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Wiener Morgenzeitung · 1926-12-17 · Heft 2804 (17.12.1926) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2804 (17.12.1926)
Date
1926-12-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Gien, M««OO MsrMtMmr- 17. DezeriOer 1928 Zette S Tagesbericht. Ae, FrlesenspreistrSger. 7 Le ewigen Verlegenheiten des Nobelprciskomitees. Unter den Preisen, die der Erfinder des Dynamits, Alfred Nobel, in feiner Millionenstiftung aussetzte, war der Friedenspreis stets die größte Verlegenheit für das Komitee, welches die Verteilung vornimmt. Daher kommt es, daß es eine merkwürdig bunte Reihe von Fricdestspreisträgern gibt, in der man neben wirklichen Borkämp- 'scrn für den Weltfrieden Figuren von noch mehr problematischer W!llonsb.reitfchaft zum Frieden findet als es etwa der jüngste Preisträger Stresemann oder sein englischer Partner Chamberlain sind. Wurde hoch im Jahre 1906 der Friedenspreis dem markantesten Vertreter des amerikanischen Imperialismus, dem Präsidenten R o o s ev elt zugeteilt, mit der kurzen Motivierung, der Präsident der Vereinigten Staaten habe den Frieden von Portsm o u t h, der den russisch-japanischen Krieg beendete, gefördert; das richtige Schlußwort in diesem Motivenbericht Mte „erzwungen" lauten müssen, denn Roosevelt hat durch direkte Kriegsdrohungen an Japan diesen Staat gezwungen, aus seine Siegesvorteile zu verzichten, und hat so die Lebensdauer des für den Frieden Europas gefährlichen Zarismus, wenn auch nur für kurze Zeit, verlängert. Wödroow Wilson dagegen, der andere Präsiden der Vereinigten Staaten, der (im Jahre 1919) den Friedenspreis erhielt, war ein Opfer der Diplomatie geworden und hatte für den wirklichen Frieden so gut wie nichts leisten'können. Die ersten Friedenspreisträger (1901) waren der Schweizer- Henri. Dunau t, der Gründer des Roten Kreuzes und Verfechter humaner Methoden der Kriegführung (auch das eine Ironie, daß er den Friedenspreis erhielt) und der Franzose Frederkc P a s s y, welcher zusammen mit dem englischen Arbeiterführer Sir William Randall C r e m c r — einem später durch den Friedenspreis ausgezeichneten Manne, der für die Lösung des internationalen Schicdsgcrichtsproblems viel leistete — die interparlamentarischen Konferenzen gegründet hatte. Gegenüber diesen wenigen Leuten, die praktische Arbeit leisteten, steht unter den Friedenspreisträgern eine lange Reihe von verschiedenen Gründern und Präsidenten einzelner pazifistischer Organisationen (der Schwede Arnolds o n, der' Däne B a j e r, die Schweizer G o b a t und Ducomann u. a.), ferner von hervorragenden Teilnehmern an den Haager Friedenskonferenzen (Senator D'e- (§ o.n st a n t, der Belgier B eernart, der langjährige Generalsekretär der Interparlamentarischen Union Louis L a n g e)7-Professoren, die Werke über Materien des internationalen Rechtes geschrieben haben (der Holländer A^ s e, der Belgier Lafontaine, der Franzose Louis R em a ü l d). Leon Bourgeoisz. B. bekam den Preis, weil , er der erste Präsident des Völkerbundrates war. Äm7 deutlichsten zeigte sich^die Verlegenheit des preisverteilenden Komitees, als es mangels geeigneter Kandidaten im Jahre 1904 den Preis dem Institut fü r int,er n a t i o n alc s Recht in Brüssel und im Jahre 1917 dem Roten - Kreuz - Komitec in Genf zuerkannte. . Aus der großen Zahl der Friedenspreisträger ragen nur sehr, sehr.wenige hervor, die als wirklich