Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2712 (11.9.1926)
- Date
- 1926-09-11
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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/ Sette G 77-^...^ Men, GamStag WkWtt MorMMetMW 11. September Nr. S71S irT-Irr^"-- . .— ... - -»--- ---- 111 " "» -M»—- > > .- .. **—l-"1“ '■ni—. Men ausgestellte« jugoslawischen Visum nach Veldes Durch nahezu zwei Wochen hielt er sich dort ans. Eines TageS wurde er auf das Gendaimeriekommando gerufen. Tort wurde er gefragt, ob er der Verteidiger der Attentäter!u im Burgtheater, der Mazedonierin M«kia C a r n i c i n, gewesen sei iind daran erinnert, daß er in feiner Verteidigungsrede angeblich gejagt habe, die Jugoslawen seien wilde Menschen und bei ihnen blühe das Mordhandwerk. Es wurde ihrn befohlen, noch nm selben Tage Jugoslawien zn verlassen. Ein Kriminalbeamter begleitete ihn zur Bahn und in dessen Begleitung mußte Tr. Rosenfeld bis zur Grenze fahren. Zvlange der Zug in Aßling stand, blieben vor den Waggansenstern des Coupes zivei Gremgendarmen mit aufgepflanztem Bajonett steben. Dr. Rosenfeld )vird den Borfall dem Ministerium des Aeußern und seiner Standesbehörde übergeben. De« Prozeß eines Oesterreichers gegen einen Sowjettrust. Ans Moskau wird berichtet: Ein Moskauer Privatunternehmer österreichischer Staatsangehörigkeit, der Schnhcremefabrikant F u n k, hatte im August vorigen Jahres mit dem Trust „Bitumslanetz" einen Kaufvertrag über 500 Pud Zeresin abgeschlossen und den vollen Preis von'10.876 Rubel erlegt. Tie Lieferung'der Ware erfolgte partienweise, aber so langsam, daß Funk nach drei Monaten erst 179 Pud erhalten hatte. Tie weitere Lieferung der Ware wurde verweigert mit Rücksicht auf die inzwischen eingetretene außerordentliche P r e i s st e: g e r u n g für Zeresin. Funk klagte den Trust ans Lieferung der iroch restlichen 921 Pud. Der Vertreter des Trusts bestritt die Rcchtmäßigkeit, da der Vertrag nicht registriert worden sei,, wozu eine als Verkäufer auftretende staatliche Unternehmung für außerhalb der Bör>e abgeschlossene Geschäfte mit Privaten verpflichtet sei. Tas Gericht verurteilte den Trust zur Zahlung von 21.060 Rubel als Wert der nicht gelieferten 321 Pud nach dem Moskauer Börsenpreis an den Kläger sowie zur Bezahlung der Gcrichtskosten. In der Begründung des Ürteilcs heißt es unter anderem: Der Wille zur Leistung sei auf beiden Seiten dokumentiert worden, in besonderem Maße aber vom Käufer, der seine Verpflichtungen voll erfüllt habe. Ans Seite des Trusts liege der Versuch vor, unter dem Schein der Wahrnehmung der Form die M a r k t k o n j n n kt u r zum Schaden des anderen Kontrahenten auszunützen. Volkswirt. 8i« Ausgleich der Leibrentner mit den Verficherungsanftalte». Ter Verband der Sparer und Kleinrentner hat uautcuä der von ihm vertretenen Leibrentner mit der Versicherungsanstalt der Gemeinde Wien, der Versicherungsanstalt der Bundesländer und dem Janus einen vorläufig auf ein Jahr lautenden Ausgleich geschlossen, auf Grund dessen alle Leibrenten teilweise aufgewertet werden. Die Aufwertung beträgt bei,den kleinen Renten bis zu 30 Prozent, das M inimum der monatlichen