Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2763 (5.11.1926)
- Date
- 1926-11-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Rr. STO8 CHAtSMMf iAMVkr, örctrög 6. Mtzemsier 1926 Seite 3 Wiener Morgenzettung LagesberW. Politik «ad SeMft. Die Resolution der Vereinigung österreichischer Richter. Die österreichischen Richter bereiten für ihre im Dezember sdatbfin-dontze Haakptvsvsiamm'lmdg einen Protest gegen die Politisierung von Justiz und Verwaltung vor. Sie sprechen jetzt auch bereits von «der ^Vertrauenskrise in der Rechtspflege", die bisher immer, so oft sie in -der OefsorttlUchkeit erwähnt wurde, energisch geleugnet war- Len lvar. Es ihat schr dick kommen müssen, um «den Michtem die große Gefahr zu zeigen, >m der sich ihr Amt 'befindet: wenn sie jetzt sich dazu aufraffen, sich sel'bst ans der geistigen Unterordnung unter die Politik zu erheben, so ist das nur begrüßenswert für die Bevölkemmg u>n>d für die Pflege ^des Rechtilichkeirts-Empflndons. Die Gerichte, speziell die höheren Instanzen, tragen fast urwenhüllt den Charakter von Organen >der Politik und zwar jener Pollitik, die sich als ^deutschfnationa^ibodenstänLiig gibt und so dcm in Oesterreich beliebten Schlagworton nur allzu gerne sich akkomoLiert. . Dieser- Gru>'.rdfchlec wird aber bedauevllcherwei.se in der vorbereiteten Pvotsstvosolubivn gar nicht berührt. Sie geht nicht aus die schr tief liegenden Motive ein, aus denen sich die Vertrauenskrise herschreibt, sondern sie befaßt sich -nnt der Besetzung von iPosion. Das ist sehr matevia,Wisch gedacht, entspricht aber nicht dem Wesen des Uebi-ls. Nicht darum handelt es sich, ab irgend em aikgobarlten. Minister durch eine Berufung in den Verfassungs- oder Vcrwaltungsgerichtshof entschädigt wird, sondern um den Geilst, «der -die österreichische Justiz beherrscht, die mit einigen wenigen und darum schr rühmlichen -Ausnaihmen ganz im Dienste der nationalistischaMsemitisch-iantisozi^alen Politik steht. Wir wollen hier nur als einziges aber krassestes Beispiel " den Otztionssenat des Derwaltungsgerichtshofes nennen, der zum Schäden van Hunderten Ddffchen und auch nichtjüdischen Parteien (wenn sie Arbeiter waren) mit den: Friedensvertrag das Spiel von Rasse und Sprache aufgeführt hat. Es verstcht sich von seltbst, daß die Kreise, deren Handlanger solche Gerichte sind, den Respekt verlieren. kin'gspirrt muß werden. Ein Erlaß des Justtzamtes üÄer Verhaftungen. In der letzten Zeit wurden wiederholt Personen den Gerichten eingeliefert, die in den Fahndungsbl.Lttern von den Gerichten nicht als zu verhaften, sondern bloß als aus zu forschen bezeichnet wurden. Die Gerichte haben in solchen Fällen die Uebernahme der Verhafteten verweigert, weil dieselben bloß vorzuladen und auf freien: Fuße zu vernehmen seien. Das Bundeskanzleramt (Justiz) hat nun in einem Erlaß diese Ablehnung der Uebernahme von Berhafteten als unzuläs- ■wn 11877 A Petiftioift »Aras11 l'"1 nilrlill r. Avenue Bnqnis Qanr neu, mit modernstem Komfort eingerichtet. Erstklassige, streng koschere Küche unter Aufsicht des Rabbfnats. Zimmerbestellung rechtzeitig erbeten. f«letfr.>Adrc9s«: Aras NXza. sig bezeichnet, weil schon das Sicherheitsorgan, auch wenn ihm die Verhaftung iticht aufgetragen ist, zu prüfen hat, ob im Zeitpunkte der Betretung ein Grund zur Verhaftung des im Fahndungsblatte bloß zur Ausforschung beschriebenen Beschuldigten im Sinne der Strafprozeßordnung vorliegt, und im gegebenen Fall auch ohne richterlichen Befehl die Verhaftung vorzunehmeu hat. Jeder dem Gerichte Eingeliefertc ist binnen 84 Stunde:: vom Untersuchungsrichter zu vernehmen, der sodann zu entscheiden hat, ob der Eingelieferte wieder auf freien Fuß zu stellen ist. Der Umstand, daß eine Person nicht zu verhaften und