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Wiener Morgenzeitung · 1926-11-26 · Heft 2783 (26.11.1926) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2783 (26.11.1926)
Date
1926-11-26
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Men, Freitag wtmcf wWfyfnjniiiiig 06. November 1026 Seite 6 Nr. 2783 Volkswirtschaft Sie Zentralbank im Zwangsausgleich. SiQaiDatUra durch ein Spezialgesetz. it der wegen des am Monatsende Mausenden ^Moratoriums der Zentralbank deutscher Sparkassen gebotenen Eile, hat di« Regierung gestern dem Nationalrat die d r i tte Z e n t r a Ib a n k - G e setz Novelle unterbreite^ Sie ist ein siür den Fall der Zentralbank geschaffenes Spezialgesetz, und hält sich im Wesentlichen an die Grundgedanken des vom Zentralbarrkkuratorium gemachten Vorschlages. Der Entwurf wurde ohne erste Lesung dem Finanzausschüsse zugcwiesen. Er wird ihn voraussichtlich heute in Veilhandlung ziehen, und am Dienstag kommt er im Nationalrat zur zweiten und dritter: Lesung. Die Dringlichkeit dieser Vorlage, das heißt die Notwendigkeit, innerhalb weniger Tage Bestimmungen über die Liquidierung dieser verkrachten Bank, bei der der Staat als Gläubiger mit rund 60 Millionen Schilling figuriert, zu schaffen, hat den Finangminister auf den Gedanken gebracht, in diesen Re-gierungsentwurif auch Bostimmun-g-en über die Rückzahlung dieses StaatsvorWusses cmfzunehm-en. Ob Dr. Kienböck mit den Paragraphen des Gesetzes, welche die Refun'di'erung betreffen, Gliück haben wird, mnß sehr bezweifelt werden, da vor allem die Zentralspa^ kasse der Gemeinde Wien, aber auch die übrigen Kroditrnstitute kaum bereit sein werden, zu dem von ihm vorgeschlagenen Garantiefonds beizutragen. D r. Kienböck erläuterte gestern im Nationalrat die Vorlage beiläufig wie folgt: Die Zentralbank ist zweifellos insolvent. Eine gleiche Behändlung der Gläubiger, etwa nach dem geltenden ordentlichen Jnsolvenzverfahren, sei im vorliegenden Falle nicht möglich, weshalb eben ein Spezialgesetz gemacht werden muß. Die Zentralbank wird demnach aufgelöst und in Liquidation treten. Zum Liquidator wird das Kreditinstitut für öffentliche Unternehmungen und Arbeiten bestem, das auch mit der Liquidierung der Depositenbank betraut ist. Zunächst mnß dem Bund das Geld, das er seit Juli 1926 für die Zentralbank ausgcgeben hat, zu 100 Prozent restituiert werden. Entsprechend der Hastungserklärung .der Regierung Ra mek sollen auch brr Einlage- und Kontokorrent-Gläubiger mit 100 Prozent befriedigt werden. Die Begleichung soll in drei Raten, die sich bis in den Herbst 1928 erstrecken, erfolgen. Die Bell raten sollen .ihre Bezüge bis Ende März 1927 erhalten. Mit diesem Tage wird das Dienstverhältnis gelöst. Die Ansprüche der Beamtenschaft, welche auch im Koakurs- und AusglebchIverfahren eine bevorzugte Be- 'handlung erfahren, bleiben vollauf gewahrt. Die weitergehenden Ansprüche — die Vorlage spricht von Beträgen Liber 2400 Schilling—sollen zu 6 0 Prozent befriedigt werden. Alle übrigen Gläubiger sollen mit einer 30prozentigen Quote vorffeb nehmen. Diese Festsetzung einer Quote in einem Gesetze sei wohl ein ungewöihnbicher Vorgang, aber diese Gläubiger hätten eben keinen anderen Anspruch, als dasjenige zu bekommen, was sich im Konkursfalle ergeben würde. Ihre Zahl sei übrigens nicht groß. Für die Befriedigung der Forderungen gogen die Zentralbank soll ein Garantie-Fonds haften, für den wieder der Bunb hastet. Dieser F nds soll die Berechtigung haben, Obligationen bis zu 80 Millionen Schilling ausz-ugeben, wovon zunächst 60 Millionen Schilling begeben werden. Man denkt daran, enÄveder die ganze Emission oder einen Teil mit einem Prämienversprechen zu verbinden. Die Kreditinstitute sollen verpflichtet