Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2814 (28.12.1926)
- Date
- 1926-12-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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28. DiWttMr M8 Er. 38t6 <Mm, Men-tvg Wie«« Mor«e«-ettmks Tagesbericht. Ae Aasihlasetafela an der valverglSt. Die frechen antisemitischen Anschläge in der Uuiversitätsaula sind endlich auch dem Rektorat aufgeMen. Es ist der Auftrag erteilt worden, zwei der auffälligsten Kasten — einer genauen Ueberwachnng zu unterstellen, nicht aber etwa sie zu entfernen. Der Rektor hat sich übrigens auch die bestehenden Vorschriften für die Genehmigung von Anschlägen besehen und" den akademiscken Senat eingelabcn, präzise Vorschläge zu erstatten. Inzwischen hängt der Anschlag „Jüdelach, hepp, hepp, hepp!" lustig weiter an seinem Ort. Er »mrd wohl dort bleibe», bis die Vorschläge cingegangen, gesichtet, beraten, beschlossen und kundgemacht sein werden. Mdiister B-cker arge« die Hakenkreurlendenr an de« Hochschul««. Der preußische Kultue minister Dr. Becker hat an die Studentenschaften der P r e u ß i s ch e n H o ch s ch u l e n einen Brief gerichtet, der leieren Zweisel darüber läßt, daß die Regierung eine Koalition mit den auf arisch-völkischer Grundlage o rganischrt. n deutschen Studenten rappen it Oesterrei ch uitb der Tschechoslowakei nicht anerkennen werde. Der Minister setzt auseinander, daß die Verleihung des Studeutenrechtes, des Rechtes der Autou.mie, der Zwangsbesteuevuug usw. a's sedstverständtiche Pf.icht die A u.eekenn ungunddieAchtu ngderGrundprinzipien des Staates voraussetzt, von dem das Recht der Autoncmie herrührt. Er ru't die preußischen Studenlenschasteu auf, die Staatsregierung nicht in die Zwangslaze zu bringen, die der S.tud.m'enschaft vom Starte selbst, freiwillig und gern gewährt nSondorrechte wieder aufz »heben und weist auf d n Ernst der Entscheidung hin. Der Minister sieht einer endgültigen Steilungnisi, me jeder einzelnen Studentenschaft durch die Hand des Rektors bis zum 1. Mürz entgegen. Ir. Zigmund Fischer gestorben. Las Wiener Judentum möbeforide.e aber die zionistische Organisation hat einen schm'.z'ichen Vertust erlitten. Der in weiten Kreisn geachtete Recht?anwa t Dr. Sigmund Fischer ist Sonntag, den 26. D z moer um Mitternacht verschieden. D:r Verb ichene, ein treuer Jude, verfolgte seit laug.m die zionistische Beweg..»', trat aber erst in den letzten Jahren in die aktive zionistische Arbeit ein. Mit außerordentlichem Eifer vertiefte er sich in die Geschichte mrd Literatur des Judentum ', man fühlte, wie der 62jähr!ge Mann. im Zionismus wieder jung wurde. Die ziou'stistche. Bestrkssektion Dö - ing, 11• s in Ve an wo.tu gs e üh , s in: Zionsliebe und sein u Aebeitsgeist erkannte, w.'ihite i)n vor kurzer Zeit zu ihrem Obmmrn. Da wurde er von einem schweren Leiden befallen und nun hat ihn. mitten in seinem erfolg rcicheir Werke jür die zionistische Sache, der Tod ereilt. Doktor Fischer hiuteriäßt eine Gattin. Frau Jda Fischer, die mit großer Hingabe zionistisch wirkt und Präsidentin der zionistischen Franengmppe Döb'i 'g ist und zwei erwachsene Kruder. — Das Leichenbegängnis findet Mittwoch, bcu 29. D:z moer, halb 11 Uhr vorm. am Zentralfriedhof (1. Tor) sta't. Gespräch mit Georg Mettel. Der Maier über sei«, Werk und über Probleme der Kunst. Ein Besuch in der Herbstausstellung der Secession wurde zur Ueberraschung. Der Besucher hiesiger Ausstellungen weiß schon lange, daß er von den Wiener Kunstvereinigungen keine' Ueberraschungen zu befürchten hat. Da die Ankündigungen nur von einer Gedächtnisausstellung