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Wiener Morgenzeitung · 1926-11-21 · Heft 2778 (21.11.1926) · p. Seite 11

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2778 (21.11.1926)
Date
1926-11-21
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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M. 2778 Men, Sonntag Wiener Morgenzetttmg A- . November LSSS Seite f& nWHVBIÖK YfTOTWn Lßri (ßttßer in Südafrika. Als mich dem langen Kriege eEich Frieden geschlossen war, standen besonders die ExporMujser nach Uebersee, die in der Zwischelvzeit bvn Verlegenheitsgeschästen vegetiert hatten, vor dem großen Nichts. Nach vielten anderen Mächten hatten jetzt auch das auswärtsstreLende Japan und Italien uns verdrängt und nur ungern entschloß ich mich, öinem Ruse meines Hauses folgend, SüdafriVa geschäftlich zu besuchen, da ich einen Mißerfolg erwartete. Allerdings hatte ich diese Länder «schon früher besucht, alber ich wußte — das beliebte ,Made in Austria" war langst vergessen. Meine Befürchtungen waren aber nicht ein getroffen, ich hatte in .Kapstadt meine alten Verbindungen wieder angeknüpft, war nach Durban gefahren und konnte auch von dieser Stadt Günstiges nach Hause berichten. Won Durban frchr ich mit der Bahn nach Johannes- «burg und fand auch dort alte Bekannte vor. ' Meine Geschäfte wickelten sich indes schleppender ab, als ich es wii.n!schte, und eines Tages, als ich meinem Freund, dem Vorsteher der jüdischen Gemeinde -in Johannesburg (einem ehemaligen Hörer der Wiener Exportakademie), begegnete, sagte er mir: „Warten Sie, ich mache meinen Freund Mayer auf Sie aufmerksam. Der alte Herr lebt noch. Wenn Sie ihm zuhören, werden Sie Interessantes erfahren." Einen Tag später telephonierte mir mein Wiener Freund, ich möge den alten Herrn' — genaue Adresse wurde mir mitgeteilt — um 10 Uhr vormittags besuchen. Pünktlich hatte ich mich eingefunden. Die Nurse sagte mir: „Urgroßvater ist schon 91 Jahre alt, hat aber noch einen guten Kopf; wenn er aber während des Enzälhlens einschläft, darf es Sie nicht wundern." Ich betrat das sehr gut eingerichtete Wohnzimmer des Greises. Eine Patriarchengestalt, auf einem Lehnstuhl sitzend, vor sich aus einer Tasse Biskuit und ein Waschen Malaga. Er begrüßte mich als ,Landsmann", wollte vieles wissen und ließ «r ein Gläschen Wein bringen. Bald fing er zu erzählen an, in einem guten Englisch, und ich «will seine Erzählung, soweit ich mich ihrer erinnere, dem Papier anvertrauen. „Meine Heimat ist eine kleine Stadt in Mähren, wo zahlreiche Juden wohnten. Es waren viele Kinder zuhause und wenig Verdienst. Ms die Schwestern versorgt waren, zeigte es sich, daß die Schulden das Hans aufgegessen hatten. Die Mtern starben und ich stand da, arm wie ein Bettler. Ich war der Jüngste, und mit etwas Wäsche, einen: Laib Brot und einem Säckchen verstaubter, vertrockneter Zwetschken ging ich, wie man es damals nannte, auf die „Mander". Es dauerte fast ein Jahr, bis ich mich nach Hamburg durchgebettelt hatte. Arbeit gab es sehr wenig, dafür in diesem Jahre viel Hunger. In Hamburg lag ein Segler, etwa 700 Tons, im Hasen, mit Kaufmanns- Mer nach Capetown bestimmt; ich meldete mich und wurde als Koch mitgenommen. Soviel Salzfleisch und Kartoffeln, ferner Bohnen mit Speck, wie ich in den 49 Tagen der Seereise kochen nrüßte, werde ich nie mehr seihen. In Capetown verließ ich das Schiss