Wäre das Problem so einfach, wie es von den Ideologen ohne Rücksicht auf die wirtschaftlichen Zusammenhänge formuliert' wurde, so könnte die Antwort ebenso ein einfaches, vorbehaltloses Ja sein. Wenn England seine Hand auf die chinesischen Einnahmen gelegt hat, so geschah dies jedoch nicht allein wegen dex 150 Millionen Pfund, sondern weil diese Verpfändung die Garantie dafür bietet, daß eS für feine alljährlich im Werte von 700 Millionen Schilling nach China einfließenden Waren tatsächlich bezahlt wird. Ein Arrangement mit Schuldnerstaaten hat England stets getroffen, sooft der Schuldnerstäat es tatsächlich zu einer geordneten Verwaltung gebracht hat, die den Kredit- und Warenverkehr schützen , kann.'Schuldonnachlässe sind gewiß oft vorteilhafter als die Bezahlung auf Heller und Pfennig; wenn wie Staaten für den regulären Gang des ökonomischen Lebens Gewähr bieten können, für eine stetige, wenn auch langsame Entfaltung der Produktivkräfte des. eigenen Landes, dann, kann der Gläubiger, der auf einen Teil seiner Forderungen verzichtet, sich indirekt durch Pflege der wirtschaftlichen Beziehungen schadlos halten, bei dem auch der ande.re Partner auf feine Rechnung kommt. Ist China, ein Land, das 60 Prozent Analphabeten zählt, bereits so weit? Man lasse dieses Land die Engländer vertreiben; wird es dann bereits so weit sein, um auf die ausländische. Kapitals- und Wareneinfuhr zu verzichten, wird damit die Aera der englischen Ausbeutung aufgehört haben und eine Aera des Glückes und Wohlstandes für den Kuli hereinbrechen? Oder wird nicht' vielmehr der- Erstarrungsprozeß in China weitere Fortschritte machen, das Volk in dumpfe Willenlosigkeit versinken? Ohne jegliche Berührung mitanregenden Kräften von außen würde ein 400-Millionen-Volk all-, mählich einen; Marasmus verfallen, sich selbst ohne. Nutzen, der gesamten Menschheit aber, die auf die Entfaltung der Kräfte einer Varietät im Kulturprozeß nicht verzichten kann, zum dauernden Schaden. Jene Nasseu, die wie China frühzeitig einen gewissen schwer aus eigener Kraft zu übevlvindenden Sättigungspunkt erreicht haben, bedürfen des Stachels einer aktivistischercn Nasse, der sie jveitec treibt. Es mag dabei nicht ohne Härten zugehen; aber eine Regulierung hier zu schaffen, ist eine der Aufgaben, deren Lösung in den Eigenschaften der aktivistischen Rasse selbst begründet ist. Europa, dessen schadenfrohe Haltung gegenüber den englischen Schwierigkeiten in China sich zum Teil aus Neid gegenüber der Führcrrolle Englands innerhalb der aktivistischeu Nassen erklärt, möge jedoch nicht vergessen, daß kaum ein anderes europäisches Volk die Erbschaft Englands in China (und in der Folge in Indien und Australien) würde antreten, können. Dqr englische Handel in China ist seit Kriegsende von dem amerikanischen und japanischen Konkurrenten hart bedrängt; ec tvar bereits 1023 auf 32 Prozent gefallen gegenüber 42 Prozent vor dem Kriege. Europa verliert überhaupt im Handel mit Uebersee immer mehr, die 25 Milliarden Schilling seines Warenexportes nach den anderen Kontinenten sind ein erschreckender Tiefstand. Es ist Verblendung, zu hoffen, daß wenn England seinen. 700-Millwncn-Schilling- Warenabsatz in China verlieren sollte, dies die europäischen Neider Englands nicht zu spüren bekommen ivürden. -Eine Verminderung der Kaufkraft Englands gegenüber dem Konude ans DER NEUE ROMAN DER .WIENER MORGENZEITUNG“ tinent bedeutete eine Verschärfung der wirtschaftlichen Not in den übrigen Ländern Europas, eine Einengung des inneren europäischen Marktes; einer Schwächrmg der Kaufkraft Englands würde die nämliche Bedeutung zukommen wie der Ausschaltung Rußlands als Konsument — und man sollte meinen, daß die europäischen Nationen wahrlich, schon daran genug hätten! Eine Verdrängung. Englands aus seinen.asiatischen Positionen, wäre vollends der wirtschaftliche^ Untergang des Abendlandes, auf den der geistige und leibliche Tod folgen