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Wiener Morgenzeitung · 1927-01-16 · Heft 2832 (16.1.1927) · p. Seite 12

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2832 (16.1.1927)
Date
1927-01-16
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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-3-eih.'!. Wien, Sonntag Wie«« Msrs«^ettm»s 16. Jänner 1927 M. 2832 Bühne und Kunst. Wilhelm Kienzl 70 Fahre alt. xoilh.'lm Kienzl, der noch immer rüstig weitcrschafft, hat ein ansehnliches LebenSwerk hinter sich. Seinen Lehrjahren in Graz, Wien und Leipzig folgten Wanderjahrc über Deutschland nnd Holland, lno er als Dirigent an verschiedenen Opernbnhnen wirkte, und schließlich, die Meisterjahrc, in denen er nnr mehr seinen Tonschöpfungeu lebte. Mehr als hundert Werke hat er vollcndct, Kammermusik und Klavierstücke, Lieder und Orchestcrwerke, die vielfach im Volkstümlichen wurzeln. Er schrieb zahlreiche Opern, wie die indische „Urvast", den populären „Kuhreigen", „Das Testament" und „Hassan, der Schwärmer", ferner das Märchenspiel „In Knecht Rupprechts Werkstatt" und die Tragikomödie „Don Quichotte". Er-bearbeitete ferner eine nachgelassene Oper „Turandot" voll Adolf Jensen. Seine große Popularität verdankt er freilich nur einer einzigen Oper, dem „Evangelimann", welcher im Jahre 1S95 in Berlin erstmalig in Szene ging und seitdem wohl alle deutschen Opernhäuser erobert hat. Die gesunde Rührseligkeit dieser harmlosen Musik mit ihren Volks- und Kinderszenen und der choralartigen Weise des „Evangelimann" hat dem Zahn der Zeit bisher Widerstand ^geleistet. Auch als Schriftsteller ist Kienzl mit Kritiken und stellenweise interessanten Lebenserinnerungen hervorgetreten. flb. »Intermezzo." vperntheater. Richaro Strauß in seiner eigenen Oper auf der Buhne! Nicht zum erstenmal hat der berühmte Tondichter, der so fest in der Bürgerlichkeit verankert ist, das Bedürfnis, uns Einblick in sein Privat- und Familienleben zu gewähren. Es. .ist seine „Opera domestica". eine neuerliche Beichte von seinen ehelichen Freuden und Leiden. Das von ihm selbst verfaßte Libretto ^bringt nach seinen eigenen Worten nüchternste Mtagsprosa,. ein kleines Eifersuchts-Intermezzo, und bietet noch weniger Gelegenheit zu künstlerischem Höhenflug als Strauß' jüngstes Ballett „Schlagobers", der Angsttraum eines verdorbenen Magens. Ob Frau Christine und ob Hofiapellmeister Robert Storch, rekte Richard Strauß, der Wirklichkeit nachgobildet sind oder nicht, ist im Grunde gleichgültig. Es fragt sich nur, öb das Familienidyll wirklich lustig ist. Verdi meinte einmal, man könne alles komponieren, es käme nur darauf au, ob es auf der Bühne wirkt. And da scheint nnr, daß manche Szench.tvie. etwa die breit getretene Skatszene mit ihrem spießerhaft trockenen Humor, viel witziger und ursprünglicher hätte entwickelt werden können. Es scheint mir, daß die Zweiteilung in leichte.Konversation auf der Bühne einerseits und lyrisch betonte, seelisch vertiefte Orchesterzwischenspiele andererseits auf die Dauer ermüdet. Etwa ein Dutzend derartiger Orchesterstücke sind.eine starke Belastungsprobe auf die Aufnahmsfähigkeit der Hörer. Zudem bergen diese Sätzchen nur wenig hochwertige musikalische Substanz, wenn sie. auch Vi.rtuosenleischngen ersten Ranges sind und mit Straußschem Clan unkompliziert und ungehemmt darauf los phantasieren' (oder beinahe improvisieren). Richard 'Strauß kommt es in seiner neuen Oper, tvie er selbst sagt,, vor. allem auf den dem Alltagsleben abgelauschten und nachgebildeten Gesprächston an, der ihm