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Wiener Morgenzeitung · 1926-09-02 · Heft 2704 (2.9.1926) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2704 (2.9.1926)
Date
1926-09-02
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Sette 0 Statt, Donnerstag WkEe Morsenzetttt«s & SkMcher 1926 Nr. 27<H Jaros in einem Hotel. Tusel kauerte ihnen vor dem Eingang ans und als das Paar wieder auf die Straße kam, stach er die Jaros zweimal in den Rücken und eilte dann dem Titz nach. Kurze Zeit darauf wurde Titz in der Nähe des Sechsharisergürtels schwerverletzt aufgefnnden. Nach einigen Tagen ist er seinen Verletzungen erlegen, hat aber noch ans dem Sterbebette ausgesagt, daß Tusel der Täter war. In der gestrigen Verhandlung verantwortete sich der Angeklagte mit Bolltrunkenhert zur Zeit der Tat. Der Verteidiger überreichte dem Vorsitzenden eine schriftliche Abmachung des Tusel mit der Jaros, in der diese ihm das Recht einräumte, sie zu verunstalten, falls sie ihm «ntren werde. Ausdrücklich wird erklärt, daß er dafür keine Strafe zu befürchten Hab«. Tusel hat der Jaros eine gleiche schriftliche Erklärung gegeben. Die Geschworenen schenkten seiner Verantwortung keinen Glauben und beantworteten die Hauptfrage auf Totschlag mit zwölf Ja und die Nebenfrage auf versuchte schwere Körperbeschädignng mit neun Ja und drei Nein. Aus Grund dieses Verdiktes wurde Tusel zn fünf Jahren schweren Kerkers verurteilt. Pallenberg mutz sich wegen der Zustande in Oesterreich schämen. Aus Salzburg wird uns berichtet: Anr 10. August gegen 12 Uhr mittags hatten sich zu dem von Salzburg nach Gastein abgechenden Schnellzuge zahlreiches Publikum am "Bahnhöfe eingesunden, welches in einem durch ein Gitter abgesperrten Raume f ö rmlich eingepfercht war. Trotz der lieber« füllung dieses Raumes wurde der Perron nicht freigegeben, so daß infolge der damals herrschenden tropischen Hitze das Verweilen in diesem Raume schier unerträglich wurde. Der Unwillen über diese Absperrung machte sich bei den Fahrgästen sehr lebhaft bemerkbar. Unter ihnen befand sich auch 'Max Pallenberg, der bei den Festspielen in Salzburg mitwirkte. Auch er gab seiner Entrüstung sehr laut Ausdruck, was von dem Publikum lebhaft begrüßt wurde. Als ein Sicherheitsorgan dagegen Stellung nahm, ries Herr Pallenberg: „Diese Behandlung und diese Absperrung des Publikums ist ein Skandal. Ich bin ein im Ausland e lebender Oe st erreich er und muß mich als Oesterreicher w e g e n d i e s e r Z u st ä n d » schäme n." Diese Worte wurden abermals vom Publikum lebhaft akklamiert, worairf der Schutzmann den Herrn, welcher sich als Volksredner ausgespielt hatte, zur Ruhe ermahnte. Pallenberg, der das Publikum an seiner Seite hatte, rief darauf: „Ich iverde noch weiter schreien, ich sage es rund heraus, daß diese Behandlung ein unerhörter Skandal ist, gegen den man nicht gennng protestieren kann." Nun forderte das Wachorgan Herrn Pallenberg auf, sich zu legitimieren, worauf ihm dieser seine Visitenkarte übergab. Pallenberg erhielt wegen dieses Vorfalls für den 23. August eine Vorladung zur Polizeidirektion von Salzburg, um sich wegen Uebertretung der Polizeivorschriften, wegen Störung der öffentlichen Ruhe durch sein Verhalten zn verantworten. Der Schauspieler ließ sich bei der Verhandlung vor dem Polizeigericht durch den Wiener Rechtsanwalt Dr. Walter Rode vertreten. Der Polizeirat, welcher die Verhandlung leitete, mußte allerdings nach Darstellung des Falles zugeben, daß in der Sache selbst Herr Pallenberg ganz recht gehabt habe. Wegen der Form, in weicht er seiner Beschwerde zum Ausdruck brachte, wurde er wegen Störung der öffentlichen Rühe zu einer Geldstrafe von drei Schilling verurteilt. . Unter Lueger wäre so etwas nicht möglich gewesen. Venn Strasbezirksgerichte 1 hatte sich gestern -der 78jährige Pfründner Josef Tusel wegen