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Wiener Morgenzeitung · 1926-11-07 · Heft 2765 (7.11.1926) · p. Seite 11

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2765 (7.11.1926)
Date
1926-11-07
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 2765 Wien, Sonnkrg MäLa. —-Enck>»M «* M %Ot?nvT wlP* gCnJCWR »ff) 7. MvrnKer'IM! aas w Das Buch der Zeit LITEB ATURBEILAGE DER. „"WIENER MORGENZEITUNG- Sei Seel 3‘alna«. £a* geistige Deutschland ist durch den Krieg und seine Folgen in vielfacher Beziehung zum brennenden Problem geworden. Atmosphäre und Richtung -des geistigen Schaffens bedurften ebenso einer Evnonerung tvie die wirtschaftliche Grundlage der geistigen Produktion, die ,/di-e große-Zeit" erschüttert hatte. Erschüttert bis zur Verarmung der Verleger und Verefeirdung der Autoren. Diese vor ei.ni.ge-n Jahren sehr akute Krise in Deuti'chlaud rvar eine der Entstshungsguellcn des Zsolnay- Veril-ages in Wien. Die andere Ursache die zur Schaffung des Zsvlnay-Verlages geführt hat, greift Lief ins Persönliche hiiMber und ist, da es sich um geistige-Dinge handelt, nicht minder wichtig als die wirtschaftliche Krise. In den weiten Näimren des Eastaglioni-Palais in der Prinz-Gugenstraße Hai Paul Zsolnay vor einiger Zeit sein literarisches Heim aufgcschlagen. Jung, geistig äußerst rege, energisch und ziel,bewußt überzeugt Zfolnay sofort, daß er mitten drin in der Literatur steht und 'daß sein Verlag ein Heim Kr die Autoren ist. „Wie ich Verleger wunde? Ich war Landwirt ivn,d beschäftigte mich mit der Verwaltung meiner Güter. Ich las sehr viel und besaß aus meinem Gut eine große Bibliothek. Das Wichtigste aber: mit den meisten meiner jetzigen Autoren war ich schon damals bofrenn'det, und dieser innigon persönlichen Beziehung entsprang auch die Anregung, ich, der wirtschaftlich nicht Anfgeriebene, der von den Jn-flatronsschäden noch Unbelastete, möge einen Verlag gründen, in dem Literatur und Autoren ein Heim finden sollen, ohne geistig oder materiell zugrunde gehen zu müssen". Was die materielle Seite anbetrifft, betont Zfolnay, es sei mit einer der H a u p t z w. e ck e d e s Verlages, seine Autoren gut zu Honoriercn. Die Quintessenz dessen, was der Verlag in geistiger Hinsicht ist und anstrcbt, kommt in dem soeben erschienenen ,,Jahrbuch 1927" gum Ausdruck. * Das Jahrbuch des Paul Zsolnay-Derlages ist tat- W'chlich ein schr interessantes Dokument. Es enthält außer Oriigi-naOeiträgen aller Verl-agsautoren deren faWmilierte Antworten auf das Problem v „Deutschland und „Europa". „Soll De-utschland bei natürlicher Wahrung seiner nationalen Eigenart, die uns nirgends . bewunderungswürdiger erscheint als in den Werken seiner Geistesheroen, sich endgültig zu Europa bekennen?", fragt der Verlag in der Vorbemerkung und gibt in dieser. Frage eigentlich auch schon die Antwort, indem Europa als Aufgabe, als Ziel gesetzt und Nationalität als kulturelle^ als geistige Erscheinung umschrieben wird. Und n-un wird jeder Autor des Verlages vor diese Grundfrage gestellt, undman sieht mit großer Genugtuung, was die Autoren des Zsolnay-Verlages verbindet: Europäertiun, lebendige Bemühung um ein Europäertmn. Sie kommen aus verschiedenen Kiultuvkreison, entscheidend ist, daß sie sich in der Sphäre geistigen Schaffens treffen, die