Auszahlung 2 0 Schilling. Das Uebereinkommen gilt für das lausende Jahr. Die seit 1. Jänner d. I. fälligen Leibrentenbeträge werden rückwirkend von diesem Datum zur Auszahlung gelangen. Dagegen mußte sich der Kleinrentncrvcrband verpflichten, alle anhängigen Leibrentenvalorisierungsklagen zurückzuziehen. Ein genereller Ausgleich zwischen dem Kleinrentnerve»band und den Versicherungsanstalten wrcrde nicht getroffen. Es sind vielmehr our in ungefähr '2 0 0 Fällen, welche bei Gericht zumeist seit Jahren anhängig waren, und in welchen die Leibrentner Geld und: Mühe auswendeien, Vergleiche zustande gekommen, bei denen, auch die individuellen Verhältnisse berücksichtigt wurden. Durch die abgeschlossenen Vergleiche ist eine Atmosphäre geschaffen, welche das baldige Zustandeko mmen eines Leibrcntnergesetzes ermöglicht. Aus diesem Grunde hielt es der Verband der Sparer und Kleinrenter Oestrreichs nicht für zweckmäßig, gegen die Anstalten, tatifW’ mw SsItttMfnrfe Mm 18. September 1918. eia Wer* Oe'i. ‘ Wsr- Devisen 0«« Mae» Oe». a«- v er* Amsterdam . S. sss.so 284 6-» Zviia ....... . i ». 6 1-6» 6 1450 fraiuösiscrte Noten . » & 20.37 2 .83 tieigrab. . . . 12.4876 12.6276 sroekkov» . . . . 188.96 189.65 Holländische Noten ». Berlin . . . . . . 188 41 18S.91 WAMttan .... # 78.86 79 36 Italienische Noten » . . 26.27 25 43 Brüssel , » « . 19.84 19.46 . 136.60 137.10 Jagosiaw.sdie Noten . . 12.4776 12 6375 Budlptlt 9 s . . » 09.c 9 99 39 Valuten Polnische Noten .... 73 St» 79.5 i 3.636» Rumänische Noten . . . London» » . , . . 34.3660 31.4662 Amerikanische Noten 704.10 108.10 Russische Noten (Romen.) Mailand . . 26.4'- Belgische Noten . » Schweizer. Noten . . . 136 36 137.16 New-Yöflt. . r»9.SS Bulgar. Not. . . Tschecho-Slow. Noten . 20.91 21.23 Paris . . . . . 20.2» 2 -.3» Deutsche Noten . 168.10 168.70 Türkische Pftmd.Nofen . Pra* .... . . . 22.9462 21»262 fcnclhche Noten . - -» — Unganscne Noten . . . 99.— 99.40 die ihre Prozesse ausgeglichen ftafccn, weitere Klagen zn überreichen. Sine rumSni che Anleihe in Italien. Aus Bukarest wird gemeldet: Die Negierung hat beschlossen, für die Bedürfnisse des rumänischen Seeverkehres in Italien eine Anleihe von 60 Millionen Lire aufzunehmen. Ans dieser Anleihe werde» auf italienischen Werften drei n e u e D a m p f e r für den Dienst K o n st a n z a— Alexandria gebaut, die je 160 Millionen Lei kosten werden. Für Reparaturen des f rumänischen Schisfsparkes sind weitere 100 Millionen Lei vorgesehen. Ser Srangenexvort Palästinas. , Aus Jerusalem wird uns geschrieben: Die h.'urrge Orangenerute ist sehr gut. 18.000 Arbeiter konnten beim Einernten beschäftigt werden. Man schützt beit bevorstehenden Export von Orangen ans mehr als zwei Ri i ll i v n e n K i st e n. Um den O r a n g e n z ü ch t e r lt ein leichteres Arbeiterl zu ermöglichen, beabsichtigt, wie verlautet, die P ä l e st i n e Corporation Ltd., Gelder für die Gründung einer H y p o t h e k e n k r c d i t i n st i t u t i v n zur Verfügung zu stellen, die jüdischen und a r a b if cf) c u Drange «5 n ch t e r.ll Anleihen gewähren soll. Die Corporation hat 20.000 Pfund bereitgestcllt, die zur Entwicklung von etwa 700 