Beleidigung des Stvatzenbahnschaffners Josef Ketsch zu verantworten. Dem Beschuldigten, der sehr gebrechlich ist, lag zur Last, daß er auf der Elektrischen während eines Wortwechsels dem im Dienst befindlichen Schaffner zngerufen haben soll: „Sie G e m e-i n d e t i g e r, Sie L a u sj bub". Als der Richter, Landesgerichtsrat Dr. Fryda, dem Angeklagten den Inhalt der Anzeige vorhielt ,rief Tusel erregt I aus: Was in der Anzeige sicht, ist nicht wahr. Der Schaffner! hat mir eine Fahrkarte, verweigert und hat mich dann durch einen, Wachmann wie einen Dieb abführen lassen. Das muß ich - mir doch, nicht gefallen lassen. Ich fahre schon 60 Jahre mit der : Straßenbahn und bin schon mit der ersten Tramway gefahren.' Richter: Ihr Alter in allen Ehreir, deshalb dürfen Sie doch eine Amtsperson nicht beleidigen. Angeklagter: Sie hätten sehen sollen, wie der Schaffner mich behandelt hat. Unter Lueger wäre so etwas nicht möglich gewesen. Als der Richter den' Angeklagten fragte, ob er ein Vermögen habe, bemerkte dieser erregt: Wozu diese primitive Frage. Ich bin Pfründner und beziehe eine Pfründe von 34 S. monatlich. Ich sage Ihnen aber gleich, daß ich eine Geldstrafe nicht zahlen werde, weil ich mein bischen Geld zum Leben und nicht für die Herrert Beamten brauche. Der als Zeuge vernommene* Straßenbahnschaffner, sowie eine weitere Zeugin sagten ans, daß Tnsel grlindlos zu schinlpfen begonnen habe. Der Richter legte dem Angeklagten nahe, sich zir entschuldigen, was dieser auch nach anfänglichen Sträuben tat. Der Angeklagte wurde wegen AmtSchrenbeleidigiing zu einer Geldstrafe von sechs Schilling, jedoch bedingt, unter Einräumung einer einjährigen Bewährungsfrist verurteilt. Tusel erklärte'die Strafe anznnehmen, worauf der Richter bemerkte: „Unter Lueger hätte ich Sie nicht bedingt verurteilen können, weil damals das Gesetz über die Anwendung der bedingten Verurteilung noch nicht bestanden hat. Sie sehen also, daß auch die heutige Zeit manche Vorteile hat."_ Ein guterRat! 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Gegenwärtig werden zwei Formeln geprüft, und zwar über eine innere P a prerfra n ke n a n l e i h e, die die Konsolidierung der im Mai und September 1927 fälligen Schatzscheine im Betrage von 7,5 Milliarden Franken zum Ziele hätte, und eine äußere Devisenanleihe, deren Ziel hauptsächlich darin bestünde, die ins Allsland geflüchteten Devisen nach Frankreich zurückzusühren Diese letztere Formel werde vom Finanzministerium vorgczogcn. Starke Steksttung der lateinischen Bevue». Die neuen italienischen Finanzgesetze haben auf den Devisenmärkten günstigen Eindruck gemacht, der, verstärkt durch namhafte Stützungskäufe, auf den auslältdischen Plätzen den Kurs der Devise Mailand um ungefähr 6 Prozent besserte. Devise Mailand, welche Dienstag mit 16,80 geschlossen hatte, stieg gestern in Zürich in raschem Tempo bis auf 18,40 und schloß nach leichter durch Realisierungen hervorgerufener Ermäßigung mit 18,07*/*. Auch der französische Franken konnte sich nicht unansehnlich erhöhen; die Stützungskäuse brachten ihin in Zürich einen Anfangskurs von 15,50, der sich bei Börsenschluß ans 15,47*/* ermäßigte. Die Aufwärtsbewegnng der Pariser Devise kam auch dem belgischen Franken zustatten, der mit 14,76 in Zürich schloß. Der Leu, auch gestern fest, stieg gegen Zürich auf 2,56*/,'. Korsant» tritt ans der Schlesischen Bank au». Wie aus Kattowitz berichtet wird, hat Korfanty der Verwaltung der Schlesischen Bank seine Demission als Präsides gegeben. Annahme der eurovöischen Auckervrodnktion. Die Zuckerzölle. — Verschiebungen in der mährisch-schlesischen Zuckerindustrie. Die europäische Rübenzuckererzeugung in der mit ultimo August abgelaufeuen Kampagne 1925-1926 schätzt das statistische Bureau von F. O. Li ch t in Magdeburg ans rund 15 9 M i ll i o n e u Zentner Rohwert gegen 142, bezw. 