nicht an das Gericht einzuliefern gewesen wäre, berechtigt das Gericht nicht, die Uebernahme des Eingelieferten abzulehnen, sondern verpflichte es «nur, den Gingelieferten sofort tvieder auf freien Fuß zu setzeru » Durch diesen Erlaß wird den juristisch nicht genügend geschulten Sicherheitsorganen die Entscheidung über die I Verhaftung einer Person überlasse::, die bloß zur Einvernahme gesucht wird, ein Umstand, der höchst bedenklich ist. Der Eingeliefertc soll dann, wenn kein Haftgrund vorliegt, binnen 24 Stunde:: entlassen werden. Bei der Ueberlastung der Gerichte ist es jedoch fast ausgeschlossen,' die 24stündige Frist einzuhalten, so daß die vorläufige Verwahrungshjaft meist verlängert werden muß. Wird der Verhaftete oft rurch einem kurzen Verhör wieder auf freien Fuß gesetzt, so steht ihm das Recht zu, Entschädigungsansprüche für ungerechtfertigte Untersuchungshaft zu stellen, die aber in einem langwierigen Verfahren meist abgewiesen werden. In Oesterreich gilt eben als oberster Grundsatz: „Eing'spirrt muß werden", und dieser Grundsatz wird in dem neuen Erlaß der Justizverwaltung noch yrechodischer gehandhjabt. 8dl Kknoroma« der LÄens. Der Barer heiratet seine eigene Tochter. Das Warschauer Rabbinat befaßt sich derzeit mit den: Epilog einer Fawilientragödie, die sich , vor kurzem in Warschau in der Wolynskastraße abgespielt hat. Die Vorgeschichte der Angelegenheit ist folgerte: Vortzirka 20 Jahren heiratete K. B. ein jungest Mädchen. Nach einjährigem Zusammenleben flüchtete der Mann vor dem Militär und hielt sich eine Zeit lang in Galizien auf. Als der Mann schon jenseits der Grelle war, gebar, die Frau ein Töchterchen, wovon sie den Gatten brieflich verständigte. Die Korrespondenz wurde:wch einige Jahre lang geführt, dann brach sie aber Ms unbekannten Gründen ab. Als der Mann dann während der nächsten Jahre nichts mehr von sich hören ließ, befestigte sich die Ueberzeugung, daß er in den Kriegswirren gestorben sei. Das Töchterchen wuchs inzwischen heran, wurde ein hübsches Mädchen und fand als Hausgehilfin bei jüdischen Familien das Fovtkommen. In einem Haus lernte sie einen gereisten Ma:M kennen, der aifd) ^schließlich um ihre Hand anhielt. Die Trammg fand bald statt, insbesondere, da das Verhältnis zwischen den 'Beiden inzwischen intim gcivorden war. Die Mutter konnler bei der Training ihrer Tochter in WarschM mcht ammsend sei«: und besuchte sie erst einige Tage später. Als sie den. Schwieg'rsohn erblickte, fiel s-ie Ä: Ohnmacht. Es > erwies sich, daß der S chwiege'es o h n ihr Gatte :var, der die eige::e Tochter geheiratet hatte, ohne es zu, wissen. Die Tochter führte nämÄch den Namen 'ihrer 'Mübl^. Das Warschauer Rabbium hin ninnnehr. ww eiiWNgs erwähnt, das l'xtzle Vt%rt in dieser Angelegenheit zu ftwe- «hen. ö l —... Adbeben am Armut. Me geographische Lage der biblischen AlensttMalX' Wiege ist der: meisten Zeitungslesern so werüg bekarmr, daß sie, als sie dieser Tage von einem großer: Erdbeben in Armenihtz.^nachrichtigt wurden, nnchl kMM ans den Gedanken gcckckmnen sind, daß die U^geLneM des Ararat, auf dem sich Noahs Arche niedergelassen hatte, wieder eirrmal von eimm zerstörenden Erdbebvr: heimgesucht worcien ist. Eriwa::, die Stadt, die unter dem jüngstdu Erdbeben am meiste:: gMten hat, ist das Zentrmn der armeMscheu Sowjetrepublik und schon ans dem siebenten Jcchrhundert nach Christi Geburt bekannt. Sie zählt ettva 60.000 Einwohner mrd liegt 70 Kilometer nordöstlich von: Ararat entfernt an einem Bergabhang. Die armenischer: Ueberlieserungen besagen, daß Noah, als er das Dach der Arche Mstat, diesen Platz zuerst gesehen und feiner Familie in der Arche zugerufen Haber: fofö „Eritvümet.h das heißt „es wird sichtbar!" Nicht roeit von Eriwarr, knapp 160 Kilvmöter