Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2790 (3.12.1926)
- Date
- 1926-12-03
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 M<E «srsenr-tt»«s 3. Dezember T926 men, FreSag Volkswirtschaft. Ae Handelskammer gegen dar zentral. dankgefetz. Scharfe Kritik der wlrlfchafMchen Korparatlove«. In einer kürzlich abgehattenen Sitzung des volkS- . rrtschaftlichen Ausschusses der Handelskammer wurde von allen Rednern das Bedauern wegen der übereilten, ohne vorheriges Anhören der wirtschaftlichen Korporationen getroffenen gesetzlichen Verfügungen über die Liquidation der Zentralbank ausgesprochen. Die.Vorsorge für die Dekkung der zugunsten der Zentralbank ausgewendeten Staatsmittel sei nicht so dringend getvesen, daß man nicht noch einige Tage hätte warten können, um einen Weg zu finden, auf dem den schwerwiegenden Bedenken, die gegen das Gesetz geltend gemacht weckten müssen. Rechnung hätte getragen tverden können. Die Kammer lehnt jede Verantwortung für die nachteiligen Wirkungen des Gesetzes ab. Sie bedauert insbesondere, daß die Auslandsguthabungen in die Bemessungsgrundlage für den Fondsbeitrag einbezogen wurden, und bezeichnet diese Bestimmung des Gesetzes als im Hinblick aus die Verhältnisse des österreichischen Geldmarktes geradezu unbegreiflich, da dies eine Versteifung des Geldsatzes herbeisühre, zumindest aber einer Verbilligung des Geldsatzes, die sonst hätte gewärtigt werden dürfen, entgegenarbeitet. Die Kammer fordert daher, daß die mit 31. Dezember l. I. befristete Rentonsteuerfreiheit der Auslandsgnthabungen auf ein« Reihe von Jahren, verlängert werde und daß der Finanzminister von der ihm im Gesetze erteilten Ermächtigung hinsichtlich derjenigen Fondsbeiträge, welche von den abzugsrentensteuersreien Zinsen von Auslandsguthabungen entfallen,, die Anrechnung der ganzen Rentensteuer ausspreche. Als eine ganz unbillige uud ganz «ud gar ungerechtfertigte Betastung bezeichnet es die Kammer, daß von einer Festlegung des Maximalbeitrages an den Fonds abgesehen wurde, wodurch eine Solidarhaftung aller Beitragspflichtigen geschaffen werde. „Daß ein Gesetz eine Abgavcpflicht von unlimitierter- Höhe und Solidarhaftung der Abgabepflichtigen statuiert, sei bisher wenigstens nicht Üblich gewesen." Bon den Vertretern der Sparkassen wurde noch darauf hingewiesen, daß jene Sparkassen, die im Betrauen auf die von der Regierung Übernommene Haftung ihre Einlagen bei der Zentralbank nW rechtzeitig abgehoben haben, dadurch jchwer gefthÄigt werden, daß ihre Forderungen nur in Raten bis zuin 1. Mai 1928 befriedigt werden, ohne daß ihnen für die Zwischenzeit Zinsen vergütet werden, während auf der andern Seite die Zinsenansprüche ihrer Einleger laufen. Dieser Teil der Entschließung der Handelskammer stellt wohl die schärfste Kritik gegen die Art dar, in der die Regierung den Zentralbankskandal liquidiert. Das Versprechen der vollen Garantie, das von der Regierung Ramek-Kollmann gegeben ivorden war, wurde von ihrer Nachfolgerin eben nicht ganz eingehalten, da die Sparkassen jedenfalls um die Zinsen verkürzt werden. Dieses Ersparnis ist nicht gerade geeignet, das Vertrauen in künftige Haftungserklärmtgen zu stärken. Gerade iveil es sich dabei mrr um geringfügige Beträge handeln kann, war es nicht gut, jene oft bewährte Maxime neuerdings zu bestätigen, daß wer am schnellsten rennt, am ehesten darauf redeten kann, fein Schäfchen ins Trockene zu bringen. . Nie Schillinsuotierung Wahrscheinliche Herabsetzung der Schlußeinhsiten in der Kulisse. In der gestern unter dem Vorsitze des Präsidenten Stern und in Anwesenheit des Börsekommissär-Stell- Vertreters Ministerialrat Dr. Zorn