durchaus gelungen ist. Strauß'will dem musikdramatrschen Schaffen einen neuen Weg wessen, den — wie er bescheiden meint — „andere nach mir mit mehr Talent und Glück gehen mögen". Talent und Glück, bisher seine treuen Gefährten, lassen ihn natürlich auch in seinem „Intermezzo" nicht im Stich. Allerdings hat die Ausmerzung aller ariosen Mplodik, welche — abgesehen von dem schonen Stimmungsbild am Bette des Kindes — erst im großen Schlußduett im vollen Goldglanz der Strauhschen Pallette aufleuchtet, da und dort tote oder — sagen wir — leere Stellen und Längen zur Folge. Strauß' neuer Stil, den er schön in der „Ariadne" angebahnt hat, blendet das Orchester ab, verkleinert es kammermätzig und vereinfacht den Satz. Damit will er.die Sänger gegen die aus den Ufern tretende Flut des seit Richard Wagner immer mehr anschwellenden Orchesters schützen,-was gewiß seine Berechtigunghat, zumalin einem Werke, welches nicht pathetische Götter und Heroen, sondern Menschen aus dem Alltag, auf die Bühne bringt. Indessen wollen gerade Gegenwartsmenschen melodisch und seelisch scharf Umrissen, aus Fleisch und Blut lebendig musikalisch gestaltet sein, was dem großen Musikdramatiker diesmal nicht restlos gelingt. Die' bürgerliche Komödie, welche mitunter fast in eine Burleske des Philistertums ausartet. wurde in der Staatsoper von Dr. Lothar Wall erste irr mit einfachsten Mitteln stilvoll inszeniert, von Richard Strauß etwas fahrig dirigiert. Eine Prachtgestalt war Frau Lotte Lehmann als brave, aufgeregte Hausfrau, fein charakterisierte Herr I e r g e r den gutmütigen Künstler, Herr Ziegler als Baron Lummer war der richtige Schachmatikus. Der lebhafte Beifall, welchen das Werk fand, war Beweis für die hohe Wertschätzung, welche man dem gefeierten Tondichter in Wien entgegenbringt. Erwin Felder. »Leouie." Burgtheairr. Dieser Abetrd ist als erfreuliche Angelegenheit des Burgtheaters zu buchen. Entscheidend für den Erfolg (der vermutlich lange anhalten imrd) sind Inszenierung, Ausstattung und Darstellung, welche die Aufnahme des guten, aber recht alten Stückes von Seribe, ja sogar die Modernisierung" durch Leo Lenz rechtfertigen. Der reisigste Bekämvker drs Legenwärtrsen Burgthea^rs wird fein Haar in der Suppe finden. Bor den rühmlichsten Reinhardt-Inszenierungen eleganter Gescllschaftsstücke hat diese Aufführung (Regie Hans Brahm) noch eine Nasenlänge Noblesse und Tempo voraus. Schon die Uebcrlegenheit, mit der Herr Devrient und Frau L cwiuskh den ersten Dialogs anspinnen, Färbung und Wärmegrad des Milieus festlegezrd, ist unvergleichlich. Frau W o h l g e m uth spielt das verarmte aristokratische Mädchen mit den Feenhändcn —.«eine Romanfignr — tatsächlich hoheitsvöll, ihr ’ Partner, Herr 'Henning s, ist von bester Haltung, der brave stotternde Edelmann des Herrn Häussermann ist wirklich liebenswert und seine Angebetete — Frau Mayen — ein ebenso tapferes U-ic anmutiges Mädchen. Der Herzog von Dramont des Herrn Aslan aber uttü die Marquise der Frau Marli erg sind Kabinettstücke. Die humorvolle Nonchalance, mit der Aslan seine Pointen setzt, und die delikat-parodiercnde Aufgeräumtheit der Frau Marberg bringen ttnttme Heiterkeit ins Haus. Auch die Vertreter kleinercir und kleinster Rollen lassen nichts zu wünschen übrig, insbesotidere Frau Wilke als jüdische Bankiersgattin ist von bester Lustspielwirkung. Ein Ausstattungsstück -- aber ivelche Ausstattung! Interieurs, Möbel, Kleider, der Modepalast mit Toilettenrevue — alles glanzvoll und doch tveitab von billiger, reißerischer Kommerzpracht. Ein Abend fürs Auge und doch nicht bloß „zum Anschauen". Diese Regie hat Einfälle (der amüsante stumme, sehr beredte Abgang des Diplomatenpaares im zweiten Akt!), dieses Zusammenspiel, hat Kultur, und diese Aufmachuug hat Geschmack. O. A. Aus de» Theatern. Burgtheaier. Morgen, halb 8 Uhr, .Phäldra" (Theatergemeinde Serie B, blau). Akademretheater. Morgen, havb 8 Uhr, „Spiel im Schlo ß". Operntheater. Morgen. 