aktive Trä- Wie einfach, wie ergreifend menschlich, wie plastisch gestattet, wie heiß von der beteiligten Liebe des Autors ist das - ucuefio Buch Franz Werfels! Wie^ erquicklich, daS jüngste Werk bejahen, mehr: mit Bewunderung anzeigen zu dürfen — für einen, der Werfels gesamte Dramenproduktion vom „Spiegelmenschen" bis „Paulus unter den Juden" (einschließlich) für fragwürdig findet. ES ist. eine Novelle*), nicht reich an Seitenzahl, aber sie scheint uns alle seine Bnhnenschöpfungen aufzulviegen. Der Tod, der Heldentod des Kleinbürgers: Karl Fiala aus Kcalowitz, langjähriger wohlbestallter Portier der £ f. Landesfinanzprokuratur in Wien — im goldgebortkten Pelz, mit silberbetreßtem Dreispitz aus dem §kopf, den pompösen Stab des Pförtners in der Linken den Torbogen füllend ist von seiner Höhe gestürzt. Man hat den Würdigen, ein Opfer böser Intrigen, vorzeitig pensioniert, und er bringt sich sauer als Magazineur fort.. Des Abends pflegt er sich in den Anblick einer Photographie zu versenken, die ihn in seiner Portier- Herrlichkeit' präsentiert: „.i.Herr Fiala saugt den Nachhall dieser Majestät ein. Er dmkt nicht daran, den abgeschabten Menschen, der vor dem Bilde steht, in Beziehung zu setzen zur breiten Prachtgestatt von einst. Dw Prachtgestalt und der Magazinsaufseher heute, der im geflickten Kittel von anno dazumal schlottert, das ist zioeierlei Menschheit." Der degradierte Kleinbürger Fiala trügt alles iu Demut. Diel dumpfe rme-Leut-Wohnung, die karge Lebensführung^ die Exzesse der keifenden Schwägerin, mii der man da^ Quartier teilen muß, den Anblick Franzls, seines epileptischen, erwerbsunfähigen Sohnes. Franzi und die einKschrumpfte Frau Fiala zu versorgen, ist seine neue Lebenshstsgabe. Er hat den Erlös der stattlichen Bürztmmerwohnstng aus der glauzoollen Portierszcit (mau befaß gMegeste,. ererbte Einrichtung, könnt? zwei Zim- « «srfelr „Der Lvd tzös NeinbüegerS", Novelle, PaA Zfoknah, Verlag. ger des Friedensgedankens und des Friedenswillens angesehen werden können: in der likrarischen Perspektive sind es Berta von Suttner, die Verfasserin des berühmten Buches „Die Waffen nieder" und Alfred H. Fried, der Propagator des — freilich infolge seiner verlogenen Bürgerlichkeit nicht übermäßig sympathischen — Pazifismus; in der politischen Perspektive ist Fritjpf Nansen, der den Preis im Jahre 1922 erhielt, ckincr? der wenigen Würdigen, denn seine Tätigkeit hat wenigstens mitgeholfen, das Leid des Krieges durch seine Aktionen für die Flüchtlinge zu lindern; der einzige, der auch politisch durch die Tat dem Frieden diente, war der Schwede Hyalmar B r a nt i n g, der dir a n t i m i l i t a r i st i s ch e Gesetzgebung in Schweden durchführte, als er dort die Regierung innehatte. Er erhielt den Friedenspreis wohl als einziger, der dem Friedensideal der Menschheit richtig diente: durch die Umstellung der P o l i t i k von' Krieg zum Frieden. Es gibt heutc. da nur der. Gedanke einer Abrüstungskonferenz schon zur politischen Faree wird, eben keine Brantings; deshalb ist das Nobelpreiskomitee so oft in Verlegenheit. 8lu wichtiger Fund l» Palästina. In Jerusalem.fand ein Vortrag des Leiters der Archäologischen Abt.i'ung der palästinensischen Regierung Professor Garstangs. statt, tvvrin er die Mitteilung machte, daß in dieser Woche ein neuer wichtiger Fund in Palästina vorgekommen fc|, der bei Fortsetzung der AusgraLungen zu aufschlußreichen Ergebnissen führen kann. Im Norden Pa'ä^inas, am Me.o.nsee. wurdeu bei' Kilometer 207 der neuen. Straßedie die jüdischen Kolonien Rosch Pknah mit Metul'ah in Obe ga i äa v r'st Reste alter Mauern und Befestigungen "..