Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2792 (5.12.1926)
- Date
- 1926-12-05
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Mene» 6. DtzMMr kVSS me S Nr. 2792 Men, GsnnMg 1«WV,: ä UTERATURBEILAGE DER .WIENER MORGENZEITUNG- SSAetltft. ...» -vtviii ift jjcEeltett, das Oö|t Mccvitisil. Aber uuit örrcht für den Stubenmenschen die große, herrliche Iah' reslose an. Es ift die Zeit des Buches. Was das Jahv getragen, edel und kümmerlich, auSgereift und niemals vollendet, es liegt jetzt da, ein Haufe Gedrucktes, von dem Reiz, Verführung, Zauber auSgehen: nun, man muß schon ein bissel Bücherwurm sein, um die Seligkeit der Druckerschwärze ganz empfinden z« können. Anfangs ist es noch schwer, sich vonr Sommer zu trsrmen. Aber da hat Albert Kuhn sein Buch „Das Alte Spanien" (Verlag Raufeld und Genius, Berlin) hiugelegt, das dem Kenner und Nichtkenner des Landes diese Halbinsel sichtbar, spürbar, fast riechbar macht. Immer merkbarer wird, wie Spanien in jedem Sinn, politisch, künstlerisch, geistig, auch menschlich, Fundament unserer Entwicklung ist. Seine Malerei und Architektur gehören zum Erschütterndsten, was Menschen gebildet. Es ist das einzige Land der Ekstase, das einzige, in dem Geist zll Rausch wird, Religion zu Leidenschaft. Wie die Seele Spaniens in jeder spanischen Schöpfung ausbricht, lote Landschaft, Kathedrale, Porträt, Tanz, Formausdruck spanischen Geistes sind, ivie das Ganze im kleinsten Einzelnen sich projiziert hat, zeigt Kuhns Buch. In präziser Knappheit prägt dieser Landeskenner Formeln für Maler und Architekten. Alt-Spanien ist «8 — aber gibt es ein neues? An seiner Kultur sehen wir, daß wir in allen Fortschritten verarmt sind. Man muß ganz Europa station.sL.os durcyqneren, mn wieder auf ähnliche Inbrunst des Lebensgefühls zu stoßen. Aber Rußland ist, nur in anderer Richtung, ebenso so tief und ekstatisch beseelt. Man kann Dostojewski sagen, wenn man Rußland meint. Und daß man wirklich das ganze Land erfaßt, wenn man diesen Geist begreift, lehrt Meier-Gräfes Werk „Do sto jewski, d er Dichter" (Verlag Ernst Rowohlt, Berlin). Dieser vielseitige Kunstmensch Meier-Grase, der Vollender Richard Mnth-rs, dessen Geistigkeit alle paar Jahre'' einen anderen schöpferischen Kosmos an sich reißt, erzählt zuerst, darstellerisch virtuos, das Leben des Dichters, nachdem er zuvor ihn abgeleitet und begrenzt hat; und dann wTt er, intensiv e'n'pürerisch, das Werk auf, mehr Synthese als Analyse des Einzelnen gebend, wie überhaupt dieses gewichtige Buch über Zergliederung hinaus, vielmehr die Schöpfung DostojeWkis zu einem harmonisch vollendeten Kosmos macht. Interessant ist es, zu vergleichen, wie ein Psycholog und Mediziner den Dichter sieht, den schöpferisch n Menschen. Karl Jaspers behandelt „Strindberg und van Gogh" (Julius Springer, Berlin) als Objekte psychiatrischer Betrachtung, und er hat sich, unleugbar, den richtigen Mann gewählt. Aber er geht vor mit seltener Verzu 1, 2, 3 Schilling1 in der Bttohersohwemme R Löwit Zurück zur Bildung' durch jß Botenturuasfcr&ße Nr. DK stäudnisdemnt, mit einer philosophischen Gesinnung, die ebenso bescheiden, wie nie befriedigt ist. Er weiß, daß mit den Fragen, die er beantwortet, mit der Erklärung von Lebensformen, die er findet, das große Geheimnis nicht gelüst ist; er weiß, daß man einen Menschen nur verstehen kann, um auf der Höhe dieses Verständnissen in sein letztes Rätsel aufgeschlossenen Geistes zu blickrn. An Leben und Werk bÄveist er die Krankheit des Genius — den Gesunden küßt die Muse nicht! —, Hölderlin und van Gogh illustri.?t weiter seine Aufklärungen. Bon Jasper überzeugt, >.d man nicht stärker liebend, aber tiefer