Dunam Boden durch Orangenbau ausreichen dürsten. Diese Tätigkeit der Palestirre Corporation ist von der Ertvägung beeinflußt, daß die Regierung dem Drangenbau, der für das Land von großer Bedeutung ist, zumal 4 0,8 Prozent des Gesamtexportes aus Palästina, auf Rechnung der Orangen gehen, keine entsprechende Unterstützung angedeihen läßt. Die Corporation will nach und nach größere Summen für weitere Anleihen des Orangenbaues freiniachen. Gegenwärtig gibt es in Palästina 30.000 Dunam Orallgenpftanzungen, wovon ans die jüdischen Siedler zirka 12.000 Dunam-entfallen. Ter Radiohandel irr Oesterreich. In einer anläßlich der Rundsunkmesse stalkgefundcu Vollversammlung des Verbandes österreichischer Radiohändler befaßte sich der Präsident, Ing. Robert Scherer, mit den Voraussetzungen für die weitere Entwicklung des Radiolv.'sens in Oesterreich. Er konstatierte, daß von den etwa 240.000 Radioabonnenten Oesterreichs ungefähr 200.000 auf Wien und Niederösterreich entfallen; and) in Graz, das einen eigenen Sender hat, sei das Radiowesen stark verbreitet, dagegen in den anderen Bundesländern außerordentlich . gering. Es wurde auch festgestellt, daß im österreichischen Radiohandel einerseits durch die geringen Absatzmöglichkeiten, andererseits durch die starke Konkurrenz eine zeitliche große Depression herrscht. Das Meisegeschäft in Radioartikeln ist auch diesmal schwach. In die Sukzessionsstaaten läßt sich wegen der hohen Zölle nur schwer liefern. In Oesterreich selbst werden heute Radioapparate selten erzeugt, meist bloß manipuliert. Die Einfuhr erfolgt aus Deutschland, Frankreich und England. Kapitalserhöhung der Zuckerfabriken Schoeller u. Co. Der Verwaltungsrat der genannten Gesellschaft hat die Erhöhung des Aktienkapitals von 32 auf 36 Millionen tschechische Kronen beschlossen. Insolvenzen. Das Ausgleichsverfahren wurde eröffnet über die Firma Holzlnduitr e Ing. Oskac M e t) e i £ ® o., Wien, 2. Bez, Heinestraße 82; lerner über Peier G u t t t n B etg, reg siliert unter Firma P. Guttenberg, Wien, 1. Bez., Bauernmarkt 2; Norbert Gerber, Strvb- und FrlzhmerieugMg, Wien, 6. Bez.. Webgasse 27; Arnold I o r y s z, Kaufmann, 8 Lez. Lerchenfeiderstraße 71. Franken und, Lira, die Donnerstag auf den Märkten stark zurückgegangen waren, hatten gestern keine so stürmische Bewegung zu verzeichnen wie am Vortage, neigten jedoch zur Schwäche. Der französische Franken ermäßigte sich in Zürich anfangs bis ans 14,70, ichloß jedoch mit einem Kurs von 14,80. Der Pariser Pfnndknrs von Donnerstag (170 Franken) blieb gestern im wesentlichen unverändert. Auch der belgische Franken zeigte weitere rückgängige Tendenz; er-schloß in Zürich 14,20. Die L i r a, die Donnerstag stark gefallen war, ging gestern nur uni weniges höher; der Züricher Schlußkurs betrug 18,62,6 (gegen .18,50 vom Donnerstag). Die Devise Madrid konnte sich mit Rücksicht auf die Meldungen von der Beendigung der Offiziersrcvolte etwas erholen; sie schloß 79,06 Parität Zürich. Bukarest war bei einem Züricher Schlußkurs von 2,68,6 behauptet. Bei glerchgeblrebenem Dollarkurs (617,62) konnte der Schäl- I i u in Zürich eine kleine Steigerung aufweisen (73,07,6 gegen 73,05 