Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2778 (21.11.1926)
- Date
- 1926-11-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite - Wien, Sonntag Wiener Morgenzettung xxnroosooorx»«soo«xx^^ SIE wollen Ihre Wäsche sauber haben sollen Ihre Wäsche schonen Müssen daher waschen lassen bei der NUNWASCHANSTAIT BLANCA Xni., L1NZERSTRAS8B 299, TELEPHON 81-S-ll WIR holen und stellen jedes Quantum Wäsche kostenlos zu, waschen Ihre Wäsche ganz separat, schonend und bffltenweiti. halten ihre Wäsche gegen jedes Risiko vollversichert. 156 DOOOOOCXXXXXXXXXXXX»OOOOCX)OOOOOOOOOCX» Franz Joseph. —y Wien, 21. November 1926. Eine schwarzgcründcrte Extraausgabe der „Wiener Zeitung" teilte in der Muht des 21. November 1916 mit, „Seine k. u. k. Apostolische Majestät Franz Joseph I., sind >eute, den 21. d. M., um'9 Uhr abends, im Schlosse zu Schönbrunn, sanft in den Herrn entschlafen." Der Tod Franz Josephs, ans den man schon seit Tagen vorbereitet gewesen war, traf aus eine Bevölkerung, deren Nerven Segen den Tod abgestumpft waren. Mehr (üs zwei Jahre ging schon das große Morden draußen an den Fronten; im Reich starben die Frauen und die Kinder im Hungerödem. Was war da das Ableben des Einzelnen, der zeitlebens sich von den Menschen so fern gehalten hatte, daß er bereits ins Unpersönliche geschwunden war! Wenn sich der Kaiser zeigte, so tvar es nur inmitten seiner Suite, zwischen Militär- und Polizeispalieren. Irgendwo iveit in der Ferne schwebte ein grüner Hut, der Generalmarsch rasselte, die schöne Haydnsche Hymne rauschte auf und die Frauen hoben ihre Kinder in die Höhe. Der Kaiser, das war eine Institution. Er selbst hatte kein Verhältnis zu den beherrschten Völkern. Er ging durch ihre Geschichte. Und er wurde ihr Schicksal. Im italienischen Krieg war er vor undenklichen Zeiten, an die sich die Großvater kaum mehr erinnerten, auf den Thron gekommen. Im Weltkrieg ging er hinüber, der letzte Habsbürgerkaiser/ der im Purpur sterben durfte. Mit ihm starb die Monarchie; sie' war unter seiner Regierung immer schwächer und bresthafter geworden. Nur mehr die Armee und die Person des Kaisers hielten den Staat'zusammen. Jede Raison inützte es verbieten, 'diese Verhältnisse einer Belastung auszusetzen. Aber Fkanz Joseph, der Venetien und die Lombardei hatte. hergeben müssen und von Bismarck aus dem deutschen Bund hinausgü>vängt worden war, wollte als Mehrer des Reiches in die Historie eingehen. Er ließ sich zu dem Rechtsbruch verleiten, das Mandat über Bosnien in eine Annexion zu verwandeln. Das traf die eben sich enrwick.elnde türkische Demokratie ins Herz und erbttterte die Südslawen. Hier liegt der erste Anlaß des Krieges, der den Staat in Trümmer sprengte. Sicher wäre der endgültige Zerfall der Monarchie nicht aufzuhalten gewesen. Aber er hätte sich nicht in dieser Form abspielen müssen. Wenn Franz Joseph den englischen Vorschlag der Balkankonferenz angenommen hätte, so wäre die Geschichte in ein anderes Bett' gelenkt worden und die nationale Autonomie, zu der sich Kaiser Karl im .Oktober 1918 entschloß, hätte den Habsburgern den Thron erhalten. Aber Berchtold, Tisza und Kaiser Wilhelm waren stärker als die Habsburgische Raison und die erfundene Schlacht von Temesch-Kubin war der Anstoß zu dem Manifest, das die berühmt gewordenen^ Worte enthält: „Ich habe alles reiflich erwogen." Er hatte es nicht und einen Monat nach Kriegsausbruch meldete mau dem Kaiser, daß. in Ostgalizien Lemberg noch in unserem Besitze sei.. Eingespönnen, in düsterer Einsamkeit, hat Franz Joseph diese letzten Tage verbracht. In einer ins Tragische wachsenden Bitterkeit hat ex Sthin um Stein aus dem Erbe seiner Väter fallen gesehen. Aber er wußte nichts von - dem Volk, das für ihn draußen blutete, hungerte und krepierte. Die starre Mauer