Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2742 (14.10.1926)
- Date
- 1926-10-14
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Gelte S Wien, Donnerstag Wiener Merge«rettrms 14. QktMer 1926 Skr. S74Z Irr Substanzschwund in der polnischen Naphthainduftrie. Sie ProduMonikoAe«. — UeberprSfuua durch die Negierung. — Berwaltuugshtzpertrophie Wohin ist dar Aurlaudrkapital verschwunden? Wie bereits berichtet wurde, führt die p o * n i f dj c Regierung jetzt eine U e «b e r p r ü f n n g der i nd u ff r r c 11 e n P r o d u k 't i o n s k o st e n durch, die darauf abzielt, die Ursachen festzustellen, aus denen eine Anzahl an sich rentabler Industrien Polens in ihrer weiteren Entwicklung Schwierigkeiten begegnen. Zu den wichtigsten polnischen Industrien, deren Gesundung für das Land von höchster Bedeutung ist, zählt die Naphtha- Industrie; daher sind die Erörterungen, die zur Zeit ..Glos pra'wdn)", das Organ des Ministerpräsidenten P i l s u d s k i, und der Warschauer „Kurjer Poranny" über das Gesuudungspro'blem der Naphthaindlistrie in mehreren Artikeln machen, von größtem Interesse, zumal aus ihnen die Stellung der Regierung zu diesem wichtigen Jndnstrieziweig klar zu erkennen ist. Wenn nun auch in Rechnung zu ziehen ist, daß die wirtschaftspolitischen Anschauungen der gegenwärtigen Regierung ihre Stellung zu den mit der Naphthainduftrie zusammenhängenden Fragen nach einer bestimmten Richtung festlegen, so enthalten die ermähnten Aussätze doch eine Reihe interessanter. die gegenwärtige Lage der Naphbhaindustrie scharf kennzeichnender Feststellungen; daher sei der wesentliche In,halt der Artikel wiedergegeben, der auch für das an der polnischen Naphthainldustrie ziemlich stark beteiligte österreichische Kapital von Interesse ist. „Die Initiative der Regierung, — so wird ausgefü'hrt — die die quellenmäßige Untersuchung der Produktionskosten in Polen und der polnischen Preispolitik im Handel und in der Industrie betreibt, wird nicht nur viele Mängel und Jrrdümer unserer Produktion ausdecken, sondern kann auch daneben das wirtschaftliche Lsben in Palen, -von dem Schilamm der Korruption und der Protekt ionswirtschaft reinigen, den die vorige Regierung zurückließ. Für kein Gebiet des wirtschaftlichen Lebens wurde so viel getan, wie für die Großindustrie, die ungeheure Summen verschlnngen hat. Die Mittel aber, die zusammen mit weitgehenden Rechten zur Förderung und Konsolidierung der Industrie in Polen beigestellt wurden — wunderten auf Nebenwegen in P riv at tasch e n. Das traurigste Bild des Niederganges zeigt die N a p h t h a i n-. d u st r i e. Einst war sie eine Quelle imgeiheuren Reichtums im Lande. Keine andere Industrie in Polen ü«bt eine so magische Anziehungskraft auf das auÄändische Kapital aus, wie. gerade die Naphthaindnstrie. Sowohl vor als auch nach dem Kriege haben die Kapitalisten E n glands, Frankreichs, Oesterreichs und Deutschlands untereinander um den Einfluß aus die Rohölproduktion in Galizien konkurriert. Einige Jahre einer verschwenderischen und leicht- Copyright 1926 by R. Löwdt Vertag, Wien. Jajin Kiddusch. Eine Erzählung aus dem alten Prag. (5. Fortsetzung.) Leon hatte schaudernd zugehör:. Er verband den Kranken, drückte ihm einige Silberstücke in die Hand und verließ schleunigst das unheimliche HauS. Er legte die Maske ab und kehrte in Salvnis Wohnung zurück, wo es noch lebhaft zuging. Dort verlangte er den Hausherrn allein zu sprechen. Salom führte ihn in ein besonderes Gemach. „Salom," begann der Arzt, „trachtet so schnell als möglich alle Baude zwischen Euch und Klebler aufzulösen, sonst seid Ihr in ärgster Gefahr." — „Ich kenne Klebler als reichen und redlichen Mann, was kann geschehen?" fragte Salonr