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Wiener Morgenzeitung · 1926-12-02 · Heft 2789 (2.12.1926) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2789 (2.12.1926)
Date
1926-12-02
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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92». 2789 2. Dezemver 1926 •Seite 7 ♦ S5tenf Donnerstag MWGMWMMWWM MOO»UW» M wienfv wwfgfiijfWiiH0 Neutsch« guftiz. Der rechtsradikale Landgerichtsdirektor Marschner fälscht ein Geschwovenenverdikt. Aus Berlin meldet I. T. A.: Me vor kurzem berichtet, hat Landgerichtsdirektor Marschner entgegen die Rechtsprechung des Reichsgerichts in einem Gerichtsbeschluß ausgesprochen, daß ein jüdischer Richter von einem völkischen Angeklagten als befangen abgelehnt werden könne. Diese Aulflehnung eines atz rechtsradikal bekannten Richters gegen das Reichsgericht wurde damals in der Oeffentlichkeit sehr viel kommentiert. Landgerichtsdirektor Marschner war in Moabit als besonders scharfer Strafkammervorsitzender bekannt. Bereits im Sommer d. I. haben Distzi'plinarvvvgänge gegen ihn geschwebt, weil er mehrfach besonders milde Urteile gegen rechtsradikale Angeklagte gefällt hat. Hetzt veröffentlicht der ,Montag-Morgen" Ent-. Hüllungen über die richterliche Tätigkeit Marschners, die auf die Beschuldigung des krassen Rechtsbruchs hinausgehen. Unter der Ueberschrift „Ein Berliner Richter als Fälscher", teilt die Zeitung mit, daß Landgerichtsdirektor Marschner als S chw u r g erichtsvorsitzender nach den Mitteilungen der Geschworenen das ziffernmäßige Ergebnis der Abiftimmung gefälscht und dadurch eine Verurteilung zu mehreren Monaten Gefängnis herbeigeführt hat. Rechtsanwalt Dr. F. Thema! veröffentlicht im „Montag-Morgen" eine Darstellung des Sachverhalts: Es handelte sich um das Verfahren wegen Meineids gegen die Berliner Justizoberwachtmeister Meyer und Röhr, sowie gegen den Gemeindevorsteher L-e h m a n n aus Glasow. Dem Rechtsanwalt Thema! wurden von den Geschworenen ihre Gewissensbedenken mitgeteilt. In diesem Prozeß stimmten vier Geschworene für Freispruch, während zwei Geschworene und zwei richterliche Beisitzer für schuldig stimmten. Obwohl also die Stimmen halbiert waren, während das Gesetze Zweidrittelmehrheit verlangt, habe der Vorsitzende erklärt: „Dann gebe ich den Ausschlag, ich bin für schuldig." Daraufhin sei die Verurteilung erfolgt. Einer der' höchsten preußischen Richter äußerte sich dem Montag-Morgen" gegenüber folgendermaßen: ,Hch habe keinen Anlaß, an der Richtigkeit der mir bekanntgegebenen Tatsachen zu zweifeln. Ich glaube nicht, daß sich die Geschworenen in ihrer nachträglichen Fest-, stellung geirrt haben. Einen Irrtum des Vorsitzenden bei der Stimmenzählung hrlte ich für u nw a h kschsrn l i ch. Es kann nach der Sachlage nur vorsätzliches Handeln in Frage kommen. Ich nehme an, daß der Generalistaatsanwalt sofort ein Ermittlungsverfahren einleitet und die Disziplinarbehörde Marschner bis zur Klärung des Vorfalls vom Amte n s p e n ü i e r t." Zum Prozeß Moranfly. Der Diamantklub ersucht uns, sest- Mellen, daß Moransty memalS Mitglied des Diamantklub war und auch die Räume dieses Klubs niemals betreten,hat. Die Bemerkung des Verteidigers Dr. Sperber, Moransky sei ein hervorragendes Mitglied des Diamantklubs gewesen, entspreche daher nicht den Tatsachen. Nachdruck verboten. Sine Radel von dent'. Novelle