Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2725 (26.9.1926)
- Date
- 1926-09-26
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2725 Wien, Sonntag Wiener Modenzeitung 26. September 1926 Seite 8 Bühne und Kauft. „Der, der die Shrieiae« krient." Modernes Theater. Ist dieses Spiel wirklich von jenem Leoni- A'ndrejew» der das „Rote Lachen" schrieb und die Geschichte von den ,/DiGen Gehenkten"? Ließe nicht -je Charakterisierung einzelner Figuren auishorchen, gäbe es nicht hier und dort feine Dialogstellen — das Stück tonnte von der seligen Mariitt sein und etwa „Das ZiMlskiick" heißen. Anfangs glaubt man eine Wahl - Verwandtschaft Andresews mit WedeEind zu entdecken. Ein Gestvandeter, ein Wissender, den die Güsellischaft entwürdigte und ausstieß, flüchtet in die Welt der Manage. Man ist im klaren, daß es nicht jener Zirkus ist, den Wedekind meinte, sondern ein solcher, wie ihir etwa Felix Filippi hätte auf die Bretter stellen können. Dem Helden der Tragikomödie hat man Weib, Familie und das geistige Lebenswerk gestohlen. Er macht einen Strich unter die Vergangenheit, stirbt fiir die Gesellschaft, findet ein Engagement bei einer Artistentrnppe und beginnt — ein lebender Leichnam — philosophisch ein neues Dasein als Clown. Das Publikum bejubelt ihn, lveil er sich so herrlich verprügeln läßt. Die Szene, in welcher sich der neue Clown nvit dom Dieb auseinanderfetzt, der chni alles nahm, auch seine Ideen — ist sie nicht von Henrik Ibsen? Ein junges Mädchen, in diesem Zirkus die gefeierte „berittene To>ngrWni>gin", wird von dom neuen Spaßmacher, ,/der die Ohrfeigen kviegt", angebetet und gelegentlich mit lyrischen Wendungen in ein symbolisches Königreich geführt. Ihr Vater will sie einem abgelebten Baron verkuppeln. Der Titelheld leidet sehr darunter. Wenn er der blutjungen Konsuella seine Liebeserklärung macht, amüsiert sie sich, Werl sie glaubt, daß er nur tröstliche Späffe weiterspielt. Me sie aber entdeckt, daß er es ernst nieint, der höckerige Watschenmann, schwingt sie die Reitpeitsche. ,ß>n die Ohrfeigen kviegt" verbeißt den körperlichen wie den seelischen Schmerz und tut sofort, als hätte er tatsächlich die Generalprobe einer Manogonummer absolviert.. Lache Bajazzo! Zum Schluß gibt es — wie in jener italienischen Oper, die wir soeben zitierten — eine Anzahl vmr Leichen. „Der die Ohrfeigen kriegt" vergiftet die Zirkusreiterin und sich selbst, und der Baron, dem sie zugedacht war, erschießt sich. Wir haben diese Zirkustragödie von der ,Mlnaer Truppe" anläßlich ihres Wiener Gastspieles außerordentlich spielen, gesehen und es lnacht dom Modernen Theater alle Ehre, daß es neben jener Aufführung besteht, ja sie in mancher Szene überragt. Direktor Körn e r, der Darsteller und Spielleiter, hat mit künstlerischem Ernst aus dem fragwürdigen Stück die Tragödie d e r L i e b e s l e i d e n s ch a f t hevausgeholt und er hat es verstanden, die Naivität und gütige Harmlosigkeit der Manegeleute, wie sie der große Novellist und Menschenschilderer Andrejew sah, so stark in den Vordergrund zu bringen, daß die peinlich kitschige Handlung beinahe verdeckt ist. Lieblich, ein ahnungsloses Kind. Kaurilla Weber als Cousuclla (aber an die Orlewska der „Wilnaer" darf man nicht denken, die war damals halb Lulu, halb Mignon . . .) ausgezeichnet Herr G r u b e r als rasend verliebter Lebegreis, unter den übrigen besonders verdient die Herren Erhardt und Hölzer als musikalische Clowns, recht matt hingegen Frau D o p l e r - K ö r n e r in der Rolle der Löwenbändigerin, die