dem europäischen Kulturkreis dient, meint Paul Zsoll-nay. Und hat damit mehr als recht, denn er entreißt damit seinen Verlag den verschiedenen schwankenden AugeMickstendenzen und erobert' ihm, abgeschen von der literarischen Bedeutung seiner Erzeugnisse, — die Zukunft in der Idee. , * Franz W e rf c;I ist die große Hoffnung und Erfüllung des Verlages. Zfolnay spricht von seinem Lreb-- lingsdichter mit großer Begeisterung. „Nicht nur, daß Werfels Lyrik die einzige moderne ist", sagt vielleicht ein wenig überschätzend Zfolnay, ,/ohne sie ist diemoderne Lyrik überhaupt undenkbar. Wenn Bocksgesang arn'^ die ersten Werke Werfels nur für Verständige Künder eines Genies waren, so bedeuten der Verdiroman ,Juarez und MaximiNan" und „Paulus unter den Juden", der an vielen deutschen Bühnen gleichzeitig eben zu Mvmisch begrüßter Uralnsisührung gelängt, und bald auch in Wien am Burgdheater zu sehen sein wird, Etappen der Reffe. Werfel ist ein U n r v e r s a l d i ch t e r, der kommende Erbe Gevhart Hauptmanns." Dieser GntWiasmus für seinen Autor und das wirksame Sich-Äinse^n ist für Paul Zfolnay charakteristisch. Es ragt über'" das Werlsgerisch-Geschäftliche weit hinaus, das zur Durchsetzung -.'iues Dichters heute kaum mehr arrsreW. - » G a l s w o r t lh y . ist ein Beweis 'der Bedeutung solch eines sachkundigen und liebevollen Sich-Einsetzens. Bevor die Werke John Galsworthy in deutscher Sprache zum Zsolnay-Verlag gesunden haben, irrten sie einsam und unbeachtet (allerdings nicht die neuesten und bedeutendsten) bei verschiedenen Verlagen umher. Zsollnay gelairg es, binnen verhältnismäßig kurzer Zeit, Galsworthy zu einem der der meist gelesenen Autoren in Deutschland zu machen. Nach dem großen Erfolg «der „Forsyte Saga" fern deren Fortsetzung bis in die jüngste Gegenwart, der Roman: „Der weiße Affe", der aber für sich ein abgeschlossenes Ganzes Wdet. Don seinen Gesammelten Werken in Einzelausgaben sind im Zsolnay-Verlag schon sieben Bände erschienen, von denen der letzte die drei wichtigsten „Dramen" von Galsworthy: ein neues: „Der Familivnvnter", ferner ,/Gesellschaft" und „Fenster" umfaßt. Dem großen englischen bürgerlichen Romancier steht der Romancier des deutschen Bürgertums, Heinrich Mann zur Seite, dessen Gesammelte Werke im Zsolnay-Verlag neu erschienen sind. Mann bedarf heute kawnl mclhr einer Durchsetzung, wohl aber einer Erneuerung und Rettung vor dem Berg essenwerden. Daß es am ehesten bei Zsolnay geschehen wird, . unterliegt keinem ZweisÄ. Wien 'hat allen Grund, auf dem, Zsolnay-Verlag die größten Hoffnungen. zu setzen. Wien wird durch diesen Verlag wieder zu einem Mittelpunkt der verlogerischen Tätigkeit werden, wie es seinem Rang als Kulturstadt entspricht.. Obwohl Zsolnay naturgemäß nur von Zlhnungen und Vorboten neuer Talente spricht, und sich zur größten Vorsicht veranlaßt sieht, um nicht den Wunsch zum Vater eines künstlichen Prod'Mes werden zu lassen, so kann er doch unter anderem auf die Novelle von Oskar Jellinek: „Die Mutter der Neun" verweisen, die er sofort zur Herausgabe anncchm, nachdem sie ihm der Autor vorgelesen hatte. Neben den noch nicht Men, wenn auch Reisen und Arrivierten, die Neues zu sagen haben, die 'hier ein Heim gefunden haben, will Zsolnay die Jungen, die Unbekannten fördern, die Wertvolles schaffen. Eine Stätte ist da, sie werden erwartet und mögen kommen; sie um der Stätte willen zu machen, wäre ein falscher, schädlicher Wag. l. th.! NEUERSCHEINUNGEN. I ■ ■ - Mar ZMnei: „Sie Mutter der Renn " (Paul Zsolnay Verlag.) 