Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2806 (19.12.1926)
- Date
- 1926-12-19
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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m. 2806 Lien, Sonntag ^tfUttet Morsenzerrim- Die Sürtirf wm Monte Catio Meirnai gesprengt. Die erste Spielsensation der Saison im Kasino von Monte Carlo ist jetzt Ereignis geworden. Unter besonders dramatischen Begleitumständen wurde dort die Bank an einem Nachmittag zweimal gesprengt, und die glücklichen Spieler verliefen unter allgemeiner Erregung mit einem Gewinn von nicht locniger als 2,600.000 Tratte das Kasino Der Erfolg wurde in der „Sale Privec" an einem Trenteet-Quarantc-Tisch erzielt. Die Sieger über die Bank waren vier Oesterreicher und ein halbes Dutzend englischer Damen und Herren. Auf die Nachricht hin fttgmten uns allen Räumen die Leute in den Saal, Wo sich die Sensation abgespielt hatte, und im Handumdrehen waren dort 200 Personen versammelt, die sich im Schweifte ihres Angesichtes bemühen, ihr Geld anzubringen nnd daS Glück noch einmal herauszufordern. Amerikanische Weltmeisterschaften. Vor einiger Zeit hatte in Fergus Falls (Minnesota) ver Pförtner eines Frisiersalons, Gus Com stock, eine etwas seltsame Weltmeister Last gewonnen, indem er 62 grafte Tassen sehr starken Bohnenkaffees in zwölf Stunden vertilgte üno damit den Titel eines Weltmeisters errang. Der Zweitbeste „lag" nicht weniger als mit 36 Tassen hinter ihm zurück. Die Friseure der Stadt hatten dem Sieger einen Gürtel, der mit 62 Kaffeebohnen besetzt war. zusammen mit einem namhaften Geldbetrag überreicht. Der Ruhm veS neuen „Weltmeisters" hat nun maitche Leute nicht schlafen lassen, und io haben jetzt mehrere Einwohner verschiedener amerikanischer Städte an Comstock Herausforderungen zu einem Titelkamvf ergehen lasten; so ein gewisser Frank Dwyer im Staate Ohio und A. P. H e r n d o it in Texas, der sogar auf telegraphischem Wege den Weltmeister he-ausforderte. Comstock läßt sich aber nicht so ohne weiteres auf einen Kampf ein. Er will erst die Gewihheit haben, daß er es mit ebenbüriigen Gegnern zu tun hat und so gab er den Herausforderern die stolze Antwort, daß sie ihm erst den Nachweis bringen sollen, daß sie wie er 62 Tasten ebenso starken Kaffees zu trinken vermochten. Erst dann will er sich ihnen zur Verfügung stellen. Dle Doppelgänger. Wir lesen im „Petit Journal": Franz Joses erfuhr, daß in Italien ein Greis lobe, der ihm wie ein Zwillingbruder ähnle. Der alte Herrscher Oesterreichs zögerte n'cht, den Doppelgänger nach Wien zu berufen. Er empfing ihn sehr freundlich, fragte ilhn über seiim Familie aus und sagte in neckischem Ton: „Hat Ihre M tter in ibr-er Jugend nicht in Oesterreich gewohnt?" Aber ter andere lieft sib nich" entwaffnen und erwiderte: „Nein,' meine Mutter hat Jw>'ep r\v verlassen, aber ich weift, das; mein Vater mit Ln lxnbren einige Monate in Wien wohnte." Franq Josef' iteck'e die Lektion ein und weise gering hütete er sich, sich zu ära^rn. Britische Mn'cum gegen die K.eu^wortriitl'e'lüfer. Ter T>ire7tvr derBibi t'-c? leS V.i i'ben Mu'eums hrt weben eine Versüßung getroffen, wonach die Bibliothek van nun an nur mehr Studenten und Gelehrten dienen fo'T. A^le 3i?v wi}r>" f»Bs".