des Gottesgnadentums und des spanischen Zeremoniells stand zwischen ihm und den Massen. Erziehung und Bildungsgang hatten ihn dazu gebracht, sich für ein höheres Wesen zu halten!, das Wer den Sterblichen steht, das Unglück seiner Familie ihn mit einer trostlosen Menschenfeindschaft erfüllt, so sehr, daß er in der Stunde, in der er sich als Politiker, als Kaiser bewähren sollte, versagte. Die Völker waren nur Material, der Staat sein Eigentum, die Menschen Soldaten. Es gab für ihn nur die Hausmacht. Aber wie sehr hat doch bei ihm die so gerühmte Erfahrung und Kenntnis gerade Hin Augenblick der Entscheidung ausgesetzt! Und wieviele Menschen sind an der Leichenfeier für seinen, von ihm selbst über das Maß hinaus gehaßten Neffen gestorben! Das Reich ist nicht mehr. Die unsägliche Dummheit per Sieger hat im Wahn der Rache ein im Laufe von fünf Jahrhunderten organisch zusammengewachsenes Staa^wesen m Trümmer gerissen. Die Rache für Franz 'Ferdinand ist zur Rache an der Monarchie, an ihren Völkern geworden. Die neuen Staaten winden sich iwch in den Krämpfen ihres Entstehens, Oesterreich ist ein von der Demagogie, der Reaktion und ihrem Sprößling, der Dieberei, heimgeftrchtes Ländchen geworden. Sechzig Jahre hat Franz Joseph regiert und von seiner Macht, von seiner Krone ist nichts mehr da. Er hat die Seelen der Völker dem Feldwebel überliefert, er hat das Recht, das ewige Recht dev Menschen auf Freiheit und Selbstbestimmung angetastet und das Recht hat. die Strafe diktiert. Franz Joseph hat den Abend seiner Macht noch gesehen, als er starb' Zehn Jahre ists heute her und es ist, als wärs ein Jahrhundert. | Mische MinoritLtssrasen. Die ^nde« in Salo tki. — Der ungarische Numerus elausuS. Der Herbstfeffion der Minoritätenkommission der Union der Bölkerbundligen, die anfangs Oktober d. I. in Salzburg stattgefunden hat, lag u. a. ein ausführliches Memorandum der Juden von Saloniki vor, das sich mit den schweren wirtschaftlichen Schäden beschäftigte, die das jüdische Element dieser bedeutenden Handelsstadt durch die Entziehung feines uralten Rechtes auf Sonntagsarbeit erleidet. Der Konkurrenzkampf in Saloniki, der durch das Zuströmen bedeutender anatolischer Flüchtlingsmassen an Scharfe in den letzten Jahren außerordentlich zugenommen hat, veranlaßte die griechische Regierung, die Sonntagsruhe auch für die Juden, die sich am Sabbat jeder Arbeit enthalten, obligatorisch zu erklären, und d« inzwischen gestürzte Diktator P a n g a l o s, der sich zu einer Aufhebung dieser Bestimmung bereit gefunden hatte, wurde nachträglich genötigt, durch die Ueberlassung der Entscheidung an die lokalen kommerziellen Behörden sein bereits erlassenes Dekret illusorisch zu machen. In dieser Zwangslage schlossen sich zwölf bedeutende jüdische Korporationen Salonikis (darunter die Beue-Berith- Loge, der Zi-onistenklub, Misrachi, die Bereinigung jüdisch« Lehrer usf.) zu gemeinsamem Borgrhen zusammen und arbeiteten ein Memorandum aus, das sie der Union der Bölkerbudligcn übermittelten. Da die Union sich aber nur mit Vorlagen der ihr als Mitglieder angehörenden Ligen beschäftigt, so bedienten sich die Juden von Saloniki, die über eine eigene Liga noch nicht verfügen, hiebei brr guten Dienste der Jüdischen Völkerbundliga für Bulgarien, die durch ihren Präsidenten Dr. Saul Mezan das Memorandum unterzeichnen und der Union übersenden ließ. Dieser SchrUt war vielleicht kein ganz glücklicher, da die Wahl gerade der Jüdischen Liga für Bulgarien in Griechenland, das noch heute mit diesem Lande nicht auf bestem Fuße steht, falsch ausgelegt werden konnte, obwohl die Juden von Saloniki aus dein verständlichen Grunde der schnelleren Kommunikation mit Sofia gerade die Volksgenossen in Bulgarien mit ihrer Vertretung betraut hatten. Die Angelegenheit