Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2763 (5.11.1926)
- Date
- 1926-11-05
- Page
- Seite 4 (sequence 6)
- Language
- German
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Se^e 4 Men, Freitag Wiener Morsenzetttm- Sin a«Memnege«der Doppelmord bei SottDstt. Drr-MglWe Industrielle Brmr-mr und feine Frau exfchvjsen aufgeftmdcn. Aus London rvird berichtet: Roseoc Brunner, der Leiter der feefamttei: großen chemischen Werke Brunner, Moiü) n. Co. sowie seine Frau sind in der Nacht vom 3. auf den 4. November in ihrem Hause in Putney erschossen aufgesunden worden. Brunner, der das bekannte englische Welthaus der Farbenindustrie leitete, ivelches erst vor kurzem in den unter der Leitung seines Sozius Sir Alfred Mond stehenden britischen Chemietrust aufging, ist eine der bekanntesten Persönlichkeiten der englischen Jndustriewelt. Seine Tochter, die im vorigen Jahre einen Wiener Fürsten Liechtenstein geheiratet hat, und ih-r Gatte, sind Besitzer der Villa, in der die Eheleute Brunner erschossen aufgefunden wurden. Bisher ist nicht aufgeklärt, wer den Doppelmord verübt hat und welches die Motive fiir die Tat sind. Mn Doppelselbftmord? Me Reuter spät abends meldet, wird angenoimnen, "so daß die Frage der'VrotprelserhöhAng noch nicht als erlein einem W a h n si n »'s a nfal l getötet habe. Das Ehepaar chatte um *7 Uhr 'abeiids gespeist und den Chauffeur für halb 8 Uhr zu Witter "Ausfahrt bestellt. Der Chauffeur wartete lange und fragte 'schlMich den Kammerdiener, wo die Herrschaften bleuen. Der Diener cnviderte, Herr und Frau Brunner seien noch bei der Mahlzeit. Ms das Ehepaar bis 10 Uhr abends nicht erschienen war, ging die Köchin in das Speisezimmer und fand Herrn und Frau Brunner auf dem Tische liegend in ihreini Blute vor. Beide waren tot. Frau Bwnner war in die Brust geschossen worden, Roscoe Brunner umklammerte den Revolver in seiner Hand. Kein Mensch im Hause hatte die Schußdetonationen gehört, tvas damit zu erklären ist, daß das Speisezimmer sehr weit von den Dienerzimmern entfernt ist Roscoe Brunner stand im 65. Lebensjahr und hatte 1898 Ethel Houston geheiratet, die als Schriftstellerin bekannt war. -er Anschlag auf den L-zag Berlin—Mn. Todesurteil gegen die Attentäter. Aus Hildesheim wird berichtet: Das am ersten Verhandlungstag begonnene Zeugenverhör im Prozeß gegen die Eisenbahnattentäter Schlesinger und die Brüder Weber wurde nunmehr beendet. Es erfolgte sodann das Gutachten der psychiatrischen Sachverständigen. Der Archverständige Dr. Münk eh-Möller führte & a. aus, die Angeklagten könnten noch zu den Jugendlichen gerechnet werden. Es müsse zugegeben werden, daß sie Psychopathen seien. Krankhafte Motive kämen aber für diese Tat nicht in Frage, nicht einmal eine geminderte Zurechnungsfähigkeit. Walter Weber, der Bnrder des Willi Weber, könne man ohneweiters als geistig völlig normal ansehen. Auch bei Willi Weber sei nichts Krankhaftes festzustellen. Der 'O b ersst aa-t s anwackt beantragt gegen frie Angekla gten Schlesinger und Willi Weber die "Todesstrafe und eine Zuchthausstrafe von fünf Jahren. Gegen Walter Weber beantragte der Staatsanwalt wegen Beihilfe eine Zuchthausstrafe von vier Jahren und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf fünf -Jahve. . . ' : Nach dem Plädoyer der Verteidiger wurde das U'teil verkündet. Die Angeklagten Schlesinger und Willi Weber werden wegen fortgesetzter vorsätzlicher Eisenbahn- Trcmsportgefähldung in Tateinheit mit Mord zum Tode und Krm dauernden Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt. Walter Weber zu zwei Jahren Gefängnis. Meder eine Katastrophe in einem Manfred- Weiß-Betrieb. s Arbeiter verbrannt. * In der Nähe von Szentes ist gestern, wie aus Budap e st berichtet wird, in dem Manfred Weiß schen Industriebetrieb Kerekeghhaza