südöstlich, liegt ebenfalls im Dal des Araxes Ncichitschelvan, eine kleinere Stadt, die ins Deutsche übertragen „erste Niederlassung" heißt. .Wer soll nach der Ueberlieferung Noah die erste NiedorlaAmg gegründet haben, und außerhalb der Stadt zeigte man noch, vor dem Kriege auf einem alter: armenWxn^Kirchhof Noahs Grabmal. Die Eirüwücke, die man von der Umgebung des Ararat lelrhält/ stäxken den Gedanken, daß das hürkige Armenien einch länge historische und vorhistovische Vergangenheit hintqr 'sich hat. Urch daß diese Gegend wirklich einmal unter Wasser gestanden hat, b-ewÄsen äLw-sgrabunge-n in Kisate bei Achekztzch, 600 Fuß hoch, iw den Bergen, bei denen ruan in JnsusorieuschWerr verstörnerte Fische und arckere Lebewesen dsr See gefunden hat. Exemplare hievon zeigt noch! Duke die Akademie der Wifsenschaster: in Petersburg. Der Galten Eden schließlich sott nach der armenischen Überlieferung dort gewesen fein, ivv sich heute die Lerne Stadt Etschmiadzin, der Sitz der geistlichen Oberhäupter des Armeniertums,. besindet. ELschmia^in heißü>,^)er Emgeborene fteig t hernieder". Der Name wird auf erne himmlische lErscheinung zurückgelellet, die 303 u. Ehr. einem armenischen Mönch Weisung gab, hier ein Kloster zu Lauen. Die Ueberlieferung sagt weiter, daß der in T3Mkeit gewesene Große und Kleine feuerspeiende Ararat Äe zwei Cherubim - gewesen seien, die mit ihren flammenden Schwertern den Eingang zumBaum des Lebens gswWt haben. Die Sintflut habe die beiden Vulkane aber gelöscht. „Ahasver." Von Alois Lfirftik. Aus den: Dichiechifchen üibertvcl.gen von Dr. Oskar Donath. Es ist der Tag des heiligen Erhard (8. Jänner). Dev Lärm im Dorfe vexstunnnt, die Abenddämnrevung sinkt immer tiefer. Auf dem Wege, von Siluvka nach Habruvka flattern die langen gelben Pelze zweier fremder Bm:ern im Winde. Sie öffnen und schließen sich bei jedem Schritt lvie riesige schwingende Flügel. Die Bauern schritten rüstig aus und kamen eine::: gebückten Juden zuvor, der einen Ranzen mit Muten Ms dem Rücken trug. * i „Wie lange wird der noch über Land gehen-?" fragte der mit dem flattenchen Pelz zur Rechten. „Ewig," antwortete der Bauer linker Hand, dessen Füße Mtnerschwer auf den schneebedeckten Boden traten. „Und ivre er seine Häutchen liebt! — Er sammelt 'sie wie die Ameise ihre Späne, und fortwährend besitzt er nichts." 'l „Seine Kinder besitzen. Drei Töchter und einen Sohi: hat er bereits verheiratet -- und jetzt rafft er noch für die übrigen zusammen. Gott weiß, lvie viele Kinder er noch hat! Und sie alle leben — von den Häutchen." ,< Die Bauen: kommen außer Gesichtsweite. La:^sam, lvie eine nmhsarn vonvävts kriechercke Schnecke, den spitzen Stock bei jedem Schritt in den festgefrormeu Schnee stoßend, kam der Jude zum erster: Hans von Hirbmvka.-— f Wie alle Juden, die drei Meile:: weit um Hckbvuvka hemm anzutreffen sind, stammt auch er aus DanOoritz, den: allen gemeinsamen Schoß Mwhmns, Ms dem sie hervorgingen oder dem sie alle angehöre::, wenn nicht durch ihre Väter, so wenigstens durch ihre Großväter tmb Urgroßväter. Drei Aöchter und einen Soh:: schickte er schon in die Welt und jetzt spart er für die übrigen. Er selbst lebt seinem Danchoritzer-Loch, in die Umgebung führt ihr: Nur das Geschäft. Ms den Straßen der Umgebung von Ha-: bruvka kennt mar: ihn schon seit undenklichen Zeiten. Großvater Chalupa Pflegt zu sagen, der Jude sei schon so alt gewesen, als ihm noch „der Herr Lehrer' die Hosen klopfte" und er werde Mch noch über Land gehen, bis' jei:te MM lveiße Haare bekommen werden. Der ewige Jude.