Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2826 (10.1.1927)
- Date
- 1927-01-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite S Wien, Montag Was KM -er Keren Hajeffod in Palästina? Da- Gchulwerk -es Keren Haieffod hat jetzt für alle ktnder Plan. - WaS in einem Jahre an WirtfchaftSgebLnden n.»d Häusern hinzukam. — Die Zahl der Arbeitslosen und die Bekämpfnna der Aebeit-losta kett. — Die jüdische Vevvlkerang fett 1922 am 89 Prozent gestiegen. Immer größer imnb die Zahl der Inden atttzerhalb Palästinas, welche durch regelmäßige Beiträge an dem derzeit wichtigsten. Fttnmzmstrumerit des Palästina- Aufbaues, dem Keren Hajessod, Leilnehmcn. In den letzten Wochen haben allerorts intensive Bemühungen eingesetzt, die Eingänge des, Keren Hajessod zu stärken. Es ist wichtig, den Freunden des Keren Hajessod über die Gebarung des Fonds Auskunft geben zu rönnen und insbesondere auch detaillierte Nachrichten über die Der wen düng der Keren -Hajess o d - I b e r für den tatsächlichen Auf - bau. o für Errichtung von Wirtschaftsgebäuden, Antä::' .'vn Zuchtvieh und Saatgltt, für Häuserbau in Städten und für das nicht minder wichtige Kulturwerk zu geben. Soeben ist vom Keren-Hajessod-Direktorium in Jerusalem ein ausführliches Zirkular zur Versendung gelangt, welches detaillierte Aufstellungen über die Monate Juli, August und September enthält und sehr wichtige zusammenfassen.de Daten über das Ende September abgeschlossene Budgetjahr. Das Budget betrug nach den Kongveßbeschlüssen 600.000 ägyptische Pfund. Unter dem Zwange der Verhältnisse mutzte das Budget zweier Departements erhöht werden, und zwar das des Ernlvanderungsdeparte.ments um 25.000 ägyptische Pfund und das des Arbeitsdepartements um 40.000 ägyptische Pfund. Gegenüber diesem auf 665.000 Pfund erhöhten Minimalbudget standen jedoch Geldüberweisungen von bloß 490.000 Pfund, so daß eine Kürzung des B n d g e t s u m e t w a 1 7 6.0 0 0 P f u n d vorgenommen werden mußte. Aus diesen trockenen Ziffern mögen alle, denen die Beschleunigung des Palästina-Aufbaues am Herzen liegt, die furchtbaren Schwierigkeiten ersehen, die sich aus mangelhaften Keren-Hajessod -Geldern ergeben. Die Drosselung des K eren-Haj es s ob- Budgets bekamen leider die Erzieher unserer Kinder in Erez Israel, die Lehrer, zu spüren. Als die hohen Feiertage kamen, konnte man den Lchrern, obwohl man bereits mit dem Gehalte von drei Monaten im Rückstände war, unseren palästinensischen Lehrern, auch nicht einen Monatsgehalt aus- Zahlen. Erst im Oktober gestatteten die erhöhten Eingänge des Keren Hajessod eine Verbesserung der Lage unserer palästinensischen Lehrer. Und als man im Beginn des neuen Jahres den Plan für das Schulwerk ausbaute, konnte eine Vergrößerung des Sch-ulwerkes derart in die Wege geleitet werden, daß jetzt die vom Keren Hajessod erhaltenen Schulen praktisch alle jüdischen Kinder, insbesondere in Tel Awiw, umfassen. Im letzten jüdischen Jahre wurden in den Keren- Hajessod-Siedlungen insgesamt 89 neue Ställe gebaut, und 10 Wohnhäuser errichtet. Im Vorjahre begonnen und jetzt zum Teile fertiggestellt sind außerdem fünf große Ställe für je 50 Kühe und 24 Wohnhäuser. Um einen Begriff des Geldbedarfes zu geben, sei erwähnt, daß für neue Bauten allein der Keren Hajessod im Jahre 5686 31.000 Pfund zur Verfügung stellen mußte. Infolge einer sehr gefährlichen Rinderpest, welche in den letzten Monaten des vergangenen Jahres in Palästina wütete, mußte man davon Abstand nehmen, neues Zuchtvieh zu inffwrtieren. Es ist eine große Beruhigung, daß