am Vortage). Die staatliche Ueberwochung der Banke» in Italien. Aus Rom wird berichtet:.Die neuen Regiernngsvorschrrften bezüglich der staatlichen Ueberwachung der Banken sind nun vom Amtsblatt veröffentlicht worden und treten damit in Kraft. In dem von der Regierung noch anszuarbeitende'n Reglement werden die Mindest betrage des Kapitals für neu zu gründende -Depositenbanken sowie das Verhältnis der Vermögensbestände zu den Depositen, ferner Vorschriften zum Schutze o e r Spareinlagen festgesetzt. Zusammenschlutzbestrebungen in der tschechoslowakischen Papierindustrie. Wie wir erfahren, werden gegenwärtig in den maßgebenden Kreisen der tschechoslowakischen Papierindustrie Vorbesprechungen gepflogen, die auf einen Zusammenschluß sämtlicher Papierfabriken in der Tschechoslowakei mit Ausnahme der Zigarettenpapierindustrie in einem gemeinsamen Bevkaussburean abzielen. Wenngleich auch die Einzelheiten des neuen Kartellvertrages noch nicht festste-heu, so zeigt sich doch ganz deutlich die Tendenz, sämtliche Unternehmungen in dem gemeinsamen Bcrkaufsbureau zu vereinigen, um ans diese Weise eine einheitliche Vertretung vorerst nur für das Jnlandsgeschäft.zu. schaffen. Ob das Verkaufsbureau später auch in das Exportgeschäft eingreifeu wird, steht vorläufig noch nicht fest. Kapitalserhöhung der Deutschen Girozentrale. Die zuständigen Organe des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes Haben in Augsburg eine Er hdhnng des Betriebskapitals der Deutschen Girozentrale von 20 ans 28 Millionen Mark beschlossen; Die Bank will sich für c>me etwaige rückläufige Konjunktur auf dem Anleihemärkte die erforderlichen flüssigen Mittel zur Kürsstützung sichern. Zurzeit stellen sich die Kommunalinlandsanleiben der Deutschen Girozentrale aus 140 Millionen Mark, die Ausländsanleihen auf 23 Millionen Dollar. , . Das russische Naphthasyndrkat hat beschlossen, eine Sowjet- Verkaufsstelle für. russische -Naphthaerzeugnisse in Holl an d zu gründen. Die russische Regierung hat bereits mehrere Häuser in Amsterdam und Rotterdam erworben, in denen die Verkaufsstelle untergebrachtwerden soll. Das Naphthasyndikat hat mit einem bekannten.'englisch-holländischen Petroleumkonzern über den Verkauf eines großen Postens russischer Schmieröle ver'handetl, jedoch ohne Erfolg. Eme Pfandbriefbörse in New-Aork. In New-Gork wird die Gründung einer Pfandbriefbörse geplant, und zwar auf Initiative jettet Banken, die sich besonders dem Pfandbrief- und Hypothekargeschäft widmen. In den Bereinigten Staaten kuvsieren derzeit 5000 verschiedene Pfandbriesemissionen. Copyright 192« by R, Löwit Verlag, Wien—Leipzig. Iakar-daj. ^iite jüdische Lebende. 10. Fortsetzung Doch dieses Glück sollte nicht ungetrübt bleiben. Als er einst an einem Mend wieder in das Zimmerchrn seiner Braut trat, fand er sie in Tränen aufgelöst, und statt wie gewöhnlich ihm entgegenzueilen, verharrte sie schweigend, kaum imstande, ihr Schluchten zu unteckerücken. Bestürzt eilte der Jüngling auf sie zu, nach der Ursache ihres Kummers forschend. Doch »nie sehr er auch in sie drang, er erhielt keine andere Antwort als das beschwichtigende: „Es ist nichts, es ist nichts, mein