7 Uhr. zur. Feier des 70. Geburtstages von Wilhelm Kienzl, „Der Evangelimann"; Divigent Herr Dr. Wilhelm Kienzl; Dienstag, .Intermezzo" Rena i ffa n eeibüh ne. Dienstag wird als „Literan- ,cher Abend" das Drama „Richterin Mutter" von Anton Dörfler gegeben. Hanst Niese spielt die weibliche Hauptrolle. Johann Strauß-Theater. Donnerstag, den 20. Jänner, gelangt „Ein Walzer tra um", Operette von Oskar Straus zum ersten Male im Abendspielplan zur Aufführung. B>iS einschließlich Mittwoch gastiert Grumt) K Lisa r h in Szirmai's Operette, „A lexandra" Volksoper. Morgeü, anläßlich des 70. Geburtstages Dr. Wilhelm Kienzls „Der Evangelimann"; Dienstag „Der Kuhreigen". ans 3f£weu%? D E R N E‘> U E ROMAN D E R -WIENER MORGENZEITUNG“ Di« nächste« Novitäten desBurgthraters. Die Premiere von „Der. Diktator", Schauspiel von Jules Nomsins, deutsch von Hans Feist findet Samstag, den.29. Jänner statt. ' Die nächsten Novitäten sind hierauf: Nestroys „Zu ebener Erde und erster Stock", zu dem Julius Bittner eine neue Musik unter teilweiser Benützung der Adolf Müllerschen Motive vollendet hat, dann. „Trieschübel" von Franz Nabl und „Das Genie und sein Bruder" von Sil-Bara. Rilke-Gedenkfeier. Heute Samstag, 11 Uhr vormittags sinder in den 'Kammersvielen Line Gedächtnisfeier zu Ehren des Dichters Rainer. Maria Rilke statt. Die Opcrnrydoute abgesagt. Tie für den 19. Jänner angesagte Opernredoute wird nicht stattfinden; die Generalditektton der BundesLheater teilt mit. daß der Kartenverkauf ungünstig war, und das erhoffte Interesse von auswärts ausblieb. Jüdisches KünstlerkaLarett, 2. Bez.. Praterstraße 60, Dienstag, den 18. d. M., 8 Uhr abends, findet im Rahmen einer Sondervorstellung die Erstaufführung von „Liebe und Leidenschaft", Melodrama in 4 Akten von Zolotorevskh statt. Nana Krieger, die aus der Schule Prof. Paul Weingarten -hervorgegangen ist, gibt am 22. Jänner einen Klavierabend im kleinen Konzerthaussaal. Zur Aufführung gelangen Werke von Bach, Novak, Salmhofer, Brahms und Lißt. Restliche Karte« an der Konzertkassa Guttmann, 1. Bez., Kärntnerring 3. Grundsteinlegung des Palästina-Theaters in TelAwiw. Am 23. Dezember fand in Tel Awiw die feierliche Grundsteinlegung zu einem e i g e n e n H a u se für das palästinensische Theater-Studio (die unter Leitung von Gnesin stehende Truppe, statt. Eine jüdische Thealerzeitschrist. Soeben ist als erste Folge ein Organ des Wiener'jüdischen Schauspielervereines „Jüdisches Theater'', erschienen, .das in jiddischer Sprache geschrieben ist und unter. anderem folgende. Beiträge enthält: „Das jüdische Theater auf dem Scheideweg" von A.'Mttschonin; „Jüdische Operettenmusik" von B. Zawadzkh; „Abraham Goldfaden in' Rumänien" von Sch. I. Dorffohit. Das Jännecheft dieser Monatsschrift bringt ferner Nachrichten aus der jüdischen Theaterwelt, sowie eine Chronik und ist illustriert. WARUM I haben Sie uns Ihr Jahresabonnement noch nicht überwiesen / Auch in Ihrer Bibliothek dürste eines vd. das andere unserer Prämienwerke noch fehlet: Hervorrasiend bewährt zur ttef a«»fntui rheumatischer, rtiriimdKg, «ervSs-r Schmerze« - sowie gegen Kopfschmerze«. tit fiirfnir* tritt eM. setaeschS>»Irf ■aeff. \ * MAI#». - fl ft iutn WtlttVIV« MftWWftftM Rei-ende firhllh ÄMse»! 