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Wiener Morgenzeitung · 1926-12-15 · Heft 2802 (15.12.1926) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2802 (15.12.1926)
Date
1926-12-15
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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ll ... - —T rrn^gj S^Ne <8 Wien. MtSwoch Wte««e Wt9t§m§ßHim§ 15. Dezember 1926 M. SSW VOLKSWIRTSCHAFT ßinnlDoilon »er M. L. Biedermann 1 60 Bank.«. S. Der Ber-waltungsrat der M. L. Biedermann u. Co. Bank-A.-G. hat beWossen, der für den 31. Dezember l. I. einberufenen Generalversammlung den Beschluß auf Liquidation des Unternehmens zu unterbreiten. Die schwebenden Verhandlungen wegen Uebernahme des Unternehmens durch eine andere Anstalt werden nach wie vor fortgefuhrt. Sa« Rohfiahlkartell. Prag, 14. Dezember. In das Kuratorium des Rohstahlkartells wird, wie das „Prager Tagblatt" meldet, für die Eisenwerke der Tschechoslowakei, Oesterreichs und Ungarns nur ein Vertreter entsendet werden. Diesen Posten reklamieren die tschechischen Werke für sich, da sie 70 Prozent der-Produktion vertreten. Als ernstester Kandidat wird der Präsident der Berg- und Hüttenwerke A.-G., Dr. Günther, genannt. Dieser Vorschlag dürfte nach Ansicht der interesiierten Kreise umso eher durchdringen, als sich auch Oesterreich für die Ernennung Dr. Günthers eknsetzt. Allerdings wird von tschechoslowakischer Seite der Einwand erhoben, daß Dr. Günther, obgleich er Präsident eines tschechoslowakischen Unternehmens ist, österreichischer Staatsangehöriger ist. In das Verrechnungsbureau sollen alle drei Staaten je einen Vertreter entsenden. Ausgleich »er Industrie, und Haudelkbink. Die Oesterrekchische Industrie- und Handelsbank, die im Jahre 1924 von der Zentralbank deutscher Sparkasien übernommen worden war, ist nach dem Zusammenbruch des Dachinstitutes notleidend, geworden und versuchte eine stille Liquidation durchzuführen. Die Verhandlungen darüber haben bisher kein positives Ergebnis gebracht, es werden aber noch immer Bemühungen betrieben, diese stille Liquidation zusammen mit der Zentralbank zu erreichen. Nun mußte das Institut um die Einleitung des Ausgleichsverfahrens an? suchen. Die Passiven, von. denen den größten Teil die Zentralbank übernommen hatte, betrageir zirka 120 M i llinrden Kronen. Ob das Handelsgericht dem Ansuchen der Jndustriebank Folge geben wird, steht noch nicht fest. Polnischer Wirtschastrbries. Das BudgeLProvisoreum für das erste Quartal des nächsten 'Jahres. — Der neue Gesetzentwurf über dte Handelskammern. — Die Juden und die Bodenreform. — Der Geldmarkt. (Von unserem Korrespondenten.) Warschau, 12. Dezember. Bei Beratung des Budgetproviforiums für das erste Viertel des Jahres 1927 hielt Finanzminister Czechowiez ein Expose, das gar nicht optimistische Saiten angeschlagen hat. Zwar wies der Finanzminister auf dis Stabilisierung der Valuta hin, doch konnte er die Gefahren der drohenden Preissteigerungen und der Rückwirkung der Beendigung des englischen Bergarbeiterstreiks auf die polnische Handelsbilanz nicht leugnen. Noch schärfer trat aber die irreale Grundlage des Budget- Provisoriums in der Kritik des jüdischen Mgeordneten Rosmarin hervor, der insbesondere den Artikel 3 des Budgetgesetzes angriff, der den Finanzminister ermächtigt, für Investitionen auf dem Gebiete der Militärverwaltung Kredite bis zu zehn Millionen Zloty in Anspruch zu nehmen, bziv. eventuelle Eingänge bis zu dieser Höhe für militärische Zwecke zu verwenden. Abgcordneter Rosmarin beivies, daß das ganze Budgetprovisorium in diesem Geiste abgefaßt ist. Man berechnet genau die Ausgaben und vergißt sich der Realität der Eingänge zu versichern. Abgeordneter Rosmarill kritisierte ferner die Preispolitik' der Regierung, die das ganze Budget problematisch erscheinenlasse, denn ohne feste, stabilisierte Preise gebe es kein