es dem landwirtschaftlichen Departement der Zionistischen Exekutive gelungen ist. durch geeignete Maßnahmen das Uebergreifen der R inderf euche auf die Keren -Hajessod- . Siedlungen zu verhindern. Während so durch höhere Gewalt eine Vergrößerung des Bestandes an Zuchtvieh und Milchkühen nicht möglich war, nahmen die Pflanzungen durch Förderung seitens des Keren Hajessod einen erfreulichen Aufschwung. Es wurden im vergangenen Jahre in den Keren-Hajessod-Siedlnngen 1840 Dunam Bodens mit Tafelt v a u b e n neu bepflanzt und 400.000 Weinstöcke beigestellt. Aber es wurden mit Keren-Hajessod-Geldern auch die alten Kolonien gefördert; durch Darlehen im Betrage von 2250 Pfund setzte man einzelne alte Kolonisten in die Lage, ihre Bauernhöfe zu vervollständigen. Schwere Sorgis bereiteten dein Keren Hajessod die infolge der Arbeitslosigkeit notwendig gewordenen Unterstützungen. Das Bulletin enthält darüber folgende Mitteilungen: „In diesen Tagen der Arbeitslosigkeit ist das Arbeits-Departement der Zionistischen Exekutive vor eine besonders schwierige Aufgabe gestellt. Es erhieli vom Keren Hajessod tvährend der Monate Juli, August und September folgende Beträge: 11.358 ägypt. Pfund, ferner 8428 ägypt. Pfuug und 6116 ägypt. Pfund. Die Zahl der Arbeitslosen ist während dieser .Zeit gestiegen, da die Lage auf dem Arbeitsmavkte sich nicht gebessert hat und neue ArbeitZ- Wiener Moraerrzeitrms lose hilMgekommen sind, welche bis dahin noch von ihren Ersparnissen oder mit Hilfe kleiner Darlehen hatten leben können. Zugleich hat die Bautätigkeit in Tel Awiw den niedrigsten Stand seit längerer Zeit erreicht. Dennoch zeigte die Zahl der Arbeitslosen dank der mit Hilfe des Keren Hajessod unternommenen öffentlichen Arbeiten in den Monaten Juli bis September eine abnehmende Tendenz: Im M o n a t I u l i g a b e 8 i n P a l ä st i n a 6 2 2 8 Arbeitslose, im Monat Ait<gtift 5444 und im Monat September 4381. Ueber die Hälfte dieser Arbeitslosen befindet sich in Tel Awiw. Es wird ihnen eine w ö ch e n t l i ch e N n t e r st >ü tz u n g a ns K e r e n - H aj e s so d - M i t t e I n gezahlt, wie wir ini vorigen Bulletin bereits mitgeteilt haben, und zwar: 25 Piaster fj'r den unverheirateten uud 35—50 Piaster für den verheirateten Arbeiter. An solchen Unterstüvnngsgeldern hat der Keren Hajessod im Juni 800 ägypt. Pfund, im Juli 1800 ägypt. Pfund, im August 2800 ägypt. Pfund ausgegahlt. Für konstruktive Notstandsarbeiten wurden seitens des Keren Hajessod in der gleichen Zeit die folgenden Beträge ausg'geben: Im Monat Juli 3638 ägypt. Pfund, im Monat August 6075 ägypt. Pfund und im Monat September 2628 ägypt. Pfund." In den Sommermonaten konnte der Keren Hajessod durch Förderung von Notstandsarbeiteu (Stmßenbauten und Sanierungsarbeiten in Tel Awiw) Beschäftigung bis zu tausend Mann irr der Woche schaffen und durch ein Darlehen von 10.000 Pfund au die Haifa Bay Developement Company ftir die Besänftigung von 600 Arbeitern durch fünf Monate sorgen. Auch anderen Unternehmungen, die konstruktive Arbeiten durchführen und Arbeitslosen Beschäftigung geben, wurden Darlehen gewährt. Der Keren Hajessod hat in erfreulicher Weise die Durchdringung der alten jüdischen Kolonien mitPio nieren desneu enJischuw Die WW ruhmvollen © Epochen der jüdischen Geschichte |q1 in anseren Prämienwerken bjrri JOSEPHUS FLAVIUS HEINRICH GRAETZ WZW gefördert. Er gewährte diesen Arbeitern ein Darlehen von 2250 Pfund, und es ist nicht zuletzt der Jngerenz des Keren Hajessod zu danken, daß jetzt in den alten Kolonien 4500 