Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2724 (25.9.1926)
- Date
- 1926-09-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2981549-2981811--27663-3015623- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Cefft I ©tat, GamSiag lötetet? MstMttzeMWs Ä5. September 1SS6 Nr. «724 Vaaemopa. „Neun Zehntel der europäischen Politiker und Staatsmänner", sägt Herr Coudenhove-Kalergi, „glauben, daß Europa zugrunde gehen muß, wenn es sich nicht zu einem StaatenbUlw vereinigt. Sie sind aber keine Diktatoren, sie sind von der öffentlichen Meinung abhängig." Aus dieser Formulierung wären für die gegenwärtige Zeit recht interessante Schlüsse zu ziehen. Etwa die, daß die Politiker urw Staatsmänner, die wirklich Diktatoren sind, für den paneuropäischen Gedanken wirken, währendie öffentliche Meinung ihn verwirft. In Wirklichkeit steht es ja anders und glücklicherweise äußern die Diktatoren, die doch einen so ansehnlichen Teil des Kontinentes unter ihrer bewaffneten Faust halten, einstweilen nur eine platonische Zuneigung zu einem Paneuropa, das nach ihrem Rezept konstruiert wäre. Wer sie daran verhindert, ihre Wünsche zur Tat.zu wandeln, das ist die öffentliche Meinung, die nicht so sehr in den Parlamenten und in den Zeitungen, als vielmehr in den Massen lebt. Wären nicht sie mit ihren bitteren Erfahrungen aus reichlich einem Menschenalter, so stünden wir der Gefahr viel naher, als sie heute sogar Pessimisten scheint. In den Massen der Arbeitenden und Schaffenden lebt die Sehnsucht nach der Zertrümmerung der strategischen, wirtschaftlichen und nationalen Grenzen, nach einer sichtbaren positiven Aeußerung der Schicksalsgemeinschaft und der ökonomischen Solidarität. Sie sehen die großen Fortschritte der technischen Wissenschaft, die den radikalen und regionalen Nationalismus als dümmsten Plunder erscheinen lassen. Aber die Massen haben in ihren täglichen kleinen Sorgen die Kraft eingebüßt, selbst nach dem Rechten zu sehen» uitb sie sind jenen neun und dem zehnten Zehntel der Politiker und Staatsmänner überantwortet, die mit Gut und Blut kontrolllos wirtschaften und sich dann höchstens vor der Weltgeschichte zu verantworten haben. Diese Sehnsucht der Masten ist nur zu einem sehr geringen Teile von der paneuropäischen Idee erfaßt, deren Ziel der europäische Staatenbund ist, dessen Glieder einander durch feierlichen Vertrag die Integrität des Gebietes, den Frieden und die Zollunion garantieren sollen. Dieses PaneUropa ist kein Paneuropa, nicht einmal im Entwurf; ihm gehören England und Sowjetrußland nicht an, die beide als eurasische Möchte sich nicht an ein kontinentales System binden und lieber die Politik des Gleichgewichtes fortsetzen. Die paneuropäische Union kann auch die heikle Frage der Kolonien nicht einwandfrei beantworten und beschränkt sich auf die Forderung der Wirtschaftlichen Gleichberechtigung aller europäischen Staaten in allen Kolonien. Abgesehen davon, daß sie sich damit sofort in Widerspruch setzt zu den Ansprüchen det in den Kolonien lebenden Völkern — denen sie doch unbedingt das Recht der Selbstbestimmung zusprechett müßte — rührt sie an den Kolonialimperialismus und kommt an den toten Punkt. Denn sich dann ein Panasiett oder ein Panafrika Meldet, so geraten wir in den riesenhaftesten Konflikt, gegen den der jüngste Krieg doch nur ein Kinderspott wäre. Sicherlich muß die Politik von heute in Kontinenten denken. Sie muß dies um so mehr, als sich ja