von Kurt Münzer. Äcur in unserem! Jahrzehnt ist es möglich, daß der soziale Aufstieg eines Menschen mit der rasenden Schnelligkeit und wunderbaren Plötzlichkeit sich vollzieht, die dem Rhythmus des heutigen Lebens überhaupt entspricht. Das Tempo des Füms, die Raumaufhebung des Radios sind nur die greifbaren Symbol« unserer Wettgestaltung. Noch im Gebiet der Seele hat diese Neuordnung des Kreislaufs um sich gegriffen. Ein Beispiel solchen Anfstügs bot das Leben des Schmul Reich. Bald nach dem Schweigen der Kanonen und Gewehre war Schmul RÜG aus dem Osten aufgebrochen urw hatte mit Frau und Töchtern, nach einigen Stationen in Mittelstädten, Berlin erreicht. Die Verwirrung war Lei seiner Ankunft noch nicht auf der Höhe, vorerst brachen von allen Seiten noch, pie Ströme gieriger Menschen in di« große Stadt ein. Schon war sie überfüllt. Schmul Reich fand mit feinen drei Frauen Unterkunft bei Fremrden in der Mulackstraße. - Das Ghetto der Grenadierstraße Hatte seinen Bezirk gesprengt und sich auf das ganze Quartier ausgebreitet. In großem Elend hockten-flüchtig« Familien beieinander, jeder hals jedem, niemand dürft« auf der Straße bleiben. Die engen, niederen Wohnungen waren überfüllt. Aus deu kleinen Küchb strömten die orientalischen Gerüche durch den ganzen Bezirk. Immer waren die Straßen voll von Gruppen leidenschaftlich redender Juden, vor den frommen Speisehäusern saßen alte Fraum im schivarzen Seidenkleid des Sabbats. Dort kam die Familie Reich unter. Sie fühlte sich sofort heimisch. Man war wie in der kleinen Heimat- Volkswirtschaft. Das Aheimkabinelt in der Postsparkasse. Me die Poselgeschstfte abgewickelt wurden. Im Lager der Regierungsmehrheit herrscht lvegen der Verabschiedung des Zentralbankgesetzes mit seinen Bestimmungen über die Zwangsanleihe Heller Jubel, die Opposition ist ivieder hocherfreut, daß ihr durch die Heranziehung der Privatbankiers zur Rinlelcn-Buresch-Wutte- Steuer Gelegenheit geboten wurde, in demagogischer Weise zu erzählen, daß auch Rothschild die Einlagen werde versteuern müsse«, obwohl' es notorisch ist, daß Rothschild keine Eiwlagen hat. Majorität und Minorität tun hochbefriedigt, und un!ter dem ersten Eindruck d«r Annahme des Refundiernngsgesetzes hat sich Dr. Kienböck zu mysteriösen Andeutungen hinreißen lassen, wonach auch bei der Postsparkasse für den Staat nichts verlorengehen werde. In Finanzkreisen imrd diese Aeußerung dahin ausgelegt, daß der Regierung offenbar zugunsten der Postspaickasse eine ähnliche Refundierungsmanipulation vorschwebt wie bei dem Ersatz der für die Zentralbank hinausgeworfenen Gelder des Staates, da es doch ausgeschlossen sei, daß der Ertrag der Zentralbankabgabe, von der die Konsumvereine ausgenommen und in die der Rothschild ohne Einlagen hineingenommen wurde, so viel abwerfe, um auch die Postsparkasse zu sanieren. Regierungsmehrheit und Opposition vergessen in der Genugtuung über ihre fraglichen Erfolge, daß es noch ein Postparkassseproblem gibt und daß in dieses vorerst gründlich hineingeleuchtet werden muß, ehe man sich zu neuen Kontributionen an den Geldmarkt etwa im Stile einer Svosel-Kttmefth-Schnfter^Anleihe entschließt. Bor zwei Wochen haben wir die Frage an die offiziellen Faktoren gerichtet, wer denn Bafel die Generalvollmacht ausgestellt habe, an der Börse für Rechnung der Postsparkasse Francsgeschäste zu tätigen, an denen bekanntlich