werden, drei Prozent ihres Einlagekapitals in solchen Obligationen anzulegen. Ferner sind diese Institute verpflichtet, Beiträge zudiesem Garantiefonds in der Höhe von 6.4 Prozent der Zinsen der bei ihnen dastehenden Einlagen zu leisten. Drei Prozent der Einlagenzinstn sollen in die Rentensteuer dieser Institute eingerechnet werden dürfen. Sine zwaugravleihe bei de« Banke« und Sparkasse«. Die Refundierung 'der für die Zentralbank von 'dev Regierung bereits ausgeworfenen urti> auf 'Grund der Haftungserklärung noch auszuwerfend ei: Beträge holt sich die Regierung Seipel-Kienböck bei den Banken und Sparkassen, die auf Grund dieses Gesetzes gezwungen werden, 6,4 Prozent der Zinsen für Buchcinlagen oder rentensteuersistich-> tige Kontokorrenteinlagen ai: 'den ^Garanirefonds" abzuführen. Die effektive Besteuerung der Banken und Sparkassen reduziert sicb al^rdings um drei Prozent, da so viel den Instituten in die Renk nsteuer eingerechnet wird. Da die untek dem Titel der Zwangsbeitrage an den Ga^> rantiefonds von den Instituten zu leistenden Beiträge wie bei der Rentensteuer im Abzugswege regelmässig abzusühren sind, so wird die Finanzbureaukratie wiederum reichlich Gelegenheit zur Betätigung haben intb so wird wieder die Zahl der Streitigkeiten über die Bemessungsgrundlage, wie sie bei allen Steuern die Regel sind, eine ansehnliche Vermehrung erfahren. Die Neftrndierung hat den ausgesprochenen Charakter ° einer Zwangsanle'.he! Daß man zu diesem Mittel greifen ntuß, ist' nur eine Folge der bisherigen Schulden Politik des Staates, ine ihn um "ben Kredit ans dem 'inneren Anleihemärkte ge-, bracht hat. Er kann nicht darauf rechnen, daß :hm seine Anleihotitres vom Publikum freiwillig ab gelaust wehren, und so rächen sich an ihm die alten Sünden, die an den In-, habern der Schusdtitres früherer Zeit bedangen wurden, 'indem man ihnen selbst Ziüsenversprechungen in Gold oder Valuta mit Papierkronen, das heißt also, gar nicht, einlöste. Jetzt befindet sich der Staat in einer Notlage und in voller Erkenntnis der Schwierigkeiten selbst eine Zwangsanleihe bei den Banken und Sparkassen unterzubringen, mußte er sich dazu bequemen, ihnen wenigstens eine Ermäßigung der Rentensteuer, gegen die er sich im Laufe der im Sommer geführten Verhandlungen mit allen Mitteln gesträubt hat, zu gewähren. Ein Teil der Eingänge aus der Rentensteuer wird also gewissermaßen als Deckung für die in Aussicht genommene- Emission von Schuldverschreibungen, die mit einer Laufzeit von höchstens 15 Jahren und mit einer Verzinsung von mindestens vier bis höchstens sechseinhalb Prozent ausgestattet werden sollen, zur Verfügung gestellt. Die Schuldverschreibungen des Fonds, heißt es im Gesetzentwurf, können zur fruchtbringenden Anlegung von Kapitalien der Stiftungen der unter öffentlicher Aufsicht stehenden Anstalten, des Postsparkassenamtes, dann von Pupillar-Fideikonrmiß- und Depositengeldern sowie zum Börsenkurs. , 'pdoch nicht über den: Nennwerte, zu Dienstmtö Geschäftskautionen verlverwet werden. Aus dieser Bestimmung ist zu entnehmen, daß auch an die Placierung der Obligationen an der Börse gedacht wird, wozu sich gewiß ein Zwang ergeben wird, da cs ausgeschlossen ist, daß die österreichischen Finanzinstitute einen Betrag von 60 bis 80 Millionen Schilling in einen: nicht Marktgängigen Titre immobilisieren. Um dem Titre die Marktgängigkeit zu verschaffen, wird man aber mit einer Verzinsung von bloß vier Prozent Wohl kaiknr auskommen und man wird daher mindestens auf den vom Gesetze vorgc je'enen Höchstsatz von 6,5 Prozent hinaufgehen nrüssen. Im übrigen sei die Hoffnung ausgesprochen, daß die Pupillarsicherheit, die der Titre genießen soll, nicht jenes Schicksa e eben möge, wie es