üben, die in die altkananäische Zeit zu rückgeh n Prof. Garstang vermutet, daß es sich hier um dia a'tka:anäische Stadt Chazor handele, wo zur Zeit der jüdi'chen Richter König bin herrschte, dessen Feldherr Sisera von den Israeliten unter Führung der Prophetin Deborah ge schlag n 'rarden war. Ser Botzkstt-Terror in Pose«. Posen, 16. Dezember. (I. T. A.) Die Kampagne dek (antisemit'sch-klerikalen) .Gesellschaft „^ozwoj" nimmt so sehr überhand, daß unter der jüdischen Bevökkerung große Besorgnis, ja schon Panik entstanden ist. In zahlreichen Affichen werden die „echt polnischen Männer" aufgefordert,^ sich dagegen zu wehren, daß die Juden die einzige echt-polnische P r o v i n'z okkupieren, indem im letzten Jahre die jüdische Bevölkerung Posens um 300 Seelen zugenommen hätte. Mit allen nur -erdenklichen M i t t e l n müsse dieser Entwicklung ent-gcgengearbeitet werden. Vertrete^ der Posen er jüdischen Gemeinde intervenierten bei den zuständigen Stellen gegen die gefährliche Rozwoj-Hetze. '. Die Stimmung in Posen ist sehr e r r e g L. Zahlreiche, i zur A'bschließung von Grsckstiften zugereiste Kaufleute, beeilten sich, unverrichteter Dinge wieder die Stadt zu verlassen. .lAUPTTRBFFßR SPRICHT t OB GROSS, OB KLEIN, ALLES KAUFT KLASSEN¬ LOSE _ UR WEIHNACHTSZIEHUNG l. KLASSE, 28. u. 30. DEZEMBER BEI DER GLUCKSTE L1 E STEIN WIEN.l., WIPPLINGERSTRASSE2i AN DER .HOHEN BROCKE" SIE GEWINNEN 3/< MILLIONEN S BESTELLEN SIE NOCH HEUTE PER POSTKARTE V. LOS S 4 v. S 8--, y, 516 -,'/. S 32-- Ein Lheateriwndal in Prag. Die Wiener Sängerin Gornoch miögopflften. Pvag, 16. Dezember. Heute abendgas es im Deutsche« Theater nach der Aufführung von „Tos ca" einen Dhcater- .standal, in dessen Mittelpunkt die Wiener Künstlerin Frau . Maria Gernoth stand. Frau Gernoth war heute gemein-" säin mit dem polnischen Tenor Kiepura ausgetreten. Während das Publikum die Leistungen Kiepuras mit Bo- . geisterung au'snähm. fand es keinen Rapport zu der künstlerischen Leistung der Frau Gernoth. Als Kropura nach den Aktschlüssen den Versuch machte, Frau Gernoth an dem . Applaus teilneh-inen zu lassen, evhop sich im PEikum ein gewaltiges Pfeifsen. Zischen und Toben. Erst das v o r z e i t i g e F a l l e n d e s e i s e r n e n Vorhanges machte den EntrütstungArundgsbungen im Haus« ein Ende. mer vermieten) bei der Berjicherungsgescttschafr „Tutelia" angelegt. Die Snmmarprämie sichert Gattin und Sohn nne änsehnliche Rente, wenn .er . das Zeitliche gesegnet hat. ' Bedingung: Fialas Äblobeu darf erst nach vollendetem Fünfundsechzigsten erfolgen. . Und den sünfundsechzigsten Geburtstag zu erleben, darum geht, von niemand gesehen, von keinem Mitstreiter . gefordert, der grandiose, der hcteoische Kampf des Kleinbürgers^ Nach der Schilderung, nein, Gestaltung, lebensvollen, blutvollen Gestaltung der Menschen rings um Fiala (so lebensvoll, wie sie Werfel in keinem seiner Dramen geglückt ist) folgen die Mitteilungen, wie Karl Fiala mit dem Tode rang, sticht um seines armseligen Lebens, um der zurückbleibenden Familie willen: „Und jetzt erst beginnt recht eigentlich unser Bericht von einem Tod. Denn wir hätten es nicht gewagt, den Leser in solch, trübe und gleichgültige Wett zu führen, toenn unser Geschehnis nicht