1 Diese Novelle aus der Zeit der Gegenreformation lst eine sehr starke Talentprobe.' Im Schönher-Stil geschrieben, aber hinreißend, erzählt sie von einer Heldenmutter, die der kaiserliche Graf-Otzrist vor eine furchtbare Aufgabe gestellt hat: Ihre neun Söhne sollen als lutherische Ketzer hingerichtet werden und der Graf, vor dem die Mutter in die Knie sank, gestattet ihr, einen von den neun zu wählen. Die acht anderen sind dem Henkerbeil verfallen. Um ihr Zeit zu lassen, für welchen Sohn sich-die Schmiedin entscheiden will, wird die Hinrichtung aufgeschoben. Der; Dichter schildert die Qualen der Mutter in der folgenden DIE LlEBHflBERBIBLIOTHEK Die Bibliothek der guten und billigen Bücher SOEBEN ERSCHIENEN DIE ERSTEN 10 BÄNDE Arnold Zweig Der Spiegel des großen Kaisers Erzählung Stefan Zweig Volpone . Eine lieblose Komödie, frei bearbeitet nach Ben Jonson MH Bildern von Beardsley t Eckart von Naso Chronik der Giftmischerin Erzählung Die sieben Schlösser des Melik Schah Orientalische Märchen, gesammelt von H, Lindemann Oiai Asiagsson Trampleben Deutsch von Erwin Magnus Arnold Bennett Geschichten aus den fünf Städten Deutsch von Bruno Qlaser U482 Ventura Oarcia Calderon Peruanische Novellen Deutsch von Ells. und O. Albr/yan Bebber Barbey d’Aureviily Die Teuflischen Deutsch von Georg Qoyert 1 Jens Peter Jacobsen Sechs Novellen Deutsch von M. v . Borch Wllh. Heinr. Wackenroder Herzensergießungen Mit sechs Bildern Jeder Band Kart. Rm V5Q Leinen Rm 2*50 Halbleder Rm 3*50 ln jeder guten Buchhandlung vorrätig Prospekte verlange man kostenlos -jllrekt vom Verlag GOISTAVKIEPENHEÜER VERUftG, POTSDAM | Nach!! wahrhaft erschütternd. Am nächsten Morgen, an den Stätte des Blutgerichtes, wird sie vom Grafen nochmals gefragt, welchen Sohn sie gewählt habe. „Einen", sie, „Deinen!" Zieht ihren Hammer aus dem Brusttuch und erschlägt des Grafen zartes Söhnchen, den er zur Justifikation mitnahm, damit er rechtgläubig werde. Die kurze, pmchtvoll gesteigerte Novelle ist so straff komponiert, dramatisch gestaltet, daß man dem Autor als erfolgreichen Bühnendichter wiedcrbegagnen dürste. ' % Dostojewski: „Der Traum einer Kcherllchen Menschen" (6ii bis 10. Tausend, 1928, R. Löwit Verlag, Wien—Leipzig-) Die kurze, „phantastische Erzählung", wie sie der Dichter nennt, hat ,Julius Rendelstein "aus Dostojewskis „Tagebuch eines Schriftstellers", darin sie enthalten ist, hevauSgehoven und ihr so das Eigenleben verliehen/ düs diesem Werke der Alters Weisheit eines Großen gebührt. Denn dieser „Traum eines lächerlichen Menschen" ist nicht Mehr und nicht weniger als das philosophische Credo des Giganten der russischen Dichtung. Die wenigen schlichten Seiten dieser Erzählung enthalten den ganzen Dostojewski, das tiefste Bekennen feiner Weltanschauung, der Güte und des Mitleids, jenes „liebe die anderen wie dich selbst.., dann wirst du sofort wissen, wie du leben sollst", bas alle Werke des großen Gestalters'durchzieht. Der Geist Jlja Karamasows, Mhschkins, des Idioten und aller anderen Erlöser- und Erlösungsmenschen