ein Brand ausgebrochen, der alsbald gewaltige Dimensionen an nahm. Das Feuer entstand aus bisher unbekannter Ursache im Dachboden eines Arbeiterwohnhauses, in dem 120 Arbeiter mit ihren Familien schliefen. Die Arbeiter erwachten erst, als das oberste Stockwerk in Flammen stand und ehe sie sich retten konnten, war die Treppe eingeftürzt. Im Hause brach eine furchtbare Panik aus. Das Feuer wurde erst in den Morgenstunden lokalisiert; von den Bewohnern des Hauses fehlten drei Arbeiter und zwei Frauen. Die verkohlten Leichen von ztvei Frauen und einem Arbeiter wurden geborgen, während die Leicherr von zwei Arbeitern noch gesucht werden. Bei der Brandkatastrophe haben fünf Personen, schwere. und 60 leichte Verletzungen erlitten. Auf dem Transport ins Spital ist eine Frau ihren Wunden erlegen. rer Reichtnm Amerika«. 'Jlait) einer srr.cn v-.-rösstutlichteu offiziellen Statistik haben 74 Einwohner der Vereinigten Staaten ein Jahreseinkommen von mehr als einer Million Doll a r, von beim: 89 auf den Staat Newyork entfallen. Bier Amerikaner harten, der Statistik zufolge, im Jahre 1924 ein Jahreseinkommen über fünf Mill io n an D o l l a r, darunter nur einer in NewyoÄk. Letzte Nachrichten, m Sie polnischen Monarchisten. Warschau, 3. November. Die moilatchiWchen Bauernvrgwnis'ationen 'beschlossen, die Regieru-ny mrfjjufordern, ein Plebiszit Wer die klönst ige SbcwtSsonn Polens Au vevanistcklten. In der Entschließung wird erklärt, «das iPariloment spiegele wicht die A-n-schauungsn «der Bevölkerung wider und nur ein Plebiszit könne Klarheit schaffen. Das Projekt der Monarchisten würbe in maßgebenden Kreisen mit Interesse auifgienowmvn. Die nationalistischen Kreise sind entschlossen, die Pleibiszikfondevung zu unterstützvn. In Warschau soll dieser Tage ebne neue Beratung der a r i st o k r a t -i s ch e n Kreise erfolgt sein, wobei «der WebisMtwge «Uttterstütznng i-n Aussicht gestellt wurde. Sie Kalenderresorm endgültig gescheuert. Die vom Völkerbund im Jahre 1924 eingesetzte SpezialkomMission für die Vorbereitung der Kalenderreform hat soeben ihren Bericht über die Ergebnisse ihrer TätigM veröffentlicht. Sie stellt fest, daß eine Reform des Kalenders ohne Zustimmung der Vertreter aller Konfessionen untunlich, daher undurchführbar sei. Eine radikale Reform durch die Einführung von sogenannten „weißen Tagen" und damit des „beweglichen Sabbath" begegnete auf jüdische Seite heftigem Widerstand. Es sei derzeit keine Aussicht vorhanden, in der Frage $u einem positiven Ergebnis zu gelangen. Sie Herbstvberschwemmnngen. Schwere Katastrophe in Südtirol. Aus Mailand wird berichtet: Südtirol ist von einer Ueberschwemmungskatastrophe heimgesucht worden, die immer größeren Umfang annimmt. Klausen am Eisack ist ganz vom Bahnhof abgeschnitten und auch der Friedhof liegt unter Wasser. Die Fahrwege nach Bozen sind kilometerweit überschwemmt. In Meran sind mit einer einstürzenden Brücke zwei Arbeiter, die Holz sammeln wollten, in die Fluten ^gestürzt und ertrunken. Der Eisenbahnverkehr zNnschen Meran und Bozen ist immer noch unterbrochen, der Verkehr tvird mittels Automobilen aufrechterhalten. In Flatt wurde ein ganzes Sägewerk von den Fluten weggerissen. Der Regen hält noch an. Seit Menschengedenken ist in dieser Gegend eine solche Überschwemmungskatastrophe nicht vorgekommen. Hondini gestorben. Der Ausbrrcherköniig. In einem KranTenhauise der amerikanischen Stadt Detroit ist im Aller von 5Q Jahren Harri Houdini, in der Welt des Varietees international als der „Ausbrecherkönig" bekannt, gestorben. Vor mehr als einer Woche wurde er auf der Bühne eines Varietees in Detroit während des Auftretens von einem Plötzlichen Unwohlsein befallen und ins Spital gebracht, wo eine Blindarmentzündüng festgestellt und eine Operation vorgenommen wurde, die