Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2768 (10.11.1926)
- Date
- 1926-11-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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10. November 1926 >icn, Mittwoch Wsener Morgenzeitung M . ZW! klüb Radikaler zionisten ■■ —- ■ — ■ '■■' I » I» 0»,<... ■ — . Heute Mittwoch, den 10. November 1926, um halb 9 Uhr abends, im Cafe Atlashof, I., Aspernplatz (Klublokal: Eingang WieSifigetstraßc um die Ecke) Klubversanrnilung Tagesordnung: Resum£ Ober die Ergebnisse de« Öiteff. Parteitages Referent: ING, ROBERT STRICKER Fortsetzung der begonnenen Debatte Von Klubtnttglledern eingeführte Zionisten Als öaste willkommen ,m Ter Spitzel als König. —y Wien, 10. November 1926. Der Faschismus, ben Mussvttni mnh vor tveuigeu Tu- .-m als die einzig wahre Demokratie gepriesen hat, erfährt iehr vttfch seine volle Demaskierung. Teils durch sich seihst und teils Int nt) das Ausland. Was er bis zu diesem Inerten Jahrestag getan Hat, mag als Exzeß einer ungezügelten Masse, als Orgasmus des Machtbewüßtssius, als. Ausbruch eines maßlosen Temperaments, kurz, als Symptom eiirer politischen Leidcnschast'ichk.it gewertet Iverden.MeVorsälle aber, die sich an das Bologneser Attentat anschließen, tragen diesen Charakter nicht mehr. Gs sind Me kalter Mre'chnnilg, attgelegt ans die Ausrottung aller politischen Gegner des Systems. Es ist schivärzestcr Absolutismus, rer sich in der Unterdrückung der Opposition, in Bechafutngert und nicht zuletzt in der Aufstellung von Ausnahmsgerichten knudtut. Ganz genau so hat die Ochrana gearbeitet, getrau so haben die österreichischen Milttärgoiivsrneure in Nordsialien gewirkt. Die faschistische Demokratie appelliert in allem und jedorn an den Scharfrichter. Sie stellt Laub, Volk und Entwicklung unter den Schutz der Polizei. Wer sich diesem Organ der Ordnutig anvertraut, der ist bald Sklave. Das hat Rußland erfahren und das erfährt auch Italien. Die Polizei Übernimmt sehr gerne die Sorge um den Staat. Sie hat für diese Aufgabe eine reiche Erfahrung, von der sie mit Vergnügen Gebrauch macht, um ihre Ensteuzberechtiguug zu erweisen, sich unentbehrlich zu machen und das Vertrauen zu rechtfertigen. Diese Funktion der Polizei zeigt sich in politisch benagten Zeiten in strahlendem Licht. Sie kann Attentate nicht verhindern, aber ersiuden und organisieren. Sie bleibt aber nicht dabei stehen. Sie schleicht sich in die Politik ein pnd ihr Weizen blüht herrlich, wenn 'sic znm 'Organ des politischen Systems ernannt wird. Sie wächst über Weil Zweck hinaus, wird zum Sklaverr und zum Herrn. Sie korrumpiert und besticht, tauft Menschen uttb Seelen und verpestet die öffentliche Moral. Politische Polizei ist Spitzeltum. Sie gehört zur Demagogie und sie ist Von der Diktatur. nicht ivegzudenken. Sie öffnet Uiw fälscht Briefe, kontrolliert das Familienleben, treibt sich in Versammlungen umher,- späht die Menen aus, erfindet 'Reden unb Gespräche, sie überwacht. Sie ist beivunderswert in ihrer Schmiegsamkeit. Der Kerl, der gestern staats erhaltend für den Monarchen fälschte, tut dasselbe morgen für die Republik, mit-der gleichen unbeirrbaren Hundestreuc uttb Sachlichkeit. Der O'chranaMendarm "dient ln der Tschsika. Und so wird immer das letzte Wort bei dem Schreiber bleiben, der den Vorakt anfertlgt. Es ist die Freude am Handwerk, die hier wie nur selten ausscheiut. Im Vaterland Macchiavclls erhält sie eilte künstlerische Note. - Es ist sicherlich ein schöner, von allen Teufeln des Detektivs gesegneten Zug gewesen, Ricciotti Garibaldi einzufangeil und in die nach Frankreich Lezygene Emigration zu dirigieren: Der Enkel des Bolkshelden, der Träger eines ehrenhaften, von der Legende verklärten Namens, als