Hans ^ichy sprachen, der ein langjähriges Mitglied der Secession, und noch dazu Professor an der Wiener Akadencie war, erhofften die meisten eine gutbürgerliche, eine gut eingebürgerte Kunst dort bewundern zu können. Daß neben der Tichy-Gedächtnisaussiellung ein Saal mit Gemälden Merkels plötzlich in Erscheinung trat, darauf war man nicht vorbereitet. Man hat mit Recht diese zwei Kollektionen „die zwei Generationen" genannt. Die Tichy'schr brachte srne Klänge ei:;er nicht fernen Vergangenheit, die Merkels tönte die nicht gekannte Gegewvart und dir noch nicht geahnte Zukunft. Ein nationaler Kritiker wollte Merkel deshalb als Fremdkörper in der deutsche-' Kultur entdeckt haben. Er entstammt nämlich einer in Lemberg ansässigen jüdischen Familie. Trotzdem ist Merkel dem Mischen Publikum bisher ziemlich fremd geblieben. Er hat die östliche Heimat schon. vor dem Krieg mit dem Zentrum westlicher Kultur, mit Paris, vertauscht, wo er in den Bann der großen Jnrpres sionisten im Beginne des 30. Jahrhunderts gerät. Während des Krieges zur Nückkeh" gezwungen, als Soldat unter österreichischen Fahnen kämpfend, fand Merkel in Wien Anerkennung und Unterstützung seines Schass.ns. Seither lebt Merkel ganz seinen» Werk', von dem Ideal beseelt, her musealen Kunst der Vergangenheit eine neue Kunst au die Seite zu stellen. Seit mehreren Jahren hielt er sich vom Wiener AnSstelinug^oesen zurück Zwischen früher und jetzt liegt eine sechsjährige Entwicklung, deren Sch»«re Seichulvigangeu «ege, einen Fsdrtts. i| DitetiOr. BrandlöMMg und Vstleninbimg eines Untergebene», nm eigene Betrügereien zu verbergen. Am 11. Oktober d. I. brannte in Kamp bei Grase n e g g die Teigwarenfabrik Eder & Söhne nieder. Der Schaden wurde auf V/2 Milliarden geschätzt. Von allem Anfänge an wurde Brandlegung angenommen, doch bewegten sich die Erhebungen zunächst auf einer unrichtigen Spur. Ueber Beschuldigung dos Direktors Pichler wurde der Werkmeister des abgebrannten Unternehmens, Künem u n d, in Haft genommen. Er konnte jedoch feine Unschuld beweisen. Hingegen ergaben sich schwerwiegende Verdachtsmomente gegen. Pichler salbst. Es kam nämlich zu Tage, daß Pichler mit Äünomund in Feindschaft gelebt/ und daß ihn letzterer vor.dem Eigentümer der Fabrik verschiedener Betrügereien beschuldigt hatte. Künemund fand jedoch feinem Glaufen, wurde des Dienstes enthoben und der Direktor beauftragt, ihn auf Ehrenbeleidigung zu klagen. In der Nacht vor dem Prvzeßtage kam nun der Brand zum Ausbruche, und die Folge davon war, daß zahlreiche Arbeiter und Angestellte des Unternehmens, die als Belastungszeugen gegen Pichler aufgetreten wären, zur Verhandlung nicht erscheinen, konntcn. Der Werkmeister Künemund wurde deshalb auch wegen Ehrenbeleidigung, verurteilt. Alsdann noch seine Verhaftung unter dem Verdachte der Brandlegung erfolgte, schien Pichler sein Spiel gewonnen zu haben. Er machte sich in seiner Siegcsfreude. durch große Geldausgaücn verdächtig, gab trotz des Brandes in seinem Unternehmen fröhliche Gelage und schien sich vollkommen sicher zu fühlen. Das Belastungsmaterial gegen ihn häufte sich jedoch bald derart, daß zu seiner Verhaftung geschritten werden' konnte. Es wurde ihm nachgcwiesen, daß er Hunderte vonK. isten mit Teig waren veruntreut hatte, und daß angeblich Warenbestände verbrannt sein sollen, die von ihm defraudiert wurden. Pichler wurde wegen des Verbrechens des Betruges, der Veruntreuung, der Verleumdung und des Verdachtes der Brandlegung dem Kreisgericht Krcms e i n g e l i e f e r t. 8chneesj«rm in New A»rk. Aus New'-Aork wird gemeldet: Die Stadt New-' dork