müßte. Ob Europa seine. Söhne ernähren, .ob. es den künftigen ,.Generationen den Unterhalt sichern kann, das hängt zum größten Teil davon abr ' wie ' England aus den asiatischen Wirren herauskommen wird und ob cs die ungebrochene Kraft der einst aktivistischen europäischen. Rasse bewähren wird. Daß aller--Liese M Verständnis dafür hatwas sich im fernen Asien gegenwärtig abspielt, und noch dem tragischen Scharrspiel des eigenen Unterganges Beifall zollt, ist ein Zeichen, daß es Abend wevden will um dieses in Bosheit und Selbstzerflerschung verkommende Geschlecht, das selbst nicht-leben will, und sich gegen alle, die ihre eigenen Schlachter schlagen, ob in China, Palästina oder Mexiko, in tückischer Selbswerblendung verbündet hat. Es verrät dabei sich selbst und seine Verbündeten. Denn die Durchdringung der außereuropäischen Staaten mit europäischem Einfluß ist zwar notwendig, unr den europäischen Menschenüberfluß Magern zu können.' aber, ebenso notwendig,' um dereinst die außererrropäischen Nassen zu befreien, ein Werk, das diese, nur mit und nicht gegen Europa vollbringen können. n8_ WWW DB® UW ruhmvollen ® Epochen W UW WWW der jüdischen Geschichte in unseren Pr&mlenwetlcen JOSEPHUS FLAVIUS HEINRICH GRAETZ ilita und Franc. Die Lira konnte gestern ihre in den letzten zwei Tagen erzielte Steigerung nicht ganz behaupten. Die Devise Mailand vcrzeichnete einen Kurs von 22.6?r/s gegen 'Zürich und bekundete eine schwache Grundtendenz, die allerdings nicht scharf zum Ausdruck kommen konnte, da die italienische Stützungsaktion fortgesetzt wurde. — Der Franc war bei einem Kurse von 20.63 fest, was vornehuilich mit dem letzten Ausweis der Bank von Frankreich vom 13. d. M. zusammenhängt, der eine neuerliche Abnahme der Vorschüsse an den Staat und des Notenumlaufes verzeichnete. Die Vorschüsse an den Staat , haben sich um 450 Millionen aus 34.55 Milliarden, der Notenumlauf um zirka 790 Millionen aus rund 53.52 Milliarden Francs verringert. Die Liquidation der AnglS'Austrian»Bank. Aus London. 15. d., wird telegraphiert: Die Generalversammlung der Anglo-Austrian-Bank hat eine Reche von Beschlüssen gefaßt, Hie eine freiwillige Liquidation -der Bank vorsehen und kcstsetzen, daß die Aktionäre für 1e vier Aktien der Anglo-Au.st rinn- Bank eine Aktie der Anglo- I n t e r na t i o na l-Ba n k erhallen. Diese Beschlüsse bedürfen noch der Bestätigung einer weiteren Versammlung, die für den 11. Februar anberaumt ist. Das Konzessionsgesuch wegen Errichtung ejn«r Kreditversicherung begegnet ziemlichen Schiwierigkcitcii, da das Aussichtsamt die Verquickung der Lebcnsvcrsicherungsgesellschastcn als Rückversicherer mit dem Krcdiibersicherungsgeschäfte nicht gerne sicht und Garantien gegen eine Schadi« gung der L c b>e n sve r s i che r ungsge sel lschaf- Icn durch d a s K r c d i t b e r s i che r u n g S g e s chä f t verlang:. Auch ist cS, wie feie „Bank- und Börsenzeitung" berichtet. notivendig, gesetzgeberische Maßnahmen für die Einführung dieses neuen Geschäftszweiges bei kSn österreichischen Versicherungsgesellschaften zu schaffen. Diesbezüglich schweben Vechanhiungen zwischen dem AuffichtSarNt und dem Justizamt. Kammersitzung der Wiener Produktenbörse. Mittwoch, den 10. Jänner, findet eine Kammerisitzung der Wiener Produktenbörse mit folgender Tagesordnung statt: Konstituierung des Präsidiums der Börsenkammer durch Wahl eineS Präsidenten, dreier Vizepräsidenten und eines Kassenverwalters, Mahl oer Ausschüsse und Kommissionen für -Ws Jahr 1927; MitteUunacn des Präsidiums; Bericht des EintrittsüberwachungSausschusseS über die Erledigung von Kartenansuchen. . Warensektion der Wiener Börse. In der am 14. Jänner 1627 unter dem Vorsitze des Präsidenten Eduard Medi ng e r und in Anwesenheit des Börsekommissärsstellbertretecs Sektionsrates Dr. Johann Kuttel Wascher abgehaltenen Vollversammlung des Schiedsrichterkollegiums der Warens-vk- :ion an det Wiener Börse, wurde mit Bedauern