dumpfe nationale Strömungen auch schon in den Rajah- Völkern regen und als ja der Gedanke eines Panümerika in vollster Entwicklung steht. Aber was die paneuropäische Union an lebenskräftigen Gedanken vertritt, das ist ja zu einem Teil schon im Völkerbund verwirklicht. Er tft mangelhaft konstruiert, ibm gehören Rußland, , Nordamerika Und ein Teil Südamerikas nicht an und dies spürt Europa in allen Gliedern. Welche Krisen hat doch das Fehlen des deutschen Wirtschaftskörpers für den Kontinent hervorgerufen! Wozu also will „Paneuropa" von vornherein mit einem Torso beginnen, der zwischen den Weltmächten England und Rußland eingekeilt, diesen und auch noch der überstarken amerikanischen Belastung hörig wäre? Im engen Raum verengert sich der Sinn. Unverkennbar und anerkennenswert ist das ideale Streben der Persönlichkeiten, die sich zur Propagierung einer Idee zusammengefunden haben. Unsere Zeit ist aber rauh und sie fordert gebieterisch ein Durchdenken . aller Probleme. Da ist gleich das quälendste: der Krieg. Herr Coudenhove sagt, daß jeder.Staat, der einen Krieg beginnt, wissen wird, daß er dann sofort alle anderen gegen sich hat. Das ist auch vom Völkerbund vorgesehen Und es ist ja auch im Vorjahr ein griechisch-bulgarischer Krieg im Entstehen verhindert worden. Trotzdem aber bringt uns fast jeder Tag irgend eine neue Sünderallianz, irgend einen neuen Freundschaftsvertrag. Es ist soviel Freundschaft in den Regierungskanzleien angehäuft, daß einem bange werden muß. Aber alle diese Bindungen zeugen doch nur davon, daß das Mißtrauen nicht gebannt werden kann, solange nicht alle vom Völkerbund erfaßt sind. D'eter Vöberbund ist einstweilen nür eiü Vund von Negierungen, nicht von Völkern. Es wäre besser und zweckentsprechender, wenn die intellektuellen Kräfte „Paneüropas" sich der Aufgabe widmen würden, den Völkerbund cruszubauen, ihn zu ' einem gesicherten Organ des Rechtes zu machen, statt sich einer neuerlichen Rumpfidee hinzugeben, die letzten Endes auf den napoleouifchetr Köntinentalblock hinausläuft. 8in Berfassungskonflttt in Pole». sie ncgtttttflg gtflett va« Buvaeirecht des VatlMtttitts. L. Warschau, 24. September. Wie Ihr Korrespondent bereits berichtet hat, wurde bei der Behandlung des Bullet- Provisoriums lm Sejm der von der Negierung vorgelegte Ausgabenetat auf Antrag der Nationaldechötraten durch Majoritätsbeschluß um 87 Millionen Zloty gekürzt. Diese Kürzung des BulHetS hat der BudgetSitsschuß gestern b e st ä t i g t. Solche Beschlüsse des Parlamentes wären in den westlichen Demokratien als Mißtrauensvotum des souveränen Parlamentes gegen die Regierung anzusehen und würden zu einer Regierungskrise führen. In Polen aber, wo die unter dem Druck Pilsudskis vom Sejm bewilligten Vollmachten für die Regierung B a r t e l die Recht« des Parlamentes ohnedies stark eingeschränkt haben, scheint sich aus diesem verfassungsmäßig ausgeübten Rechte des Parlamentes, das Budget nach seinem Ermessen festzusetzen, eine Krise des Parlamentes zu entwickeln. Nach dem gestrigen Ersparungsbeschluß des Budgetausschusses bemühte sich Ministerpräsident Bartel eine Zeitlang, mit den Sejmparteien zu einem Kompromiß zu gelangen. AbendS verbreitete sich in den Sejmeoüloirs die Nachricht, daß Marschall Pilsudski aus DruSeianek, wo er zur Erholung weilt, telephonisch die lakonische Weisung erteilt habe: „Keine Kompromisse!" Daraufhin wurden die Verhandlungen mit den Parteien sofort