Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2729 (1.10.1926)
- Date
- 1926-10-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2728 Wien, Freitag Wiener Morgcn-eitimft Tagesdrricht. ko«eirmi»s. Mein Klassenlos muß in bcr iicuot')icijfU.i>cii füitficn Nasse rnchi mehr ni^oiiru irr wen. Wer firamfjt Roth' schiürs Vermögen, wenn man durch die Formel „Ich bin lein Habenichis, es geht mir täglich besser" selig werden kann? Tie. Liebste kann getrost;v»uu Bis-avis hinüber kokettieren, nur bleibt noch iinmcr die Formel: „sie ist mir treu und wird mm; nicht betrügen." Mir kann, über Haupt alles trai^ unb an er widerfahren: ich stelle mich frühmorgens vor den Spiegel, lache mich an und die Heiterkeit ist da; auch wenn schon eine Stunde süäter irgendein lieblicher Mitmensch mich grün ärgert, das Spiegelbild und eventuell noch die Draufgabe ,,es ist mir Wurst" setzt inich über alles hinweg und, ob Regen und Wind oder Sonnenschein und Himmelblau, segle ich „s.isch, fröhlich und frei" durch die mit Couez iöb.ichen Vorsätzen besigepslasterte Welt! Auch eil?, ernstliches, stundenlang wiederholtes: „Ich glaube an Coues Heilslehre, sic kann und wird mir ans mancher Not Helsen!" konnte die Zweifel und Bedeuten nicht übertönen, die sich anläßlich des Vortrages V. v. G r u e n c w a l b i 6 über t i: ,,A u s b u u m ö g 11 ch t eite u der M e 1 h 0d 5 Eon es" in mir regten. Herr tprnenewaldt bemühte sich, Perspektiven für die Anwendung des Systems von Coue aus das eigentliche p s h ch i s ch e Leben des Menschen zu erässnen, wobei er dieses innere Leben in der .Hauprsuchg als einen Kamps zwischen dem Ich (Egoismus) und dein Selbst (das wahre Wesen) betrachtet. Mgesehen davon, daß dieser Dna.tsinirs iniiuüniri; ist. wie er schon vor vielen Jahrhundert en rr-illlürlich war, bemüht sich noch dazu der Erbe und Fort scher der Lehre Coues, ihn durch einen ebenso alten als wnltürlichen geologischen Trugschluß zu lösen. Das Selbst erringt deu Sieg über das Ich, weil der menschliche Wille srei ist, d. y. der Wille kann „frei und belvn.ßt" das all ge meine Narurgejetz erfüllen. Wenn man also das Gefängnis bejaht, heißt das im „Credo" Grucnewaldls: Freiheit. Auf diesem philosophischen Unterbau erheb: sich nun ein naiver Optimismus, der im Glanbensbelennt.tts an das Gute im Menschen und an den Sieg des starken, freien Willens gipfelt. Bisher wäre aber alles noch diskutabel, obwohl man auch diesem Gedanftngang zumindest ^cn gel an Wirüichkeüssinn in s hiedurch bedingtes Uebersehen von unzähligen Lebensimpo >.. .: .ülien, die pessimistischer zu stimmen imstande sind, vorwechen kann. Und dann die metaphysische Spielerei mit der naturgefttzttchen Willensfreiheit! Jetzt kommt aber der eigentliche Cone: der m echanische Weg zur „bewussten kontemplativen Meditation", also besagtes Formetaussagen, das einen entscheidenden Einfluß auf unser Tun und Lasten ausüben foUe! Liebes, verehrtes, berauschendes Leben, organisches Leben, merkst du nicht, wie man dich übersieht, mißachtet, entweiht'! Wie man sic alle nicht in Rechnung stellt, deine kleinsten und verborgensten Teile und Helfershelfer, die alle an dem großen Rätsel unseres Handelns und Seins Mitwirken und nur einem von ihnen, aber keines- Wegs dem entscheidenden': dem mechanisch gewordenen Intellekt den Vorzug gibt! Man täusche sich nicht: nicht der Wille ist im System Eoues das Entscheidende, sondern die m e ch a n i s ch ansgelöste und bewirke Autosuggestion. Tenn der Wille (der so Einer sagt’s dem andern: 120 "I {Bei LOWITl | I. RoieMumiilraBe 22 j bekommt man die roten GanzBcinsnbfända das M?k1.