begreifend gu Strindberg wiederkehren. Und da man nun schon in der Wissenschaft ftafr, lesen wir tveiter Otto Manns „Der moderne Dandy", ein Buch aus der Heidelberger Jasper'schen Schule (Julius Springer, Berlin), das vom Meister die Eindringlichkeit der Forschung, die Klarheit der Darstellung, die Ueberze^ungskraft der Problemlösung, übernommen hat. Im Phänomen des Dandy speicht die jeweilige Kulturepoche ganz sich aus. Der Dandy ist nie das Zufällige, sondern immer das historisch ganz Bedingte, das reinste Symptom der Zeit. Woher er kommt, wie er tmrd, welche Bedeutung er für die Geschichte hat, das stellt Mann in seinem. Buche nnt großer Beherrschung des Stoffes dar. Und ivns er über Wilde, Baudelaire, Barbey d'Aunevilly sagt, b7'-''>rt nock durch seine nrenschlich vertiefte Auslegung. Änd nun entspann..', wir uns-' An Geosfrey Mo ß' „D ieNiederlage" (Pontos-Verlag, Berlin), der Uebersetzung des in England hochberühmten „Defeat". Er war aktiver englischer Offizier und hat dann die Inflationszeit in Deutschland erlebt. Vielleicht ist für uns, die wir Gegenstand des Buches sind, dieses Buch nicht-so anregend und sensationell wie für die Zuschauer jenseits der Grenzen. Mer Moß hat glänzend beobachtet, sogar liebevoll! Beinahe parteiisch. Nun, cs ist nur iwch Gespenst, diese Zeit. Doch es ist gut, sich zu erinnern. Man. darf nicht , vergessen! Most' versäumt nichts, unsdiese Erinnerung wie Gegenwart fürchterlich lebendig zu machen. In höherem Sinne entspannt man sich bei Bruno Franks „E r z ä h l u n ge n" (Rolvohlt, Berlin), in denen er die klassischen Erzählungen seiner früheren Novellenbände vereint. Der Dichter eines unserer schönsten Bücher, „Die Fürstin", — wie hat dienendes Menschentum schönere Fassung gefunden! —, ist ein Meister der Novelle. Die eine ist entzückend, die andere rührend, die Form ist immer erlesen, der „Falke" original. Frank hat Charme und Kraft, Anmut und Tiefe. Das vereint sich selten. Wo es sich offenbart, wollen wir uns verneigen. Diesen Thron zu küsst n. ist ein Ritterschlag. Und nun kann man gestärkt zu „schweren" Büchern zurückkehren. Da lockt, nach den: blühenden Sommer, zuerst Adolf Wagners „Vernunft der Pflanze" (Carl Reißner, Dresden), das geniale Ruch eines eigem- IvMgen Denkers, in dem er fast zum Dichter wird. Ist nicht Dichter, wer das Wunder erblickt? Wagner sieht es hundertfältig in der Blume und entweiht es nicht, indem er es botanisch zerstört. Die Mystik der Natur läßt er uns großartig aufgehen, er entblößt den Geist noch in der Pflanze, die göttliche — oder menschliche? — Bernuyft im biologischen Vorgang des Gewächses. Wagner, erlöst von jeder Begriffsstützigkeit des Fachmannes, der er doch im besten Sinne' ist, schlägt den unbekannten Weg ein mitten ins Kernproblem des faktischen einfachen Daseins. Je tiefer er uns führt, desto farbiger werden die Schleie«: des Naturgeheimnisses. Er zerstört es uns nicht, er vertieft es vielmehr. Und darum ist dieser Professor ein Dichter. Kurt Münzer. BÜCHEREINLAUF. Friedrich Hebbel: Tagebücher. (Vollständige Ausyaoe' in drei Bänden.) Verlag Hesser & Becker, Leipzig. Japanische Dmmen. Für die deutichen Bühnen bearbeitet von Wolfgang von Gersdorfs. Verlag Eugen Diederichs, Jena. Jubiläumsalmanach des Berlages Joses Kösel und Friedrich Pustet, München. Herm. El. ttosel: Aittorias Vollendung (Roman.) Verlag Richard Bonk, Leipzig, Berlin. Karl Da^d Marcus: Knut Hamsun. (Eine Biographie.) Hören-Verlag, Berlin. W. B. Maxwell: Die späte Trauung. (Roman.) Drei-Mas-- ken-Berlag, München. Carl RiUlerr Die drei Riemairdskinder. (Roman.) Drei- Masken-Verlag, München. Gene Stratton-Porter: FüchSlein. Drei-Maskon-Vevlag, München. Norman Brnner: Der fatsche Arthur. (Roman.) Drek-Awsken-Borlag, München. Giuseppe Perhl: Briese. HerauSgvgeben und sin Franz Werfel. 