wurde auf die Tagesordnung der Salzburger Sitzung gestellt, und der Präsident der Hel- LOMBARDIERTE PELZE Noma-, Damonfconfaktion und Rauhwaren ln größter Auswahl billigst abzugeben bot 124 JOHANN WlfCHNITZiR s: JAKOB SCHWARZ KOrsohnermelater Wien, 1. Bez., Ertlgasee 4 Zugang: Bauernmarkt 14 lenischen Liga, der bekannte Nationalötonom der Athener Universttät Professor Andreades, war anwesend, um Iden griechischen Standpunkt zu vertreten. Leider aber war die jüdisch-bu lg irische Liga verhindert, Delegierte nach Salzburg zu entsenden, und dm Bestimmungen der Geschäftsordnung entsprechend, mußte der Gegenstand deshalb von der Tagesordnung abgesetzt werden. Der Präsident der Jüdischen Völkerbundliga für Oesterreich, Herr Oberrabbiner Prof. Dr. Chajes, benützte jedoch die Gelegenheit, um mit Pros. Andreades eine eingehende Aussprache über die Situation der Juden in Griechenland überhaupt zu führen, und der Präsidmt der griechischen Liga nahm schon dort Anlaß, insbesondere gegen den Vorwurf antisemitischer Tendenzen in der griechischen Bevölkerung entschieden Stellung zu nehmen. Er versprach spontan, ausführlichere Erklärungen folgen zu lassem. Dies ist nunmehr geschehen. In einem umfangreichen Schreiben, das Oberrabbiner Chajes dieser Tage aus Athm erhallen hat und das wohl als die unter Beobachtung der diplomatischen Formen an die Adresse auch der Salonikier Juden erteilte Antwort zu betrachtm ist, nimmt Prof. Andreades unter Betonung der allm kulturellen Baude zwischen den beidm Nationen nochmals energisch das neue Griechenland, seine Behörden, feine Presse und seine Bevölkerung aller Schichten gegm den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz und gibt dem Wunsche nach einer engeren Kooperation, mit den Juden, besonders auch in Neugriechenland, ÄuSdrück, wobei er hofft, bald auch Juden in. der diplomatischen und militärischen Karriere sowie in größerer Zahl als bisher auf den griechischen Hochschulen zu finden. Man darf hoffen, paß nunmehr die in Salzburg so glücklich eingeleitete Art der freundschaftlichen Aus-' einaWerschung auch in.der Frage der Sonntagsruhe zu positiven Ergebnissen wird führen können. Dr. Chajes hatte ferirer dort auch eine Aussprache, mit dem Führer der ungarischen Delegation und Vizepräsidenten der ungarischen Liga, Minister a. D. v. Pekar. Mit Rücksich auf die durch die kürzlich erschienenen Erlässe des ungarischen Unterrichtsministerseingetvetenen Veränderungen in der N ume-:ns--el.ausus- Frage regte er loyalerweise bei Herrn v. -Pekar die einverständlich zu erfolgende Einberufung des Subkomitees der Union zum Studium dieser Frage an. Herr v. Pekar erklärte, daß ihm die näheren Details der neuen Bestimmungen über den Numerus clausus. noch unbekannt wären, stellte sich aber spontan zur Erteilung ausführlicherer Informationen sogleich «ach 21. November 1926 Nr. 2778 seiner Rückkehr nach Budapest zur Verfügung, wo ft über diesen Gegenstand mit dem Unterrichtsminister Grafen Klebelsberg ohne Verzug zu konferieren beabsichtige. Ms dahin bat er, van anderen Schritten abzusehen. Bis zum heutigen Tage sind jedoch bedauerlicherweise die versprochenen Informationen nicht ein getroffen und dadurch fällt auch die Möglichkeit fort, ohne Ausbietung des offiziellen Apparates im Sinne der Traditionen der Union durch eine vom Geiste aufrichtiger Kooperation getragene inoffizielle Auseinandersetzung, wie sie Herr v. Pekar vorgeschlagen hatte, zu einem Resultat zu gelangen. Dr. Oskar Karbach. Jüdische BSIkerbundllga für Sefterreich. Die Jugendgruppe der jüdischen Vöckerbundliga für Oesterreich, die im Juli dieses Jahres gegründet wurde, hat nach den Ferien ihre ArbÄt wieder ausgenommen. In der Eröffnungssitzung hielt der Sekretär der jüdischen Völkerbundliga Herr Dr. Oskar Karbach