eine Bombenrolle ist, wenn, man das Zeug dazu hat. Eine sorglich vorbereitete, sehenswerte Vorstellung. Otto Abel es.. Kudelik-Konzerl. Der berühmte Techniker, der Hexenmeister der Geige, ist bei den Hexenknuststiicken Paganinis so recht in seinem Element. Wenn er, der so tief im Slawentum wurzelt, nach dem Violinkonzert von Johannes Brahms, einem der deutschesten Werke der ganzen Violinsiteratnr, langt, macht er es freilich sich und seinem Publikum weit schwerer. Verträgt doch Brahms keine Extravaganzen, keine virtuosenhafte Auslegung und fordert er doch andererseits den grüßen klassischen Vortragsstil, der Knbelik ferne liegt. Auch als Komponist schöpft der fleißige Musiker, der diesinal sein sechstes Violinkonzert vortrug, aus der slawischen Heimaterde. Tschechische Melodien, die Wagner und Dvorak Hochhalten, treiben ein bald ernstes, bald heiteres Spiel in einer Art slawischem „Waldweben", in welcheck slawische Walddämonen aus Fafneruud Fasolttiefen auf fast elegischen Klangwellen emporsteigen. Ueberraschend, wie wenig in dieser Birtnosenmusik das virtuose Element betont ist und wie dürftig das Geigensolo zum dämmergrauen Orchester kontrastiert. Kubelik spielte es nrit bestrickend süßem Ton, stellenweise mit müdem Vortrag, worauf das Publikum mit um so frischerem Beifall erwiderte. flb. Mode und Kunstgewerbe > ln dieser Rubrik erscheinen entgeltliche Anzeigen |||||||||||||||||||||ijf KURSCHNERMEISTER VII., Neubaugatse Nr. 88 Beste Ded>hinnf Solide Preise KDrsdinermelster. Wien, Hl. HieBsasse Feinste Werkstättenarbeit Mäßigste Preise! / Spezialität: Kniemuffe 13 tf Pelz’“Ä Premier“™' Atelier für vornehmste Pelzwaren. Telephon 80-14 Solide Preise. IVaIY AaI A lf aiIaIIa zu deslcbtlgen Im 67t5 ilOlfoSlß NODOIIß MofleimatisBela Honigs llaöif., ILJafiorslr. 22 Qegr. 1897 Feinste Ausführung So idc Preise Aus Den SAtfUtm. Raimund-Theater. Montag 25. ÄnfführMg d« Operette „Dar Schwalbennest*. B ü r g e r t b e a t e r. Heute, 3 Uhr nachmittag-, zu besonders ermäßig,en volkstümlichen Prellen »Pension Schüll e r". Allabendlich, 8 Uhr. .Das Land der Liehe' Neues Wiener Stadttheater. Als Eröffnungsvorstellung des neu umaebanten Stadttheaters geht am 26. und 29. d. .D t e F l e d e r m a u s' unter Mitwirkung von Selma Kurz Fritz M a s s a r y. Rosette A n d a y und Paula H e n t k e und den Herren Hubert M a r i s ch k a. Franz H ö bl i n g. HanS Mose r, Karl Renner. Otto L s n g 11, Leo Slezakund Karl Z t e g l e r in Szene. Für die Konzerteinlage wurde Jan K i e p u r a gewonnen. Kammerspteie. Heute letztes Gastspiel von Josef Jarno und seinem Ensemble. Zur Darstellung gelangt .Das Sprungbettder Liebe". Theater in der Joiefstadt. Für die männliche Hauptrolle im Schauspiel „Rege n" von John Colton und Clemence Nandolvh, dessen Erstaufführung am Montag den 14. Oktober stattfindet, wurde Fr edrlch K a y ß l1 x gewonnen. Die Forderungen der BundeStheaterangestellten. Int Znfchauerraum des Burgtheaters fand gestern vormittags eine von 1200 B u n d e 8 b ü h n e n a n g e st e l l t e n besuchte Versammlung statt, deren Vorsitz Burgschanfpieler Albert Heine führte. Die Referate erstatteten der Präsident des Bühnenvereins Stärk und Betriebsrat K e r b e r t. Es wurde eine Resolution gefaßt, in welcher die Bnnacstheaterangeftellten jene Zuwendungen forderten, welche den Mitgliedern des Staatsopernorchesters bereits gewährt wurden. Insbesondere Erhöhung der Monatsbezüge um 7 Prozent, rückwirkend vom 1. Jänner 1020. Für das Jahr 1927 soll eine lOprozentige