Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2728 (30.9.1926)
- Date
- 1926-09-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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(fa.vm "Gltz- -- 40ÜIw, ^CflrRHVt IWW Tagesbericht. tte ggljtunieräns der woiwod« P»t»L Wie aus Belgrad gemeldet wird, soll am 31. Oktober d. I. die Exhumierung bdr fteMichen UÄberreste deS Wojwoden Putnik und 14 .anderer Staatswurirdenträger, die während der Besetzung Serbiens nach Frmckreich geflüchtet «ä> dort gestorben sind, erfolgen. Die Mitteilung über diesen Mt der Pietät ruft die Erinnerung an eine Zeit zu Beginn des Weltkrieges herauf, da die wlldgewordene Großmannssucht eines lächerlichen Militarismus, wie ihn Oesterreich als Zerrbild aller militärischen' Denkungsart in der Welt besaß, Vornehmheitsgesten mimte. General Putnik befand sich nämlich, als das berüchtigte Ultimatum an Serbien so unbefriedigend, wie es die österreichischen Kriegshetzer wünschten, beantwortet wurde, in Karlsbad zur Kur. Putnik war der Generalissimus der serbischen Armee und mm beeilte sich der österreichische. Militarismus, den ersten Sieg über den „Erbfeind* zu erringen, indem er den Heerführer des serbischen Staates in Budapest verhaftete. Durch eine unerklärliche Vermengung von Nobelgeste und Dummheit wurde jedoch Putnik „freigelaffen*. Die Fügung des Schicksals wollte es, daß dieser Mann der österreichischen Armee eine der furchtbarsten Niederlagen beibrachte, die die militärische Unfähigkeit des HaÜSburgerreicheS je erlebt hatte. Die Schlacht bei B a l j e lv o war der Anfang vom Ende jener Habsburgerexpansion, die ein freies und freiheiiLildendeL Volk zu knechten gedachte, zugleich, der Anfang vom Ende allev Habsburgerei, die den Weltkrieg mit der siegesgewissen „Freilassung* Putnrks und der Kaiser-Huldigung des eroberten ^Belgrad begann und mit der gleichen ' verantwortungslosen Kommißknop füiberhebung schmachvoll beendet hat. Ae AnschnlSignngen geoe« die -Lettmig dtt . . «lener Reffe. Günstiges Ergebnis der Bücherrevision. - 'Wje ' Las?. „^eiL-ig>keits-WeItblM* erfährt, hat Pro» fessor Ob.« rpg.rle»te r, der mit der Utzberprüfung der Bücher der -Wiener Messe-A.-G. betraut worden ist, diese ÜeberprüsMg. bereits vorgenommen und einen Bericht an das' Handelsministerium aüsgearbeitet, - der allegegen hie Wiener Messeleitnng in letzter Zeit er« hobcncn Angriffe als u n st i ch h ä l t i g bezeichnet. Der Ausgang'' der Untersuchung bedeutet demnach -eine volle R e h a b i l i t i e r u n g d e r M e s s e l e r« t u n g. Wie Ritualmordmlikche« eatstehe«. Ans Zam osc wird' berichtet: Zu dem jüdischen Schuster Samuel Weller kam ftin Gehilfe, ein Ghvist> mü seiner 6jährigen .SWvsister.. Wa-Hrönd. der Anwesenheit des Gshilfen bei Weller spielte das im?Hoi., Als der Gehilfe herauskanr, fand er^das Mädchen nicht, mehr. Bald sammelte sich eine Menge än, die bshauptete, daß die Juden das Kind ,^u. rituellen Zwecken"- verborgen halten. Einige Polizisten, .durch« stöberte» das .Haus -des Schusters, wo man. Mbstver« ständlich gar nichts fand. Trotzdem wurde Weller vsrhaftet! Erst der nächste Tag brachte die Lösung. Eine- HMUnenstsche MebnchMter. Bon Gustave Flaarbert. Im Verlag I. C. C. Bruns, Minden,, ist soeben das Umfangreiche Tagebuch, erschienen, das Ftaubert auf seiner Reise nach Aegvpten, Palästina und KaMago führte«. DieAufzeichnünäen stammen aus den Jahren Mg und 1860. Wir entnehmen dem Werke mit Erlaubnis' deS Verlages. einige Blätter, welche Palästina