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Wiener Morgenzeitung · 1926-12-07 · Heft 2794 (7.12.1926) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2794 (7.12.1926)
Date
1926-12-07
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 Mett, MmMy Wimm Msr-Mzettrmg 7. DszenOer MV Nr. tm Serichtssaal. MctO Bus MrnfcheBhBtr«w an 12 Jahren schweren Kerkers ummtttt. Der IMHrige Bäckerlehrling Joses Oliva hatte sich gestern vor einem SHvurgericht unter Vorsitz des HofrateS Dr. Billek wegen eines aus eigenartigen Gründen begangenen grausamen Mordes an der 17jährigen Hausgehilfin Marie Fried! zu verantworten. Oliva, ein außereheliches Kind, verbrachte seine freudlose Jugend aus dem Lande und kam dann in die Lehre in das Bäckergeschäft der Frau Meisuer, bei der auch die Friedl bedienstet war. In dieser Lehre soll es ihm nicht gut gegangen sein; er wurde, wie er angibt, schlecht behandelt und die Friedl war es, so behauptet er, die ihn bei der Meisterin schlecht zu machen suchte. In dem Burschen speicherte sich gegen seine Umgebung wütender Hatz auf, der die Triebfeder zu seinem verbrecherischen Handeln wurde. Uijfprünglich faßte er den Plan, die Dieisteriu zu beseitigen, doch mußte er diesen wieder ausgeben, weil er die Unmöglichkeit seines Vorhabens erkannte- Run konzentrierten sch seine Rachegedanken aus die Friedl. Vierzehn Tage lang bewahrte Oliva das Mordinstrumrnt' eine scharf geschSiffeue Art. in seinem Zimmer auf. Er wollte die Friedl zeülich früh ermorden, doch verschlief er immer die günstige Gelegenheit. Am 17. Juli kam der Geschäftsführer L e i x n e r gegen 2 Uhr früh in den Schlafraum Olivas, zog seinen Rock aus und ging dann in die benachbarte Backstube. Dadurch wurde der Bursche wach und beschloß, die Mordtat sofort auszuführen. Er stieg durch das offene Fenster in das Zimmer, in dem die Friedl schlief, und verschte dem Mädchen drei vis vier ««chtige Hiebe, d'r den Kopf gängftck zertrümmerten. Nachdem er sich völlig angekleidet hatte, stahl er noch aus dem Rock des Geschäftsführers desse« Brieftasche mit 8 Schilling und verließ dann das Haus. Wegen dieses Diebstahls steht Oliva ebenfalls unter Anklage. Auf dem Tor ließ er einen Zettel mit folgendem Inhalt zurück: „Gesindel! Jetzt könnt Ihr einen anderen Lehrbuben so.traktieren! Ich bin ftoh, daß ich jetzt draußen bin, das Weitere werdet Ihr noch hören!" Zwei Tage darauf wurde Oliva in Gmünd verhaftet. Die Frage des Vorsitzenden, ob er sich schuldig bekenne, beantwortete der schmächtige Bursche mit a". — Vorsitzender: Warum haben Sie den Mord verübt? — Angeklagter: Weil ich's nicht mehr ausgehalten Hab'. — Vorsitzender: Hat sie die Friedl besoiwerS sekkiert? — Angeklagter: Ueberhaupt alle- Die Friedl hat die Meisterin immer gegen mich gehetzt. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob vielleicht verschmähte Liebe sein Haßgefühl hervorgerufen habe, antworte Oliva: „Nein, ich habe mit dem Mädchen überhaupt nie etwas zu tun gehabt. Der Angeklagte erzählt sodann den Hergang des Mordes, wie er in der Anklageschrift geschildert wird. Nach vollbrachter Tat ging er nochmals in sein Schlafzimmer zurück und hörte aus dem Nebenzimmer das Geräusch des twstfenden Mutes. Weil er eine vorzeitige Entdeckung fürchtete, stieg er nochmrcks in . das Zimmer und legte eine Tuchent unter das Bett, damit das tropfende Blut aufgefangen Nachdruck Verbote». 4. 