festes Budget. Der jüdische Sejmklub wird gegen den Artikel 3 des Budgetprovisoriums stimmen und sich im übrigen intensiv bemühen, die Staatsausgaben auf eilt Minimum zu reduzieren. Sehr bemerkenswert sind die jetzt geführten Verhandlungen in der Frage der H a n d e l s k a m m e r it. Am 9. Dezember fand im Handelsministerium eine Konferenz statt, zu der die Vertreter der verschiedenen Handelskammern, der Kaufmannschaft und der Industrie geladen waren, um zum Entwurf der Regierung in der Frage der Handelskammern Stellung zu nehmen. Dic Regierung schlägt eine Mitgliederanzahl der Kammern zwischen 30 und 80 vor. Zwei Fünftel der Mitglieder fallen aus allgemeinen Wahlen hervorgehen, und der Rest soll unter den Kandidaten gewählt werden, die von verschiedenen wirtschaftlichen Institutionen und Vereinigungen ausgestellt werden. Das Hauptmerkmal des Negierungsentwurfes bildet aber die Bestimmung, daß die Regierung diejenigen wirtschaftlichen Organisationen auszuwählen habe, die berechtigt sind, Kandidaten aufzustellen. Gegen diesen Regierungsentwurf haben sich die maßgebenden wirtschaftlichen Kreise gewandt, und cs gelang, einen Kompromißentivurf auszuarbeiten, der die Bestimmung enthält, daß neben beit zwei Fünfteln, unmittelbar gewählten Mitgliedern der Handelskammern die restlichen drei Fünftel von den wirtschaftlichen Organisationen der Länder, die die einzelnen Handelskammern bestimmen werden, gewählt werden sollen. 20 Prozent der Mitglieder werden von den Kammern kooptiert werden können. In der Konferenz am 9. Dezember hat nun der Vertreter der jüdischen Kausieute Abg. Wislicki gegen diesen Koin - promißantrag ein entschiedenes Votum separatum eingelegt und allgemeine, unmittelbare Proporzwahlen gefordert. Abg. Wislicki hat ferner verlangt, daß die Handelskammern aus zwei Abteilungen bestehen, die in jeder Beziehung gleichberechtigt sind, und zwar aus einer Handels- und einer Jndustrieabteilung, damit es zu keiner Majorisierung des Handels durch die, Industrie kommen könne. Um diese verschiedenen Standpunkte zur Ueberemstimnrung zu bringen, hat der Handelsminister Kioiatkowski den wirtschaftlichen Organisationen einen Termin zur Ausarbeitung eines gemeinsamen Entwurfes, und zwar bis zum 15. Jänner 1927 eingeräu-mt. Sollten bis zu diesem Zeitpunkt sich die ivirtschaftlicben Orgunisationen ans einen g"me?nsamen Entivnrf der Handelskammern nicht einigen können, wird die Regierung ihren Entnmrf dem Staatspräsidenten zur Unterschrift Vorlegern Man hofft aber, daß es gelingen wird, zu einem Kompromiß zu gelangen. Der polnische Minister für die landwirtschaftlichen Reformen hat sich Pressevertretern gegenüber über die Situation der jüdischen Landbevölkerung in Polen und über einen eventuellen Anteil der Juden an der landwirtschaftlichen Reform ausgesprochen. Bei dieser Gelegenheit sagte der Minister u. a.: „Bisher ivurde keine Erscheinung einer Massensiedlung der Juden auf dem Lande vermerkt. Von einer besonderen Unter stützung einer solchen Siedlung durch die Regierung kann, angesichts des sehr beschränkten Landvorrates einerseits und des starken Larchhungers unter den bisherigen, Siedlern andererseits keine Rede sein. Wo aber die Juden schon jetzt als Siedler oder Pächter den Boden, bebauen, z. B. in den östlichen Wojewodschaften, da können sie ans den Schutz und die Hilfe der Regierung rechnen." Der polnische Minister für landwirtschaftliche Reformen geht hier von einem sehr veralteten, nationalistischen Gesichtspunkte aus, wenn er das abgebrauchte Argument von der Knappheit des Bodens und dem großen Landhunger der Eircheimischen ansührt. Gerade die jetzige wirtschaftliche Krise, die besonders die jüdischen Massen in Polen ' furclftbar betroffen hat, hat das Problem der Ueberführung großer Schichten der jüdischen Stadtbevölkerung in lLndwirtschaftliche Beruft aufs Tapet gebracht und