ein Verlust von mehr als fünf Millionen Dollar hasten blieb. Die Antwort ist bogreiflicherweife ausg^blieben. Das Schweigen ist allerdings durchaus begreiflich, wenn man erfährt, daß die berüchtigten Spekulationsgeschäfte der Postsparkasse nicht von der Börsenvertretung der Postsparkasse durchgeführt wurden, sondern daß sich alles i» der Präsidialkanzlei des Btzsgonvernemtz Dr. fettmm abfptelle. wirken vorbeugend und lindernd die ärztlich erprobten und empfohlenen Sallvoin -Knoblauchtropfen. Vorzüglich bei Frauen in den Wechseljahren. Preis S 3.50. Crhäitlich in allen Apotheken. ist Erzeugung: Alte Feldapotheke, Wien, I. Stephansplatz. Hier wurden die großen Effekten- und Devisen geWiste ausgeheckt, hier wurden sie Über ein separates Konto, von dem die normale Buch» Haltung überhaupt nichts erfahren durfte, verbucht. Und hier, in diesem Geheimkabinett, zu bent nur die „Berufensten" Zutritt hatten, ging es wie in einem exklusiven Spielkasino zu, mit dem Unterschiede, daß nicht eigenes Geld, sondern Staatsgelder verspekuliert wurden. Ist die Regierung wirklich nicht geneigt, in die Geheimnisse des Geheimkabinetts einzudringen? der klnfluß der Leipilger Messe ans die Wisch« BoUswittschaft. Der Leiter der Wiener Geschäftsstelle der Leipziger Messe, General S ch i e ß l e r, lud für Dienstag die Vertreter der jüdischen Presse zu einer Besprechung, .in der er die Bedeutung der Leipziger Messe für die Besserung der jüdischen Wirtschaftslage hervorhob. Leipzig verdient mit Recht, so führte er aus, den Namen der. Weltmessestadt. Der Käufer wird von amtlichen Messeorganen bei der Abwicklung seiner Geschäfte auf das wirksamste unterstützt, und auch der Laie hat so Gelegenheit, aus der großen Fülle des Gebotenen für sich das Geeignetste auszuwählen. Polen und die baltischen Länder, in denen der Handel vornehmlich von Juden bestritten wird, nehmen in jüngster Zeit an der Leipziger Messe lebhaftes Interesse. Auf das im Aufblühen begriffene P a l ä st i n a könnte die Leipziger Messe einen äußerst günstigen Einfluß ausüben. Eine Ausstellung der palästinensischen Erzeugnisse würde das Aufstreben des Landes vor der ganzen Welt offenbaren und zahlreiche Interessenten dem palästinensischen Markt zrvführen. Die jüdische Volkswirtschaft kann durch die Leipziger Messe.starke Impulse erfahren. Lemberg, die «e«e zentrale der polnischen Raphtainduftrie. Das Naphthakartell bis zum Jahresende verlängert. Aus Krakau wivd uns gemeldet: In der hier abgehaltenen Konferenz der Vertreter der Polnischen Raffinerien wurde einstimmig beschlossen, die Verlängerung des bestehenden Naphthakartells bis zum 31. Dezember d. I. Vom 1. Jänner 1927 an wird ein Syndikat gebildet werden, das den Namen führen wird: „Zentrales Berkaufsbureau" und seinen Sitz in' L em- OOOOOOOOCXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX3 Am bestell sind doch die Ceschka-hote Vli., KalstrsfraBo 123 WIEN IX., AlsorsfraBe Nr. s OOOOOOCXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX) stadt. Nur jenseits lebten andere Menschen, die lauten eifrigen Leute von Berlin, ein Vvlk, mit dem sich verhandeln und arbeiten ließ. An einem Mittwoch war man angekommen, am Donnerstag begann Schmul Reich fern Geschäft. Es wickelte sich auf der Straße ab. Wan traf dort Herren, auch Damen Ms dem Westen der Stadt, man kaufte ihnen dies und das ab, ausländisches Gell», 