Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2797 (10.12.1926)
- Date
- 1926-12-10
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2979076-2981549-2981884--28418-3016451- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Leite 6 Kr. tm Wien, Freitag Wien« MsegeMiAMS w. Dezember 1986 ■ — -7-- ..■ ...i" J" - —'< ■■ ' ' - VOLKSWIRTSCHAFT Unaufrichtige Valorisierung nach deutschem Muster. Ser Rückgang der Lemoerg-gzernowlher Sistaba-MiorUAea. ... '£»ioutäten der Lemberg—Czernvtvitzer Eisenbahn uhren gestern an der Wiener Börse einen scharfen Rückschlag. Schon bei Begimr des Verkehres wurde ziemlich viel Ware Zum Verkaufe angeboteu, ohne daß dem Angebot eine entsprechende Nachfrage gezenübergestandeu wäre. Jn- 'nlgchessen wurden die Prioritäten uüt dem Minuszeichen anfgezvgen, worauf für die 3,6prozentige Lemberg—Czeruonntzer der erste Kurs mit 292.000 (gegen 316.O0O Schlußkurs vom 7. November), die 4prozentige mit 3OO.0O0 (gegen 829.000) sestgestellt wurde. Die Schlußkurse lauteten noch tiefer; 277.000, bezw. 285.000. Damit haben die Lemberg— Czermwitzer nahezu m Drittel von ihrem erst vor wenigen Wochen erreichten .Höchstkurs ein-rbützt. Dieser Rückschlag war um so befremdlicher, als seit der aut 11. November abgehaltenen Tagsatzung der Prioritäre vor dem Handelsgericht Czernowitz bekannt war, daß die polnische Regierung sich zu einer Valorisierung der Titres mit 15 Zloty, die rumänische zu einer solchen mit 15 Schweizer Franken bereit erklärt hatten. Da dieses Angebot von den Gläubigern als unzureichend befunden worden war und das Handelsgericht Czernowitz die Wahl von Vertrauensmünnerrt unter Hinzuziehung von Vertretern der Gesellschaft gestattet hatte, die zu weiteren Verhandlungen mit den genannten Regierungen ermächtigt wurden, so nahm man allgemein an, daß es gelingen werde, von den Schuldnerstaaten noch bessere Bedingungen für die Gläubiger zu erzielen. Es stellte sich aber heraus, daß der Bericht über die Tagsatzung vom 11. November, soweit er bisher bekannt war, manches verschwiegen hat, was für die Beurteilung der zukünftigen Chancen der Prioritäre von wesentlicher Bedeutung ist. Lie Zugeständnisse der rumänischen Regierung hinsichtlich einer Ibprozentrgeu Bansisrung in Schweizer Franken war nicht unbedingt gegeben worden. Die 15 Schweizer Francs sollten in rumänischen cmf englische Pfund lautenden Staatsvapkererr entrichtet werden. Die rumänische Regierung differenziert ferner zwischen der Staatsangehörigkeit der Titresbcsitzer uitö wül Nur Angehörige der Entente und der neutralen Staaten, die diese Titres bereits vor dem 1. Juli 1918 besaßen und dies auch nachzuweisen in der Lage sind, berücksichtigen. Rumänien weicht darin von den Prinzipien der tschechoslowakischen und polnischen Schuldenpvlitik ab, die alle Gläubiger, ohne Rücksicht auf die Nationalität, als gleichberechtigt behandelt; es unterscheidet ferner zwischen Alt- und Nrubesitz und will den letzteren, als mit der levis macula der Spekulation behaftet, leer ausgehen lassen. Hierin folgt Rmnänien dem von Deutschland anläßlich der Aufwertung der Reichskriegsanleihen gegeben n Beispiel und es ist eilte seltsante Fügung, daß diese rumänische Schuldcnpolitik sich größtenteils gegen die deutschen Gläubiger richtet, die über die überwiegende Mehrheit der Lember-Czernowitzer Prioritäten verfügen. Auch österreichische Prioritäre würden dadurch geschädigt lverden, ein allsälliges Eingreifen der österreichischen Regierung zugunsten ihrer Staatsangehörigen könnte kaum erfolgen, .bezw. Aussicht auf Erfolg haben, da diese schlechtere Behandlung des Neubesitzes ein Prinzip ist, toomit die österreichischen