abgebrochen und der Ministerrat trat zusammen. Die heute fortgesetzten Beratungen des Ministerrates, in der die Budgets der einzelnen Ministerien einer' neuerlichen Prüfung unterzogen wurden, führten zu der einhelligen Anschauung des Kabinetts, daß esunmögl! ch sei, irgendwelche Reduktionen am Budget vorzünehm e n. Ministerpräsident Bartel teilte dem Marschall Pilsudski den Beschluß des Ministerrates telephonisch mit. Der Präsident billigte vollauf die Haltung der Regierung. Die Warschauer Blätter kommentieren die fetzt §* schaffen« Lage dahin, daß daS Parlament in kürzester Frist vor die Alternative gestellt sein wird: Nachgeben oder Auslösung. Me ungeklärten Parteienverhältnisse im Sejm geben allen atttiparlamentarischen Strömungen die Möglichkeit, ihre« Methoden zum Erfolg zu verhelfen. Es scheint, daß hi« am äußersten rechten Flügel stehenden Nationalbenwkratttt mit ihrem Antrag den Versuch gemacht haben,» das Parlament z« spreng««, weil sie so die Zeit für ihren Wiederaufstieg gekommen sehen. SM FlugierWtmaum m Warschatt? L. Warschau, 24. September. Die Verhandlungen zwischen der Mororflugzeugsabrik „Franeopol" mit den Pilse, ner Skodawerken, über die bereits berichtet wurde, bilden seit einigen Tagen den Gegenstand lebhafter Erörterungen in der hiesigen Prelle. Die Fabrik „Francopol", an der einige polnische Industrielle und eine französische Mowrfabrik beteiligt sind, hat, wie die Blätter wissen wollen, die unter sehr günstigen Bedingungen voM Krieg-Ministerium erlangten Kredite von etwa v i e r M i l l i o n e n Z l o t y für Lieferung von Motoren und Flugzeugen nur dazu verwendet, um die Fabrik zu bauen, die bis heute Noch nicht einmal g a n z fertig sein soll. Lieferungen sollen währerch der drei Jahre deS Bestandes des Unternehmens bisher nicht ersolgt sein. Nun wissen di« Blatter von einer weiteren geradezu unglaublichen Entwicklung der ganzen Angelegenheit zu Ls« richten. Der Verkauf der „Francopol" an die Skodawerke soll bereits um den Betrag von 160.000 Dollar perfekt ge* worden sein, aber den ganze« Betrag sollen die Direktoren des Unternehmens untereinander aufgeteilt haben, während die Arbeiterschaft nicht einmal bezahlt wurde. Wenn diese Nachrichten der Wahrheit ent* sprechen, so handelt e8 sich hier um ein Panama, wie es seinesgleichen bisher noch selten gegeben hat. * » K LU 6 RADIKALER ZIONISTEN Montag den 27. September 1926, um 7 Uhr abend», Im Klublokale, Cafä Atlashof, I., Aspernplatz JUGEND-MEETING Tage«Ordnung: Die Jugend und der radikale Zionismus Pr. I. WALPMANWj A. WElSHUtu.ft« kANPL Rußlands Verständigung mit dem Westen. Von Verhandlungen mit England und Deartkvetch. London, 24. September. Als Nachfolger Ralowskis trffst Krass in in den nächsten Tagen in London ein. Er wird, wie „Times" wissen wollen, die Verhandlungen mit England sogleich wieder aus nehmen, um alle noch ausstehenden Disferenzpunkte zu regeln. Die britische Presse legt den Pariser Nachrichten große Bedeutung bei, wonach Briand gewillt sei, eine Verständigung mit Sowjetrützlattd herbeizusiihren. WneMer Protest beim BStterbund. Gegen die Beschießung englischer Kriegsschiffe. >— Die Mbrüstungsresolntion nngenoinmen. Genf, 24. September. (Schweiz. Dep.