2» Bez», Taborsfrafie 8 a 40 in feinsten Ledefsorten zu sehr mäßigen Preisen! Inventur-Verkauf in hoch.. wertigen Einzelpaaren F »JO 17.30 tc. 10.30 BOntknaibln. m> III. “ Feinste Werkslät.en*rbeii. MBOiflsto Preise! i Spezialität: Knlettllltte 13 >>UQOOOOOQOGOOQOOQQOOOCOOOOOOOOgXXXXXX ooeaaeaaeoaeaeaeaaaaaaaaaaaaeaeapaeaat SIEGM. KORNMEHL GROSSFLEISCHHAUEREI Zentrale: IX., Bezirk, Berggasse 19, Telephofi 17-3 99 u. 18-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilung für 1^3-Fleisch unter Aufsicht des EhiwQrdigen Rabblnats der Isr. Kultusgemeinde Wien dü IX., Berggasse 15 XVIII., Währlngerstraße 97 Neuer Semesterbeginn! beb. gen. nodistensdiule L»mpcl, I., Rotenturmatr- 31 Lehrzeit l*/a Jahre Prlvatkarae Serichtssaal Ser Menet Mordprozeß. Das Urteil. In später Nachtstunde wurde gestern m Seofiett der Sensationsprozeß gegen die Gattin und Tochter des Gärtners Lindner sowie gegen ihren gemeinsamen Gelievten Georg Sch ui r er zu Ende geführt, die beschuldigt waren, einen Mordvevfuch an Johann Lindner verübt zu haben. UM 11 Uhr trachts verckündeten die Geschworenen «ach zweistündiger Beratung ihr Berdikt. Sie bejahte«' bei Berta Lindner, der Gattin des Gärtners, und bei Schuirer die Mordfrageu mit allen Stimmen» Lei B r n n h i l d e L i n d U c x mit elf Stimmen, billigten ihr aber einstinrmig unwiderstehlichen Zwang zu.. Bei Schuirer wurde ferner die Frage ans Not z.u ch t an der Tochter mit 10 Stimmen bejaht. Auf Grund dieses Wahrsprnchcs wurde Berta Lindn c r M 15 Jahren schweren Kerkers, Georg Schuirer zu 18 Jahren schweren Kerkers verurteilt. Brunhilde Lindner wurde freigesprochen. Der Prozeß Weisz-Fuchs vor dem Lbersteo GerWohos. Am Montag beginnt die für zwei Tage vor dem Obersten Gerichtshof anberamnte BerhaMung über die Nichtigkeitsbeschwerde des ehemaligen Chefredakteurs des „Abend" Alexander Weisz und des Jnseratenbeamten Artur F u ch s. Wie erinnerlich, teure« die beiden von einem Schösfensenat unter dem Vorsitz des Oberlandesgerichtsrates Dr. Dörr wegen Verbrechens der Erpressung, und zwar Weisz zu stebeu Monaten und Fuchs zu vier Monaten schweren' Kerkers, verurteilt worden. Dem Kassätionshofe liegen drei Anfechtungen dieseI Urteils im Wege von Nichtigkeitsbeschwerden vor, und zwar eine Nichtigkeitsbeschwerde des Alexander Weisz, die von Hofrat Dr. Jakob und Dr. Robert Steiner überreicht wurde und die durch Regierungsrat Dr. Sieger mtb Hofrat Dr. Jakob vertreten werden wird, weiter eine Nichtigkeitsbeschwerde des Artur Fuchs durch Dr. Joftf Stein und die NichtigkeitsbesckMrde der Staatsanwaltschaft, die von der Generalprokuratur durch Hofrat Dr. Niggl vertreten werden wird. Sowohl die Verurteilten wie auch die Staatsanwaltschaft haben Berufungen gegen Strafart und Höhe eingebracht« über die der Oberste Gerichtshof, nach Erledigung der eingebrachten NichtigkeitsbesDverden zu entscheiden haben ivird. Finanzjuristen gegen Rechtsanwälte. Bour Vereine der Fknanzjurtsten erster und zweiter Instanz für Wien, Niederösterreich und Burgenland wurde beschlvsjen mit der pafft den Resistenz gegen die Rechtsanwälte erst am 24. Jänner zu beginnen. Es wird jedoch erklärt, daß die Mitglieder, wenn sie schon früher mit der Resistenz etnsetzen, nicht daran behindert werden. Die Gewerkschaft«» der mittleren Steuer- und Gebührenbemejsungsbeamten und der Kanzleibeamten haben de» Beschluß gefaßt, sich gleichfalls dieser Bewegung anzuschttetzen. 3397

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