zu einer brennenden Frage erhoben. Eine landwirtschaftliche Reform muß in dieser Beziehung auch die Juden berücksichtigen und das vorhandene Land unter alle Anspruch erhebenden Staatsbürgern gerecht verteilen.. Es darf unter keinen Umständen zu einem Numerus clausus für landwirtschaftliche Beruft kommen. Mir haben bereits über das Gesetz zur Be kämpfung des Wuchers, das am 2. Jänner 1927 in Kraft tritt, und über die in diesem Zusammenhang von der Bank Polski vorgenommene Reduzierung der Bankrate auf 9.6 Prozent berichtet. Es soll noch nachgetragen werden, daß die Bank Polski auch den Diskontsatz der ausländischen Wechsel aus 7.5 bis 8 Prozent ermäßigt hat. Ferner haben am 7. d. M. Vertreter von 14 Privatbanken beschlossen, vom 1. Jänner 1927 an die Prozentsätze von allen Einlagen zu ermäßigen. Die Situation der Privatbanken ist augenblicklich relativ günstig, da dic Banken von der Bank Polfki größere Rodiskontkredite erhalten haben, die chnen ermöglichen, ihren Kunden Kredite zu erteilen. Im allgemeinen bat sich aber gerade in dieser Woche ein Geldmangel fühlbar gemacht, der insbesondere in der intensiven Steuereintreibung seine Ursache ha: NMwareuexporl vnd -imvort in Polen. Aus Lod^ ,oird unö geschrieben: In den lehren Monaten läßt sich bei gttichzeitlgem Textilexportrückgang ein auffallendes Anwachsen der Textilwareneinkuhr in Polen feststellen. In Lodz allein-wurden im Lauft des MonalS Oktober 10.060 Tonnen Tcxtilprodulkte mohr als im Vormonate emgefüihrt. Der Dmumvollexport vermehrte sich um 3660 Tonnen Auch rrie Wolleinfnhr, ebenso der Lumpen» und Mfalllmport verzeichnen ein Anwachsen. Die Ge» s-amtemifichr in Damnwolliwaren betrug 66.060 Tonnen in einer Gesamtsumme von 4,744.600, rn Wollwarcn 31.000 Tonnen s>ür den Gegenwert von 689.000 Moth. 'n Havbseidenwaren und Kunstseide 14.000 Tonnen fiir 2490 Zloty. In der Konkurrenz der aus dem Auslande eingeführten Textilwaren erblickt die polnische Textilindustrie eine schwere Bedrohung ihrer Exisienq. Man weist darauf hin. daß eine (5. Fortsetzung.) Tag der Schrecken. Aus hyu Aufzeichnungen einer rnsiischen Jüdin. Bon Leo G. Stein. Sein Gesicht ist bleich, das Auge geschlossen; von einer klaffenden Stirmvunde tröpfelt das Blllt und füllt auf die abgehärmten Wangen, in den zerzausten Bart. Er scheint tot zu sein, aber so oft einer der Männer'ihm einen Stoß versetzt, oder ihn an den Haaren zupft, schlägt er die Augen aus und blickt irr und wirr um sich, als käme er aus einer andern Welt. Hinter dem Wagen, von einer johlenden Menge umgeben, wankt eine Frau mit fliegenden Haaren und zerrissenem Gewände; sie ringt die Hände, und spricht Worte, die vom wilden Geschrei der Menge übertönt werden. Bon einem Dache fällt ein Schuß — gesegnet sei die Hand — und dtzv Greis im Wagen ist erlöst.. Nun fallen mehrere Schüsse, aus den Häusern stürmen bewaffnete Männer und umringen den Wagen, sie fallen den' Pferden, die davonrennen wollen, in die Zügel und werfen! sich mit wildem Geschrei auf die Insassen des Wagens. Es' entsteht ein wirrer.Knäuel, Schüsse fallen immerfort —, und Knäuel und Wagen bewegen, wälzen sich langsam fort unter Gebrüll und Wehgeschrei. Der Aufruhr ist jetzt allgemein. Aus Türen und Fm-' stem, die ganze Gasse entlang, fliegen Möbel, Geschirre! und Werder, und bilden immer anwachsende Barrikadqn, Bettsedern flattern wie dichtes Schneegestöber in der Luft; ein höllisches Klirren und Krachen — an allen Fenstern von Wahnsinn entstellte Frauengesichter. Ich vergesse meine Anjuschka — überhöre das Stöhn-n, das von ihrem Bette zu mir dringt. Was ist das? Aus einem Fenster 'fliegt's in weitem Bogen heraus; es ist ein Säugling in ausetinanderflätternden Windeln; da er zur Erde fällt, erstickt sein letzter Schrei in einem B.ut,lrom, der iym aus. dem Munde quillt, lieber den noch zuckenden kleinen Körper wirft sich ein Weib, klagend