verwundert. — „Reich mag er sein, aber von Redlichkeit ist keine Spur an ihm!" erwiderte-. Leon. „Wisset denn, Euer Eidamist ein Geselle der Kirchenräuber und Wegelagerer!" — „Um Gotteswillen, was sprecht Ihr da? Könnt Ihr das beweisen?" — „Lasset Euren Eidam rufen, nennt ihm die Markuskirche, den Namen Waclaw Rybar und zeiget ihm dieses Pergament, das er als Amulett seinem Spießgesellen Rybar gegeben hat." Mit diesen Worten reichte Leon dein entsetzensstarren Salom die Mesusah und entferule sich rasch. Als Salom sich von dem lähmenden Entsetzen über die Worte des Arztes erholt hatte, ließ er seinen Eidam und dessen Vater rufen. „Reb Chaim," begann er, mit erzhmngener Ruhe sich au den altert Klebler loeuderid, „ich habe wichtige Dinge mit Eitch zu reden. Die Welt zweifelt an Euch; eben hat mich jenraud vor Euch gewarnt." — „Reb Salom, was fällt Euch ein? Scherzet Ihr vielleicht?" entgegnete der alte Klebler. — „Ich bin sehr ernst, Reb Chaim," fuhr Salom fort, „man spricht svnoerbare Dinge von der Quelle Eures Reichtunls; ich möchte keinen. Teil daran haben." Der alte Klebler schwieg; Jtzig dagegen rief zornig: „Wer ist der Schurke, der uns etwas Unrechtes Nachspeisen famt? Wer kann..." — „Poche nicht so sehr auf deine Ehrlichkeit!" unterbrach ifyu Salom, sinnigen W i r tscha f t genügten aiber, iwtt durch das in der Naphthainidu.strie herrschende A d m i n i» st r a t i o n ss yst e m nicht nur ein bedeutendes Akt:- vum des Nationalvermögens zu vernichten, sondern auch um in der Seele des auslänidilsch^n Kapitalisten das Mißtrauen zum wirtschaftlichen System in Polen festzusetzen. Wohin sind die Riesensummen verschwunden, die in den letzten Jahren vom ausländischen Kapital in der NaP'hthaindiustrie investiert wurden? Allein im „D ab r o w a" - K o n z e r n wurde vor nicht länger als sieben Jahren d i e S u in me von 125 Millionen Franken investiert. Riesensummen haben sowohl das französische als auch das österreichische Kapital in den Unternehmungen „Premier", „Limanowa", „Galicia" „Fanto" u. a. investiert. Es ist Mir Tatsache, daß fast alle Naphthakonzerne trotz der Hilfe der Negierung mit großem Defizit gearbeitet haben. In den DefizitManzen der Naphthagesellschaften geben aber manche Posten darüber Aufklärung. Und zwar insbesondere Posten der inneren Administration dieser Gesellschaften. Die Gehälter, die Tantiemen und die Diäten der Direktoren, das Lebensnnd Repräsentationsniveau der Gesellschaften ließ nicht einen Augenblick vermuten, daß es sich um Desrzitgesellscha'ften handle. In einem der Naphthakongerue betrugen der Jahresgehalt und die Tantiemen des Generaldirektors 70.000 Dollar jährlich. Die Büro-Administrationsspesen in den einzelnen Konzernen überstiegen 60 Prozent der Prodnktionskosten. Einerseits Auslösung, Einschränkung der Produktion und aniderersoits Luxus und Verschwendung um des glänzenden Scheines willen, und zur Täuschung des ausländischen Kapitals. In die harte genaue Sprache rationeller Kalkulation übertragen, drückt sich diese Wirtschaft in furchtbaren Za hie n aus,s Wenn z. B. das Budget der Ausgaben für die Rafsinievung von 500 Rohölzisternen 200.000 Zloty monatlich ausmacht (das ist für 100 Kilogramm 4 Zloty), wie und wo konnte man da die 16.000 Dollar betragenden Monatsgagen der Dire!ktoren einkalkulieren? Diese Administration verursachte eine Erhall u n g d e r P r o d u k t i o n s k o st e n m 120 P r ozent und verbrauchte gleichzeitig das ganze Judestitionskapital. Das Rofultat dieser Wirtschaft war eine nngehvuere Verschuldung der Naphthaunternehmungen, die in einzelnen Konzernen bis zu 4 Millionen Dollar betrug. Während es immer schwieriger wurde, ausländisches Jnbestitionskapital zu bekommen, wandte sich die Politik