Lieber!" Und durch erzwungene Höflichkeit bemühte sie sich, seine Aufmerksamkeit äbzulenken. Doch dies gelang ihr ebenfc'lvenig als ihm, sie zu einem Geständnis zu dringen. Zeitlicher als gewöhnlich entfernte sich also der Jüngling mißgestimmt und voller Verdruß. Im Vorzimmer fand er die alte geschwätzige Magd des Hauses, zwar nicht seiner harrend, doch mit einer Miene, die ihm sagte, daß sie wohl mehr um die Vorfälle des Hauses wisse, als für deren Verheimlichung ersprießlich sein dürfte. Er wandte sich also das erstemal um Auskunft an sie. Die gute Person, erfreut, einmal wieder jemanden zu haben, vor dem sie ihr treffliches Mundwerk in Bewegung setzen konnte, begann ihm Langes und Breites über Ereignisse von 50 Jahren her auszukramen, wie, durch welche Türe, in welchem Kleide sie in das Haus gekommen, wer und was ihre Herrschaft sei, woher deren Reichtum sich schreibe usw., kurz, lauter interessante Sachen, die seine Geduld auf die peinlichste Probe setzten. Endlich auf ihn selbst zurücttommend, fuhr sie fort: „Ihr habt Feinde, Herr, viele Neider, viele, die Euch nicht gönnen, daß Ihr glücklich seid. Es wird nun mein Herr täglich bestürmt, Euch nicht Wort zu halten und Escher einem Reicheren und Vornehmeren zu geben. Ihr wäret ein Hergelauftner, sagen sie, dessen Eltern man nicht kennt, Ihr hättet kein Vermögen, nicht einmal eine Heimat. Doch hat Nathan bisher allem Andringen standhaft widerstanden, allein bitter ist er geworden gegen alle seine Hausleute, gegen Weib und Kind, selbst gegen mich, denkt Euch, die ich doch für die Sache nichts kann. Zur- ' * dem ist Euer Bräutchen nicht ohne Eigensinn und Halsstarrigkeit und besteht zuweilen auf manchem, «was nicht recht ist. Es setzt also nicht selten heftige Austritte zwischen ihr und dem Vater. Heute, kurz vor Eurer Ankunft, gab's wieder einen solchen Zusammenstoß, ich weiß nicht, aus welcher Ursache, wobei der aufgebrachte Vater'endlich ausrief: „Esther, du täuschest dich, wenn du glaubst, daß ich dir in allem nachgeben soll. Meine nicht, weil ich mi; schwerem Herzen in deine Heirat mit dem hergelaufenen Betteljungen eingewilligt habe, daß ich auch in allem anderen nachgeben werde." —«Diese bitteren Worte nun haben Eure Braut in große Aufregung verseht; laut weinend stürzte sie aus ihrem Zimmer zur Mutter, die alle Mühe Chatte, das Mädchen nur einigermaßen zu beruhigen. Nathan aber..." Die Alte wollte fortsähren, doch jetzt bemerkte sie erst, daß Jakar-daj, totenbleich uitf> kaum imstande, seinen Schmerz zu verbergen, längst aufgostanden und weggeeilt war. Zu Hause angekommen, lvarf er sich in grenzenlosem Unmut auf sein Lager. Ein großer Kampf begann in seinem Innern. Sein Ehrgefühl lehnte sich gegen seine Leidenschaft auf. Wie, ries es heftig in ihm, du sollst den ewigen Vorwurf dulden, deinen Wohlstand einem Mädchen zu verdanken? „Nie und nimmermehr!" rief er aus und ein Entschluß stieg in seinem Herzen auf: in die weite Welt zu ziehen, Reichtum .zu erwerben und dann erst Esther als Fra« heimzusi'chren. Schmerzliche Szenen folgten nun bald im .Hause des Rabbi. Mit Bestürzung und innerer Betrübnis vernahm der edle Mann den Entschluß seines