abgeHaltenen Plenarsitzung der Wiener Börsekammer berichtete der Porsitzende zunächst über die vor einigen Tagen erfolgte Vorsprache des neugewählten Kammerpräsidenten bei Bundesminister für Finanzen Dr. Kienböck, mit welchem die derzeit wichtigsten Fragen des Börseverkehres umgehend erörtert wurden, darunter insbesondere die Frage der. Umstellung des Kursblattes auf die Schillingnotierung, welche bereits für die letzten Tage des Jahres in Aussicht genommen rst. Die Kammer wird es sich angelegen sein lassen, das Publikum rechtzeitig über die diesbezüglich in Aussicht genommenen Neuerungen, insbesondere auch über den gleichzeitig in Kraft tretenden erweiterten Kasfahandel in jeder Hinsicht aufzuklären. Ferner wurde auf Antrag des Notierungskomitees bei 20 weiteren Aktiengesellschaften die Durchführung der Schillingnotierung grundsätzlich genchmigt. Von S a m st a g#* den 4. Dezember 1926, angefangen, werden die auf Schillingwährung überstempelten Aktien folgender Gesellschaften lieferbar sein: Hanf-, Jute- und TextMt-Jndu- Nachdruck bet&otttt. 1. Fortsetzung. 6ine Rahel von -ent'. Novelle von Kurt Münzer. Alles faszinierte sie, was Buch war, ivas Wissels Gelehrsamkeit bedeutete; sie war bereit, h-inzuknien. wo rmr ein Mensch ihr Neues beibringen konnte, ihre Seele wurde demütig, wo rmr unbekannte Einsicht ihr schimmerte. Es war ein junger, blonder, ernster Mensch, der da drüben las. Das Fenster war geschlosserr, damit die Kerze nicht flackere. Bisweilen sah er auf. Dann hob sich Rahels Brust Ihm unsichtbar, empfing sic seinen tiefen Blick. Sie ahnte Wunderbares darin. Am nächsten Lage erfuhr sie, daß Rudolf Althaus drüben bei einem Droschkenkutscher ein Zimmer innehabe. Er war Verkäufer in der Buchabteilung am Alexander- Platz, nachdem er einige Semester Philologie studiert hatte. Der Umsturz der Verhältnisse, der Sturz seines väterlichen Hauses hatten ihm den Weg verlegt. Bon heut aujs morgen fand er sich auf die Straße geworfen. Nudoöf war kein Weichling. Das Leben, das ihn hart anpackte, nahm er selbst zwischen seine Fünfte. Nicht lange, und er hatte den Posten gefunden. Aber wer Bücher liebt, sollte sie nicht verkaufen. Der in seinen Bücherwänden Selige wird im Buchladen erniedrigt und beschämt. Dennoch, Rudolf hielt aus. Wer abends kehrte er in sein Reich zurück, zu seinem geretteten Schatz, dem Regal seiner eigenen Bücher. Er lieble die französische Literatur, er strie A. G. (neuer Nennwert S. 50.—; Schlichhöhe 20 Stück); Berndorfer Metallwarenfabrik Arthur Krupp A. G. (neuer Nennwert S. 34.—, Schlußhöhe 25 Stück); Hirtenberger Patronen-, Zündhütchen- und Metallwaren- Fabrik (neuer Nennwert S. 75.—, Schlußhöhe 20 Stück);. Josef Männer u. Comp. A. G. (neuer Nennwert S. 200.—,. Schlußhöhe 25 Stück); Zellulose- und Papierfabriken' Brigl u. Bergmeister Ä. G. (neuer Nennwert S. 100.—, Schlußhöhe 25 Stück); Oesterr. Brown-Boveri-Werke A. G. (neuer Nennwert S. 10.—, Schlußhöhe 50 Stück); Oesterreichische Gasboleuchtungs A. G. (neuer Nennwert S. 125.—, Schlußhöhe 25 Stück); der „Schodmca" (neuer Nennwert S. 10.—, Schlußhöhe 50 Stück) und der Veitscher Magnesit-Werke (neuer Nennwert S. 500.