der Naphthakonzerne g egen den inneren „Ich kann dir Leute - nennen, die manches von dir zn erzählen wissen. Kennst du einen gewissen Waclaw Rybar?" Bei diesem Namen erblaßte der alte Klebler und begann am ganzen Leibe zu zittern; der junge aber lachte hell auf: „Der arme Kerl, was ist's mit ihm? Er verdient manchmal ein paar Kreuzer bei mir, toeiter nichts." — „Und die Kirchenplünderung ist auch nichts?" rief Salom zornig. — „Ah, will's da hinaus? Nun, Schwäher, wenn wir zuweilen so einem Tropf ein paar Stück Silbevgerät abkaufen, so ist doch noch nichts dabei." Länger komrte Salom nicht an sich halten.: „So ist es also wahr!? Fort, niederträchtiger Schurke! Aus meinem Hause! Von diesem Augenblick an hört jede Verbindung zwischen uns auf." Vom Lärm erschreckt, trat Dina mit einigen Gästen ins Zimmer. „Dina!" wandte sich Salo an die Tochter, „du bist nicht mehr die Braut dieses elenden Menschen." Verwundert sah die Tochter ihren Vater au, Staunen lag auf den Zügen der anderen Gäste. „Ihr wundert Euch alle?" sprach Salom-. „Ich kann Euch die Ursache dieser plötzlichen Veränderung jetzt nicht sagen; aber ihr werdet bald eiw sehen, daß Salom recht getan hat." — „Komm, Vater!" rief der junge Klebler und zog seinen Vater gewaltsam fort, „der Rabbi soll entscheiden, ob ein Jude Wort und Handschlag seinen Brüdern wegen einer so nichtigen Sache brechen darf." Tiefes Schweigen herrschte; die. Gäste verloren sich bald einer nach dem andern und vorzeitig endete die Fröhlichkeit des Purimfestes in Saloms Haus. Am nächsten Morgen wurde Salom zum Rabbi geladen. Als er hinkam, waren die beiden Klebler bereits dort. Der junge Klebler führte die Anklage wegen des gebrocheueuen Verlöbnisses. „Was habt Ihr darauf zu erwidert:, Salon:?" fragte der Rabbi. -- „Rabbi," entgegnete Salon:, „ich war der Meinung, mit redlichen Leuten in Verwandtschaft zu treten, aber ich habe mich überzeugt, daß ich mich mit Niederträchtigen verbinden wollte." Hieraus erzählte er die Verbrechen des jungen Klebler. Das Antlitz des Nabbi verdüsterte sich iurmer mehr, und als Salon: zu Ende war, rief er zornig: „Und Ihr, Chaim, wußtet um das Tun Eures Sohnes und habt ihn den Weg der Sünde gehen lassen? Habt Ihr nicht daran. Konsum. Der innere Konsument sollte diese entsetzliche .Kalkulation bezahlen. In Ausnützung der falte moralischen Verhältnisse während der vorigen Regierung, durch die Heranziehung der Einflüsse der um te Preis hoher Stellungen gefaufte« Minister und Parteigrößen, bewirkten die Naphthakonzerne im Jahre 1925 die Schaffung des Ka rtells, dem als Folge ihrer Bemühungen auch die staatliche Mineralölfa'brik -beitrat. So wurde gleichzeitig der einzige Kontrollfaktor und der gefährliche Konkurrent eliminiert. Cs wurden höhere Preise für Naphthaprodukte im Inland e festgesetzt und während die einzelnen Konzerne in der Praxis die Vereinbarungen des Kartells zu' umgehen wußten, wurde über das ganze Land ein Netz von Spionen und Detektivs ausgebreitet, um die außerhalb des Kartells stehenden Firmen, die zu niedrigeren P: n Ware offerierten, zu vernichten. Zum Präsidenten des Kartells ' wurde ein Abgeordneter der Volkspartei „Piast" und gewesener Minister bestellt. Es entstanden neue Administrationskörperschaftcn, ebenso kostspielig als schädlich, st» -mit den Methoden der Korruption und der Bestechung arbeiteten, nur um sich Riesentantiemen und große Gehälter zu sichern. Welchen Zynismus diese Politik erreichte, beweist die Tatsache, daß die „Palmin" (die staatliche Raffinerie) für einen verhältnismäßig kleinen Pachtzins zusammen mit ihrem Gru'benterrain unb mit ih.vM Recht der Requisition des Bru'ttorohöls (zirka 12.