maßgebenden Faktoren, obwohl sie der Aufwertungsfrage faktisch noch nicht nähergetreten sind, wiederholt schon in offiziösen Kundgebungen kokettiert haben. Schieß'ich wurde auch verschwiegen, daß das gesamte Ausntaß der von den betriebsührmden Staaten zu geiocirtigcnden Entscha igungen unter Aktionäre und Prioritäre gleichmäßig aufgetcilt werden soll, mit der Einschränkung allerdings, daß von dem aus die Aktionäre entfallenden Teile alle Kosten (Verwaltungskostcn, Steuern usw.) in Llbzug zu bringen sind. Hierüber ist in der Tagsatzung vom 11. November zwischen Prioritären und Aktionärvertretern bereits eine Vereinbarung getroffen worden. Es wurde hiebei von der in der ganzen Welt geltenden Gepflogenheit abgewichcn, daß zu allererst die Gläubiger befriedigt werden müssen, ehe der Aktionär als Teilhaber an dem Unternehmen an die Rei^e kommen kann, nm an einem allfälligen Gewinn zu pavt'zipierem Ae Hausse des Franr. Der französische Franc ist gestern wieder in das Fahrwasser der Hausse geraten und erhöhte sich von 19.90 auf 20.80 gegen Zürich, welchen Kurs er unter Schwankungen auch bis zum Schluffe behauptete. Me Auftvättsbewegung ging diesmal von Newyork aus, von wo ein Kurs von 4.00 gemeldet wurde, so daß die kontinentale Haussespekulation, die anläßlich ihrer früheren Hausfeoperaiioneu besorgt gewesen sein mag, ob Amerika ihre. Tendenzen nicht durchkreuzen werde, diesmal zuversichtlicher werte Hausse-Engagements emging. Bon der Aufwärtsbewegung des Francs wurde auch die Lira mitgerissen, die zwischen 22.42i/s bis 22.50 umgesetzt wurde. Die Pariser Blätter berichten über eine Geschäftsstockung der Pariser Luxusindustrien. Zahlreiche Unternehmungen der Metallindustrie haben Kurzarbeit eingeführt und mehrere Pariser Großbetriebe der Automobilindustrie haben einen Teil ihrer Arbeiterschaft entlassen. Der Sekretär des Metallarbeiterverbandes erklärt, die Krise in der Metallindustrie sei ziemlich weit fortgeschritten. Die Hochofenbetriebe von Montataire beschäftigen ihre Arbeiter bloß sechs Stunden täglich. Daß die Krise nicht größeren Umfang angenommen habe, sei auf die Schaffung des Ei-, senkartells zurückzuführen, das das französische Kontingent auf 500.000 Tonnen jährlich festgesetzt habe. Im Generalrat des Semedepartements wurde eine ausführliche Debatte über die Arbeitslosigkeit abgeführt. Die Rchner vcr'angten die unverzügiche Inangriffnahme öffentlicher Arbeiten und forderten den Seinepräfekten auf, bei der Regierung Schritte zu unt-nmehmen. E Ser »Remtal*, tOiMKiae Kreditbr) Saraotle-Sank ßeiUjrfc für den 24. d. M. eine GeneralverfammlUNA ein, in tvelcher Über die Erhöhung des Aktienkapital es durch Emission von 122.200 Stück Aktien zu 18 Schilling Nennwert auf 4,500.000 Schilling ohne B.zugS-- recht der Aktionäre Beschluß gefaßt werden wird. Für die Emission einer weiteren Tranche von 126.000 Aktien zum Zwecke der Erhöhung des MienkapitaleS auf 6,750.000 Schilling soll dem Vorstande die Ermäßigung erteilt werden. Die Uebernahme der jetzt zur Ausgabe gelangenden 122.200 Aktien ist durch ein Konsortium gesichert, dem unter anderen die Bayrische Hypothekennnd Wechsclbank, das Bankhaus Merck, Finck & Co. in München, die Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft Und die Schweizerische Bankgesellschaft angehören. Ser Pranger an der Mrfe. Der von uns bereits mitgeteilte Gesetzentwurf über die Neuftstsetzung von Ordnungsstrafen an den Börsen wurde gestern vom Nabionalrat in zweiter und dritter Lesung beschlossen. Danach kann die Uebertvetung der zur Aufrechterhaltung der Ordnung an der Börse erlassenen Bestimmungen an Börsenlbesuchern. ohne Rücksicht auf die nach den