Erhöhung in Krafr treten. Die Forderung «st ultimativ b'e f r: st e t. Gedenkfeier am Grabe, des Burgschauspielers Baumgartner. Heute Sonntag um halb 11 Uhr vormittags findet auf dem Zentralfriedhof die Einweihung des Grabmals für Karl Baumgartner statt, bei der Hofrat Albert Heine die Gedächtnisrede halten wird. Die nächsten Wiener Premieren. Als Eröffnungsvor- 'stellnng der K a m m e r s p i e l e geht Mittwoch den 29. d. Lenaus „Faust" in Szene. — Samstag den 2. Oktober Erstaufführung von Rostands „Der junge Aar" im B u r g t h e a t e r. ♦ In der Wiener Geschäftswelt werden die vom Kürschner Hans Hilbert, 7. Bezirk, Nanbaugaffe 88, erzeugten Jagd-, Sport- und Stadtpelze mit besonderem Lobe erwähnt. Firma Hilbert verwendet nur tadellose Qualitätstelle und beschäftigt erste Arbeitskräfte. Di'e Preise sind trotz erstklassiger Ausführung erstaunlich billig. Auch bei der Wiener Messe fanden ihre Erzeugnisse lebhaften Anklang und viele Kunden. Herr Hilbert, der reiche Praxis bei großen Polzsirnien erwaeb, gm als hervorragender, reeller Fachmann. Auch auf den großen Leipziger und Londoner PelzmäMen hat der Name Haus Hiillbent einen guten Klang. In Mariahils, am Neubau, in ganz Wien und auswärts hört man allseits die Qualität und sehr billigen Preise der S-chnhe des 30 Jahre vastchenden S ch u h h a n s e s Oskar Schubert, 7. Bq;., NoMan-gasse 54, rühmend erwähnen. Trotz der wirtschaft- -lichan Krise erweitert sich täglich der große Kundenkreis dieses popiMren Schithhausts. In der eleganten Damenwelt Wiens und des Auslandes genießt Kü rsch u er meiste r Adolf P reu «er, 6. Bez., Kascrnengasse 12, das glänzeitdste Renommee. Die Firma liefer't modernste Pelzmäntel. aus allerfeinsten Qualitätsfellen bestens ansgeführt, zu soliden Preisen, fertig und nach Maß. Auch die von Herrn Premier erzeugten Stadt- und Jagdpälze finden bei der -Herrenwelt großen Anklang. Bei der Herbstmesse wurden Prenners Äicdelle vielfach gekauft. Er ist ein tüchtiger Fachmann, der in großen PclzctMissÄnents reiche Praxis erwarb 'und gilt allgemein alz reeller Geschäftsmann. Eine nngjarische Staatsbahn auf österreichischem Boden. Mit Bezug aus den unter diesem Titel von uns veröffentlichten Bericht teilt uns der Rechtsanwalt Regiernngsrat Dr.. Arnold Friedrich Fröhlich als Verteidiger des Fahrtdienstteiters Franz PsanÄ in DeuW-Kreuz mit, daß von einer Trunkenheit seines Klienten 'keine Rede sein könne, da auch nicht der geringste AnhÄtsPunkt 'hiefür vorliegt. Pflanzl sei allerdings vom Bezirksgerichte O b e rpu l l e nd o r f wegen Uebertretung gegen die körperliche Sicherheit bedingt zu 48 Stunden Ärrnst verurteilt worden. Doch höbe Wer seine Berufung das Laudesgericht für Stvalfsachen Wien mit Urteil vom 18. Juni ihn freigesprochen mit der ausdrückbichen Begründung, daß er seine Pflicht ordnungsgemäß erfüllt habe und ihn daher keine Schuld an dem in Harkan-Kohlenhof (Harka-'KoPhaza) stattigchabten Eiseubcrhuunfall treffe. Die Salbe, die alle Wunden heilt, Ein echt österveichischeS Schicksal hat der 57jührige ehemalige Jurist und Ghenriker Max Bayer. Zn Beginn des Krieges gelang es ihm nach langjährigen Versuchen, ein neues Heillmilieft zu finden, das nach dem Gutachten medizinischer Autovitäten geeignet war, die Wnndheiskunde in neue Bahnen zu lenken. Bayer erzeugt eine Salbe, die jede Wunde in unglaublich kurzer Zeit zur Heiluntz bringt. Das Kriegsministerium griff -die Erfindung -auf und dre Erfolge 'in den Spitälern waren verblüffend. Nach dem Kriege verlor sich das Interesse für das Mittel. Bayer wollte die Erzeugung in eigener Regie in großem Maßstabe ausüben. Er hatte aber durch die Inflation fein Vermögen verloren und konnte in Wien kerne Woh- Vom Geist der jüdische» Musik.