°VL«kl,A^Z ©ifoSiiottoclk der Romane für nur 3 Schilling DOSTOJEWSKI: TOLSTOJ: 7.0W--- COSTCO: STRINOhESCi: TLWSiJ.-.W: VVerdcjahre (2 Bünde) lsrüd*i’Kara pnsofr (3 Bünde) De: leben länglich.: Ehemann Der S ie!?r Das «tut SiepentiChehowo Erz": Immen Bände) Kindheit Nana Der Zutatnrnenbrndi Das Werk Ocrm s! Die! 1.cazeit^reis.« Klümlbctie Mnr n Leut ■ aul Ucmso Viitci u d Sö :>e SS srvmmEn Sfe örskÄ — sems* isi’s zu späU! vieles UnlK'juujja und Bewußt.', Gefühls- und Verstandes" mäßige im Menschen umspannt), ist es gerade, den das mechanische Forme.sagen! beeinflussen soll. Anderseits aber muß man auch die Autosuggestion wollen! Wohl kann vielleicht. in einzelnen Fällen eines icicbicn nervösen Ute behagens rin sprachlich sormnliereer Entschtuß helfen, in den großen organischen und auch psychischen 5ixifen muß ab. l ein scichcs mechanisches System, üäg.ich v.rsagen. Es ist ni.chi einmal, wie Herr Grneuewaldt mcinte, „der Stab", der aus Wege zur Heilung wcireryilst. Vielleicht für ganz primitive Menschen und auch da nur provisorisch. Etwas anderes ist es, wenn man die Persönlichreit, also eine mit allem Geheimnisvollen des Organft sehen ausgestattete Individualität aufs Tapet bringt. Mi: 0er m echanischen A u i o s u gge st t o u ist es aber leider 'ttche weil her. Nur ein Ersatz für Therapie und ein Ersatz für das Leben! Leider. . . . Tenn sonst könnten wir bald in einer glücklichen We.r leben. Man müßte nur in großen stati-- stischen Büros, aus Grund genauer Messungen und Berechnungen die notwendigste und wirkungsvollste Formel für jedes Nebel finden, die Jndividna i.ät des Menschen in eine ununie.brache.:e Rahe von A'.ttchirggt'slw.ien auflöse.i, Ton, Zeit und Gelegenheit des Formelaufsagens genau bezeichnen, mit einem Wort: mechanisch bi3 zum Letzten werden — und das Himmelreich wäre auf Erden! Bis einmal, in der Tämmcrung, irgendein kt.iuer Teuselszwerg seine grinsende, borstige Fratze heransstecken würde, um die selige Eone-We'a in Verwirrung zu bringen. Gott sei Tank, denn wenn Eoue möglich wäre, müßte mau schon setzt aus Laimewettt vergehen. l. th. Kachdntck verboten. Hunger! Erzählung den Z. Opatoschu. Ter zwölfjährige Mojjchcle mckette sich einen Sack um den Leib, befestigte ihn mit ti.vm Strick unb zog seinen abgeschabten Mantel darüber. Go war r.isefcrlig. Leiser, Mojschelcs zehnjähriger Bruder, war die ganze Nacht aufgcb.ieoen. Er wußte,, daß Mcjschele zum ersten Male die Reise nach Warschau machte, zum reichen Onkel, dem Bruder der Mutter. Von Warschau wird M-ej schele — so malte es sich Leiser ans — warme Winterkleider mitbringen, sicher auch etwas Geld und ein paar Pfund Brot. Tie ganze Woche lang hatte Leiser seinen älteren Bruder gebeten, ihn mitznnehmen: „Schtomte, de: Junge von nebenan, ist nicht viel älter als ich und fährt zweimal in der Woche fort, warum soll ich da nicht fahren dürfen?" Doch diese Argumente furcht.len nichts — Mos schele sagte nein und dabei blieb eS; das wußte Leiser. Dennoch versuchte er es jetzt noch einmal: „ES wird doch nicht mehr kosten . . . wir werden beide unter der Bank liegen ... zu zweit ist cs doch mel angenehm r." „Jemand muß bei den Kleinen bleiben," antwortete Mojschele gelassen, aber bestimmt, als wäre er nicht Leiser: Bruder, sondern sein Vater. Im Bett lagen, die Füße weit ansgestrcckt, drei Kinder, eines kleiner als das andere, und schliefen sorg los. Ihre Eitern waren ein Iahe vorher an Typhus gestorben und hatten fünf Kinder