'Schmuck. Schmul Reich-, damals noch war sein Name Hohn auf feinen Bermögensstand, machte Valutageschäfte, er handelte Mf der Börse. Als man sechs Monate in der >Mulackstraßc> eingepfercht gehaust hatte, mietete man eine möblierte Wohnung in der Kaiserstraße und zog mit kleinem Gepäck um. Damals war Rahel, die zweite Tochter, eben siebzehn Jahre alt. Sie bestand darauf, daß man ein Zimmer der neuen Wohnung an Rudolf Atthaus, ihren Lehrer, abgab. Die Mutter sträubte sich, einen Christen ins HMs zu nehmen. Aber die Eltern vergötterten ihre Zweite, was Vater Schmul tat, tat er für sie; die Mutter, mit vierzig eine verkümmerte, aufgebrauchte Frau, von Krankheiten zermürbt, betete Rahels Schönheit an. Sie träumte von Rothschild und Bleichröder für sie. Man gab ihr nach. Rudolf Mthaus, der Kommis von Tietz, erhielt das einfenstrige Borderzimmer mit Frühstück und Abendessen frei als Entgelt für seinen Unterricht. # Lina, die Aelt-ste, raste. Ein unglücklicher Fall in dex Kindheit hatte sie schief geinacht. Damals hätte man kein Geld für Aerzt« und Orthopädie. Jetzt, mit zwanzig, sah Lina ivie verwachsen aus, klein geblieben, von Nell» und Scheelsucht das Gesicht verzerrt. Sie wußte: Rudolf liebte Rahel.., Sie ertrug es nicht. Als ihr Widerspruch gegen diesen Hausgenossen nichts half, fiel sie in Stummheit und Trotz und wandelte wie einsböser Geist durch die Stuben. Man hielt sich ein Mädchen,. eine Christin, damit am Samstag alles Notwendige von ihr erledigt wuchs. Die Küche behauptete die Mütter.- Sl« war f«mm bis zur Grausamkeit. Rahel allein in der Familie dachte über Gott und ferne Befehle hinMs. Sie lebte kaum noch im Geiste d«r Ihren. Rahel war die Schönheit aus dem Orient, sie hatte die tveiche Bläss« und die Gazellenaugen, das glanzlose schwarze Haar und den üppigen geschwungener: Münd der maurischen Jüdin, sie tvar nicht groß/ aber von untadeligem Ebenmaß, sie tvar schmal und doch süß ausgefüllt, sie hatte di« langen Beine eines Knaben und.vollendete Arm«. Leise.und voll tvar ihre Stimme, dunkel gefärbt, warm, schwingend. Mau hätte meinen könnenp sie müssewunderbar singen. Aber sie sang nicht, sic hatte wohl Gefühl, doch nicht Sinn für Musik. Sie träumte gern bei Musik. Um ihrer selbst tvillen, verstund sie die Musik nicht. ' Rahel hatte seit ihrem zwölften Jahr gewesen, was' ihr erreichbar war. Westliche Zeitungen und Bücher. Sie hatte beim Kantor Stunden gehabt in Deutsch-mü» Eng-- lisch. Mit dem Rabbiner ihres Städtchens, der sie Iteäe, hatte sie Mathematik und Philosophie getrieben. Er las mit dem Kinde Spinoza, und ein Freund und Liebender Platos, schloß ihr Griechenland auf. Rahel hielt sich von' Spielen und Festen fern. „Mein Sohn Rahel," sagtt der Vater, wenn er von ihr sprach. Dabei blühte sie in holdester Mädchenhaftigkeit, schon vom Kind ging der bezauberirde Duft der Frau aus. Wenn ihr süßer Mmck das Latein Spinozas sprachging in dem alten Rabbi so Wunderliches vor, daß er sich «inschloß und im Gebe?- sich wiederzufinden suchte. Diese Rahel kam nach Berlin, kam in die MÄkKckstraße und entdeckte, am ersten, Abend, im dunklen Zimmer am Fenster sitzend und in die Trostlösigkttt feg Hofes starrend, gegenüber an einem Fenster bei einer Kerze einen jungen Mann, der ilfcgr Büchern saß und zu lesen und lernen schien. (Fortsetzung solgtz) » i

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