101 Millionen Zentner in den Leiden vorangegangenen Betriebsjahren. Von dieser Gesamtsumme entfällt der größte Teil auf Deuts ch l a n d, dessen Produktion in der letzten Kampagne auf rund 32 Millionen Zentner geschätzt wird. Dies bedeutet eine Erhöhung von ungefähr einer halben Million Zentner gegenüber der Kampagne 1924-1926 und rund 10,6 Millionen Zentner gegen dis Kampagne 1923-1924. Der Zuckerzoll, den in der letzten Zeit nrehrere europäische Länder der Reihe nach erhöht haben, wird nunmehr auch in Frankreich hinaufgesetzt. Die französische Zollerhöhung ist ganz enorm, der Znckerzoll in Frankreich wird jetzt 62,5 Franken für den Zentner gegenüber früher 25 Franken betragen. Wie ans informierten Kreisen der deutschen Zuckerindustrie verlautet, dürfte Deutschland diese starke französische Zollerhöhung mit einer Hinaufsetzung des Z u ck e r z o l l e s beantworten. In der mährisch-schlesischen Z n ck e r i n d u st r i e ist in der letzten Zeit eine Reihe von Transaktionen vorgekommen. Vor kurzem hat die Olmützer Firma Singer u. Hamburger die Litauer Preßhefefabrik angetanst und stillgelegt. Wie nun aus O l m ü tz berichtet wird, hat eben die Zucker-, Spiritus- und Preßhesefabrik A. H. May in Olmütz zusammen mit der Firma W o l f r n m in Aussig das Brennrecht der Freudenthaler Spiritus-, Preßhefe- und chemischen Hamburger u. Kuffner Copyright >926 by . ~ . R. Löwit Verlag, Wien -Leipaig. * V'0N,etzUNg Safari aj. Girre jüdische Legende. Ta vertmsierte sich das freundliche Antlitz des Lehrers; bedächtig das Haupt schüttelnd, wandelte er eine Welle langsamen Schrittes auf und nieder, indem er zuweilen musternde Blicke auf Jakar-daj warf, der noch immer in demütigster Haltung vor -ihm stand. Offenbar hatte Gestalt und Antlitz des Knaben den günstigsten Eindruck auf das Herz des Rabbi gemacht; denn nach einer Weite tiefen Nachsinnens ergriff er den Knaben beim Arin und führte ihn in das Gemach seiner Frau. Dieser mochte der Anblick eben nicht neu oder auffallend sein; denn sie begnügte sich, den Mann mit einem sanften Lächeln' zu bewillkommnen, und freundlich auf den Knaben.niederfehend, fragte sie: „Gewiß ein Gast oder ein neuer Jünger?" „Noch etwas niehr", sagte der Rabbi, und da ihn seine Frau verwundert ansah, fuhr er fort: „Dieses Kind will ich in meinem Haufe behalten, wenn es dir anders recht ist, und mir groß ziehen." Er erzählte nun den ganzen Vorfall: die Freut, schon innig gerührt von dem unschuldsvollen Aeußern des Knaben, «wurde dies noch mehr, da sie dessen gänzliche Hilflosigkeit erfuhr, und gern willigte sie ein, seine Pflegemutter zu werden. Somit befand sich der Knabe im .Hause des Rabbi. Hier erfreute er sich der edelsten Behandlung und bald gewann er sein blühendes Aussehen wieder, besten ihn Kummer und Drangsale beraubt hatten. Er war aber noch nicht drei Tage hier, als schon der Rabbi einem seiner besten Bachurim den Auftrag erteilte, mit dem Unterricht des Knaben zu beginnen. Doch wunderbar, wie ein so schönes Aeußere nur einen so zähen, ungelehrigen Geist in sich schließen, ein so heiterer, ausdrucksvoller Kopf so hart und verschlossen sein konnte! Aller Anstrengung des Bachurs ungeachtet, trotz aller angewandten Mühe, fafe manchen zuerst heiMich^ dgM aber offen gespendeten Rippenstoßes war es nicht möglich, dem Kleinen auch nur die ersten Zeichen des Alcf-Bech Leizubringen; denn er rvar fest entschlossen, auch nicht durch das leiseste Zeichen seinen ausgezeichneten Geist zu verraten, und wie sehr er auch dadurch den Rabbi und seine Frau betrüben mußte, die ihre Erwartungen voll ihm so schnell getäuscht sahen, wie sehr auch Schmeicheleien und, da diese nichts halsen, auch bald herbe Strafen an ihn verschwendet wurden, er setzte all diesen Qualen nur die stumme Resignation einer weit über sein Alter erstarkten, männlichen Seele entgegen