zur Kenntnis genommen, daß Vizepäsident Julius Stern infolge seiner Wahl zum Präsidenten der Wiener Börse seine Stelle in: Präsidium des Schiedsgerichtes zurückgelegt hat. In das Präsidium wurden nach Verlesung »fees Rechenschaftsberichtes einhellig wiedergewählt: Als Präsident Herr Eduard Medinger, als zweiter Vizepräsident Herr Rudolf Moll. Zum ersten Vizepräsidenten wurde Herr Börserat August Rath gewählt, der seit 28 Jahren Mitglied des SchiedsrichteÄollegiums ist. # Wiederaufnahme der Notierung der Weizenpfanbboiefe in Budapest. Aus Budapest, 16. d., wird telegraphiert: Der Börserat hat in seiner gestern abgehaltenen Sitzung beschlössen, die Notierung der Weizenpfandbriefe, die infolge NatSbeschlusses suspendiert war, wieder einzuführeri, da in letzter Zeit in den sechsprözentigen Weizenpfandbriefen des ungarischen BöfeenLredttinstitutes Schlüsse bovgÄoürmen sind. Die Gctveideausfuhrzölle in Polen. Aus Warschau, 16. d M,, wird telegraphiert: Die Ausfuhrzölle für Getreide 'und Mehl wurden gestern vom Miniisterrat mit 15 Zloty für 100. Kilogramm festgesetzt. Diese Bestimmung gilt bis zum 1. März. Der sozialistische „Robotnik" wendet sich gegen diesen Beschluß des Miniisterrats und erklärt, das einzige Mittel gegyl die Verteuerung «fees Brotgetreides sei M ' unbedingtes Ausfuhrverbot.-.- v-. . Die Staatseinnahmen Polens im Jahre 1926. Aus Warschau, 14. d. M., wird gemeldet: Die Eingänge der direkten Steuern betrugen im Jahre 1626 463,656.000 Zloty, das sind 136 Prozent der im Voranschlag präliminierten Summe, die der indirekten Steuern 137-630.000 Zloty, das sind 136 Prozent des Voranschlages. Von den direkten Steuern ergab die I ndustrie sie ne r 209,783.000 Zloty (123 Prozent des Voranschlages), die Einkommensteuer 104,256.000 Zloty (146 Prozent) und div Grundsteuer 76.195.000 Zloty (162 Prozent). . Wiener Börse.; . . s-p. ■ Der glatte Verlauf der Wocherrbersorgurig regte, die Spekulation zu ■ Meinungskäufen an, die besonders Papieren zustatten' kamen, in denen, wie in Oesterr. Kredit, Felten, Siemens und Semperit, reichsdeutsche Kaufaufträge Vorlagen. Ungarische Werte iendierken jedoch mit Ausnahme von Ung. Hofherr im allgemeinen etwas schwächer. In. der Kulisse . waren zum Schlüsse besonders Oesterr. Kredit und Bankverein sowie tschechoslowakische Montanwerte fest. Im Schranken standen österreichische-Werte im Vordergründe des Interesses. Bodencredrtaktien überschritten den Kurs von 20 S Die dem Konzern der Bodencreditanstalt aN'gÄhöreNifeen Papiere waren bSwrzugt, doch machte sich auch für andere österreichische Kategorien leibhaftes Interesse, gellend. Tschechoslowakische Montanwerte tendierten feist, Berg und Hütten stiegen um 40 auf 600 S>, Nordbähn erreichten den Kurs von 910 S. Auch im Schranken tendierten ungarische Werte irn allgemeinen schwächer. . Da der gesamte Verkehr sich auch gestern auf Dividendenpopiere konzentrierte, blieb der Anlagemarkt vernachlässigt. Im Siel lagen verkehr notierten Per UUmto Jä ritt e r: Oesterr. Kredit 2.20 bis 2.70, Staatsbahn 5.50 bis 6.50, Alpine 6 bis 7, Rima 4.50 bis 6, Salgo 6.60 bis 7.60; ferner per Ultimo Februar: Oesterr. Kredit 3 bis 3.60, Staatsbahn 7.60 bis 8.80, Alpine 8 bis 9, Rima 5.50 bis 6.60, Salgo 8.50 bis 10; weiters per Ultimo März: Oesterr. Kredit 8.60 bis 4.30, Staatsbahn 9.50 bis 11.50, Alpine 9.60 bis 11.80. Rima 7 bis- 8, Salgo 10 bis 12. Kassakurse: Bankverein 11.50, Oesterr. Kredit 16.50. Anglobank 7.70, Unionbank 6.80, Niederöst. Escompte 33.70, Nationalbank 254.—, NoEahn 905.—, Staatsbahn 46.—. Braubaink 27.70, Grazer Brau 132.—, A. E. G. Union 7.95, Brown-Boveri 17.20. Vereinigte Eloktr. 41.10. Elln 40.—,, Oest. Telephon 13.80, Alpine Montan 43.50, Austria Emasi 20.—, Mannesmann 36.—, Schoever Stahl 1.55, Waaguer 12.50, Kabel Draht 21.50, Krupp 30.50, Karpathen 10.20, Neunkirchner Druck 2.30. Teppich Haas 7.50, Etti Ber?el 1.10, Uno. Urprodukt 22.50. Scmborit 2L25.