betreffen und mit Rücksicht '-auf die Persönlichkeit des Autors und die Zeit ihrer Entstehung besonderem Interesse begegnen dürfte«. A k ka, von weitem ein langgestrecktes Biereck mit einem Turm an jedem Ende. Bei der Ankunft erscheint mir di» St äht w i e ein lebhafter BÄsiLr; Händler mit Sprbet und kühlen Getränkendie aus einer eisernen Spitze einen Klumpen Schnee tragen. Schmutziger, öher Chan, wo wir unser Gepäck nicherlegen. Wir speisen«» einem. Wittshaus ein Ragout, in dem Tomaten waren, die wir aus. der Hand effcu und. wozu wir Schneesorbet trinken, der nach Trauben, Rosen: und Mplassc duftet. Eine graubärtige Kanaille mit englischem Akzents die uns wie ein Gendarm ausfragt. Wir schlafen auf unser«» Betten rucken dem leeren Brunnerlbeckvn des Chans unter einer Wejde, an der in ein«a aufgehängten, ülgesüllten Glasbehätter ein Docht brennt; er beleuchtet das Laub über meinein Kopse. Akka, trostlos, öde, steinerne Häuser wie in dm» anderen Städtchen. Tie. Handgemenge der Kreuzfahrer in den Straßen kommen einem hier in den Sinn. Tie Stadt ist voll mit diesen Beduinen, ihre Kornhaufen fülle« einen Hof, der aufs Meer führt; eS ist der Eingang zum Hasen, de» es nicht gibt. Die Reede ist sehr groß,, aber in Haifa ließ sich sveit cher eine errichten. Zwei Gräber englischer Offiziere mitte« m der Stadt;, warum sind sie nicht auf dem türkischen Friedhof beigesetzt worden? Das zeugt von bedauerlicher Eitelkeit. Antike Grübet, eines von einer Urne bekrönt Mld das zweite mit einer romantisch«» Mernng; die Hu,»de sch. ringsum. Großer HvE, chemaligeS befestigte- Lager, mit einer Fra« aus im Nachbardovfe hörte von dem Verschwinden de- Mädchens m»d berichtet, -atz am kritischen Lage ein sschKsahrige- Mädchen in dag Dorf gekorn« men sei. Daiföchlich war es die dernntzte Schwester des Gehilfen. Die Poligei setzte den Schuster auf freien Suß. tzn der Nähe von Petrrfan -fMhrte wieder die Mfgsfüwdene Leiche eines I7jahrigsn Mädchens zu dem RituolmordgerüM. Zum Mick erschien bald eine "gerichtliche Untersuch un g-ko.m Mission am Tatort, die einwandfrei feststellte, Hatz ein durch FarmlienOnfftigkeiteu verursachter Mord vorlag. Makel, der ßiatSnzer. (Die Seschichte eines Erfolgreichen.) Don I. Tiger. Als man nach Kriegsausbruch im Städtchen daran zn destken begann, andere,, sicherere Wohnplätze im Inner» der Monarchie aufzusuchen, war Jankel der erste, dev aus dem Städtchen perfchivanb. Man erzählte sich, er sei bis nach Wien gefahren, aber niemand glaubte daran. Was soll Jankel, der ,Lejmech", mit dem dumm«» Lachen «nd den langen, wie dünne Latte« von den Schulter» »iederbaumelrchen Annen, in Wie« anfange«? Seine Ettern waren früh gestorben und er wurde ,Kostkind" des, Städtchens.. ES fiel überall etwas für ihn ab. Ueber Mangel hatte er nicht zu Vagen. Nie sah man ihn gehen, stets lief er. Seine langen, dürren Deine trugen ihn schnell von GLtzHe» zu Gäßchen, wobei er mit dem . Kopfe drollige Bewegungen ausführte, wie ein Pferde Er hiett nur inne, wenn, er einen Zigarettenstummrl erblickt». Aber die Stummel war so spärlich Nein uitb 'armselig, daß er sich häufig bücken «mßte, bis sein Tagesbedarf gedeckt war, denn unsere Juden waren arm urü» warfen de« Rest ihrer schlechten Zigaretten erst dann fort, wenn die gelben Fingerspchen bereits das Feuer spürten.. . . Oester aber als unter, den Lebenden, hielt sich Jankel^ unter den Tote«'auf.i'--Datz -„Feld"-(Friedhof)', 'das ausserhalb des Städtchens auf einem Hügel lag, war ihm sehr vertraut. .Im. Sommer