seine Absonderlichkeit hätte." Nur die treuen Hundsaugen Franzls hatten erkannt, daß der Vater schwer krank ist. Er beglettct ihn — keiner weiß davon — ins Allgemeine Krankenhaus. Nach einigem Tagen ist Fiala aüfgegeben, aber der abgegriffene Taschenkalender, den er im Spitalshemd birgt, sagt ihm, bis zu ivelchem Tage er nicht sterben darf. Marc brachte ihn bereits in das Zimmer der Morbiden, wo der Atem där Sterbcudeu sehr schwer geht. „Stich für Stich. Atemzug um Atemzug nähen sie am Sack ihres unsichtbaren Todes." Fiala muß auch nähen, aber er loeiß, es müssen ganz kleine, ganz langsam geführte StickiL sein, denn er darf den Sack erst anr 5. Jänner vvllendmL und es ist eben erst Weihnachten vorüber. Der ganze Körper oiu Eiterherd, die Gliedmaßen in Verwesung, das Herz lebt und will den 05. Geburtstag haben. In grandios berichteten Fiebcrphamasien Fialas erkennt-man, was dem Kleinbürger die Kraft' gibt, die Wnsheit der Aerzte und die Gesetze der.Natur zu widerlegen: „...Hier hat -er auszuharren. Wer. ...den Befehl gegeben, weiß er nicht mehr, Mer Befehl ist Befehl. Und was nicht vollendet ist, hat' zu erfolgen. Es ist herrlich, unter Befehl zu stehen. Es ist itzerrlich, einen Auftrag zu haben..." BBeP—WS ■ ' L . I So scharf angeraunt ist Fialas Herz gegen den Tod, daß er das Ziel um zlvei Tage überrennt: „Denn man schrieb den 7. Jänner schon. Unverzüglich sckmffen die Wärter nach flüchtiger Todesfeststellung die Leiche aji den Ort, wohin sie gehörte, gleich einem Unrat, der all zu lange im Wege gelegen war." $ Diese kleine Novelle ist ei» Heldenepos and hat alle Alerkmale dieser seltene», nur starken, herzhaften, unsinltimentalen Schöpfern vorbehattenen Gattung dichterischeii Gestattens. Ein Achill steht im Mittelpunkt, Heros im engest Bezirk, aber nicht kleiner im verehrungswürdigen U eberwind LN körperlichen Leidens, im Schirmen Schutzbefohlener, als irgeridein Großer der Sage oder Weltgeschichte. -Und die Menschen und Menschlein rings um ihn, bis zur blöden unschuldigen Kreatur, dem armen vertiertest Buben, bis zur Thersitesgestalt, dem Menschenaussatz, der Schwägerin Klara — sie sind nicht wegzustreichen, nicht wegzudenken, man kann sie körperlich greifen. Dm Versicherungsagenten Schlesinger, die Frau Fiala mit dem falschen GÄiß, das zu groß geworden ist, den Kanzlisten Wolava' von der Internen des Allgemeinen Mankenhanses, die beiden jungen Aerzte und die alte Frau Schlesinger, welche den Agenten — auch er näht seinen Sack im Zimmer der Sterbendm — im Krankenhans besucht. „Mein Kind! Ich seh nicht, wie du aussiehst!" sagt sie in singendem Tonfall. Nicht erst, wenn er der altett Sctjlesinger begegnet, wird es jedem L«ser dieser hinreißenden Novelle offenbar, wer Franz Werfel zu diesem kleinen, so bedeutenden, durchaus geglückte» Werke befähigt hat. Sein Judentum. Erhaltung der Sippe, Versorgung von Frau und Kindern ist Hauptaufgabe d«S jüdischen Fa«- rnilienvaterS über seinen Tod hinaus. Eine grausame Entwicklung, die immer nneder dv jüdische Familie zerreißt, Angst vor Katastrophen, Vnsichrrh^it de» nüchsten Tages haben das Pflichtgefühl geschärft, muh unter den [ifypeiften Bedingungen die Seinen zu sickern, habest dm väterlichen Sinn für Familimversorgung bei den Juden hochgezüchtet und die Affenliebe zu den Kindern. Karl Fiala könnte besser Moritz Kohn oder Samuel Berger heißen. Otto Ab»leL

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