den anderen pupillarsicheren Papieren, die der Staat selbst vermöge seiner Kronenpolitik entwertet hat, widerfahren ist. Die Deckung des Zinsen- und Amortisationsdienstes der Schuldverschreibungen durch einen Teil der Rentensteuer dürfte kann: ausreichend befunden werden, u'm das Vertrauen in die „Pupillarsicherheit" 'wieder -'erznstellen. Hiefür wären noch andere Garantien ito" e Mg, Me bei der Konstruktion des Fonds festgelegtr. te eu mußten. Zweifellos stellt die Vorlage noch nicht das ^tc Wort in der RefuMerungsaugelegenheit dar und sie'wird sich noch manche Aendcrung gefallen lassen müfj'er. Englisch-deutsche Wirlfchastrtagnng in London. London, 25. November. Nach der „Westminster Gazette" werden an der Zusammenkunft von Vertretern der englischen und deutschen Geschäftswelt auf britischer Seite unter anderen die Präsidenten und Vizepräsidenten des Verbandes britischer Industrie, Eric G e d d e s, Max Muspratt, Oberst Wernon Willey, Oberst Armst r on g, Sir Vincent Ca i l l a r d und Sir Peter R Ylands, auf deutscher Seite u. a. die Herren Dulsberg, Frowein und Gehcimrat Kastl teilnehmen. Die Zusammenkunft wird w-cvhrscheinlich in den ersten Tagen des Dezembers stattfindcn und in der Hauptsache eine untersuchende Tätigkeit entfalten. Zur Erörterung dürften die Tarifkonkurronz und jene wirtschaftlichen Fragen kommen, die von der Wirtschaftskonferenz des Völkerbundes im nächsten Mä: behandelt werden sollen, ferner möglicherweise auch kleinere Fragen, wie das Problem der Doppelbesteuerung. Das Blatt bemerkt, diese Zusammenkunft sei eine natürliche und logische Folge der Ausgestaltung der zwischen den beiderseitigen Organisationen seit längerer Zeit bestehenden freundschaftlichen Beziehungen. Die Politik englischer Banken gegenüber dem Kontinent. Im wirtschaftlichen. Teile der „Times" wird die Abstoßung ausländischer Filialen britischer Banken besprochen, wobei es u. a. heißt: Es sti.iimt mit der Politik der Anglo-Jnternational Bane überein, ihr Geschäft zu verdichten, als Geschäftsstelle für ausländische Bankinstitute zu fungieren und, falls dies erwünscht sein sollte, Aktien und Geschäftsanteile solcher Institute zu besitzen, aber nicht durch Errichtung eigener Filialen an fremden Patzen mit den örtlichen Banken in Wettbewerb zu treten, denn eine solche Praxis hat sich eher als unvorteilhaft, denn als gewinnbringend erwiesen. Befestigung des srnnzösichen Franc und -er Lim. Der Devisenmarkt stand gestern im Zeichen des nahen Ültimobedarfes, der dem französischen Franc und der Lira zu Kursbesserungen vechä.'f; für den Fra nc wirkten auch Jnterdentionskäufe der Bank von Frankreich, so daß er sich wieder auf 18.50 erholte. Mailand besserte sich von 21.65 auf 21.82»/». Der Ultimodedarf drückte sich auch in dem Kurs der Devise Bukarest aus, die auf 2.92»/- gestiegen ist. (5. Fortsetzung.) Beschneite Spinnwebe«. Eine Ehegeschichte von Max Brod. Das Sprichwort meines Vaters, das ich immer so verlacht halbe, jetzt wird es an mir wahr. Geld, pflegte er zu sagen und wackelte dabei andächtig mit dem Kopf: Wenn Geld nur Geld wäre — aber Geld ist alles! — Er sang es förmlich, dieses Wort: Alles!" Und wild faßte er nach der Frau. Alles, auch du — das lag kn dem harten Griff. Als wolle ihm nun auch die Frau ins GÄdland entfliehen. ,Zlch, daß alles so schwer ist", seulsizte er auff. Er Hatte den Kopf an ihrer vom Schlaf schon kindlich erhitzten Wange. Sie hielt ihn dort fest. — Draußen vor dem Fenster Schneeflocken. Der Lichtkreis der Nachtlampe zeigte ihr leises Nieberschweben nahe an der Glasscheibe. „Die leichten Schneeflocken", sagte die Frau. ,^:eh' nur, was für leichte Dinge es gilbt." ,Keicht?" seufzte er. ,/Du solltest -den Schnee auf -dm Kohlenhalden