- wnen werden eigene Legitimationen erhalten. Diese Verordnung ist darauf zurückzusühren, daß ans Grund gemachter Beobachtungen festgestellt Nmrde, daü 80 Prozent der Besucher der Bibliothek die Bücher zu dem Zweck entlehnen, um nach Worten, die ihnen zur Auflösung von Kreuzworträtseln fehlen, zu suchen. Predigte« gegen Charleston. Südafrikanische Geistliche aller Konfessionen haben eine Aktion gegen den Charleston eröffnet, da der Charleston in seiner neuesten Form genau dem orgiastischen Tanz der Bantu- Neger entspreche. Die Autorität der Weiften, so behaupten die südafrikanischen Geistlichen, würde endgültig Schiffbruch lerdon, wenn die Schwarzen sehen würden, daft die Weiften ihren Tanz nachahmen. And Tränen giftig? --&£%££-■ Gin dänischer Aryl. Doktor Linhal, widerspricht nach ecner erngckhenden Untersuchung der landläufigen Ansicht, daß die menschlichen Tränen nur Wasser und ein wenig Chlorit enthalten. Er hat sestgelstellt, daß unter den salzhaltigen Beimengungen a> ch ein noch nicht näher bestimmtes Element enthalten sei, das als Antisevtckcm wirkt, aber im allgemeinen als Gift anzusprechen sei. Es lötet zahlreiche Bakterien und. wivlt infektionSverhinderrtd auf die äußeren Augenränber. Das Hakenkreuz kn Meyers Lexikon. Dem „Prager Tagblatt' wird geschrieben: „Beim Tanch« Sehen der neuen Auflage von Meyers großem Lexißm tnde ich einzelne Artikel, die an der Objektivität des geih ätzten Werkes zweifeln lassen. So heißt es in Spalte 1493, Artikel: „Gauner": „TaS Internationale Gaunertum» zunächst aus Juden und Zigeunern sich bildend", und Spalte 1494. Artikel: „Gaunersvrache": „Von den zahlreichen Bestandteilen lieferte meist das Hebräische und Aramäische bwts'i Vermittlung des jüdisch-deutschen Jargons, wis sich besonders daraus erklärt» daß früher die Gauner (s. d.) zum Teil Juden waren, oder Juden in der Regel den Gaunern als Hehler dienten." CS wl-d gut sein, wenn die Redaktion dcS Meherfchen Lexikons sich auch an ihre Pflicht zur Sauberkeit erinnert. Vogo'jnvows Staatöbürgers-haft. Aus Moskau wird uns telegraphiert: Der Sieger im vorjährigen Moskauer Schachmeisterturnier Bogoljubow, der bisher dauernd in Deutschland lebte, hat auf seine russische Staatsbürgerschaft verzichtet. In einem an die Schachirgamsatim der Sowjetunion gerichteten Schreiben erklärt er, daß er sich dazu aus materie en Gründen ei.-schlossen In5c, w'il man ihn aS Bürger der Scwfr.trepublik nicht zn den S.hachveransta.'tungen in fremden Staaten ju'cYicn Wille. Die Schamoraaniwtion Veschwb, Bogo jubow den Titel eines Champion des Sowjetverbandes nbzuerkenncn und ihm das Spielen in Rußland nicht mehr zu ^eft"tten. CHE WEIT jSr Die Geschichte einer Synagoge. Eim lettgalischL Lcz.'ndc. Die ganze Umgebung des bt'galischen S äbtch n^ W. -- erzählt Mark Me da bi im Rigaer „Frühmorgen" — gehörte einem reichen Grafen aus der Familie Bor ch. Der Graf besaß viele Schlösser und Güter und lebte in ungeheurem Luxus. Auch schöne Frauen f.'hltm n'cht. Nächtliche Orgien in seinem Palast z?gen die. goldene Jugend der Adelig.n der ganzen Gegend an. Einmal, der Graf war bereits in höchster Weinlaune, lieft er seinen Juden Leibke herbeiholen. Der Jude, der für den Prinz, den adeligen Gutsherrn nur der „Leibke" war, gehörte zu jenen Juden, die sich um die Magnaten herumschmicren pfl.g n. Er lieferte viel Getränke für den Tisch des Gutsherrn, spürte ihm ein schönes Roß oder einen reinrassigen Hund aus und erhielt dafür einige Rubel. Leibke war nicht wenig erschrocken, als er hörte, baft der Graf ihn mitten in der Nacht holen lasse, er mußte aber komm.'n. Leibke galt als nicht allzu schlechter Sänger, pflegte in der Klaus als Vorbeter zu fungieren und so waren ihm die jüdischen Gesänge nicht fremd. Der Graf wünscht, daß er s'nge, wobei ein ganzer