—, Schluß- Höhe 5 Stück). Bei allen diesen Gesellschaften bleibt die Aktionanzahl unverändert. ' Die Frage der Schlußeinheiten wurde nochmals eingehend erörtert und insbesondeve beschlossen, die Schlußhöhe einiger bereits umgestellter Kulissepapiere einer Abänderung zu unterziehen. (Diese Abänderung stellt sich als eine Folge einer auch von uns gegebenen Anregung, die Schlußeinheiten, die seit der Umstellung der Aktien auf Schillinge auf ein allzu hohes Nominale lauteten, herabzusetzen, da das große, für einen Schluß erforderliche Kapital automatisch eine Ausschaltung weiterer Kreise des Publikums von der Beteiligung am Effektenmarkt bedeuten würde, dar.) I kamrte seinen Stendhal auswendig.' Nachts arbeitete er turnet an der Studie, in der das Schicksal ihn überfallen hatte, einem Versuch, die Seelenbiographie dieses großen französischen Gnstes zu schreiben. Rahel klopfte bei ihm an. Sie nannte ihren Namen, trat näher. Er stand verlegen von seinem Abendessen auf, fragwürdiger Wurst und Kriegsbrot. „Ich weiß, wer Sie sind," sagte Rahel mit ihrer dunklen Stimme in reinem Deutsch. „Ich rvill Sie fragen, ob Sie mir Unterricht geben können. Ich will in das Gymnasium, ich möchte in die Prima eintrcken. Wollen Sie mich vvrbereiten?" Er starrte sie an, schon bHaubert, er hatte nichts gehört. Rahel krauste ihre Stirn, sie sah ihren Eindruck und ärgerte sich. Sie kam nicht als Mädchen, sondern als Schüler. Sie bezwang ihren Respekt vor dem jungen Gelehrten und* rief: „Hören Sie bitte zu! Ich weiß schon manches, aber ich kenne.die Lehrpläne nicht. Ich will im nächsten Jahre, Ostern, in die Prima kommen. Dann bin ich siebzehn. Ich will' mit neunzehn fertig sein. Man hat keinen Tag zu verlieren. Sie sollen gut entschädigt werden, Herr Althaus. Ich habe mit meinem Vater schon gesprochen. Ich habe erreicht, daß nian Sie in Schweizer Franken bezahlt. Also, wann tonnen wir beginnen?" Sie begannen am selben Abend. Rudolf war in Bann und Verzauberung. . Hilflos saß er neben ihr, sie war es, die die Lektion bestimmte und leitete. Zum erstenmal war ihm ein Mädchen so nah, er kannte Kr. ms Sin Aeittuer Hausielyndttat in iranzWchen Franc». ' Gestern veröffentlichte die Agence Havas eiiren Zusatzbericht zum Finanzges-tz, motitt die in b# letzten Zeit von Poineare gemachten Erklärungen wiederholt nierden, daß die Regierung hinreichende ausländische Devisen 6e* sitze, um den Fälligkeiten der auswärtigen Schuld bis 1927 nachzukommen, und daß von den Vorschüssen der Bank von Frankreich an den Staat bis Ende 1926 zwei Milliarden zurückgezahlt sein werden. Dieser Bericht ivirkte auf allen ausländischen Plätzen stimulierend auf dm Kurs des französischen Franc ein, so daß neue Hausseengagernents erngegangen wurden, bte dem gestrigen Verkehr ein sehr lebhaftes Gepräge verliehen. Die Devise Paris haussierte bis 19.70 gegen Zürich, und es kamen ihr insbesondere Käufe eines in Berlin gebildeten Haussesyndikats zustatten, das sich zum Ziel gesetzt haben soll, den Pfundkurs auf 125 herabzudrücken. Bon diesem Ziele ist das Syndikat nicht mehr sehr weit entfernt, denn in Paris ist neuerdings ein scharfer Sturz ausländischer Devisen eingetreten, wobei das Pfund in dm Mittagsstunden bereits auf 128 zmückging. — Bon der Steigerung d-s französischen Franc profitierte auch die Devise Mailand, die sich auf 22.20 gegen Zürich besserte Die Flauheit des Leu wurde gestern bei einem Kurse von 2.80 gegen Zürich überwunden. Mn in Kärnten. Die Insolvenz der Kärntnerbank hat h. Kärnten bei den Einlegern anscheinend große Beunruhigung bervorgerufen. Bei der Handels- und Gewerbebank in Klagenfurt wurden, wie das .Kärntner Tageblatt" meldet, in den letzten Tagen 600.000 Schilling abgehoben. Das Institut hat Vorkehrungen getroffen, um einem weiteren Ansturm gewachstn zu sein. Außerdem hat der Vorstand und Aufsichtsrat der Bank eine Versammlung der Mitglieder und Einleger einberufen, in der beruhigende Erklärungen seitens der Direktion abgegeben und eine Entschließung angenommen wurde, in der sämtliche Einleger, die rn den letzten Tagen Gelder behoben haben, aufgeforoert werden, diese der Bank wieder