-Ag.) Die heutige Vollversammlung des Völkerbundes verzeichnete zu Beginn der Sitzung einen interessanten Zwischenfall, indem der chinesische Delegierte S ch a o Sch i n S ch u eine Erklärung abgab, in der er energisch Protest gegen die Beschießung chinesischer Städte druck englische Kriegsschiffe einlegte. ViscoUttt Cecil antwortete sofort auf die Erklärung Mit dem Hinweis, daß die vom chinesischen Delegierten angeführten Tatsachen in keiner Hinsicht erwiesen seien, da die Untersuchung überhaupt noch nicht abgeschlossen, sei. Uebrigens seien gegenwärtig Verhandlungen zur Beilegung der Differenzen im Gange. Die Bölkerbundversaminlung fuhr sodann in der Behandlung ihrer Tagesordnung fort und erledigte unter anderem den Bericht über den f i n anz i ell en Wiederaufbau Oe st erreich s. Nacheinander wurden sodann ge°. nehmigt: Die Berichte über die ANsiedlung bulgarischer Flüchtlinge und über die Arbeiten des FinanzkomtteeS sowie des WirtschaftSkvMitees, der Hygieneorganisation und der Bericht über de« Schutz der Heranwachsenden Jugend. Endlich wurde die Resolution über die noch vor Beginn der achte» Bölkerbundbersammlung zu erfolgend« Einberufung der Abrüstungskonferenz einstimmig angenommen. Die Arbeiten der einzelnen Kommissionen deS BSlkevbundeS gehen ihrem Ende entgegen. VötauSsichtlich wird die Vollversammlung ihre Arbeiten S a m S t a g abschließen. Es Muß jedoch noch mit Wichtigen.RatSv er» Sammlungen am Montag gerechnet werden. Zusammenstoß zweier MiMSrflugzeuge bei Prag. Belm Besuch einer jugostawlschen Flugzeugeskader — S Pilote« getötet. MS Prag wird berichtet: Eine Eskader von fünf jugoslawischen Militärflugzeugen, die in Prag zu Gast war, sollt« Freitag früh in Begleitung eines tschechoslowakischen Militärflugzeuges nach Krakau fliegen. Beim Start stieß dar erste dev jugoslawischen FluMUge mit dem tschechoslowarischen zusammen. Beide Apparate stürzten, fest inein* andergekerlt, nach vorn ab und legten sich auf den Rücken. Der Anprall war so heftig, daß in den Trümmern der Flugzeuge der Führer der jugoslawischen Expedition, Oberstleutnant Jugobie ünd der tschechoslowakische Stabskapitän Kostrba ihren Tod fanden. Der jugoslawische Oberstleutnant Niegvdan, der bei dem Zusammenstoß schwer verwundet wurde, ist im Krankeichaus seinen Verletzungen erlegen. De« Abflug der jugoslawischen TSkader wurde verschoben, Pusswgierflugzrugunfätte. Gestern vormittag mutzte «in Flugzeug der Oesterreichischen Luftverkehrs A.-G., das den Dienst aus der Strecke Wien— Graz-Klagensurt mit Anschluß nach Venedig versieht, infolge einer MotordesekteS nächst Gl ei Sdors bei Graz notlanden. Bei der Landung aüf einem kleinen Felde wurde das Fahrgestell deS Flugzeuges leicht beschädigt. Flugzeugbesatzung und Passagiere blieben vollständig unverletzt, die Gäste'haben ihre Reise per Bahn fortgesetzt. In Budapest ereignete sich beim Start einer tzlugmaschlne, die den Personenflugdienst zwischen Budapest und Wien unterhält, auf dem Mathasfölder Flugplatz ein Zwischenfall. In 10 Meter Höhe kippte die Maschine aus die Seite und fiel aus die Erde. Die vier Passagiere kamen mit dem Schrecken davon. Ne amerikanische Änleihe des Siemenr-Konzem» Aus New-Äork wird unterm 24. d. M. berichtet: Die heute aufgelegte Anleihe des StemenS-KonzernS wurde drei- bis vierfach überzeichnet.' Die Bücher wurden unmittelbar nach der Eröffnung geschloffen. Zahlreiche Zeichnungsausträge lagen auS alle« Teilen der Vereinigten Staaten svwle aus Kanada und Europa vor. L: «e spricht Heute Samstag de« 25. Sept., 8 Uhr abends, lm Mittlere« Karrrerthaitsfaal Restliche KaNenr Büro de- Keren Hajeffod, l., Uärnttteistraße 26, Tel.77-1-83,77.4*86