Spitzel! Das ist eine Meisterlcistung polizeilicher Psychologie. Sie weus sich ihre Leute zu ühlen uno sic weiß, wasOdas System von ihr verlangt. Italien hat kein Geld für Schulen; es hat die MalariasÜmpse twch immer nicht ausgerottet, cs iveiß für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit keinen anderen Weg, als die Arbeitslosen in die Miliz zu stecken und aus Staatskosten auszuhalten. Mer die Polizei bekommt, was sie braucht. Ricciotti Garibaldi muß doch in Paris so auftreten, als es sein klingender Name'? erfordert. Er muß reisen, Verschwörungen anlegen, Waffen schieben. Das ist nicht billig. Die Polizei gibt ihm lÄeld. So viel er nur will. Treue um Treue. Riceiottt Garibaldi liefert alle an iftte Sbirren. Er macht ganze Arbeit. Er hält prachtvolle Reden gegen Mussolini um» verrät d ann alle, die ihm Beifall Katschen, darunter auch die eigenen Brüder. Und dev Zweck der ganzen Konspiration ist die Vergiftung des Verhältnisses zwischen den „lateinischen Schwestern", die Lieferung einer moralischen Grundlage für das Bestreben des Faschismus, mit Frankreich einen Krieg anzufangen. Einerseits well er die patriotische Erhitzung der Gemüter für die innerpolttische Ablenkung braucht, andererseits weil er agressiv ist und ins Weite strebt. Dieser Faschismus übte bisher eine faszinierende Anziehungskraft auf die Jugend auch außerhalb Italiens. Er ist die Idee vom starken Mann, von der zu einer Faust gebaltten Kraft der Nation. Der Faschismus kann alles. Er uniformiert die Seelen und erfüllt sie mit einen: einzigen Ideal. So heißt es doch wohl? Und überall, wo Nät herrscht und die Weltkrise an die Türen pocht, sehen hoffende Blicke Ms dieses erste Beispiel der Idee ohne Idee, dev Heilung aller Wurden durch die vorgegaukette BolkssMvevänttät. Und iibcrall, wo sich Kopisten dieses Faschismus fanden, gab es das gleiche Bild: Spitzel, Polizei tmb gegenseitigen Verrat. Die deutschen Fememorde, die mgMrrischen Franesfälscher stammen aus dieser Gistatmvslphäre. Nicht Umsonst ist die Ache der Hitler und der Gömbös für den Faschisnms. Er lehrt, daß für das Batertand schlechthin alles gestattet ist, mw wird schließlich der Gefangene des Detektivs und seines Spitzels. Etwas anderes ist der Absolutismus nie gewesen., Bösels Sturz. Sctnlflbm atr Priifiseut der Unlonbanl. — Sie Traniaktlonen mtz der Postivurlaffe. Wa» »»WM mit de« oerdiSndrtm Aktien t Wie in FittMHkxeistn mit BestkmnHM VMautet, sicht die Demission des BaiMrs GKgmtmd Böses als Präs ident der Un tott 16üR{ unmittelbar bevor. Diese Nachricht hängt mit den Mitteilungen zusammen, die der neue Leiter der Postsparkasse, Stattonalibantfp r äfi-bent D r. Reisch, über die geschäftlichen TranAaktionen gemacht hat, welche die Postsparkasse zusammen mit Bösel durchgeführt hat. Airs «den Mitteilungen Dr. ReiW ging hervor, daß Bvssl die Mckznhlun'g des Betrages, den er von der Postis'parkasse gegen Aikttenpfünder, darunter fco» größten TM der Aktien dsx Unionbank, vovgGreckt övMsn «hat, nicht genau eiwhiett, während die strikte Einhaltung des Mkommens -eine Grundbedi-ngung für die MrftechtevhMung des Wx mehrere Jahre geschlossenen Mkonunens bildet. m scheint nun, daß versucht wird, das Engagement .der Postsparkasse bei Basel zu lösen, wadurch der gesamte verpfändete Aktienbesitz, der infolge des Kursrückganges der iPaPlere ohnchln an Wert eingMßt hat, ln den Besitz des Staates übeM'hen würde. Dabei scheinen wohl politische Gründe die Hauptrolle zu spielen; denir die Aktien, um die es sich hier hantM, sind bloß vevpfändet, und das bedeutet noch nicht, daß der Krsditgtzber Besitzer der Mien geworden ist. Es ist auch fraglich, ob 5er Staat durch Äs Usbernaihme der Mtien sein Engagement bei Bösel ohne großen