mit vier Pfund Löhnung in der Tasche. Nun, mein junger Landsmann, heute hat Capetown über 300.000 Einwohner, einen großen Hasen, in welchen viele Schiffe einlaufen, und einen Piey, mit Terrasse im ersten Stock. Aber damals gab es bloß Holzhäuser und nur ein paar Regierungsgebäude aus Stein und Ziegeln. Ich fand als Fuhrmann bei einem Schotten Arbeit, führte Ziegel durch fünf Jahve, schlief bei den Pferden im Stall, lernte dabei Englisch und Holländisch. Nach Mlaüf der Zeit hatte ich über fünfzig Pfund erspart und gute, im Lande selbst erzeugte Schuhe. Ich beschloß, auch fyutifieren zu fahren, kaufte Pferd und Wagen ss.vr zwölf Pfund und für den Rest Waren. kin passendes Chanukka-Geschenk ist das reich illustrierte Buch: («Besuch in Eres Israel!** von Otto Abeies« Das ,,Hamburger israelitische Famlllenblatt“ schreibt: . Wenn es Abeies gelingt, den Leser so zu fesseln, daß er das Buoh nicht wieder aus der Hand legt, ehe er es ln einem Zuge ausgelesen, so liegt es nicht an der meisterhaften Beherrschung der Sprache, auch nicht an der lebendigen, vom. trefflichen Aufnahmen unterstützten Schilderung, die uns die Reise durch Palästina miterleben läßt — es liegt vielmehr an d*' begeisterten, leidenschaftlichen Liebe, rni* der der Verfasser das Land, seine Eroberer, sein ’^0rden schaut . . . Wer sich über das Leben des atuen ‘alästina informieren will, der nehme Abeies’ „Tagebuchblätter“ zur Hand. Sie werden Jedem mehr bringen als nur einen literarischen Genuß. Preis geh. 3 4 6V, drosch. 8 3*60 Von Mexandev Wolf. Diel konnte ich nicht ins Verdienen bringen, das Land war zu wenig, bevölkext, wir tvaren unser zu viele Händler,.seit dem Jahre 1887 verkehrten die Dampfer von England regelmäßig und jedes Schiff brachte Abenteurer und Spekulanten, die sich auf den Handel verlegten. Ich dürfte eiir Jahr so Handel getrieben haben und hatte einige Pfund besserte gelegt, als ich einen gewissen F'rschler kennen lernte, der von Johannesburg nach Ungarn, tooher er gekommen war, zurückfuhr. Er schilderte nur die Verhältnisse im Oranje-Freistaat so glänzend, daß ich alles verkaufte und mich einer Gruppe von Arbeitern anschlotz, die nach Johannesburg ging. Ich tvar den Leuten zufolge der Sprachkenntnisse nützlich, kannte auch die Gegend bis zum Sunday River sehr gut; 27 Jahre alt, betrat ich Johannesburg, eine Stadt, die damals aus Bretterhäusern und Wellblechbauten bestand. Im ganzen waren wir, als ich dort ankam, fünf Juden in Johannesburg. Heute, lieber Landsmann, findest du in Krugersdorp, Zeerust, Mafeking, Bulawayo, kurz überall die Söhne Israels ansässig. Ich fing den Hausierhandel an, ein anderer Verdienst war ausgeschlossen. Im Randgebiet wurde das Schürfen begonnen, Kohle wurde in Bronkhorst Sprint gefunden, es kam Industrie ins Land, der unerlaubte Handel mit Branntwein blühte, die Kaiffern kauften und es war viel Geld zu verdienen. Wenn Sie Werke darüber lesen wollen — die Stadt hat eine, öffentliche Bibliothek. Ich heiratete, und der ^iuserblock und diö Warenhäuser hier und in Port Elisabeth zeigen Ihnen, daß Gott unsere Arbeit gesegnet hat. Ich wollte Ihnen indes nicht von mir berichten, sondern von Sü«da>frikas erstem jüdischen Märtyrer Elie Liebel." Der Urgroßvater hatte schon den letzten Satz lallend gesprochen und die Nurse gab mir einen Wink, daß der Greis schlafen müsse, lud mich aber für den nächsten Tag zur