schlief er. zwischen den Gräbern und auch während des Winters kam er oft hin; half dem Towrrgräber, sammelte mit der Büchse Geld Jpür die BeerdigungsgeseUschast, oder schnorrte für eigene Rechnung. Wahrend des Winters schlief er im kleinen Bethaus hinter dein Ofen und half dem SchammeS beim. Leuchter- Putzen »rnd den übrigen groben Verrichtungen. Wenn die Obstzeit kam, war er der Schrecken.flimtlicher Oöstverkäuferiünen und sämtliche Gassenjungen, die sich um ihn als ihren Führer scharte»», bewunderten ihn ob - - seines hervorragenden „Chape^-Talentes. . Niemand besaß solche Fertigkät, stlit. einer einzigen Handb«vegung eiüLn- »twllen Kord.^ ÄeM. umzukippen, damit die hinter ihm. Harrenden sich der Be»»te bemächtigen könnten. Die Büuprin schrie jäminerlich änf, als »hu schönes Obst nach alleü Seiten kollerte, wärf sich aüf die Erde, als wollte sie das Obst mit ihrem Leibe decken, aber Jankel war rascher, stopfte Mit seine» langen Fingern die vielen und tiefen Taschen seiner Kleider vofl. u«d lief dem „Felde" zu. Die Bäuexin lief ihm sin SW Weges nach, verirrte s-ch aber in den Veinen Seidengäßche« und g«ch das veryebli»he Btmühen auf, Janfel die Beute zu entreiße»». Der einzige Pqlizist des OrteS. mit der eingchrückten Mütze urch de«» verwststW,,krummen,.Säbel.scharrte dem Trei-- Äüzahl atiadentragcnder kleiner Arkaden geschmückt; das sieht einem Zirkirs ähnlich und erirmert mich beim ersten Blick ay die Arena zu Nimes. Spuren englischer Kanonenkugeln; am Tage, bevor wit-^u AM ankanren, haben wir Äne Granate auf den FMevn gefunden. Wir sehen Frau«», die auf einer Sette des Hauptes Radel» anS SÜhöWastern oder Talari ünfgereiht haben. Bis Haifa geht es am Meeresufer envang; auf dem Gestade Reste vo« Wasfermewnen; einige davon find innen von der Sonne weißgÄrannt und sehen aus wie hohle SchädÄ. Nichts macht- «i»»e» ' traurigeren Eindruck' als «Ne -schmutzige '■ schöne ^Frucht. Gestrandete Körbe, Trümmer von Schiffbrüchen- Matt«», in dem Sande eingesunkene Schiffsrümpfe, die aussehen, als seien es auf dem Stra,Me vor Mer verendete Seetiere. Am Ende der Reede ein auf der Seite Uegenhes Schiff, das nur noch aus Rippen und einem Mast besteht; es sicht aus. wie ein y GÄiß/> iN dem ein Zahnstocher jreu» Wir durchwaten zwei Bäche/ von denen dm zwette^'^ breit »nid tief ist, unseren Pferdm reicht das Wasser bis an der» Bauch. Haifa - — Nichts, neüe Stadt, offener Basar ohne. 8E«tten als Sonnenschutz. Der französische Agent teilt u»S mit, daß die WahhEen sich Mekkas bemächtigt hüben. Gin grauer Meervogel mit schwarzen Federspitzen urch niedrig«» Ständern (eine Möve) flatterte und lief vyr mir her am Strand, flog bald auf und ließ sich dann wich« saMe nieder. Mir war wohl. Bon Haifa zum Karmel geht es aufwärts. Am Fuße der steilen ((eilten Oelhäüine: das Gelobte Land beginnt; sie stehen am Fuße deK Bexges und am Abhang; so hat man sie in d«» alle» Bchlischen. Gefthichten geschey- Ai» Kar im. — Gatten, Zitronenbäum«, Reben. Jüdisch? '-WWie, die unS^ Teppiche aM. Tie Frauen mit' Wen WWMtM Hüte» oh« hutförMUen Visieren. M Fraü dB jungen Mamieß, hex so liebenswürdig zu lych gWefM Mr, ein wenig verblüfft; ihre Wüste stich dank des zeitweiligen Dekölletees ohne Schwierigksit zu scheu; sie säugte ihr Kind. Air schlafen eine Stunde 100 % reines Ifett ' NV2 - Erzeagt onter streng ritueller Aufsicht Seiner Ehrwürdea des Herrn Oberrabiners S. B. Ehrenfefd, Mattersbnrg. ■HESBSSSBBBBB5BBBBBBSBBBBSESSBBBBSBBBBBBBSBB3 bin ruhig zu, hob selber gemächlich