Verlust sichevsdeüen könnte. Dvnn so große Mengen von Mtien cwtif den Markt zu bringen, bedeutet eine sehr starke Kursabschwächung, B-eWiuide nur noch dis Möglichkeit, daß dör Staat oder vislmtiür die Postfparkasie, sich durch Verhandlungen mit anderen Instituten, welche dis BvsMchen Aktien übernchmem würden-, bereits -die entsprechende Rückendeckung geschafft hätte. In Fiuanzkcei'sen wird auch von einer Wiener und einer deutschen Großbank in dieser Hinsicht gesprochen. Wie immer dem sei, der erzwungene Rücktritt Bois-Äs von der Leitung der U'nionibanL -bringt dem Staat und der Postsparkasse ihre Vevlusie nicht «herein. Anders stünde es, wenn tm Bvstt bie MederMtmachung drs Schickens verlangt würde, den die PostWMsse durch die vtzkschisdensn gomölN-fam mit ihm drlrchgc'fiüihrten TranSäikti-snen erlitten 'hat. A-uf diesem Wege Iväre vielleicht Mhr KU holen, als durch recht inhaltslose dsinsnstkütivs Schienen. Freilich scheint gegenwärtig die Situation Basels Nicht die beste zu fein; eine gut inforiNimte SteFs weiß zu berichten, daß erst in der letzten Woche wegen eimr Steuerschuld von 4L MMardeu energische Maßnahnreir ergriffen werden mußten, wo» be! die Schuld noch immer offen ist. Bin Unterausschuß des Budgetausschusses zur Be» rabung des P o st s p a r k a s >s e n g e s e tz e s wurden gestern an beit Präsidenten der NatisnaMnL Dr. Reisch eine Reihe von Fragen über Details seines in der letzten Sitzung vorgelegteit Berichtes gestellt. Hiebe! wurde von D r. Reisch davgtzlegt, daß das von ihm tot ber letzten Sitzung besprochene Verwaltung svermö gen der Pösisparkasse von 387.7 Millionen Schilling sich aus Gittlagen, Kreditoren u-nd Depositen Aiilsammensetzt; bsm stehen Aktiven im Werts von 277 M \ llione " Schilling gegenüder. Der Verl u st ist durch Staatsgamutte gedeckt. Präisident D r. Reisch gab hieraus Äufschbuß über die Verträge mit' dem Bankhaus Bosal, namentlich über die Situation, die durch die Ueberoinkommen vom September und Oktober 1Ä gegeben war, und die durch bas-neue Ue-bere inkommen vom Februar 1926 .dahin geändert wurde, daß «die durch die iPosts'parkasse von der Uttiott-TrustÄ. G. erworbenen Wien d u r ch d a s B a n L h a n s B o s e I z «u r ü ck g e k a u -f t wurden, und sich derzeit nur mehr im Pfündbesitze der Postsparkasse bsffnden. Weitere AuMäru-ngen wurden seitens des PMsi-denten Dr. Reisch für die nächste Sitzung des lrntemüsschuss^s in- Aussicht gestellt, die morgen nachmittags stattfinden wird. KSnig Faisal stiegt zam BSlkerbunS. London, 9. November. „Daily Telegraph^ meldet aus Kairo, König F a i s a l habe Bagdad tm Flugzeug verlassen, um sich nach Genf zu begeben, wo er den britischen Oberkommissär bei per Behandlung der Fra g e des Irak-Mandats vor dem Vökkerbuuö unterstützen wolle. Waffeustillftandsseirr in PgWlna. Jerusalem, 9. November. Hier wird der 11. November, der Tag des Wasfenstülstandes, festlich begangen iverden. Der jüdische Klub Menorah, dem auch die ausgedienten jüdischen Soldaten als Mitglieder angehören, veranstaltet einen Umzug durch die Stadt und einen Aufmarsch zu dem Militärfriedhvf am Oelberg, wv dann die Gedenkfeier zum Andenken an die Kriegsgefalle,wn im Weltkrieg abgehalten wird. Das Kommando über den Äufmarsch unrd Colonel P. Kisch führen. Zuland. Ler Streit «m die Aterftener. Seit seinem Reglerüngsarttritt bemüht sich Doktor Seipel, die sozialdemokratische Opposition zu bewegen, das Parlanrent nicht an der Arbeit zu hindern. Seine Bemühungen waren bisher erfolglos und werden nun, nachdem der sozialdemokratische Parteitag vorüber ist, mit der Forderung beantwortet, der Nationalrat müsse unbedingt die Sozialversicherung beschließen. Sei er dies nicht imstande, so soll er je eher aufgelöst