gleichen <Äunde wieder ein. Ich machte noch geschäftliche Besuche, erfuhr, daß der Steamer, der mich von Durban nach Europa bringen sollte, zwei Tage später, als ursprünglich festgesetzt war, auslaufen werde, und am anderen Tage fand ich mich pünktlich ein, um den Rest der Geschichte zu hören. Der Urgroßvater oder Mr. Samuel, wie ihn die Nurse rief, war wohlauf, frug mich nach meinem Befinden und entschuldigte sich, daß ich gestern Weggehen mußte. Er fei bald wieder wach gewesen und habe mich gesucht. Nun fuhr er in seiner Erzählung fort: „Unter uns fünf Juden in der Stadt war Elie Liebel der älteste. Er sprach holländisch wie ein Geistlicher und war bei den Buren außerordentlich beliebt. Er handelte mit Glas und Porzellan und hatte seine Kunden bis zum Tugela River. Sie können sich die Verhältnisse bei den Buren nicht vorstellen: es waren fromme Leute, bei denen früh und abends die Bibel kapttelweise vorgelesen werden mußte. Elie war überall auf den Häfen der Buren zuhause. Abends,, nach Vorlesung der Bibel, erzählte er den Kindern allerlei Para- : beln aus dem Talmud, zum Beispiel: „Ms Mose zu Pharo ging, da waren beim Eingänge des Palastes : zwei Löwen; aber Mose winkte ihnen, sie zerrissen ihn nicht und begleiteten ihn zu Pharos Dhron." Die kleinen Burenkinder hörten gern zu, und wenn Elie wiederkam, mußte er neue Geschichten erzählen. Kurs, er verkaufte seine Waren immer aus, und jeden Freitag abends konnte man ihn und seinen Schimmel in den. Straßen der Stadt heimkehren sehen. Eines Samstags nachmittags wir arbeiteten am Sabbat nicht schilderte mir Me auf einem' gemeinschaftlichen Spaziergang seinen Lebenslauf. Er war ein Jaschiwakocher aus Kowno. Als er 18 Jahre alt war, verliebte er sich in Mälke, die Tochter eines Klempners. Doch bald erfuhr er, daß sie es auch mit anderen. hatte; er stellte sie zur Rede und sie gab ihre Untreue zu. In rasender Wut faßte Elie ein Messer, stieß es ihr in die Brust und floh. Rock und Tasche legte er auf der Brücke nieder. Wie von Furien gepeitscht, gelangte Elie nach Reval, kam aus einem Segler nach London und von der englischen Hauptstadt mit einem anderen Segler nach Eapeiown. Dort sah ihn ein Polizeimann, als er vorbeiging, etwas schärfer an —Grund genug für Elie, Furcht zu bekommen und nach Johannesburg zu wandern. Ein Jude aus Schaulen — ich glaube, gang Schauilen ist nach Südafrika auSgewandert — erzählte Mie, die Totgeglaubte habe einen Klempner geheiratet und betreibe das Geischäft Hz Vaters weiter. Elie war ein Pracht- . Mensch;, benötigte ein Familienvater Geld, er borgte ihm oihne Zinsen, bei Hochselten machte er prächtige Geschenke. Einen Laden einzurichten, wie wir es fast alle taten, davon wollte er nicht hören; er fuhr immer noch umher bei seinen treuen Buren und kam der Schimmeil und der Spitz mit Elie in Sicht, freute sich klein und groß. We wird wieder etwas erzählen. Wir waren die besten Freunde. Ich sagte ihm: Me, hör' auf mit dem Hausieren, setze dich zur Ruhe. Mer er wollte nicht zu« hause bleiben. Glie erzählte den Kindern der Buren, daß der König Sal-omv die Sprache der Vögel verstanden habe und cknmal zuhörte, wie zwei Daüben zankten. Die Kleinen sperrten ihre Mäuler weit auf und Elie verkaufte zwei Masvasen, bekam Futter fürs Pferd und eine Pint Milch für sich, so daß er noch für Pet, den Hund, etwas erübrigte. Eines Tages hörten wir von einem