allgemeinen Strafgesetzen etwa eintretende B.handliM'g mit Geldbußen von 20 Schilling bis zu 2 0001 Schilling sowie mit der Ausschließung von der Börse auf bestimmte Zeit geahndet werden. Ebenso kann die AnsW'ießnng von der Börse wegen Verbreitung falscher Gerüchte erfolgen. Diese Strafen werden von der Börsenleitung verhängt; gegen die Verhängung von Geldbußen bis zu 200 Schilling oder der Strafe der Ausschließung vom Börserrbesuchc auf eine drei Monate nicht überschreitende Zeit findet ein weiterer Rechtszug nicht statt. Gegen die Verhängung schwererer Strafen steht die Berufung an die Landesregierung innerhalb einer Frist von zwei Wochen offen. Die Berufung ist jedoch, wenn auf Ausschließung von der Börse erkannt worden ist, ohne aufschiebende Wirkung. Die Landesregierung kann bei Geldbußen nicht unter 200 Schilling und bei der Strafe der Ausschließtrng vom Börsenbesuche nicht unter die Dauer von drei Monaten hevabgehen. Durch das Statut kann bestimmt werde», daß die Namen jener Mitglieder oder Besucher, welche den ihnen aus einem Börsengeschäfte obliegenden Verbindlichkeiten nach Ablauf des zur Erfüllung dc>s.Iben bestimmten Zeitpunktes nicht entsprochen haben, durch Anschlag innerhalb des Bors engebau des zu veröffentlichenseien. Schwache der Ostdevisen. Der Leu ist gestern im Zusammenhänge mit der Krankheit des Königs bis auf 2.56 gegen Zürich zurückgegangen, hat sich aber dann auf 2.671$ erholt; der Dinar wurde unter dem Eindruck der Demission des jugoslawischen Kabinetts bis 9.11 angeboten. Die Tagsttng der Internationalen KrebitverstcheruugS» kouferenz. Aus London, S. Dezember, wird gomeldet: In der ersten Sitzung der Internationalen Kreditversiche-- rungskonferenz sprach unter anderem Dr. Hertzfeld, der erklärte, daß man bisher noch keine Anerkennung der Kreditvc rsiche rungApolizzen durch die Danken als eine erstklassige Sicherung habe erhalten können. fl. Fortsetzung.) Las der Schrecken. Aus den Aufzeichnungen einer russischen Jüdin. Von "Leo G. Stein. Die Enttäuschung machte ihm ungerecht gegen die. Idee, gegen das ganz jüdische Volk. Einige Zeit darauf schloß er sich der revolutionären Patter an, denn er fand keine Ruhe und mußte die in ihm aufgespeicherte Energie an irgend etwas erproben. Ich daÄe, nun hätte der Schaden ihn klug gemacht, und er würde etwas vorsichtiger mit seinem Vertrauen sein. Aber er trieb es genau so wie früher. Durch die immer wachen, immer zu Taten beretten Kräfte, durch die Freude an gefahrvollen Missionen, die er förmlich an sich riß, entflammte er auch die Kaltblütigsten und Bedächtigsten, und sie standen bald alle im Banne seiner starken Persönlichkeit. Einer der treuesten Anhänger der Partei, der Kiewer Verleger und Millionär Michail Älexandrowitsch Litwin, pflegte von ihm zu sagen, daß es in der ihn umgebenden Atmosphäre knattere und sause wie von hundert mächtigen Schwungrädern. Er war einer jener typischen Vorwärtsstürmer, die weit über alle Ziele hinausschießen — und gerade dies sollte ihm unheilvoll werden, indem er nicht einen Augenblick bedachte, welchen gefahrdrohenden Weg er ging. Es ist ja wohl ebenso unnütz als sinnlos, verlorenen Dingen nachguweinen, aber ich wollte, vt wäre dem Zionismus treu geblichen. Es will mir scheinen, daß die Bestrebungen der Zionisten, im Prinzip, dem gleichen Ziele gellen, dem er sich später zuwandte: der Befreiung, eines Volkes! Und wie sind, nebeneinandergestellt, die Wden Kamipftnethoben und ihre Wirkungen? Auf der 1 einen Seite Gift und Bombe — eine aus der Verzweiflung der Machtlosigkeit entspringende Anarchie, die aber trotz aller Todesverachtung, trotz allen beispiellosen Mutes, gegen die Mächte