ist von einem heftigen Schnee sturm heimgesucht worden. Auf den Straßen haben sich zahlreiche Verkehr s u n f äl l e ereignet, bei denon 9 P e r s o n e n getötet und 20 Personen verletzt wurden. In den Staaten Kentucky und Tennessee wurden durch starke Regen fälle U e b e r s ch w e m m u ngen hervorgerufen, durch welche Tausen-de von Einwohnern ihr Obdach verloren. Zahlreiche-Brücken wurden fort-' gerissene In den Flüssen treiben'die. Leichen ertrunkener 5°>ausdlere. , ‘ . _ WTKein jüdisches Haus ohne ^|| Standardwerke jagagSl der jüdischen Geschichte! <4806881UH Beachten Sie unsere Gratiapr3mü>fiaktioh für unsere Abonnenten laaaaaaaaaaaaaBaaaiaBaaaaaaaaeaaaaaafis 8 .... »prctiiendo Postkneie 9 (Attucel in den Wiener T*gtt*ei*tisg«n an tfi Dezember) ■ m 8 8 » « 1 l fis essaiti Seosj’ioosi’fudBai auf data Cstlatc dar Spri hmaichinln ror Sitti aarialime »«« r« ortijen W-edereata* von Sprache. Getan« und Uosit B«t*»lote: Uotnr Ist die Chronik für Alle Verseilt die Stitamo der Rltoin «owehrt des Lei en des Rindes Ver,rhafft deaorndei, werivslies Andenken. — Eine Aelnohme kostet nnr wen'aro örorci’M. — Apoent, komplett, samt Enbebor, Aafnehme ntid Wleder^ste i ' -;(s nur $65- CUT£ 6RAHNAPH0HE von S Sö’“* «ufw- (siehe Abbliden«) PLATUSm , . »cn S t.— safvr. Wir beiten el’e »on der Konkurrent «ostellten l’re se bei (r eicher Quelltet, tleberzensen Sie sieh dnreh einen Besach! __ ,sm»inu(aiii«.tiiii.iti.. BSIEDCHTDHfiSHSQS ftüLTER Mlllitmemmlerschleike i« der Prager Kredit dank. Aus Prag wird gemeldet: In den letzten Tagen wurden bei der Prager Creditbank große M a l v c r s ation.en aufgedeckt, d!>e auf längere Zeit zurückgreifen. Die Bank soll durch diese Machinationen, an welchen mehrere Beamte beteiligt sind, um Millionen betrüge geschädigt worden sein. Die Manipulationen hängen mit der vor einiger Zeit ausgodeckten Affäre zusammen, Lei der zu Lasten des Staates auf Konto „Kriegsverlusde" D e f r a u t a t i onen verübt wurden. Die Untersuchung ist im Gange. Die Polizei hat sich vorläufig mit dem Falle mach nicht beschäftigt. Abrahamowirz gkftarbe». Lemberg, 26. Dezember. Am Samstag ist der bekannte Parlomeutarkr Äbrahamowicz nach längerer Krankheit inr sechsundachtzigsten LeüenZ'ahr gestorben. David Rit- .er von Äbrahamowicz war ciues der hervorragendsten Mitglieder des Polcnklubs im österrcichi^chen NerchZrat. Im Jahre 1897, zur Zeit der Badeirischrn Sprachenverordnun- ^eu war er Vizepräsident des Hauses und wurde von den Deutschen und Sozialdemokraten rvegen des von ihm und Dr. Äramarsch verfügten- Einmarsches der Polizei in das ■ Abgeordnetenhaus heftig bekämpft. G Sie Reorga«Wlon der PslWna-Aemter. Wie aus Jerusalem gemctdet wird, ist Professor Pick, der Chef der Einwanderungsabteilung der Zionistischen Exekutive, von seinem Besuche Europas zurückgekehtt und hat über die sorgfältige Reorgani-. satiion aller Palästina-Aemter in Europa berichtet, die . von jetzt an direkt der Aufsicht der Einwanderungs- und Finanzabteilung der Zionistischer Exekutive unterstehen werdem Infolge der Verminderung der Einwanderung aus bestimnrten Ländern sind einige Palästina-Aemter, wie das in Konstaiümopel, geschlossen worden. Bei dieser Reorganisationsarbeit wurde Pro- - . fessor Pick von Herrn Brande, dem OSerrechnungsprüfeir der Zionistischen Exekutive, unterstützt.! Früchte an den'Wümen der Wiener Secession zu sitzen sind. Wir wollten sie mit Hilfe Merkels klar überblicken. ch - „Diese Ausstellung sollte einen Ueberükick über mein Schaffen während der letzten sechs Jahre geben und darüber hinaus,-wenn möglich, auch