ÖÖÖ Zisternen jährlich) an eine amerikanische Firma abgegeben werden sollte. Es hat also gedroht, daß die „Palmin" nicht nur als ^taatslieferant oliminiert werlde, sondern daß auch der Jnlandskonsum zur Beute der Ausnützung gemacht werde. Und ein ausschließliches Recht des Staates, das zum Wohl der Allgemeinheit geschaffen wurde, das Recht der Requisition des Bruttorohöls sollte einer Privatfirma «überlassen werden. Die Persönlichkeit, die diese famose Idee hätte, wurde dann mit dem Orden Polonia restituta ausgezeichnet, Der Maiumstürz hat wohl diese dunklen Pläne nnd Absichten unterbrachen, die Parisiten am Organismus der Naphthaindustrie wuvden aber noch nicht vertilgt. Darum muß die öffentliche Meinung die gleiche Wachsamkeit üben, wie sie die Regierung beobachtet, insbelsondere in idem Augenblick, in dem bw Naphthakonzerne neuegefährliche Angriffe auf das Wohl der Lcmdesindustrie und der Konsumenten Vorhaben. Wiener Warenbörse, Zum öffentlichen Verkaufe gelangen an 15. b. M., 1 Uhr, 2 Waggons prima Trockenstoff franko transit Buchs, am 16. d. M., 1 Uhr, fl Kisten Perlmutterschalen, am 19. b. M., 11 Uhr, 5 Kisten. Messer und 2 Kiste::. Geschirr. Wiener Börse für landwirtschaftliche Produkte. Der Verkehr wies gestern sowohl in Weizen und Rnggen, als auch in den Futterstoffen eine festere Tendenz auf. Eigner verhalten sich sehr zurückhaltend. Es notierte: Weizen 38.5, Roggen 28.5, Ma:s 27, Hafer 24. Ausländische Börsen. V u d a p e st. Die Börse eröffnet« lustlos bei unregelmäßiger Kursbildung. Die schwächeren Tendenzberichte vonden ausländischen Plätzen, sow:e Abgaben der Kontermme und Gewinnsicherungsverkäufe trugen zur Verstauung bei. In der 2. Börsestunde konnte sich aber eine basiere Stimgedacht, daß durch solche Tat Gottes Name und ganz Israel entweiht wird und daß, wird sie entdeckt, das Leben al(ev unserer Brüder in Gefahr ist?" Zitternd stand der alte Chaim vor dem Rabbi: „Rabbi ich wußte, tvas mein Sohn unternahm, doch es tvar n:ir unbekannt, daß es gegen das Gesetz Israels sei. Er istwohlerfahren in Thora und Talmud, dachte ich, er wird wissen, was recht und unrecht ist. Ich tvill Buße tr:ch Rabbi, was soll ich tun?" — „Du mußt deinen ganzen Reichtum unter die Armen verteilen und aufrichtig«; Umkehr üben," erwiderte der Rabbi. „Und ich? Was soll aus mir werden?" fragte hämisch der junge Klebler, „muß ich ewig ein Sünder bleibet:?" — „Dir kam: nur vergeben werden, wenn du die Buße, die ich dir anferlege, vollständig auSübst. So höre denn." Der Rabbi erhob sich von seinem erhöhten Sitz. „Ein volles Jahr lang sollst du ausgeschlossen sein aus der Gemeinschaft Israels. Weder Trank noch Speise, weder Herberge noch Ruhestatt soll dir von einem Juden gegeben werden. Nicht in Gottes HauS, noch vor die Thora darfst du treten. Als Bettler irre von Ort zu Ort, und zwei Tage jeder Woche mußt du fasten, auf harten: Stein schlafen, von einer Strohnmtte bedeckt. Erst wenn du nach zwölf Monaten ernster Reue dich gebessert Haft, kannst du vom Bamr gelöst, in die Geineinde Israels wieder ausgenommen Iverden." „Rabbi, das Urteil ist farchtbar!" nahm Jtzig das Wort, „doch wenn die Bußezeit vorüber ist, habe ich danu noch Anspruch auf die Tochter dieses Mannes? Bleibt Dina meine Braut?" „Elender!" fiel Salom ihm ins Wort. „Lieber hänge ich nleinern Kind einen Stein an den Hals und stürze es in die Moldau, che ich zugebe, daß sie deine Frau werde!" „So verachte ich Erleren Bann, Rabbi!" rief Jtzig mit kreischender Stimme und auf seinem Gesicht wechselten Wut und Rachgier. „Ihr habt mich aus der Gemeinde ausgestoßen, so will ich auch rveiter nicht zu Euch gehören. Aber du, Salon:, :md die ganze Geineinde sollt meiner noch gedenke»: und Ach und Weh dabei schreien!" Mit diesen Worten stürzte er fort. (Fortsetzung folgt.)