der bestehenden Ordnung nicht aufkommen kann, und jeden Tag, nach jeder neuen Tat. neue Politische und soziale Verwirrungen hervorruft. Auf der anderen Seite eine Bestrebung, der der Friede als oberstes Prinzip gilt — wodurch Blut und Tod und Vettvirrung von vornherein ausgeschaltet werden. Ich hatte in den letzten Jahren des öfteren Gelegenheit, russische Inden zu sehen, die nach Palästina gingen. Es waren fast durchweg junge Männer, die trotz ihrer Mittellosigkeit so viel Mut und Arbeitslust zeigten! Der Boden brannte ihnen förmlich unter den Füßen; sie hörten schon die Palmen rauschen, sahen Feigenbäume reich beladen der Ernte harren, sahen goldschimmernde Getreidefelder und segenschwere Weingelände unter glühender Sonne reifen, und ihre Sehnsucht und ihre Sinne eilten den Weg voran, den der erdschivere Leib erst zurücklegeu mußte. Und wenn ich all diese Jugend sah, die so reiches Entfalten , versprach, all diese hoffnungsfreudige Kraft, die trotz aller Hindernisse und Nöte ans Ziel gelangen mußte, erkannte ich tief und heiß, wo unsere Hoffnung zu suchen sei. Und ich hätte mitziehen mögen mit diesen Menschen, teilend ihre Armut, aber auch die Freude am Wiedererstehen des alten goldenen Königstraumes. Zwei Jahre waren vergangen, feitbcm mein Mann» der revolutionären Partei angehörte. Wir wohtlten bereits mehrere Monate in einer Stadt Russisch-Polens, die die Revolutionäre als einen für ihre Arbeiten außerordentlich günstigen Ott betrachteten. Eines Nachts, da wir gerade im Begriff waren, uns zur Ruhe zu begeben, wurden wir von Potizeiagenten überfallen. Sie nahmen eine Hausdurchsuchung vor, durchstöbertm Kleider, Möbelstücke. Bücher, Bilder und Briefschaften« stachen mft spießartlM %M\i tu alle Bett- und Möbelpolster, zerlegten das Klavier, die Wanduhr, erbrachen eine metallene Sparkassette unserer Keinen Anjuschka und untersuchten selbst die Fußbodenritzen mit den Messerklingen. Dann führten sie meinen Mann fort. Erst auf der Anklagebank habe ich ihn wiedergesehen. Die Parteigenossen boten alles auf, ihn zu befreien. Litwin warf buchstäblich mit Tausenden von Rubeln um sich, aber es half nichts. Mein Mann wurde wegen revolutionärer Umtriebe zu ächtzehnmonatlicher Kerkerstrafe verurteilt. MS er Ms dent Gefängnis kam, erkannte ich ihn nicht wieder. Aber nicht das eigene Leid allein hatte seinen Körper gebrochen, daS Sieghafte seines Wesens vernichtet. ÄaS er im Gefängnis gesehen hatte, jene furchtbare Justiz, die «r Hunderten von Menschen geübt wurde, ihnen alles Menschliche nahm und sie für daS fernere Leben, nach etwaiger Beendigung der Kerkerstrafe, untauglich machte — daS bedrückte ihn ebenso -schwer wie die eigene Schickung. Es war darum eine Art Verzweiflung, wie etwa jene, die den Selbstmörder zur Tat treibt, als er sich mch einer kurzen Zeit der Ruhe seiner Partei wieder zur Verfügung stellte. Er ging an die österreichische Grenze, wo er von den Verbündeten, die in den gattzischen Grenzorten seiner watteten, Gewehre, Munition und Literatur in Empfang nahm und nach Rußland beförderte. Da es längs der russischen Grenze von Kosaken und Geheimagenten wiumtelte, war die Arbeit sehr schwierig, und es nmßten absonderliche Mittel gebraucht werden. Mancher ärmliche Leichonzug kam die Landstraße. daher, an Kosakembteilungen vorbei — aber der Sarg enthielt nichts anderes als Waffen und Munition; mancher fettleibige Kleinrusse, der mit unschuldiger Miene, an Soldaten und Grenzbeamteit vorüberging, verdankte feinen mächtigen Umfang einer großen Anzahl verbotener Broschüren, die er sich kunstgerecht um den Körper gepackt Hatto. Einer Nachts wurde mein Mann von Mizeispitzeln aufgespütt.