indes sein Leben nicht zu retten vermochte, da sich eine Bauchfellentzündung hinKugesellte und eine zweite Operation erfolgllos blieb. Houdini, der mit seinem richtigen Namen Mayer Samuel hieß und der Sohn eines jüdischen Predigers in Amerika war, erwarb sich aus dem Varietee internationa«le Berühmtheit als E n t f e s«s e l u n g s k ü n st l e r, der sich der schwersten Fesseln zu entledigen und aus jeglichem Gefängnis ausgubrechen wußte — daher der Name des „A-uSbrecherkönigs" den er viele Jahre hindurch trug. Er war in seinem Fache unerreicht, war m allen Ländern eine erlsMaslsige Attraktion und wandte sich in den letzten Jahren insbesondere der Entlarvung spiritistischer Medien zu. Er setzte hohe Vellchnungen für jegliches spiritistische Phänomen aus, das er mit seinen Künsten nicht nachzuahmen imstande sein würde, und schrieb über dieses Theina auch mehrere Bücher. Um den Reiz seiner Tricks zu erhöhen, vollbrachte er viele von ihnen unter Wasser und war auch der Erfinder eines Taucheranzuges. Gr betätigte sich auch als Flugzeugführer und erhielt im Jahre 1910 in Australien einen Preis für den ersten erfolgreichen Flug in diesem Erdteile. Sie „Lebende zeitnng" in »nßland. Im Oktober dieses Jahres konnte die „Lebende Zeitung", der Blauen Blusen in Moskau auf ein dreijähriges Bestehen zurückblicken. Als Schüler des staatlichen Instituts für Journalistik verwirklichte I u s h a n i n die Idee, den Inhalt der Zeitung zu theatralisieren nnd schuf ein politisches Agitationsmittel etwa in der Form einer Kleinkunstbühne. Gegenstand seinerSzcnm, derenTexte er und seine Mitarbeiter sich zrmächst selbst schufen, war die aktuelle Polittk des Tages, die Losung, das Schlagwort der Gegenwart, die man personifizierte und dramatisierte. Das Theater der Blauen Blusen besteht heute aus zirka 150 Berufsschauspielteru, die in Gruppen zu 12 und 15 etwa zur Hälfte in Moskau zur anderen in der Provinz täglich zwei und mehr Vorstellungen in den Klubs« der Fabriken, gelegentlich von Versammlungen und Kongressen, bei den Kompagnien der Armee, usw. gegen ein ftstes Honorar mit ungeheurem Erfolg geben. 'Mehr als 6. MvettGer SBBB M. AV3 1000 dlmatcurgruppen in der Provinz haben den Gedan ken aufgegriffen, nennen sich gleich oder ähnlich wie die Moskauer Stammtruppe und spielen ihr Programm, das in einer monatlich zweimal erscheinenden Zeitschrift in 10.000 Exemplaren Auslage gedruckt erscheint. Borlüustg keine BroipreirerWnng In der letzten Zeit ttturdeu über eine beabsichtigte Bvotpreiserhöhung wegen der gesteigerten Getveidepreisc Verhandlungen zwischen den Brotfabriken und Bäckern einerseits und dem Bundeskanzlernint aübcrseits geführt. Das Buirdeskanzleramt hat ein Gutachten der Wirtschaftspolizei eingeholl, die die Erklärung ab gab, daß sie momentan eine Erhöhung der Brotpreise nicht für notwendig halte. Das Bundeskanzleramt hat darMshin den Broterzeugern mitgeteilt, es könne in diesem Augenblick einer Brotpreiserhöhung seine Zustimmung nicht gebm. Daraufhin hat die Bäckergenossenschaft mit Rücksicht .auf 'die allgemeine Situation beschlossen, von einer Erhöhung des Brotpreises derzeit Abstand zu nehmen. Inzwischen haben die Bäckereiarbeiter Lohnforderunge n gestellt, daß die Frage der Brotprciserhöhung noch nicht als erledigt betrachtet werden kann. Sie Kaffeesieder bei Stadtrat Meitner. Keine Ermäßigung der NahrnngS- und Geuntzmittel abgabe. Unter Führung des Vorstehers der Genossenschaft dar Kafftesieder, Kommerzialrat Egkher sprach gestern eine Abordnung von Kaffeesiedern beim städtischen Finanzreferenten Dreitner vor, um ihm die schwierige Lage des Gewerbes zu schildern und eine Erleichterung der Nahrungs¬ oder Genußmittelabgabe n'hezulegen. Stadtvab Breitner erklärte, eine generelle Ermäßigung der Steuern nicht