italienischen Hausierer, der Terraoottasiguren verkaufte, Elie sei ertrunken und die Buren zwischen Wilge mid Olifant River ließen uns bitten, sofort hinzukommen. Es war Samstag früh, als wir es erfuhren, niemand in unserer kleinen Gemeinde hatte diesen Tag ordentlich gegessen und abends — wir borgten uns Pferde und Wagen aus — fuhren wir nach dem angegebenen Orte. Es war eine weite Strecke, die Pferde mußten rasten und wir kamen erst früh an Ort und Stelle und trafen schon Wer vierzig Buren mit ihren Familien und Pferden an. Mr hörten nun, eine Frau mit drei Kindern hätte, obzwar -der Wilgesluß Hochwasser führte, auf einer Furt ben Fluß übersetzen' wollen? Die Fluten rissen Pferd und Wagen in die Strömung, die Frau schrie, Mie, der am Müsse im Grase lag, hörte es, spram in den Fluß und/ zog schwimmend das Gespann ans User. Ern'Kind war aber ins Wasser gefallen; kaum sah es Elie, da sprang er wieder in die Muten, sing dos Mädchen bei seinem. RLckchen und brachte es der Mutter. Er konnte noch' einige Worte reden, schleppte sich, zu seinem Wagen, fiel um und war in einigen Augenblicken tot. Die Buren zeigten uns die Stelle beim Wasser, wo er das Pferd ' ans Trockene brachte. Es war dort ein Hügelchen. Hier/ hatten ihn die Buren angekleidet beistattet. Der Hund, ein schwarzer Spitz, hatte sich vom Grabe seines Herrn nicht entfernt, verweigerte.jedes Futter und war in der Nacht, als wir kamen, eingegangen. Die Buren begruben das treue Tier zu Mies Füßen. Ein alter Bure, vielleicht 80 Jahve, trat zum Grabe und betete ein Vaterunser. Dies war ein merkwürdiges JNdeNbsg-väbms.• Die Waren erstanden die Buren zu richtigen Preisen, Pferd und Wagen wurde an Ort und Stelle Nzitievt, das Geld uns Sinyehändigt. Ich bin zu Ende, ment Räber LanWnaM. Wnt' Krüger — Sie wissen doch, das war der frühere Präsu dent des Freistaates, dem man alles berichten mußte —- hat von dieser Heldentat gehört, die Zeitungen schrieben darüber, brachten sogar das Bild Mies. Der.Präsident aber gab der Gemeinde den Auftrag, am Wilge River ein Kreuz aujsurichten. Ohm. Krüger, der bei der Ern- ' weihung unserer Synagoge hier vor unserem War das Kreuz schlug, hat ein anderes Zeiten nicht gekannt, In unserem Herzen aber hat sich Mie Liebel ein Denkmal erdichtet, besser als der Stein am Wilge River. Wir — auch die Jungen unter uns — werden nicht vergessen, daß er, was er damals tat, zur Ehre deZ' Judentums vollbrachte." Wer liefert ...? Venn Sie dieses Sohlagwort sehen, ist Ihr Interesse geweckt und Sie lesen das Inserat, um au sehen, öb es Ihre Artikel sind, die gesucht werden. Warum warten Sie solang^.» bis der Käufer inseriert, um Ihr Angebot su erhalten? Sie schlagen dieKonkurrens aus dem Feld, wenn Sie ihm schon vorher Ihre Offerte unterbreiten. Lassen Sie sich unsere Arbeit sumst-er kommen. Beurteilen Sie selbst unsere Ideen, Ihren ümsats su heben! Wir bieten Ihnen diee gerne kostenlos und unverbindlich. v. (JBSTETNBR ROTARY 9*5. M. B. H. , WIEN, I/z. . RIEMBRGASSB 8 Löwit Verlag, Wien-Leipzig. Dia bor- und 9ithIumF~glUge ist harn’reibende? Wirkung* glänzend bewährt bei Nieren« und Blasenleiden. Hellt Rheumatismus. w Angenehmer Geschmack! Eisenfrei! Erhältlich in allen einschlägigen Geschäften, Apotheken und Drogerien. Geschäftsstelle: Wien, Telephon IV-66.^ . J -.".»I .. . -J'-l.'-I ' — M ..

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