- Er schleicht dahin lvie das verkörperte Bill» ^Jehovas. Mit seiner äderigen, ausgetwckneten, mit Haaren stsivk bewachsenen Hand stützt er sich auf einen hohen Stock — j einen höheren als er selbst ist, den er vorsichtig in den weißen Weg sticht. Hinter dem Swck bewegt sich mit kurzen waMgen Schritte:: sein zusammengeschrunchfter Körper, der Msgvtrocknet und hart ist wie die knisternden Härrtchen, die er im schmutzigen Bündel Mf dem gekrülnmten Rücken trägt. Unter der Äst gebeugt, mißt er jeden Tritt Vorsicht ttg ab und jeder Schrttt 'ist wie die Zeit eines Jahrhunderts. Das in die UneMichkeit seiner Warcherung vertiefte Auge blickt weder nach rechts noch :räch Unks von der ihm! durch das Schicksal vorgeschriebenen Bahn Und dev trauriges Augapfel wich unter den graum, aber reichen Mmpern erst dann sichtbar, wenn sein Ohr sich nähernde Schritte! venrimmt. Er grüßt, er dankt und neigt lvieder den Nakken und den Kopf zur Eche und mißt cckermals die weitere Spur feiner endlosen Wanderung. Er hat für nichts anderes Sim: als für diesen Schritt Und für die Häutchen, Ms beneit . fein ganzes Leben zusammengesetzt zu seil: schien. Nicht die Schönheit der jungen grünen Mrbe zur Friihlingszeit nicht das Feuer des Sommers nicht die Sonnengott Und nicht der Frost vermögen Ms ihn einzulvirken, bei schönstem Wetter mtb bei ärgstem Wetter macht' er denselbelr Schritt, smkt er in gleicher Weise den vvn einen: langen lveißel: Back umrahmten Kopf und das von tiefen Furchen zerhackte Gesicht, richtet er denselben kluge« Blick M Erde und stützt sich mit der zottigen Hand auf den hohen Stock lvie Mf eine Krücke. Streng sind die Züge seines^Gesichtes, ernst 'und 'wie ermähnend D sein Blick Und der Kgpf sicht Ms wie versteinert. ' ‘ i Sein Rock mit langen Schöße:: U. ungefähr so alt wie er selbst, der tvvhl niemals geboren? wu^e, wohl niemals stechen wird, so:ckern immer ,,W' Auf seinen unerMchen MmderunM Brusttasche, am Hetzen die zehn Gebote in einem Büttel eingewickelt. Mt Jehova Mf den Lippen steht er aus, mt Jehova Mf dew Lippen legt er sich zu kurzem Schlaf nieder m:d in GedankeN an ihn schleppt er sich dUrchstrickME. Es scheint, daß Jehvva über seinem^ mit einem weißen fchKbigen Hut büreckten Haupte schwebt. Zlvei Jchre lMg tükg ihn der Damboritz'er Lebmnamr, dann schenkte er ihn dem Bescheidensten aller Bescheidene:: und seither trägt ihn Mser Und tvich l f ihn wohl euch; tragen. Dxe alten lm:gen Beinkleider von rostbrauner Farbe haben so viele Falten lvie sein hohes Alter Und reichen bis in die Hitte der Schäfte seiner Hirten, vielleicht versteinerte:: Stiesel. Der Rm:zen verwuchs mit chm. Ans chm schläft er, mit ihm steht er auf, er ist niemals groß«: vder kleiner, aber immer Voll. , < Eine einzige: Leidenschcht hat Mstr »rkhodoxe 'HÄM er schnupft. Em^isctzvarzer Meck über dev VerweMn Oberlippe und'der Mit lichten: gleichmäßigen ScchM einig Mi bewegende braune „Dropsen" m: der Nasenspitze bilde:: Äe letzten Punkte seiner. unv'ergeWrchen Erscheinung. — —i Ein dunkler Mnkel Mf ausgebreitetem MH Wegt hie Ruhestätte für spüre müden Knochen zu sein. Dort'läßt er sich nieder, ißt sitze::d ein Stückchül Schwarzbrot aus feinem Ranzen, beißt dazu eine Zwiebel Und Ötete'fc dann mit der: angelegten Hehn Geboiten m gehermnVv^ollen Mrrten, ein Ewiger.zjmtz Ewigen. > Änd ehe noch her Tc^ aMWcht, uuvchiter^WrWon. lvieder Mf den Weg. Und^fo irrr er M Merch^ugedenken borr Dorf zU Mvs und nur am Vorabend des Sabbat kehrt er in sein Hommtstädtcher: zurück, Um den heDgen Dag mit GebÄen ztt vesrbringen und der von Jchova gebotenen RUHe zu pflegen. Es wird dunkel. Die Weudglocke erkörtt. Die AeÄe, die durch das Dorf gehn:, b eten schnell, damit sie in dem Most ihr entblößtes HMp't so vM aks MgKch uMev bedecke« können. ' Ueb er der: Wäldern geht die wÄHe MonWM Ms. M ersten Sterne schimmern Wer der Gegerll» und du WOm verschwinden die letzten Spuren des Tages.? Ahasver kehrt unter das gaMHe Mch^eWs^MÄ"