vornehmen zu können. In einer Reihe von! berücksichtigungswerten Einzel'allen sei bereits eine Ermäßigung vorgenommen worden. Ebenso wird in Bezug auf Stundungen das weitestgehende Entgegenkommen gezeigt. Ms die Beschwerden über die hohen Verzöge-, rungszuschlüge erwiderte Stadtrat Dreitner, der Magistrat nehme den Standpunkt ein, daß ein Steuerträger, der seine Verpflichtung termingemäß nicht zu erfüllen vermag, was sich unter den gegenwärtig schwierigen Verhältnissen gewiß leicht ereignen könne, sich doch wenigstens die Mühe nehmen müsse, rechtzeitig um eine Stundung anzusuchen. Mer selbst wenn der Verzögerungszuschlag schon in Kraft erwachsen ist, besteht noch die Möglichkeit, eines Nachsichtsgesuches an die Beschwerdekomkommission. Die Abordnung Mußte unvexrichtet'cr Dinge Abschied nehmen. : Keine Fachschule für Sollizitatoren. Der mit der Führung des Justizamtes betraute Vizekanzler Dr. Ding Hofer hat die Interpellation wegen Errichtung einer "Fachschule ssür Mch^sanwalls- und Notargehilfen dahin beantwortet, daß sich nach den Erfahmngen des Justizamtes ein Bedürfnis nach einer besonn deren Fachschulung für die Sollizitatoren bisher nicht herausgestellt habe. Den Rechtsanwaltsg hilferr sei ohnehin die selbständige Intervention bei ersten Tagsatzungen, Einvernehmungen im Exekutionsverfahren ltnd beim Exekutionsvollzug eingeräumt worden. Das Justizamt werde aber Bestrebungen auf Eriveiterung des Umkreises dieser Berechtigungen immer entgegentrelen. Solche Bestrebungen würden aber durch die Errichtung einer geeigneten Fachschule nur neue Nahrung erhalten. Der Errichtung einer Fachschule könnte das Justizamt nur dann zustimmen, wenn nach dem! Gutachten der Gerichte hiezu ein wirlliches Bedürfnis besteht. Men, den 5. November 1926. * Presse und Irrsinn. Ein Pariser Irrenarzt ist mit der interessanten Aufgabe beschäftigt, ein umfangreiches Werk über den Zusammenhang zwischen Presse und Irrsinn zu verfassen. Er hat schon vor längerer Zeit in einem Rundsclireiven die Redaktionen der Pariser Zeitungen aufgefordert, ihm Material über Zuschriften aus dem PuvMum zukonnnen zu lassen, bei denen Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit der Verfasser entstehen können. Der Erfolg war so außerordentlich, daß der Arzt, der zurzeit noch mit der Durcharbeitung des Mateials beschäftigt ist, sich bereits angewöhnt hat, bei Untersuchungen die Frage zu stellen, ob der mutmaßliche Patient öfters Zuschriften an Zeitungen richte; im Falle der Bejahung gewinnt die Annahme einer Geisteskrankheit sehr <m Wahrscheinlichkeit. * Der Mann ün Rubin. Einen einzigartigen EdeMein von ungeiheursm Wert besitzt ein Mann in Bengalen, wie indtsche Mütter erzählen. ES Äst dies ein birmanischer RuAn. der gar nicht besonders groß ilst, aber in dem Edelstem hinter einer scharlachroten Trübung evscheint das winzige Bild eines Mannes ncit duivkellbraunem Gesicht und tieWauen Augen, der einen weißen Turban trägt und mit sinem weißen Gewand bekleidet ist. Der Direktor des geologischen Amtes von Bengalen, dem der Stein zur Begutachtung vörgölegt wurde, erklärte, es sei ein echter schöner RrWn, und das Porträt darin sck ein Spiel der Natur, das in der Geschichte der Edelsteine ohne Beispiel d-astehe; nirgends befindet sich an dem Stein ein Nitz, der sich zeigen würde, wenn daö BiDd cmf künstlichem Wege hineingobvacht worden sei. * Eine AluminiumKrdt. In Kanada wird gec eine vollkommen neue Stadt gebaut, die im nächsten ahr ansangen wird zu leben. Die Stadt wird am Süd'- ufer des Saguenay River zwischen Chicontimi und Kenogami liegen und wird erbaut von der Aluminium Conwanh of Eanada, Ltd., die dort eine große AlumtniuinProduMon einzurichten beabsichtigt. Der Präsident der Gesellschaft, ArMr Bining Davis, wird der Stadt den Namen „Arvida" geben.