in den großen Werken Dostojewskis, ist hier auf kleinstem Raum in einem knappen Bekenntnis- und Erkenntnisformaij gebracht. Das Recht auf die Liebe und das Mitleid mit der Schuld des Gefallenen und Leidenden, das. Dostojewskis Werk ganz durchzieht, wird in dieser kleinen Erzählung zum, Evangelium. Und der Erlösungsmhthos eines dämonischen Dichters mnd Christen ruft zur Ueberwindung Ler Menschheitsschuld, der Erkenntnis, die höher gesetzt wurde als das Leben selbst, zu überwinden, und durch die große Liebe zu, -den Schuldbeladenen, Unglücklichen, Irrenden, den „Lächerlichen". Die Erzählung ist eine nie verblassende Perle in der Krone eines großen dichterischen Gestalters. Sie verdient darum die eigene Fassung, aus der ihr milder, nie perlöschender Glanz umso stärker hervorstrahlt. —- Vier Lithographien von Franz Wimmer, die das Wachtraumttxtige dieser Dostojetvskischen Schöpfung vorzüglich widergeben, schmücken das Bändchen, dem ein Nachwort von Leo Langhammev die Bedeutung im GesamtwerL des Dichters Wr den Leser erschließt und der Verlag R. Löwit das ^vornehme Vuchgewand gegeben hat, das diese unentbehrliche Quelle füv das Verständnis Dostojewskis braucht. S. S. 7 VON BÜCHERN, DICHTERN UND VERLEGERN Mette Fülöp-Miller, der bekannte Herausgeber.des stojewski-Nachlasses,. kündigt durch seinen Verlag Piper und Co. ein . recht merkwürdiges Buch'an: „Die Beichte eines Juden in Briefen an Dostojewski"dürste für alle jüdischen, sowohl wie antisemitischen Kreise vm Buch, 'von sensationellem Interesse werden. Der Jude K o wnerl hatte unter dem Einflüsse der Lektüre des Ras>- kolnikow als. Bankbeamter Unterschlagungen begangen, nur mit.den Geldern einer verarmten Familie zu helfen .Vom Gefängnis. aus. begann er . mit Dostojewski einen Kriesweäjsel^ in dem die Judenfrage leidenschaftlich erörtert wird. Die deutsche Ausgabe dieses Briefwechsels ist Mn Mau B r 0 d eingeleitet. . Die erste deutsche Ausgabe der Brstvfe Verdis, ungefähr 300 der aufschlußreichsten, die ganze Schassenszeit des Kornpomsten umfafferchen Briefe, die Franz Werfel ausgewählt und Paul Stefan übersetzt hat, bringt Mitte November der Verlag. Paul Zsolnay, Wien. Bon Unamuno, beav> Freiheitskämpfer mrd sichevlich bedeutendsten Vertreter der spanischen Literatur, konrmt im Lause dieses Monates ein neuer, phantastischer Roman iru Verlag Meyer u. Jessen heraus. Das Buch heißt ,N eb e s" und erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der schließlich im Kamps - mit seinom Autor underliegL Unamuno greift selbst in die Handlung ein. In einem dramatisch, bewegten Dialog zwischen dem Dichter und feinem Helden Mtzelt das ' Werk. Sigrid Audfet, «die große norwegische Dtchterür beschließt! ihre, zur litemrischen Sensation gewordene Momantrilogie „Kristin Lävranstochter" mit dem soeben erschienenen dritten Band „Das Kreuz". Der.Verlag, Rütten und Loening benützt diese Gelegenheit, um dem! deutschen Publikum einige biographische Daten bekanntzugebenr Sig- . rid Undset wurde 1883 als Tochter eines berühmte» mrwegist!)en Archäologen geboren. Nach einer nicht schr leichten Jugend im Kreise vieler Geschwister mutzte sie ähren Lebensunterhalt auf einem Kontor in Oslo erwerben. In ihrer, SreiM sie GeWße..Mer^ die.

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