3o«*f»1pntg. Sine Rshel von heut'. Novelle von Kurt Münzer. ,fim mußt mitkommen", sagte sie. Sie jagte du in Äeser Stunde der Vertrautheit. ,Jch kenne die W'.li gar nicht, ich fürchte mich vielleicht. Und du gehörst so zu mir, ich kann dich nicht von mir fortdenken. Wirst du alles tun, was ich sagte? Morgen schon? Ja? In sums Wochen spätestens müssen wir bereit sein." Er begann am nächsten Tag. Er suchte einen Käufer für seinen Anteil am Buchladen. Es war nicht leicht, rhn damals zu finden. Erst kurz vor Ablauf der Frist konnte er «^schließen. Er bekam holländische Gulden, er konnte zwei, vielleicht drei Jahre davon leben. Rahel bestand das Examen mit besonderer Auszeichnung. Der Vater fragte sie nach ihren Wünschen. „Geld", sagte sie. ,Hch kaufe mir selbst etwas oder mache eine Reise. Gelb, Papa, bitte." ,Jst das genug?", sagte er. Gr gaib ihr tausend Dollar. Sie umarmte ihn. „Wäre «es mehr, hätte ich nichts dagegen." „Morgen, mein Liebling." Die Mutter gab ihr eine Perlenschnur. Rahel ichätzte fie auch auf etwa tausend Dollar. Sie regnete im Kopf. Am Sonntag war Gesellschaft; ihr war gesagt worden, der junge Fabrikant käme, die Verlobung sollte bekannt gegeben werden. Sie schlug die Augen nieder und flMerte: „Wenn ich absr nicht will, Papa, Mama?" Sie bekam keine Antwort. Sie wußte, es bedurfte xm mm Wm miBWe » NchmH» Md man Me tze . ■: ' ....T werde. Der Bursche erzählt noch, daß er in der ^ehre öfters mißhandelt und zu Hausarbeiten verwendet wurde. Die als Zeugin vernommene Dienstgeberin, Frau Marie Meisner, gab an, daß sich Oliva in der ersten Zeit ziemlich brav aufgeführt habe, daß er aber in der Fachschule ausgehetzt wurde und deshalb später äußerst widerspenstig war. Sie stellte eirtschieden in Abrede, daß der Bursche sekkiert oder übermäßig ausgenützt wurde- Die Tat sei ihr gänzlich unerklärlich. Rach der Einvernahme weiterer Zengen erstatteten die Gerichtspsychiater Dr. Frischauf und P.osessor Lazar ihr Gutachten, das zu dem Schlüsse kommt, Oliva sei zwar eine kriminelle Natur, jedoch keineswegs geistesk rank. Die Pubertät dürste bei der Verübung des Verbrechens eine gewisse Rolle gespielt haben. Die Geschworenen bejahten die Hauptfrage auf das Verbrechen des Meuchelmordes mit 8 Stimmen Ja gegen 4 Stimmen Nein. Die zweite Hauptfrage auf Uebertretung des Diebstahles wurde mit 12 Stimmen Ja beantwortet. Der Gerichtshof verurteilte den Angeklagten zu 12 Jahren schweren Kerkers, verschärft durch einmaliges Fasten und hartes Lager monatlich und Absperrung in dunller Zelle an jedem Jahrestage der Tat. Der Verteidiger Dr. Flandrak meldete die Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung an. Eine Mischehe. Vor Jahresfrist heiratete der pensionierte Staatsbeamte Otto Papst, ein Witwer, auf dem Dtan-esamt eine Jüdin. Bereits nach acht Tagen traten hauptsächlich infolge tonfessioneller Gegensätze, derartige Zerwürfnisse ein, daß nach weiteren 14 Tagen der Ehe dieses Band faktisch gelöst war. Der schwer nervenkranke Gatte, welcher über fernen Wunsch teilweise endmüDigt wurde und. die Ehefrau strengten gemeinsam beim ZivillandeSgerichte eine Klage auf Trennung dieser Ehe wegen unwiderstehlicher Abneigung an, über welche gestern OrLLM. Dr. Judex zu verhandeln batte. Die Frau gab an, daß sie von ihrem Gatten bezüglich seiner materiellen Verhältnisse irregeführt wurde, da er ntcht über eine Pension von 460 Schilling und ein weiteres bedeutendes Vermögen verfügte, sondern lediglich ein Einkommen von 360 Schilling besaß» welches er zur Hälfte für fern« Prwatbe« dürfniffe verwendete. Der Gatte erklärte, er brauche nichts anderes als eine Suppe und die Frau müsse sich es eben entsprechend einteilen, um auszukommen. Auch habe sich eine geradezu krankhafte Menschenscheu ihres Gatten gezeigt. der ihr verbot, mit ihren Angehörigen zu verkehren, da er von der jüdischen Familie nichts wissen