werden. Selbst im Fälle der vorzeUimm Auflösung des. Nattonalrates müßte dieser aber vorher noch eins Reihs von Gesetzen erledigen, vor allem das Budget für 1987 bewilligen und dafür sorgen, daß die in der letzten Arbeitslösenversicherungsnovelle den Ländern und Gemeinden angelastete Beitragsleistung zu den Kosten der außerordentlichen NotstandSunterstützung durch dte Getränkesteuernovelle rückerscht wird. Dr. Ssivel verhandelte am Montag wieder mit den soziawemokraiischen Mhrern, erzielte aber keinen Erfolg. Im Budgetausschub wurde gestern nachmittags der Versuch gemacht, die Äetränkesteusrrwvetle Wetter zu beraten. Mel wurde nicht erreicht. Dr. Bauer verwarf die vorgeschlagerte Regelung, da durch sie das Land Wien gegenüber den anderen Ländern schwer benachteiligt würde. Er stellte unter anderem die Forderung auf, daß die Gemeinden von der willkürlichen Landesgesetzgebung und Landesverwaltung befreit werden Müssen. Diesem Verlangen versprachen w* ÄrisMch»- soKtalen AttSschußmüglieber. Heute wird die Debatte fortgesetzt. Sine Anschtlißreve de» Tiroler LandeshaMmanne». Der Aroler LandeKhauptmänu Dk. Stumpf, d.er sich schon wioderholi als ensattt kerrible btt chkistlitAsozialen Partei aewiescu, hielt gestern in dvr Sitzung des Tiroler Landtages eine Rede, in der er die LebensfäHigkeit eines selbständl-göii Oesterreichs anzwaiselte. Veranlaßt war dieser Eylurs durch die triste Lage der Laudesslnaugeu. Die vorhandenen Reftüven werben nämlich Sm kEMenben Jahre vollständig aufgezehn stlu. Dr. Stumpf fagite u. <r,i „Es ist gerckde so, als ob jette immer Mehr Recht idekämen, die von Anfang an, als man tm Wege des Diktats Unseren BündeSstaat in Dör gcgenwärtig>en Gestalt und unter a u f g -e g w u n g e tt o n Levensbed l ngu ng e-n i-n- Ne-.Wett fetzte,, an lsiiner L eb e ns f ä< higkett Kweisttteu uttb immer wieder darauf vermissen, daß sein Bestand unter solchen VerhältlUssen aus die Dauer unmöglich »väve. Cs hat den Anschsin, als ob gerade diese Frage sich anschickte,. tn ein entscheidendes Stadium zu treten und eine Antwort immer dringender fovdere. Ich erwähne dies deshalb, weil ich der An« fchauung bin, daß gerade in dieser Tatsache der Hauptgrund unserer Schwierigkeiten zu suchen ist, und weil es für mich aus dieser höchst unerquicklichen Lage nur einen Ausweg zu geben scheint, den praktisch zu ibeschretten wir bisher vott be* inaßgebsndort Mächten verhindert wovben sind." Niinfzehute österveichische Kluifenlotterie. Bei dar am 9. November 1636 avgehalienen Aiehung des 17. Tages der 6. Klasse gewanntzn ln Schilling: 280.000 das Los Nr. 84.LÜg; 6M das Los Nr. 06.662; 40v6 das Los Nr. 74.841; 6006 baS Los Nr. 77.316; SM das ÜoS Nr. 64.218; je 1Ö0Ö die Lose Nr. 11.686, 61.830; außerdem wurden Mg Gewinne zwischen 660 und 160 Schilling aüSgelöst. 3et PaMiua-Bortrag des Generatmaiors Schönaich. Wie schon berichtet, wird über Gurladung der Osstsrrelchtischen Keren Hajessob-lKom-mission am 17. Rovenüber 1926, -L8 Uhr abenb, im VortragSsaMe tzss MMärkasittos, Wien, 1. Bsz., Schwarzonbergplatz 1, der Führer der Deutschen Fr-iedenAgesellschüft, Gettsvailmajor a. D. Dr. h. e. Freiherr von Schönaich Uber „Pailästinareise-Gindriücke eines Pa»lfiste n" sprechen. Freiherr von Schönaich, der jüngst bis jüdischen StM-ungon in PaWina bffucht hat, wird irr seinem Bortwge nicht nur Über seine Reise-Eindrücke jpröche-n, sondern auch die aikt-uellon Fragen des Mischen M* baus in Palästina erörtern. Kartenvovinwkmigen im Bureau des Keren Haieffoi». Men> 1. Bez., Kärntnevstraße 86, Telephon 74.4.88/86, KartötOureau ,Mi.da", Mütt, 2. Beg., Taborstraße 6, im der Buchhandlluuig R. Lowlt/' Wen, 1. Bog., Notentumtstraße 22 und boi Rath und Präger, Wien, 2. Taborstraße 20 a.