sehen — oder im Fabriksho'f. Wie mit Keulen hingeschmettert, wie niemals mehr wegzuwälzen sicht er da aus." / Sie sahen lange zum Fenister hin, stumm, jedes in seine Gedanken abgesperrt. Die Hoffnungsfreude in ihrem festen, glatten Gesicht erlosch nicht; auch der Schmerz nicht m dem seinen. ,Meißt du, was komisch ist?" sagte sie endlich, gab offenbar stärkstem Antrieb nach. Sr hob den Korps. ,/Du hast mich noch nie spielen gesehen. Ich habe Ar noch nie Vorgesprächen." Es ist wahr, daran hatte er auch noch nie im Entferntesten gedacht. — Wie vielen Menschen, deren Gefühlsleben stark, bis zur Schmerzhaftigkeit stank ist, waren ihm die Künste im Grunde gleichgültig. Ihm genügte vollauf das Leben mit seinem Elend, das er sah, vor dem er sich nicht absperrte. Wer warum es abschildern, also verdoppeln? — Nein, mit Kunst möchte er nicht behelligt sein. Den Geist liebte er wohl — den Geist, der die Welt verändert, das Studium, technische Erfindungen, Schaffen und Bessern; nicht aber die Langeweile der Wiederholungen. — Seine Frau verchrte er. In ihr war noch viel, das wußte er; nicht grundlos verehrte er sie — da waren.noch Rätsel, unerfüllt gebliebene M'msche, Wege im Nebel. Mer daß nurt gerade Schauspielkunst es sein sollte, was in der Frau steckte und an den Tag wollte, daß etwa diese noch nicht geoffenbarte Begabung den ahnungswelse erfühlten Grund für all seine Verehrung und Leidenschaft darstellen sollte — dieser Gedanke kam einer Enttäuschung gleich, faßte ihn geradezu mit Entsetzen. Et sah sie starr an. Die Frau nahm sein Schweigen für Ueberlegung und Staunen in dem von ihr gewünschten Sinn. „Soll ich dir etwas vorsprechen? Was willst du hören? Puck, Sommernachtstra:rm? Willst du?" Er konnte kaum roden, stammelte: ,Oetzt? Jetzt gleich?" Sie hatte die Decke zur Seite geworfen, wollte aus dem Bett aufspringen, von tätigem Eifer erfaßt, vielleicht ein Buch holen, vielleicht Aeich zu agieren beginnen. Im Schlcvfpyjama? Das Zuchtlose, auch ein wenig Lächerliche, das sich Mr ihn stets mit dem Begriff , ,Iheater" verbunden hatte und ihn seit je abstieß, fand unerwartet Bestätigung. Wie um etwas Entwürdigendes nicht zu sehen, schlug er rasch die Hände vors Gesicht. „Nie, nie! Nie will ich das mitmachen!" Er stand schon an der Tür. Wie eine Verwünschung schrie er es ihr noch einmal zu: „Nie!" Als würde 'chm erst jetzt klar, daß sie seit dem ersten Austauchen ihrer neuen Berussides keinen AugeMick von ihr abgelassen hatte. Das war die Kraft, die Hartnäckigkeit, die er an ihr kannte! Nur diesmal nicht zu verehre::, nicht zu billigen — einem schändlichen Beginnen zugewenöet. Also, offener Kampf! Es blieb nichts anderes übrig. Er warf die Türe hinter sich zu, floh in sein kaltes Bett — mit einer Hast, als hätte die Frau ihn aufhalten wollen, hätte nicht die Hände traurig, unschlüssig zu Boden gesenkt. Eine schöne Frau und ein verriegeltes Schlaßzimmer, wie er es nun in den nächsten Nächtei: vorfand — das war von einer ganz fanatischen, bösen Gewalt übev ihn. So sehr er sich dagegen wehrte: er sah ihre Arme vor sich, während er darüber Nachdenken sollte, brieflich den Gläubigern ein neues Arrangement anmutig zu machen. Anmutiger als all« Arrangements der Welt waren diese weißen Arme, weiß wie das Innere eines eben frisch ausgeschnittenen Apfels — und duftend wie das Fruchtfleisch des Apfels ihre glatte Mle Haut, an die er im Gehst Mhend seine Lippen anpretzte. Eine zarte bläue Aber gab es da, in der Innenfläche des Ellbogens, und zwei ganz schwache Rinnen in der Armbeuge — beim Frühstück durste er all dies Liebe sich für Momente aus der Solde des Morgenvckcks enthüllen sehen. 4 ^Fortsetzung folgt.)

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