wollle. So oft Besuch kam, versteckte er sich in de.r Küche, um ja nicht mit den Juden zusam-menzukommen. Diese Umstände wurden durch mehrere Zeugen vollinhaltlich bestätigt. Für den Ehegatten war dessen Bruder» sein gerichtlicher Beistand, ein Hofrat des Handelsgerichtes, erschienen, welcher anaav, sein Bruder behaupte, daß er aus konfessionellen Gründen mit der Verwandtschaft seiner Frau in Zwistigkeiten geraten sei. Er müsse zugeben, daß sein Bruder sich gegenüber seiner Braut über seine Vermogensverhältmssc „optimistisch geäußert habe" unv sich auch um 10 Jahre jünger ansgab als er faktisch -war. Sein Bruder habe eine konfessionelle Abneigung gegen die Verwandten seiner Frau besessen. obzwar er auch in erster Ehe mit einer Jüdin ver- StaatSbeamte Otto Papst, ein Witwer), auf d«n Standes- Gatten die Verhandlung zu vertagen. »er,ine. BortrSse und Bllsammluugr». Ausstellung „Die Frau von heute". Heute, halb 11 Uhr vormittags: „Die Maschine im Haushalt" (Lotte Fureg). 3 Uhr nachmittags: „Schöne Salatsmüsseln" (Frau Stefsi Reinhart). 4 Uhr: „Wie reinige ich meinen Gasapparat, wie spare ich Gas?" (Direktor Fantl). 5 Uhr: „Wie behandle ich meine Umgebung?" (Frau Sophie Lazarsfelo). — Zionistische Bezirksorgantsntion Brigittenau. Heute, 8 Uhr abends, im Herme, 20. Bez., Jägerstraße 30, Vortrag: Dr. N. M. Gelb e r: „Zionismus" (Fortsetzung). Freitag, 10. d. M. daselbst Midrasch-Vortrag von Dr. N. Goldstern. — Jüdische Moderne". Mittwoch, den 8. d. M.» 8 Uhr abends. Cafe Habsburg, 1. Bez., Rotenturmstraße, Vortrag: Dr. N. M. Gelber über Achad Haam. — Klub radikaler Zionisten. Morgen, halb 9 Uhr abends, im Cafe Atloshof (1. Bez., Mcsingerstraße, gulies; Gesang: Frau Kreitler; Rezitationen: Frau Mirjam Zionismus in der Weltpolitil". L Die MakkobSerseier der zionistischen BozirkSsektion Ottakring-Hernals findet heute, 8 Uhr abends, in MchwandnerS Prachtjälen, 17. Dez., Hernalfer Hauptstraße 41, mit folgendem Programm statt: Festrede: Dr. I. Schalit; Lichteranzünden: Oberkantor G. Margulies; jüdische Lieder: Oberkantor G. Margulsts; Gesang: Frau KraUler; Rezitationen: Fvau Mirsan Schnabel-Höflich. VOLKSWIRTSCHAFT die MarkpriorUAr« ver .Steg". Knr Mitteilung des Kurators über da« Stand der ddrfwrrtungsNage. Wir «hatten von Rvchtscrnwall Dr. Richard Eisler folgende Zuschrift: Die priv. österr.-ung. Staats- Tisenbahn-Gesellschaft in Wien, 1. Bez., Scheuksnftraße Nr. 8—10, hat am 31. Mai 1S7S eine Anleihe im Gesamtnominalbrtrage von 15,000.000 Gulden österr. Währung in Silber (30,000.000 Mark in 75.000 Stücken Nr. 1—75.000) ausgenommen. Es tvnrdrn fünfprozentige Schuldverschreibungen a 200 Gulden ö. W. in Silber, d. i. 133.33 Taler der Talerwährung oder 33.3.33 Gulden ffibb. Währung oder 500 fr. Francs ausgesÄen. Da die genannte Gesellschaft die verlosten Stücke nur mit 4M Papierkronen, d. i vier Groschen, und die Kupons ebenfalls nur in Papierkronen nicht gezwungen. Aber schon lockte stder romantische Plan, das Abenteuer, die Ferne ... Am Sonntagrnorgen lägen auf ihrem Frnhftüicksteller herrliche Perlen für das Ohr, Perlen einer Fürstin würdig und der größte englische Geldschein. Rahel erblaßte, Tränen stürzten aus ihren Augen, sie stammelte Dank. Am Mittag war fie verschwunden... Sie, fuhren durch bis Aiünch. Mit ihrem zusammengelegten Gel'de konnten sie gut vier Jahve leben. Und dann — aber können vier Jahre nicht aller Wunder voll sein? Sie mieteten zwei Zimmer in einer Pension auf dem Berge. Rudolf Alkhaus studierte weiter, Rahel belegte Medizin. Es begann ein glückliches, beseligtes, beschwingtes Leben. Hier fand Rahel mehr Mädchen ihrer Art, geistbesessene Geschöpfe, leidenschaftlich der Arbeit ergeben. Manche halten einen.