*) iv. , Zur Form und Gestaltung der Melodilk gehört nicht nur ihre Gliederung und ihre tonale fkalenmäßige Grundlage, sondern auch ihr Kolorit. Ja besonders im Orient ist das Kolorit kein Akzidentale der Atusik, keine nebensächliche Ausschmückung, sondern ein Essentiale, eine Wesenheit, die in dem vorwiegend einstimmigen Bortrag begründet ist. Im Abendland, welches sich feine Polyphonie und Harmonie geschaffen hat, ist die reine melodische Linie in ihrer Bewegungsfreiheit verkümmert, das Faustische, das Unendliche, das Oswald Spengler in der okzidentalen Kunst sucht und finden möchte, fehlt andererseits dem Morgenland: Es kennt nicht den entwickelten Hintergrund, nicht die Perspektive des Abendlandes, nicht die Farben der Ferne in der Malerei, nicht die ins Unendliche schweifende Polyphonie, nicht die in den Raum gleichsam hinausirrende Kunst der Fuge, nicht die Tiefenwirkung der Harmonie. Dafür aber eine ungemein feine Differenziertheit der Farben der Nähe, die reichsten Ktangttbergänge vom Forte zum Piano, vom Ganzton zum Halbtou, vom Nasalen zum Gutturalen, vom Schluchzer und der Träne bis zum jubelnd naturalistisch herausgestoßenen „Gesangsschrei", in welchen! sich die Verträumtheit und Phantastik des von der logischen Ordnung freien Orientalen ihre eigene Tonwelt schafft. Und aus den mannigfachen Ornamenten der seelisch erfühlten Einstimmig-keit heraus entwickelt sich eine Art noch im Primitivlsmns und in der Improvisation wurzelnder und gleichwohl zu einer hohen Klangkultnr entwickelten Mehrstimmigkeit, die „Heterophonie", in welcher alle Verzierungen, die sich in der Hauptstimnte improvisieren ließen, gleichzeitig in verschiedene Nebenstimmen zerlegt werden. Die reichen Ornamente der eiristimmigen Melodik, wie sie noch heute in den „Neumen" des im jüdischen Synagogalgesang wurzelnden „gregorianischen Chorals" erhalten sind, wirken sich praktisch noch viel intensiver in der Heterophonie Ostasiens (besonders Siams) aus, in der das leere Gerüst des Hauptthemas in *> Siehe „Wiener Morgenzeitung" vo>» 9-, 12. und 19. Sevtendber. den Nebenstimmen von Fig-urationeir reich umrankt wird, die nicht nur melodisch, sondern vor allem koloristisch zu werten sind. Denn sie werden etwa in der hochkultivierten siamesischen und javanischen Musik nicht von Vokalstimmen-gesungen, sondern von melodischem Schlagwerk gebracht, welches der Okzident in seiner bunten Mannigfaltigkeit noch lange nicht gellügeud verwertet hat. Und damit kommeu wir zur Frage der orientalischen Orchesterbesetzung, die für die spezifisch jüdische Mu-sikentwicklung von besonderer Bedeutung ist. Im Orient bilden statt der Streicher die Bläser und namentlich das reich disfereuzierte, nicht nur rhythinisch, sondern auch vielfach melodische Schlagwerk — gestimmte Metallstäbe und Glocken, Metallophone, Xylophone, GongsPiele -usw. — die Grundlage des orchestralen Klangkörpers. Im Abendland sind die einzelnen Instrumentalgruppen chorisch besetzt: Die Streicher sind ebenso wie die Bläser nach Größe und Tonhöhe irgendwie q-uartettmäßig geordnet, das Schlagwerk ist fast durchwegs nur rhhthtnisch, die Zupfinstrumente sind — von der Harfe abgesehen — nur ganz selten zur Bereicherung des Kolorits eingestreut, die Streicher dominieren in ihrer historischen Enttvicklung über die Bläser. Erst in der