Hunderter herauSschauen kann. Warum auch nicht? Er ließ sich also nicht lange bitten und legte mit hoher K loratur ein „Miynei Chatoenu" los. Die Anwesenden lvaren begeistert von seinem einschmeichelnden Gesang und die silberne Tasse, die ans einem Sessel neben ihm stan> war bald mit Silbermünzen angefüllt. Eines der jungen Gräflcin, das auf seinem Schoft eine Kokotte wiegte, wollte seiner Dame eine besondere Sensation bie' n und zog den Sessel, auf welchem Leibke stand, unter seinen Füßen hervor, so daß der Jude zu Boden siel und vor Schmerz aufschrie. Die ganze Gesellschaft platzte schier vor Lachen. Leibke versuchte sich zu erheben, aber schon flog er von ein'r Seite des Saales zur anderen und es entstand unter dem Gaudium der besoffenen Gesellschaft ein. heiteres Ballspiel mit dem bärtigen Juden, der nicht zu A'ern komm w konnte. Leibke wurde solange hin. und hergeschnpst, bis er schließlich in Ohnmacht fiel. Das hat allerdings die fröh'iche Gesell- ,chaft nicht im geringsten gestört und kaum war Leibke wieder zu sich gekommen, als auch schon ein neues Zugstück mit ihm anfgesührt iinube. Der Leibs eiseur des Grafen wurde herbeigeruf.n und Leibk: wurden trotz allen Jammer ns mtb Bittens Bart und Pajes abgeschnitten, nahezu glattrasiert. Am anderen Morgen, als Leib kin seine Wohnung wankte, verfiel er in ein sttz''??r's F' '?r, dm er b&i Tage später evlao. Mit dem Graf.n begann es nun abwärts zu gehen. Eine Viehseuche vernichtete fast sein n ganzen Pferde- und Viehstand, die Auflehnung se'n.r Ba:. "N nahm immer.- größere Dimensionen an, und"' eines Abends erhielt er aus Warschau die Mitteilung, daß dort sein Sohn gestorben sei. Der Graf nahm sich alle diese schweren Schläge so sehr zu Herzen, daß er selbst h'nzusicchen begann. Er ließ seinen Beichtvater holen und fragte ifr.t, wofür er denn von Gott so hart gestraft werde. Der Geistliche anttvortete, daß sicher eine schwere Sünde ans dem Herzen des Gutsherrn laste, die ihm Gott nicht verzeihen Ivvlle. Da erzählte der Graf in seiner Beichte unter vielen anderen Erlebnissen auch die Geschichte mit seinem Juden Leibke, den er zn T odö gequält habe, und bat um Absolution. Der Beichtvater riet dem Grafen zur Erleichterung seines Gewissens der jüdischen Gemeinde ein entsprechendes Sühnopfer darzubringen. Emme Minuten vor seinem Tod ließ der Graf seinen nunmehr einzigen jüngeren Söhn rufen und sagte ihm: „Dein Vater hat schwer gesündigt nnd du, mein Sohn, mußt ihn von se'nw Sünde erlösen. Als du noch ein Kind warst, hab.'N wir c'n ual in großer arislokealischer Gesellschaft bei einem Trinkgelage ein n Juden der hiesigen Gemeinde zu Tode gemarterr. Gott will mir die Sünde nicht verzeihen. So sühne du die Sünde. Lasse nach meinem Tod eine Kirche und für die Juden ein: Synagoge bauen." Nachdem der Graf gestorben war, ließ sein Erbe im Sinne des letzten Willens seines BaterS in W. eine Synagoge mit einem Kuppeldach bauen, spendete überdies eine ganze Bibl'othek mit selten n Büchern, darunter auch eine hebräische Bibel aus dem 16. Jahrhundert mit polnischer Uebersetzung. Seither wurde diese Synagoge wiederholt adaptiert und umgebaut. In dm nächsten Wochen wird das 150jährige Jubiläum dieser Synagoge gefeiert lveeden. ,2er glonlsmm, wie ihn ein Mchtju e fleht". Unter di.sem Titel yieck der sranzöjische Publizist und Hauptmitärbeiter der Pariser „Boloirtä". Pierre Bernardi vor kurzem in Pa is> ein'u Bortrag über seine während seiner letzten Reise durch Palästina und Syrien gesammelten Erfahrungen. Seine erste Berührung mit Palästina führte Bernardi au8 ~ übte auf ihn einen überivältigend prachtvollen Eindruck. Neben Wüst neißn. in.enen nacktes Gestein glüht in sengender Sonne, erhebt sich plötzlich eine neue Stadt, Tel Awiw. eine Stadt, die wie eine Ausstellung dekorativer Kunst aussieht. Nicht nur äußerlich. Ist das jüdische Leben in Palästina lei ht? V.'rnardi antworlet: D n r ch a n S n i ch t. Die Arb U ist sch rer, aber in den He.zen fch.