„Mann", so nannten sie ihn, es blieb unsicher, ob „Mann" soviel wie Gatte bedeuten sollte oder nur Gattungsbegriff war. Vielleicht war „ich habe einen Mann" so viel, wie „ich habe einen Hund". Man hielt sich so was zur Zerstreuung, Sicherheit, zur Stillung des Blutes. Um den Kopf frei zu haben, muß man das Herz befriedigen. Von den anderen Mädchen hielt Rahel sich fern. Mt ihren Freundinnen aber feierte sie das Fest der Jugend. Wanderungen und Seefahrten, nächtliche Partien, Reisen nach Italien. O, wie billig war das Glück! Man braucht nicht Millionen, um Bildungshunger und Gefühlsdurst zu stillen. Ihre Freunde waren mit ihnen, man schlief gemeinsam, wer ein Paar war, sonderte sich ab, die anderen hatten reinen und freien Mutes keine Scheu voreinander. Man badete zusammen, Rahels untadeliger Körper war die franste Blüte der Natur. Wie heilig stieg sie aus Wasser und Schilf. Bald nach ihrer Ankunft halte sie den Eltern geschrieben, SKmul %i(g lttK fein AMU im AtiA und erWm „ einlösen will, wurde ich über Antrag der Frau Mary Pallavieini, Wien, 4. Bez., Gußhausstraß« 17, mit Beschluß des Hanbslsgsrichtes Wien vom 31. Mar h I. zum gemeinsamen Kurator bestellt. Das OberlandeSgericht Wien bestätigte meine Bestellung mit Beschluß vom 1. Juli d. I. und der Oberste Gerichtshof mit Beschluß vom 9. November d. I., G.-Z. Ob. lll, 689/1, 16/28, womit diese Bestellung rechtskräftig erscheint. Zweck der Bestellung ist, vorerst im Wege außergerichtlicher Verhandlungen und allenfalls der Klagsführung das dm Obligationenbesitzern nach, den Begebungsbedingungen Erstehende Recht auf Einlösung der abgereiften Kupons und Rückzahlung der verlosten Obligationen mit Gulden österr. Währung ln Silber bzw. Talern beziehungsweise Gulden südd. Währung bzw. fr. Francs gettend zu machen. Die „Steg" machte, was noch erwähnt iv&ben soll, im Jahre 1923 ein befristet gewesenes Umtausch "Mnwr'E . eines Nachts, direkt vom Zuge» in Rahels Zimmer. Er hatte ihr fluchen, fie mit sich nahmen wollen — aber fie flog ihm cm den Hals, sein Mund lallte, seine Augen flössen über. Er hatte die Tochter schon als Tote beweint. Die Nacht lang saßen sie beisammen, Rahe! brachte ihn im Morgengrauen hinunter in die Stadt. Es gibt eine Liebe, die zu nichts außerstande ist. Rahel blieb zurück mit Zustimmung des Vaters. Sie bekam einen Wechsel von wundrrbarer Höhe, sie tellte ihn mit armen Studentinnen. Rudolf Althaus bekam einen Brief von Schmu! Reich mit der Bitte: .Veschützen Cie mein Kind." / So glücklich war Rahel, daß sie Rudolf erhörte. Er war ihr Knecht geliehen. Aus einer kleinen Reise, in einem Berggafthause kniete er vor ihr. „Ich kann nicht weiter", stammelte er. Sie sah aus dem Fenster. Der Eigergletscher wÄtzte sich, dnrwpf glänzend im Mondschein, ins Tal hinab, ein erstarrter Urstrom. Und im ungeheuren Schweigen unverbrüchlicher Einsamkeit stieg die Jungfrau in die Nacht yinauf. Da neigte sich Rahel. Das stumme Leid der Welt m griff fie, die Trauer der Natur erschütterte sie. „Ich li-ebe dich ja," sagte fie leise. Mutter und WekS zugleich war sie. „Rudolf." Süßer Schauer des Blutes, tiefe Rührung des Herzens in einem erfüllten sie. „Steh auf. Komm zu mir."- Als Rahül ihre Vorexamen hinter sich hatte, Rudolf den Doktor und in Vorbereitung für seine Habilitation war, im Sommer des Jahres vierundzwanzig, fühlte fich Rahel Mutter. Sie war groß und stark geworden, «ine gesunde Frau, und die Natur hatte liebevoll gewartet, fie zu befruchten, bis fie Zartheit und Entwicklung Überwunden hatte.

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