Pfleglings, ihn zu verlassen; das ganze Haus trauerte. Aber wer malt erst die Verzlveislung Esthers, als ihr angekündigt wurde, es stehe ihr die Trennung von dem Geliebten bevor. Weinend warf sie sich, dem Jüngling an den Hals, ihr grenzenloses Weh, als alle ihre Bemühungen, Bitten und Klagen seinen Entschluß nicht erschüttern konnten, »var so herzzerbrechend, daß selbst ihr stolzer Vater betreten wurde und die ganze Kraft seiner Beredsamkeit aufbot, den Jüngling wieder mit sich zu versöhnen und zum Bleiben zu bewegen. Doch dieser setzte dem Bemühen seines Schwiegervaters die kalte Verachtung einer verletzren edlen Seele entgegen. Seine Pflegeeltern suchte er vor allem dadurch mit seinem Vorhaben auszusöhneu, daß er nur seine Eltern aufzuchen und dann »viederzukommen versprach. Tränen perlten ihm über die Wange.herab, als er den tvankenden Fuß auf'die Straße setzte, begleitet von den weinenden Freunden und Bekannten, unzähligemal gesegnet von seinem Pflegevater. Es war ein trüber, düsterer Tag. * . Nach monatelanger Irrfahrt kam Jakar-daj nach Nürnberg, einer jener Städte des nördlichen Deutschland, - wo die Juden von jeher ein ebenso küinnierliches als unsicheres Asyl gefunden hatten. Die erste Frage unseres fahrenden Schülers bei seinem Eintritt in die Stadt war natürlich, wo sich das Ghetto befinde. Doch mit Hohn'lachen wurde ihm geantwortet; kaum hatte man ihn als Juden erkannt, als er auch schon, von allen Selten geschmäht, sich-von einem Troß wilder Buben verfolgt sah, die nicht eher abließen, ihn zu höhnen und zu quälen, als bis er endlich de« Aufenthalt seiner Religionsgenossen an 'den vorgeschobenen .Toren und am verfallenen Aussehen der Häuser erkannte und in eiliger Haft 'hineinschlüpfte. Er fand hier große -Aufregung. In düsterer Trauer versunken sah' er die bärtigen Gestalten seiner Brüder vorüberschleichen, niemand, der ihm ein freundliches'„Schalom alecheni" geboten oder ihn zum Eintritt in sein Haus eingeladen hätte; in düsterem Unmut, der sich deutlich auf jedem Antlitz malte, schien man die gewohnte Gastlichkeit verlernt zu haben.. Dem jungen Manne wurde recht unheimlich zu Mute bei diesem Anblicke, besonders da er auf sein änM'.ches Nachforschen nur Seufzer zur Antwort erhielt. Mit Mühe konnte er endlich die Wohnung des Räbbin erkunden. Wie freundlich und herzlich er sich nun auch von dem ehrwürdigen Mann empfangen sah, so entgingen ihm doch die Spuren schmerzlicher Aufregung auch in seinem Gesichte nicht. „Bei Euch; mein Rabbi," redete er ihn also an, „hoffe ich doch wohl Aufklärung über diesen düsteren Geist der Betrübnis zu erhalten, der auf der ganzen Gemeinde lagert." Da erhitzlt er denn folgende überraschende Auskunft: Damals ivar die für die ganze europäische Welt schwere Zeit der Reformation angebrochen. Unduldsamkeit, Haß und Fanatismus, die in hellen Flammen aufloderten, verschonten naiürlicherweise auch die Inden nicht; mit und ohne Borwand wurden sie verfolgt und unterdrückt. Dies erfuhren auch die Juden zu Nürnberg. Wicherholt hatte man sie zur Annahme des Christentums auffordern lassen, auch Versprechungen hatte man nicht gespart. - (Fortsetzung folgt.) , , .... —> Ü8Ä i