letzten Zeit beginnen sich die Bläser selbständig zu machen und ihre eigenen individuellen Kompositionen wieder zu erhalten, es bilden sich Gitarren- und Mandolinenorchester, die freilich noch keine Daseinsberechtigung haben, da sie ohne originale Musikliteratur dastehen und willkürlich Orchestermusik für sich bearbeiten. Auch das Schlagwerk erhält — vielleicht unter exotischer Einwirkung — wachsenden Einfluß in der melodischen Verwendung von Celesta, Glockenspiel, Xylophon usw. Freilich von der chorischen Besetzung des melodischen Schlagwerkes in Ostasien, welche irgendwie an die chorische Besetzung der Streicher im Okzident erinnert, ist das Abendland noch weit entfernt. Wir haben in nur gang rohen Umrissen eine Gegenüberstellung der abendländischen und der movgenländischen Orchesterbesetzung gegeben, um daraus die Nutzanwendung für die jüdische Musik zu ziehen. Man kann nicht irgend ein abendländisch besetztes Orchester in ein orientalisch jüdisches verivandeln, indem man gelegentlich ein Schofar hineinplatzen läßt, wie dies schon geschehen ist. Hier kann nur eine ganz allmähliche Umwertung der musikalischen Werte und der musikalischen Anschauung Platz greifen. Am wenigsten entsprechen dem Gefühl des Orientalen die mit dem Bogen gestrichenen ' Streichinstrumente, das Streichquartett. Weit leichter könnte sich als .Kompromiß eine Art Blckserqnartett oder ein anderes' intim besetztes Bläserensemble durchsetzen oder auch ein Quartett für Zupfinstrumente einbürgern, das. natürlich erst die ihrer musikalischen Wesenheit entsprechenden Satzregeln sich selbst mit der Zeit geben müßte. Jenseits von Harmonie und entivickelter Polyphonie käme hier vielleicht eine Art Heterophonie in Betracht. Vielleicht könnte auch eine - chorische Besetzung des ostastatischen melodischen und rhythmischen Schlagwerkes zu einer über Strawinskh hinausgehenden „Polyrhythrnie" führen, in welcher in den verschiedenen Stimmen verschiedene „Rhythmen" gleichzeitig gegeneinander geführt werden. Sehen wir einmal auf die alten jüdischen Instrumente zurück! Da gab es verschiedene- Zupfinstrumente wie „Kiunar", die Harfe König Davids, und „Nebel", gleichfalls eine Harfe assyrischen Ursprungs. („Asor" ist wohl nur eine andere Bezeichnung für „nebel-nassor", die zehnsaitige Harfe.) Groß schon damals ist die Zahl der Schlaginstrumente, so „Toph", ein Tamburin, „Schelischim", ein Triangel, „Mananaim", ein Sistruni (Tempelrassel), „Giloele", Kastagnetten, ferner „Gilcele terouah", eine Art Chmbal. Von Blasinstrumenten kennt man neben dem „Schofar", dem „Halll" (Flöte), „Halil ou Nehila" (Doppelslöte) und dem „Ougab" (Panslöte) noch den „Hococera" (Trornpete) den „Keren", auch „keren hajobel" (Widderhorn) usw. Auch eine Art Dudelsack, der „Ougab", war bereits dem jüdischen Altertum bekannt. Aus dieser Ueberlieserung, die mit der allgemeinen Jnstrulnentalpraxis des alten Orients nicht in Widerspruch steht, erkennt inan zur Not dre Fundamente des alten jüdischen Orchesters, ganz abgesehen von den Sonderberichten, die über die Musikpflege im Dienste des nationalen Tempels und seines Opferkuttes in^Jemsalem auf uns gelangt sind. Das alles ist freilich heute totes theoretisches Wissen. Die Frage der Gegenwart lautet: Wie baut man eine Brücke von dieser dreitausendjährigen Vergangenheit zu den Erfordernisien der lebendigen Jetztzeit? Und wie weit können diese Instrumente umgebildet und umgedentet und dann ihre koloristische Eigenart in die moderne Musikpraxis übernommen werden? Dr. Erwin Jelber.