zuzuführen. Auch ein zweites Institut, die Kärntner Sparkasse, mußte sich für einen allfälligeil Ruil rüsten. Ende November sollen dort 400.000 Schilling abgehoben worden sein. Nach der Meldung des genannten Blattes ist jedoch die Kärntner Sparkasse derart flüssig, daß sie sogar anderen Sparkassen für den Bedarfsfall Geld angeboren habe. Bei den Filialen des Wiener Bankvereins und der Steirischen Eskomptebank in Kärnten haben sich die Abhebungen und der Verkehr in ganz normalen Bahnen bewegt. Fusion der WesGöHmitzhen Kohlen- und Schamotte- Werke mit den Dov.izaner Werken. Aus Prag wird gemeldet: Die Westböhmischen Kohlen- und Schamottewerke haben heute beschlossen, vie Dovrzaner Kohlen- und Schamottewerke im FusionAnege, und zwar in der Weise zu übernehmen» daß die Aktionäre der Dobvzaner Wecke für sieben Aktien im Nominalwerte von 200 Kronen eine Aktie der Westböhmischen Kohlennnd Schamottewerke neuer Emission im Nominale von 400 Kronen mit Divideridenberochtigung für 1926 erhallen. Die Fusion wird rücktvlrkend auf den 1. Jänner 1926 in Geltung treten. Ferner wurde ein Antrag auf Erhöhung des Aktienkapitals der Westbühlnischen Kohlenwtfo Schamottetoerke von bisher 10 Millionen auf 12 Millionen durch Ausgabe neuer 5000 Aktien genehmigt. Die neu auszugebenden Stücke werden zur Gänze zum Umtausch gegen 35.000 Aktien der D-obrzaner verwendet werden. Pilsner Brauerei. Aus Prag, 2. d., wirid gemeldet: In der außerordentlichen Generalversamm-lung Der Ersten Pilsener Aktienbrauerei wurde beschlossen, das Mtienikapital von 1,086.000 auff 5,040.000 za erhöhen. Den Ak-uonären werden die neuen Aktien im Verhältnis von 2:1 zum Kurse von 900 angeboten. Insolvenzen. Das Wiener Handelsgericht hat das Konkursverfahren eröffnet gegen: Low u. BI u m e n f e l d, Tuch- und Textilwaren. 1. Bez., Franz-Joses.s-Kai 65; Rudolf Grünlwald, Agentur- und Äommifsionsgeschäst, 9. Bez.. Kolingasse 4. Grünwald war.im gerichtlichen Ausgleichsverfahren und dieses mußte eingestellt werden, weil keine Altivon vorhanden waren. — Das Ausgleichsverfahren wurde eröffnet über Nathan Fletsch mann, Dextilwarenhändler. 2. Bez., LassaHe-straße 60; Bernhard Frankel, Kürschner- Meister. 2. Bez., Novaragasse 48. die Frau nur in der Entartung der Dirne. Er war fünfundzwanzig, als ihn der Krieg entließ, er konnte das neue Leben der Jugend nicht mehr mitmachen, den Sport, die Wanderung, den Tanz, wo man dem Mädchen begegnet, in seiner Sphäre heimisch wird. Noch am Sonntag arbeitete Rudolf. Er träumte ganz heimlich: sein Buch vollenden, Honorare, Wiederaufnahme des Studiums, Examen, Dozent . . . Und jetzt saß die Schönste neben ihm, sie schien nicht zu wissen, daß sie ein warm duftendes Mädchen, er ein Jüngking war. Sie wollte lernen. Er fand sich selbst in ihr wieder. Als er die erste Scheu vor ihr verloren hatte, wurde seine Liebe kühn, oft dreist. Er legte, innerlich zttternd, den Arm um ihren Nacken. Sie zuckte mit den Schultern und ließ ihn von sich abgleiten, gelassen, nicht einmal lächelnd. Das war das bitterste: sie schien es nicht -zu merken. Sie empfand nicht, daß er sie berührte. „Lernen", sagte sie. fernen." Und dann also zogen sie um in die Kaiserstratze. Rudolf Althaus begann zu leiden. Seine Stube war voll von Rahels Duft. Er spürte sie, wohin er fant. Kurz vor Weihnachten war es, da sagte sie: „Also, Rudolf, wenn Sie mich denn durchaus küssen wollen, tun Si-e's schon." Sie lvar mit ihren Michern vom Lisch aufgestanden, sie lächelte kaum, ihre Augen lvaren traurig. „Nun, Rudolf, wenn es Sie glücklich macht." „Nicht so," sagte er, „nein, schon allzuviel M« mosen habe ich von Ihnen empfangen." (Fortsetzung folgt.)