einige Ilepfel auf, die er mit Behagen verzehrte, während die Bäuerin heulte. Das wären die Taten unseres Jankel, bevor er den . Weg nach Wien gefunden hatte; denn als ich ihm nach mehr als einen» Jahrzehnt tatsächlich in dieser Stadt begegnete, war eine gelvaltige Veränderung mit ihm P0vgegangen! Das Wiedersehen aber geschah unter folgenden Umständen. Eines Vormittags würbe die kreiskhende Tür meines Kabinetts aufgerissen und vor mir stand eine junge Frau, die sich mir als meine Schwägerin Klara vorsteltte und mir Grüße aus der Heimat überbrachte. Zwar w»»ßte ich, daß mein Bruder geheiratet hatte, kannte aber das Mädchen seiner Wahl nicht. Ich mach«: ihr die schönsten Komplimente, sie schnitt mir aber das Wort ab. Sie sei nicht nach Wien gekommen, um meine Phrasen anzuhören, sondern um Aslan und Moissi auf. der Bühne zu 'sehen. Damit der erste Abend nicht verloren gehe, besuchten wir eine andere Kunststätte Wiens, die ,Halodr»a"-Bar in der Pratcrstraße. Wenn wir hier auch Aslan und Moissi entbehren müßt«», wurden' wir düch rnchlich entschädigt durch die Darbietungen — unseres Jankel! Ich erkannte ihn auf d^n ersten Bück, obwohl er mvdernst gekleidet war und im rechte Auge «in Monokel trug. Er war ks Und kein astderer, der so kunstgerecht mit seiner Partnerin auf dem glänz«»den Fußböden im Kreise trippelte. Er lud eine Düwe wüh der anderen znm Tanze ein, der Bielbeschaftighe, un» bei Tanzschluß immer etwas in die Smockingtasä)e gleiten zu lassen. - Manchmal blieb er stehen, spähte, unter einem Zitrorienbaum, waschen uns das Gesicht unter der Brücke und steigen um 3 Uhr wieder zu Pferde. ES geht noch eine gute Stunde bergauf. Ankunft mrf der Hochfläche; di« Bodenpartien der Berge haben überall «ne dunkelrote Farbe wie Holzstaub oder eher, wie Möttel. Jeden Augenblick erwarte ich, Jerusalem zn schm, und sehe es nicht. Das ist nun skhon der dritte Tag, den »oir in Jerusalem verbringen, und noch hat sich keine der erwartete« Erschütterungen bei mir eingestellt: wcher religiöser Begeisterung noch Anregung der Phantasie, noch Priesterhaß, was, doch wenigstens etwas wäre. Angesichts alles dessen, was ich sche, fühle ich mich leerer als ein hohles Faß. Heute morgen im Helligen Grab wäre tatsächlich ein Hund, ergriffener gewesen als ich. Wer ist schuld. dara»»> bannherziger Gott? Sie? Ihr? Oder ich? Sie in. erster Hi»rie, glaube ich, dann ich und vor allem W. Wie ünaufrichtig ist dies alles! Wie sie lügen! Wie D das aüSgeschmintt, getüncht, gefir»»ißt, auf Äusheutmrg,- Propaganda «nd Kundenfang berechnet! Jerusalem P ei» vvn Mauern umgebenes Beinhaus; die erste MerckwüchigM, die uns hi« aufgestoßen ist» töar das Schlachthaus. Aufeinem viereckigen, bergehoch mit Unrat bedeckten Räum ein großes Loch; in dem Loch geronnenes Blut, Eingeweide, schtoärzliche, verdorrte, in d« Sonne fast verbrannte Eingeweide ringsum. Cs stank sehr stark und war schön als znr Schau getragene Unsauberketz. So sägte ei» Mann in geistvoller Anzüglichkeit «nd sein« Anspielung: „Das erste, was wir in der heüigM Stadt sichön, war Mut." i:!, / , Alles war still, wir vernahmen bei« Gerürchh, Wchstch ging vorüber; hw und da begegrrett uns dicht!upd uns de» Weg freigebend ein langer« bärtiger pylm- Ücher Jlche mit seiner große« FuchSpelMütze; die BM« M geschlossen. DaS Beiram-Fest wird begangen wch iyfplgÄessen, wie bei jeder religiösen Feierlichkeit der Muslim, bei Tag und bei Nacht «tat übertriebene Anzahl Kanonenschüsse abgesevert. Die AnSlagen der Brrdeu schci. '