jüdische Arbeiter leben, wodurch die auf dem Lande lebende jüdische Bevölkerung Palästinas auf 32.000 Seelen oder 20 Prozent der jüdischen Bevölkerung im Laufe des letzten Jahres gestiegen ist. Besondere Aufmerksamkeit wird einem der ernstesten Arbeitspläne, nämlich dem der Madchenarbeit, zu-gewendet. Durch Mittel des Keren Hajessod wurde einer ganzen Zahl von Mädchengruppen ermöglicht, Kooperative für Gartenbau, Waschereien und Schneidereien zu bilden. In Tel Awiw sin der Nähe des Jarkon- Flusses) hat der. Keren Hajessod zlvei Mädchenfarmen für Gemüfeban und Blumenzucht mit 60 Arbeiterinnen begründet. Selbstverständlich bleibt die Chaluziuth, die watertette Förderung der (Sir Wanderung, eine der Hauptfragen des Keren Hajessod. Man mag die diesbezüglichen Erfolge aus folgernden Daten entnehmen: Nach der Aufstellung des statistischen Amtes der Zionistischen Exekutive betrug die gesamte Bevölkerung Palästinas am 1. Oktober -1926 887.000 Personen. Unter ihnen waren 158.000 Juden, was gegenüber der Volkszählung vom Oktober 1922 einen Zuwachs von 89 Prozent ergibt. Am stärksten ist der Zuwachs in den Distrikten Jaffa und Haifa. Es ist interessant, zu sehen, daß in den drei Distrikten Jerusalem, Jaffa und'Haifa die Zahl der jüdischen Bevölkerung im Verhältnis zur allgemeinen städtischen Bevölkerung recht hoch ist und selbst im Verhältnis zur allgemeinen Bevölkerung in Stadt und Land, einschließlich der Beduinen, beträchtlich ist. So beträgt die jüdische Bevölkerung im Bezirke Jerusalem in den Städten 30 Prozent trnb im ganzen Bezirkc 27 Prozent der allgemeinen Bevölkerung, im Bezirke Haifa 23 Prozent und im Bezirke Jaffa mit 43 Prozent bereits beinah? die Hälfte der Bevölkerung. Dagegen ist die Zahl der Juden in den beiden anderen Bezirken Palästinas, im Bezirke von Nablus und im Siidbezirke, sehr gering. 10. Jänner 1987 M. SW8 Sie Achad Haam-Sedenkfeier der Wiener jüdische« Swdentenschast. In überaus würdiger Weise gab gestern die jüdische Studentenschaft ihrer tiefen Trauer um den dahingeschiedenen größten Deuker des jüdischen Volkes Ausdruck; der große Saal des Hotels Continental lvar bis auf das letzten Plätzchen gefüllt voll Leuten jeden Alters und Standes, die gekommen waren, um aus dem Munde des Herrn Oberrabbiners Pros. Dr. C h a j e S Worte des Gedenkens für Achad Haam zu hören. „Durch die Sammlung seiner Briefe", führte der Redner aus, „hat uns Achad Haam besser als irgendein anderer Schriftsteller die Möglichkeit gegeben, sein Wesen 3u erkennen. War es die historische Aufgabe S m o l e n s k i ö, Europa in die jüdische Literatur zu verpflanzen, so war Achad Haam der erste, der. nicht künstlich anerzogen, sondern durch sein ganzes Wesen begründet, den Europäer repräsentierte, ohne deswegen auch nur ein Minimum des jüdischen geistigen Besitzes aufzugeben. Der Europäer Achad Haam stand nicht tut geringsten int Gegensatz zu dem hundertprozentigen Juden Achad Haant. Seiner ganzen Wesensart nach glich der jüdische Philosoph dem Typus des Engländers: äußerlich kühl und korrekt, doch innerlich grundgütig und stets hilfsbereit. Fragen wir nun, was Achad Haam in Gegensatz zu Theodor Herz! gebracht hat und warum diese Opposition für uns so wertvoll war? Herzl hat in einer Konz-eption des Judenstaates alles bedacht, nur nicht die Frage der jüdischen Kultur. Da lvar es Achad .Haam, der den nur Politischen Zionismus zugunsten des kulturellen Zionismus bekäntpfte. Durcki ihn ist es möglich geworden, daß ein Großteil der Zionisten den Gedanken in den Vordergrund gestellt