andeuten, wohin'dieser Weg führen soll. Außer den Fachleuten und Eingeweihten fand ich wenig Verständnis. Mit meinen vor Jahren ausgestellten Bildern fand der Laie einen Kontakt; sie hatten ein Thema, weshalb mich die Kritik als Klassiker, Arcadier, Bukolifer usw. bczeichnete. Trotzdem kam es zu keiner innigen. Beziehung der Oeffentlichknt zu meinen Werken. Das -Ausstellcn ist die Büchte des Künstlers, sein Werk eine unentbehrliche Nahrung, welche der Menschheit . darzubringen der Schaffende sich verpflichtet glaubt. Kunst -ist das Brot des Geistes und um den Geist zu ernähren, ist die c>tnft, ift der Künstler da. Ob das Ergebnis meiner Ausstellung Befriedigung oder Enttäuschung für mich bedeutet? Eines und das andere zugleich. Enttäuschung deshalb, weil doch jedes Wirken nach, einem Auswirken strebt, daher eine mißverstandene Arbeiteiner nicht vorlMndeiren Sache gleich ist, wogegen. das Verstehen eines Werkes dessen Fortsetzutlg, wenn nicht dessen Erfüllung bedeutet. An sich besitzen die Dinge keinen Wert. .Wert legt erst der Mensch selber in die Dinge. Wenn, also des Kün^iers Wer? den Menschen nichts sagt, lvenu es von ihnen 'nicht empfangen, nicht empfunden wurde, so ist es nur für den Schöpfer vorhatlden. Es wartet auf Auswirkung, die seine Erfüllung, also seine Vollendung bedeutet. Meine früheren Bilder befremdeten trotz „Thema", meine gegenwärtigen, wül sie ohne Thema sind. Wasich diese Jahre unter schwersten Kämpfen mit der Materie erstrebte, war möglichste Einfachheit. Aber sind denn die heutigen Menschen noch einfach genug um Einfachheit zu verstehen und erstrebenswert zu finden? Oder find sie es vorläufig noch nicht? Ich glaube, daß es nicht allein an meinen Werken liegt, ob sie verstanden werden oder nicht. Man versteht, empfindet meist nur . das, was. man zu sehen schon gewöhnt ist. .Und. so kommt es, daß - man fast immer im Angesicht des Nichtgcwohnten fassungslos dasteht und dem Künstler die Schuld gibt, anstatt zu bekennen, daß man noch keine. Zrit gefunden hat, sich , mit dem Nichtgewohn^eu ausrinanderzufttzen. Wie wenig Zeit hat der Laie für das Sehen! Zumeist sieht er im Unterbewußtseill. Und so ift auch die Behauptung Oskar Wildes zu verstehen: „Die Nebel Englands mußten erst die Maler entdecken, damit die Engländer sich ihres Vorhandenseins bewustt werden." Das Schauen und Seher: müßte zun: Erziehungsproblenr werden! Es ist bekannt, daß unser Auge eine nicht besonders hohe Entwicklung ausweist und die Gefahr ist nicht klein, daß Stenographie, Telegraphenstil, mit einem Wort der. Zeitmangel uns noch um den Nest dieses herrlichsten aller Sinne bringen könnte. Zum Verstehen eines Bildes gehört Sammlung und Zeit; denn, ebenso wie sich das Verstärrdnis eines muiitalischen Werkes nicht im Augenblick einzustellen Pflegt, er- . fordert das richtige Empfinden und Verstehen eines Bildes eine geraume Zeit der Betrachtung." * Ueber das Problem „jüdischer Maler" befragt, lehnt es Merkel ab, etwas anderes sein zu wollen als Maler. „Wer der wahren Kunst dient, der^ dient Allen ohne Unterschied des ^Glaubens und der Nationalität. Die Kunst ist berufeneinst die Menschheit zu vereinen. Wer heute noch nationale Kunst herbeisehnt, will chinesische Mauern iin Zeitalter des Radio." Das plötzliche Auftauchen so vieler großer Maler und Bildhauer jüdischer Herkunst, wie z. B. Josefsohn, Israels, Pissaro, Liebermann, Mauricy Gcttlieb, Glitzenstem, Nadelmann, Hirscheuberg und viele andere, grenzt ans Wunderbare -- und das kann Merkel nur mit dem Erwachen jahrhundertelang schlummernder Energien erklären. N.!£(MEEB8S*BHBBBBKBSiiRBI