ügt so viel Lebenslust, Energie nnd Liebe 19. Dazember IM Ge«e 7 TtEfm Tartna IfolnisihHai scr tlolniuh WdsierlciiE awmmmmmmm ... uni.um n zum Land m.ud zur Arbeit, die sich zunr Fanatismus steigert. Diese macht den Juden dort zum Typus eines neuem Rassesudeu, eines sonnigen, lebendigen, energischen und starken Juden, der sich vonr bekannten Typus der gebückten Ghetto.'nden so mrg'nrhm unterscheidet. Man darf scherhaupt nicht glMben, daft die Arbeit in Palästina leicht ist. Mai, hat einrnal den Juden Uganda als Heimland angeboten. Uganda — sagt Bernardi unter allgemeiner Heiterkeit * ist ein gesegnetes- Land, wo ein liegen gelassener Spazierstock sich in einen fruchtbaren Baum verwandelt. Aber die Juden wollten lieber ihr Land haben, wo man prächtige Enka^hptusbäume pf'anzt, aus denen nach Jahren — ein Wald von Telcg-aphenstangen wird. Bernar'ei bespricht dann die Entwicklung des Landes auf den verschiedenen Gebieten und erklärt, daß die palästinensischen Arbeiterorgan isa tionen wohl die besten sind, die man jemals gesehen hat. Marx und Lenin haben niemals eine idea-- ' l e r e K o m m u u c erträumt, wie es die Arbeiterkonimunen in Palästina sind, in denen vielleicht die höchste Stufe deu Opferfreude für die Allgemeinheit erreicht wurde. Ein Gespräch mit ei::cm aniizionistischen Araberführer charakterisiert Berarardi mit bnit Satz: .„Dieser Araberr will, daß Vetter Israel dem Vetter Jsmael gehorsam unter t a n s e i..." i i ■ Ln MsHr vsNshaus in Sarajevo. Llus Sarajevo wird uns berichtet: Am ersten Cha- "ukah-Abend fand hier die feier'i he Eröffnung des neu erbauten jüdi'chen Volkshaus-s Veth-Am in Anwesenheit von über 1000 Personen statt. Zur Jner twren auch biß Chefs '>er Mi i!är- und Zivilbehörden Sa aj vos, sämtliche Kon- 'u^e der fren.den Staaten, Vertreter verschiedener Kulturknftitutc und andere erschienen. Der Obeezupan von Samjevo Milan Miko'ic hielt eine Begniftunglansprache, in welcher er die Arbeitskrast u.rd dqn konstruktiven Geist der Juden, betonte und seiner Freude über den Bau des jüdischen Bolkshauses, auf ivelches die ganze Stadt Sarajevo mit Stolz blicken dürfe, Auldruck gab. Divinonsgeneral Stojsic, vom ältesten Reserveoffizier des Bereinsausschusses Oskar G r o f begrüßt, antwortete in einer längeren Rode, in welcher er dem he.'denntütizen Verhauen ber jüdischen Soldaten für die Befreiung des Vaterlandes Anerkennung zollto und seines gefallenen Offiziers Mosche Amar gedachte, der als einer der Ersten sein Leben für die Freiheit opferte. Die Juden nehmen im Mi itär eine hervorragende Stellung ein, die sie auch verdienen, da sie als tapfere Soldaten und gute Kamerad, n immer ihre Pflicht erfüllten. Der Präsident der Advokatenkammer Dr. S. Peric wies auf die erfreuliche Tatsache hin, daß dieses Bolkshaus ein Wahrzeichen der jüdischen Volkseinheit sei, in welchem S ephardimiund Aschkenasim gemtzin.sam an der Erfüllung hoher sozialer und kultureller Aufgaben arbeiten. Mit der hebräischen R de des Ob.rrabbiners Dr. S. Wessel schloß die Erössmmgsfeier. Am Abend fand ein Komm«», statt. >