zurückge.'assen. Mojschele, her Aetteste, wurde der Ernährer der Familie. Er ver lauste den kleinen Kerzenvorrat aus, der sich noch im Hause befand (der Vater war Wachszi.hcr gewesen) und als diese Einnahmequelle versiegt war, beschloß der kleii e Mojschele, der schon jetzt die ganze Sorgens ach ein.es elvi? bekümmerten jüdischen Hanseat rs zu durch ansen hott , nach Warschau zu fahren. „So i.ie'c Immen fachen hin/ sagte er sich, „und es geschieht ihnen nichts; was di. mumm, uimi tü} auuj — und überdies habe ich ja in Warschau ci.tcn reichen Onkel." Leiser beneidete den Bruder und bem't'eidete ihn zugleich, das; er eine so weile Reise tun mußte. Eine ganze Nacht und ein großes Stück de? folgenden Tages mit der Eisenbahn! „Und wenn sic Mojschele ohne Fahrkarte erwischen?" — Vor Schreck wn den seine Augen größer. „Hast du gar keine Allgst, M.'jschelc?" Mojschele gab keine Antwort. Er zog des Vaters Leibgurt fester an, steckte ein Stück Brot in die Tasche und sprach lr.i. vät räche: Wune: „Gib acht auf die .Kleinen!" Laser brach fein Stück Brot entzwei: „Ta hast du, M.-jschele. . . . Man kann nicht wi,;en, was unt.r .egs geschieht. . . „Aber du wirst doch hungrig fein?!' „O nein, bestimmt nicht! . . . Und einen Tag fasten ist auch kein Unglück!" Mojschele kämpfte mit sich: sollte er das Brot nehmen oder nicht? Leiser steckte es ihm in die weite Tasche, und zog des Bruders Mantel znrccht, um dm der Gurt wie ein Kringel lag. M.-jschele ckepfte ihm in der Manier eines Großen auf die Schütter und verließ gutgelaunt das Haus. Ein seiner Regen, bfr zu Nebe! wurde, kühlte seine Wangen. Tie niedrigen .Häuschen zu beiden Seiten der Gasse waren nicht zu sehen. Nur da uird dort schimmerte ein feuchtes schiefes Strohdach schiefergrau durch die dicke Dunkelheit. In dem fenchtm N/bel stak fernes Hundcgebell. Mojschele schlug dm Weg zur Bahn ein. Im Gehen schwanden alle Schwierigkeiten seines Vorhabens und er vergaß, daß das ganze Städtchen hungerte wie er. Tas Lewnßtscin, einen reichen Onkel in Warschau zu be- ,itzen, dessen Kinder einander mit Kuchen bewerfen konnten, machte ihn satt.?lm Ende der Stadt, wo die Felder begannen, wurde der Nebel noch dicker. Mvjscheles Tritte ließen tiefe Spnvcit in dem ansgeweichten Boden. Immer wieder griff er im G.heu nach den Taschen und dabei verwandelte sich der 1. Oktober IM Seite % Sine monströse AbnormM. llnragroßer Berc!tt0'.rng ir.< r.in' anc-ländistber Forstve. wurde gestern hier die 7. Tmzun.., den den Emen NrologistM" Gesellschaft cröfinei. Ztl der Tan»ua in nuch der .Konttarni nopler Un'versi'äi-.pnüenor B e d .Bei S> v > r mit eine» Paiicnleu eingeirossen, ser oü seiner se!lenen '.nonströse Dopsx'tvllduna sei' äußeren (Penila!-/?.;;t Kougrep vorgesleli werben '.nird. Der tt'niien:, ein lräitie,.- Müini, U-eisi son lein: Spuren v«n Tegencra.i-.m nntt Nacheiner un6 r Bcrfügunn neiieliteu Woiograptzi zweigen an der n.rrürlichen Annnntzchielle .\i\k\ ttinpembice ab, bir.t denen der mit eurer notttiaii’u Ur.'tlun au-: gestattet, rurb der zioyniiitation bien:, der lieinere, in ehr nn« rechts g-cln-gerie, üestn zunächst scr Wnr.pe! euien längere Hantdc.sc.kt und an der Spitze ein Ortticiu.».:. in das die Sa!nenau«.führungsgänge mÄndm.. Wegen dieser lenreren ltm stand rs rrscheini der Patient nicht, furtpst anzun fl ökäbig, wes halb er sich eventuell in Wien einer Operation nnicr.zirtzc will, welche dir Dupi-gzitär setneeprunären GesäucmtechaM iers?