ein Referat über die allgemeine politische Lage. Es konnte festgestellt werden, daß innerhalb der kurzen "Bett des Bestehens dieser steuen Jugendgruppe, der Mitgliebcrstand drci^Jugeudgnippen mit insgesamt 110 Mitgliedern umfaßt. Da die Hochschuljugend in einer geistigst'Bewegung, tote es d-ie^Ltgai darsteltt, erneu integricreudeu Bestandteil bedeutet, wurde tit Erwägung gezogen, au s7: mit der Aufforderung zur Mitarbeit heranzuzutreten. Den bereits gepflogenen Besprechungen mit den wichtigsten Gruppen jüdischer Hochschüler kann mit Bestimmtheit entnommen werden, daß die Mitarbeit dieser Gruppen gesichert ist. Me Mandatskommission. Londoit, 20. November.' Im Oberhaus kritisierte Lord Parmoor u. a. die Haltung der englischen Delegation in Genf in der M a n d a t s f r a g e. Als Vertreter der Regierung erklärte Lord Robert C e c 11, daß die englische Regierung nicht die Absicht habe, in die Arbeiten der Mandatskommission einzugrcifen. Sic wolle vielmehr diese Arbeiten aufs äußerste unterstützen. Senator Rotenftreich Referent über das Handelsdndge« im Senat. Warschau, 19. November. Der Finanz- und Budgetausfchuß des Senates hat beschlossen, das Budgetreferat über das Ministerium für Handel und Industrie dem jüdischen Senator Rotenftreich zu übertragen. Da der jüdische Sejmklub noch bislher über seine Stellungnahme, zur Negierung nicht entschieden hat, ist es noch nicht sicher, ob Senator Rotenlstreich das Referat annehmen wird. Znland. 38 Prozent eine» Monatsgehaltes sür die Kisenbahner. Samstag tourden in der Generaldirektion der Oesterreichischen Bundesbahnen die Besprechungen über Zuwendungen an die Bediensteten fortgesetzt. Die Vertreter der drei Gewerkschaften präzisierten ihren Standpunkt in der bereits in den Tagesblättern gekennzeichneten Weife. Generaldirektor Dr. M a s ch a t erklärte, daß die Verivaltung über die am 12. November gemachten Vorschläge nicht hinausgehen könne. Demgemäß ivird an die aktiven Bundesbahnbediensteten im Laufe des Dezembers 1926 §ine einmalige Zuwendung in der Höhe vqn dreißig Prozent eines Monatsbetrages der ständigen Bezüge ausbezahlt werden. Außerdem wird unter Beibehaltung des bisherigen Ausmaßes der Kinderzulage eine entsprechende Erhöhung des Mindesteinkommens vorgesehen, welche Frage noch den Zentralausschntz des Personals zu beschäftigen haben wird. Mtalm der „Hausvorstandes". Auf dem Linzer sozialdemokratischen Parteitag hatten Dr. Bauer, Professor Max Adler und andere des langen und breiten über die „Diktatur des Proletariats" geklärt. Das Echo kommt jetzt aus Bregenz, wo der als Heimwehwrganisator bekannte christlichsoziale Bnndesrat 'Dr. Steidle in einer Versammlung über die Notwendigkeit sprach, den Sozialdemokraten die D i ktaturgelüste auszutreiben. Er meinte u.a>: „Wir wollen nicht die Herrschaft einer Partei oder Gruppe, sondern ganz einfach die Diktatur des gesunden Haus Verstandes an Stelle des verrückten und gefährlichen Gaukeleien orientalischer Phantasten." Zuerst mögen sich die Bürgerlichen sammeln, und dann werden auch die Leute kommen, wenn es zum erstenmal heißen werde, Selbsthilfe gegen den roten Terror auszuüben. In Vorarlberg und in Tirol werde dies nicht allzu schwer zu erreichen sein. „Wir müssen a&er" — so schloß ev — „auch allmählich das gleiche in den anderen Bundesländern und letzten Endes auch in Wien erreichen, sonst bleibt unser Staatswesen ein Hohn auf den demokratischen Gedanken. Wir müssen es so weit bringen, daß wir zum Schutz dev Freiheit eines verfolgten' Arbeiters auch vor den äußersten Mitteln nicht zur ückschrecken, wenn die staatlichen Machtmittel nicht mehr ausreichem Wir sind bereit, einer entschlossenen Regierung den Weg freizumachm, dam der Weisheit letzter Schluß: Hinein in die vaterländischen Wehrder bändet" *