wahnsinnig heulend, ime ein verwundetes Tier; zwei schnaubende Kerle teimenMfyr aus dem Hause nach und reißem sie empor --- und da, in ausbrechender Raserei wirft sie sich blitzschnell herum, stößt dem einen irgend etwas, das sie in der Hand hält, ins ' Auge, daß er mit wildem Aufschrei zurück! crumelt, und reißt dem andern mit der Hand — mit der bloßen Hand — die Wange vom Munde bis zum Ohre vollständig entzwei. Es wirbelt und rast alles durcheinander, dic Welt ftlieint in ihrer ganzen ungeheuren Ausdehnung zn erbeben, vom , Himmel regnet's Blut, und der Mensch ist zum vernnnftldsen Tier geworden. Glück, Lebensfreude, Frieden? Gibt es noch solche Dinge? In einem Augenblick — in einer heißglüheuden, sehnsüchtigen Aufwallung nach Erlösung und Befreiung — in einem einzigen, kurzen, wundersamen Augenblick yer- : schwindet das Bild des Grauens und Weltunterganges, ein _ Schleier fällt vor mir nieder — die Svnne funkelt, jauchzende Klänge tresftn mein Ohr — ich bin auf dem Markus- * platz in Venedig. Unter den Arkaden der Prokurazien und auf dem sonnigen weiten Platz eine bnntbewegle Menge — frohe Gesichter — lachende Augen — in der Luft flatternde Tauben, die all den Sonnenschein, in dem sie baden, mit ihren Schwingen zu sammeln scheinen, um ihn über die anf- und abstntende Menge zu streuen. Und es kommt mir unglaublich vor, daß es, kaum drei Reisetage von Ogrodno, eine solche Stadt gibt, daß ich dort einmal war, mitten unter den Frohen und Freien. Nein es ist nur ein Traum, ein Trugbild — es gibt kein Bmedig ~- es gibt in der Unendlichkeit der Welt nichts anderes als dieses Ogrodno,. diese Straße, auf der inmitten vernichteten Hausrats verstümmelte Leichname herumliegen. Und ich stehe da, tausend Jahre, volle tausend Jahre, von einem erbarmungslosen Gott vemrteilt, die Zerstörung ringsumher immerfort ansehen zn müssen. Ein iaurer ■ici/rii meiner Anjusafta rüttelte mich auf und ich eilte an das Bett. Aber indes ich das stöhnende Kind zn beruhigen suchte, nähert sich ein betäubender Lärm dem Hause. Schnell Türen zu, Fenster zu — Koffer, Kisten gegen die Tür geschoben — den Revolver nicht airs der Hand. Einen Augenblick stche ich mit wirbelndem Hirn da, während draußen die Menge tobt. Wo ist mein Mann jetzt, warum kommt er nicht, uns^u schützen? Die Mutter kauert in einer Ecke und redet wirre Worte — redet ^u ihren beiden Kindern, die vor langen Jahren in blühendem Alter sterben mußten — der Baker sitzt starr und ich erkenne an seinen Augen, seinen Mienen, daß er bereit ist, den Tod zu empfangen. Seine bleichen Lippen murme'n das Sterbegebet. Was tun? Durchs Fenster werden sie nicht eindringen, denn es ist mit eisernem Gitter versehen. Aber die Türe? Schon saust ein Axtstreich gegen das Getäfel. Ein faustgroßer Stein fliegt durch k irrendes Fensterglas. Nun — das Kind aus dem Bette gerissen und mit einer Deeke umhüllt — wie meine Hände beben und den Dienst versagen wollen! — dann rasch fort durch die Hintertür in den Flur. Es kostet mich Mühe, die Eltern dahinznbringen. Jni Flur ist eine Falltür, tmrch die man in den Keller gelangt. Tür auf —• schnell, Eltern hinunter — schnell, schnell, bevor die Barbaren kommen — jetzt noch einen Koffer über die Tür geschoben — und ich, im letzten Augenblick — denn ich höre im Zimmer Pokern und Krachen, — eine hölzerne Stiege hinauf, die in die Bodenkammer führt, Tür ausgerissen und von innen verriegelt. Meine Nerven, mein Blut, meine Sinne toben, — mein Körper Vebt in einem einzigen rasenden Pulsschlag — ein Meer von Feuer loht um nrich — hebt mich empor — trägt mich auf glühender Welte hin und her. Das Kind bringt mich zur Besinnung; es stöhnt in meinen Armen, die Glieder zucken schreckhaft, und durch hie Decke hindurch fühle ich das Meber, das in dem jungen Körper brennt. (Fortsetzung folgt.)

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