>ur norncalen Männüchlelt utnrorwen mit. Gesen die Keiegsstimr. Baris, 29. September. Der Filmkongreß Hai Henk eirre Resolution angenonunen, ch.e sich gegeir die Kriegs filme richtet. Es wird erklärt, tzast der Fiitn ein Werck zeug internationale r B e r sr ä nd > g n n > werden müsse. Die Initiative zn diesem Beschluß ist voi der französischen Delegation ansgegarigen. Der Wert des Zchachiviels. Von Schachmeister Akiba Nubinstein. Während seines letzten Aufenibaktos in Buder Nest pab der berühmte jüdische Schechgroßmcistc Akiba üiubrnüein einem jüdischen Iounaliircil gegen über Gedanken über deu Werl, des Schachspiels tm> besten, die hier wiedergegeben inerden. .Von uns Schachmeistern wird beyaupktt. -daß un sc re Bildung einseitig sei. Diese Behauptung ist durch ans unberechtigt. Wir wissen im allgemeinen mehr alt andere Menschen, denn das Schachspiel diszipliniert da- Hirn und iwi einen wottliuenden Einfluß ans das Go dächtnis. Der Schachspieler hat viele Vorteile dar -dem der nicht Schach spielt. Der Schachspieler löst Rätsel mr Leichtigkeit, hat eine rasche Auffassung, ist ein aulci Rechner, besitzt ein besseres OriemicrungsstLrmögen unk behält das Gelesene. Ich habe die Leobachtung gemacht daß nahezu jeder Schachspieler außer seiner Muttersprache noch mindestens eine S p r a ch e beirerrsch! Selten findet man einen Schachspieler, der der Trun k e n h c i t oder dem K a r t e n s p i e l rrg eben wäne Das Schachspiel sollte als o b l i g a i e r L e h r g e g e n ft a n >d in den Schulen eingenihrt werden, denn es schärst den Geist und fördert.das logische Deuten. Die Schachspieler sind miteinander solidarisch und betrachten einander wie Brüder. Vor dem Schachbrett stört der A n* t i f e ntt t i s m n 3 und jedes Vornrteil ans. Iit Paris spielen russische Offiziersemigranten und tviumnnistischo Flüchtlinge friedlich miteinander Schaw. Es bringt dm Seelen einander näher. W e r d a s S ch a ch j p i e! l i e b t. k a n n k e i n s ch l e ch-: e r :N e u s ch s e i u." Als der Journalist hier einttwri. daß er mit seinen Lchachparinern böse Erfahrungen gemaehi habe, meinte der Meister ernst: ..Dann waren es sicher Vaster . . .* Gebaute, daß Leiser ihm die Hälfte seines Brotes ge schenkt, hatte, gewissermaßen in etwas Kuntretes, das er mit Händen greifen konnte. Der Bahnhof war übervall von Inder, Frauen, Bauern, Weibern. Sie standen mit Koffern, Körben. Säcken, Bündeln umher. Zu den Wagen des Zuges znzntommen, war unmöglich. Bor jedem Zugang stand eine Menschenreihe, die aussah wie eine uncud.ich lange Wirrst. Schaß ncr mit farbigen Laternen eilten vorüber und riesen den Leuten warnend zu: ,Döftl Fahrkarten! Wer leine Fahrkarte hat, wird hircausgeschntissen, auch mitten in der Fahrt!" „Wir werden ihn hinansschmeißen'" erwiderte ein zerlumpter Batccrubursche. „Sie schm.ißcn wirtlich hinaus!" wandte sich ein Jude dem Sprecher zu. „Christen nicht!" „Auch Christen!" „Was zahlst dn für meinen Platz?" fragte der Bauern» bursche den Juden. „Tausend Mark." „Ihn Lausend Mark tan« ich mir gerade eine Sciw' mcl kaufen." „Ohne die Lausend Mark aber kannst du dir keine lausen." Mojschele, der wie ein erschrockenes Kalbt ein. dasiand und cinsah, daß er nicht zu den. Waggons gelangen könne, stellte sich in die lange „Wurst". Zwei breite Schultern tauchtcri über ihm ans: „Wohin fährst du, Bürschchen?" „Nach Warschau." „Hast du eine Fahrkarte?" „Ja." „Zcfl!' sie her!" Mojschele antwortete nicht. Sein Herz pochte so yes tig, daß seine .Hände und Füße zu erstarren, schienen. „Also du gehörst auch zu bcu Schwindlern, die ohne Karte fahren?! Da bab' ich das Vorrecht!" - Die )