hat, daß alle politischen Erfolge in Palästina gar keine Bedeutung für die Menschheit haben, wenn wir nicht gleichzeitig unseren Kultu-rbesitz stärken. Heute ist diese Auffassung Allgemeingut der Zionisten geworden. Wie immer man zum Zionismus eingestellt ist, ob radikal oder orthodox, man ist einmütig der Ansicht, daß in Palästina nicht irgendein Balkanstaat, sondern ein entscheidendes Kulturzentrum für die Menschheit errichtet werden muh; daS ist Achad Haam und seiner Opposition zu verdanken. Man mag auch mit manchen seiner Ansichten nicht einverstanden sein, Achad Haam wird dennoch für alle Zeiten ein entscheidender Architekt beim Aufbatt des jüdischen Staates bleiben." (Lebhafter Beifall.) Sodann las in überaus eindrucksvoller Weise Herr Heinz Leo Fische r von den Kammerspielm Achad Haams ,,P r i e st e r und P r o p h e t e n". Der zweite Redner, Herr Dr. N. M. Gelber, führte aus, daß uns Achad Haam den zentralen Gedanken vermittelte, nämlich, daß vor der Renaissance des jüdischen Volkes die Renaissance des jüdischen Geistes notwendig ist. Achad Haam hat nie den Judenstaatsgedanken bekämpft, er war nie gegen den Endzweck des Zionismus, sondern er hat nur die Art der Begründung der Notwendigkeit des Zionismus durch Herzl bekämpft. Herzl schwebte Palästina als Asyl für bedrängte Juden vor, Achad Haant mußte diese längst überwundene Auffassung bekämpfen. In der Bestimmung der Nationalität gibt es keine freie W'llensbildung. Aus der langen historischen Kette des Judentums gibt es kein Entweichen. National sein aber heißt, die nationalen und geistigkulturellen Werke des Volkes kennen zu lernen. Es gibt keinen Zionismus ohne Kenntnis des jüdischen Volkstums, ohne Kenntnis der jüdischen Vergangenheit und ohne Kenntnis der hebräischen Sprache. Achad Haam bat uns diesen Weg gewiesen; er lvar eine der stärksten Persönlichkeiten, die das Judentum des letzten Jahrhunderts besaß. (Lebhafter Beifall.) Wien, 10. Jänner. Eine Familientragödie. Arts Düsseldorf wird gemeldet: Gestern abends öffnete eine Frau in Abwesenheit. ihres Mannes ihren drei Kindern im Alter von 3 ViS 13 Jahren die Pulsadern und vergiftete sich dann selbst. Der später nach Hause kommende Mann wurde von der Polizei in Schuhhaft genommen. Die Gründe, die die Frau zur Tat ftihrten, sind noch nicht bekannt. Borhaftung eines Schwindlers. Auf Grund der Anzeige eines PelMndlsrs in der Inneren Stadt, wurde der 26jährtgo Bertretsr Wilhelm Neubauer, Porzellangasie 18 wohnhaft, verhaftet». da er beschuldigt wurde, einett Pelz auf Raten bezogen, die Raten« zahlunge »nicht geleistet und den Pelz selbst anderweitig veräußert zit haben. Die Erhebungen ergaben, daß Neubauer den Pelz einent Schreibmaschinenhändlek als Deckung für Ratenzahlungen ansgesvlgt hat. Er ist bereits wegen eines ähnlichen Schwindels litt Jahre 1923 bedittgt ztt zivei Monaten Arrest verttrteilt worden. Eintrittskarten im Altertum. Theaterbillet^s, Eintrlttskartett zu Schaustellungen und dergleichen gab es im Altertum nicht. Im alten Rom bekam man an der Kasse ein zierliches Stäbchen, das man in der erhobenen Hand trug, und das man dcnt Kontrollor lvieder ablieferte. Für die beiseren Plätze war der Stab von Elfenbein, für die geringeren von Bronze. — Solche Bronzestäbchen wurden z. B. bei den Ausgrabungen von Pompeji gefunden. Diese Stäbchen trageu auf einem Mt f i n, durchbrochenen Knopf eine Taube. — Man nennt daher heute noch in Italien den letzten Platz in den Theatern, den wir mit „Olymp" oder nmb mit „Halunkenloge" bezeichnen, den Taubenschlag.