und mit dem rührenden Blick der Unschuld um Nachsicht flehend, wußte er endlich jeden Zorn zu entwaffnen und alle zu herzlicher Teilnahme an sich und seinem trüben Geschick zu bewegen. Es kam endlich so weit, daß der Rabbi in gerechtem Mißtrauen gegen die pädagogischen Fähigkeiten seiner Bachurim, deren jeder nach und nach seine Lohr- und Erziehungskunst an dem ungelehrigen Kiniw zu beweisen suchte, cs in eigener Person mit'dem Unterricht seines Schützlings versuchte. Der Knabe, von innigem Mitleid mit seinem Pflegevater erfüllt, bestell Bekümmernis und Sorge ihlll weh taten, ließ sich auch wirklich dazu all, einige Buchstabell dem trägen Gedächtnis eilizuprägen, doch dies auf eine so langsame, gedulderschöpfcude Weise, daß endlich der Rabbi tief betrübt alle Hoffnung aufgab, je das Kind in Thora oder Talmud einzuweihen. Nachdem er ihn also im Laufe von mehr als einem Jahre in seltener Seibstverleugnullg kümmerlich bis zunl „Beten" gebracht hatte, hörte er endlich gänzlich mit'dem Unterricht auf, indem er sich vornähm, den ihm von, der Borschllng anvertrauten Knaben zwar zu einem tugendhaften frommen Lebenswandel zu erziehen, dann aber einem seinen Geistessähigkeiten angemesseneren Stand als dem eines Gelehrten zu widmen. Wenn nun auch der Kleine verkannt und bald als der größte Dummkopf in der. Gemeinde verschrien ein nahezu verächtliches Dasein fristete, wußte er sich doch durch sein seltsames, kindliches Treiben, seine Rührigkeit und Lebhaftigkeit in der Gunst aller jener zu befestigen, die mit ihm umzugchen und seinen gefälligen Sinn kennen zu lernen Gelegenheit hatten. 7—— Wie gesagt, hatte sein Pflegevater, der Rabbi, eine ansehnliche Jeschiwa um sich versammelt, deren Freund und Lehrer zugleich er war. Alle Vormittage nun, nachdem der Gottesdienst beendet tvar, wurde in einem weiten, geräumigen Saale ein Schiur vorgetragen. , In langen Bänken saßen die Bachurim, jeder seine Gemarah vor sich, bald mit den: Haupte' nickend, 'bald mit den Händen gestikulierend, je nachdem das, was er vor ihnen auf einer kanzelarligen Erhöhung sitzende Rabbi eben vor trug, ihre Approbation erhielt oder nicht. Ta ging's dann an ein Wackeln, Vorwärts- und Rückwärtsneigen, Zuwinken, Znstimmen, Disputieren und.Hadern, daß nicht selten der Rabbi durch einen derben Schlag auf den Tisch sich Ruhe und Stillschweigen für seinen weiteren Vortrag erwirken mußte. Tann aber 'begann er selbst wieder in eigentümlichen singenden Tönen die Sätze des Talmuds durch den weiten Raum hinschallen zu lasten, bis irgend eine kühne Bemerkung von seiner Seite die Beunruhigung des Auditoriums t u neuem erweckte und er dann selbst, von Eifer für seine Meinng hingerissen, mit irgend einen: der vorlautesten Bachurim anknüpfend, ^bald den ganzen Hövsaal in den hitzigsten Pilpül verwickelte. Bei all dqm aber schien nichts komischer und erregte mehr Heiterkeit, als daß der Keine Jakar-das es keinmal verabsäumte, diesen gelehrten Dissertationen beizuwohnen. War es nun Lust an dem nicht selten ergötzlichen pilpulistischen Scharmützel, oder um der drückenden Einsamkeit und Larlgeweite zu entfliehen oder sonst eine törichte Grille des Knaben (also schlossen die scharfsinnigen Jünger des Talmud), genug, regelmäßig jeden Morgen, wenn der Schames oben in der langsamen, bedächtigen Weise seines. Standes sich daran machte, die .Hallen des Beth-Hamidrasch zu erschließen, 'war allch der kleine Jakar-daj -da, und kaum war die Tür geöffnet worden, da schlich er sich trotz des oft versuchten Widerstandes des mürrischen Schames in beit Saal und kauerte daselbst m einem dunklen Winkel, wo er, in anscheinendem Spiele begriffen, durch die ganze Zeit des Vortrages verharrte und keines der gewichtigen Worte des Lehrers seinem Gedächtnis entgehen ließ. (Fortsetzung folgt.) . \

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