1926. Paul-Zsolnay-Verlag, Berlin z!g. gleitet von Wien-Sekp- VON BÜCHERN, DICHTERN UND VERLEGERN. Das Gesicht Amerikas. $«£ : v33er 2ückk»f des Goldes". (BEtz MtzG-- Mn & Eo., Leipzig. Ms einem Vaganten wurde Jack London Amerikas größter Romanschriftsteller. Nicht so sehr weil er Kämpfer gegen soziales Unrecht ist — in keinem Lande der Welt ist das soziale Unrecht in den Seelen der Menschen, sotveit dies möglich ist, mehr sanktioniert als in den Bereinigten Staaten, ähnlich wie etwa die Monarchie in Preußen — vielmehr, rveil stiue Schilderungen intensivste künstlerische Formen einer Vitalität sind, wie sie meist nur jungen Völkern eigen ist. Die Romane Jack Londons haben das Gesicht des' Amerikaners; das der unbestimmbaren Aiger5>. Wofür der Sozialpolitiker London kämpft, das sind nicht allzu scharf profilierte soziale Ideale: Zug nach dem Lande (als kollektive Wirischasisbewegung für einer: Jdralzustand recht verschwommen); Ausschaltung des Geldes als Machte mittel (wobei die Ersetzung durch ein anderes Machtmittel bei weiterbestehenüem Machtwillen selbstvevständlich wäre!). Man könnte all' das sozialen Kainpf für den Gebrauch des Wochenmagazins nennen, wäre irr Londons Werk rächt ctivas, das absoluten künstlerischen Wert paHellt: b&x Vitale Optimismus. Hinreißend schön prägt sich Vieser künstlerische Wesenszug in dem Roman „Lockruf des Goldes" aus, dessen deutsche Uebertragung Erwin Magrms besorgt hat. Das Schicksal eines Goldpiomers wird gestattet, eines Menschen, der, Zum Spieler geboren, das „GoLspiel" betreibt. Die Fabel an sich ergäbe einer: Roman für die landläufige Kinowettanschauung, wie sie Hvllyivood auSmünzt; wer in Londons Hand wird sie zum Epos des Spielers, des Triebmenschen. Es gibt da u.. . q. am Schlüsse, desl BucheZ ein paar.Seiten, in deüen der Mann, der das Goldspiel aufgegeben hat (er -tut es so einfach 'und natürlich wie ein anderer etwa düs Golfspiel aufgibt) auf seinem Besitz eine Goldinine findet CLAUDE ANET 'Sein neuestes Buch Ende einer Wtlt Roman. Neu November zga6. halbleinen M S-S^ Ganzleinen M ft— Die Romantik der UrvBlker .ihre Sitten und Gebrauche, ihn Gemeinschaft ln Familie und; Volk, ihr Mythus, ihr tiefer Glaube an die Geisterwelt, erstehen neu in so lebendiger Gestaltung, als ob dos langst Vergangene-,, gegenwärtig ist. Bleibende Erlebnisse und ihre, Kämpfe mit der Natur und den Tieren der Bitzeit, ihre Mannbarkeitsfeste, Hochzeit»*) spiele und Gestalten wie Mah, No and Mors^ Es ist Anets unvergleichliche Kunst, dis hier tiefe Gedanken und umfangreiche Studien Aber prähistorische Kunst zu einem plastischen fesselnden Roman verwebt. Lxdis KergijewM Bornen. 18. Tausend. Halbleinen M $jo, Ganzleinen M 1<— ... Es ist das LUbetidyll eine« führenden Petersburger Bankiers mit einem jungem Mädchen der obereten Gesellschaftsschlcfat Auch das werden heute schon nicht viel Auto* ren mit so feinen Strichen an zeichnen wissen. Aber nun die Umwelt der beiden, nicht nur im engeren 8!nne Ihrer Gesellschaft»» Sphäre, sondern des zusaminenstfirtenden, Petersburgs, des in Kriegs- und Revolution!* lieber zuckenden Rußlands... (Berliner Tageblatt.) NuMcheFraum Novellen, z*. Tausend, Brauen und Liebe &, Rußland. Nadia, Wera Alasandrotma, Sonja Grigorijeuma. Halbleinen M j.90, Ganzleinen M Dies« Schilderungen sind psycliologhche Kleinodien, die neben Ihrer novelllitischan Triebfeder gleichseitig einen gewissen Volk» kundUchen Wert haben. (leipziger Neueste Nachrtehtend VERLAG G. WELLER & CO., MMDkG I ■ m» i.iyni« inwt