Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2700 (29.8.1926)
- Date
- 1926-08-29
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Men, Zknntckg Weifet MotsfiMzelfmfs §y. UWkfi im Nr. SM GM Tff werde. Es stellte sich aber heraus, daß die Schätzungen fehlgegriffen haben; der Altbesitz von 40,3 Milliarden Mark wa doppelt so hoch als der Neubesitz. Die materiellen Vorteile der Differenzierung waren also gering, dafür aber hatte der Staat die Schmach auf sich genommen, daß er seine Wechsel unterschiedlich behandelte, ohne daß ihm daraus ein nennenstverter Nutzen erwachsen wäre. Der österreichische Staat machte es sich viel bequemer. Die Formel ,^Krone lst Krone" hat sich als Zauberformel ertviosen, womit man Schulden so gut wie ganz aus der Welt schaffeit kann. Für die Kriegsanleihen sind im Budget 1925 im ganzen 425.000 Schilling oder 4,25 Milliarden Kronen eingestellt, gerade soviel, als sich von der Gesamtmenge von 6,5 Milliarden beim Publikum, den Fonds, Sparkassen, Versicherungsanstalten befinden diirften; der Rest ist staatlicher Besitz, der ihm zum Teil aus der Vermögensabgabe zugeflosien war. Mit diesen 425.000 Schilling will er im Laufe des Jahres 1926 seine Kriegsschuld tilgen, mit dem Gesamtbetrag von 837.000 Schilling*) möchte er Kriegsanleihen, Renten (Gold-, Silber-, Papier- und auf verschiedene Währungen lautende Renten) sowie alle fundierten Bahnschuldcn begleichen. Ein abenteuerlicher Plan, dessen Verwirklichung auf Schritt und Tritt auf Schwierigkeiten moralischer, privat- und völkerrechtlicher Natur stößt, ein Plan, der die groteske Idee einer Zusammenlegung der Papkerrenten gezeitigt hat, die sich auch in Stücken zu 100, 20 und 6 Kronen befinden. Deren Zusammenlegung hätte also schon mit Rücksicht darauf, daß solche kleine Stücke nicht in einer Hand vereinigt sind, vor allem eine Überwindung der Naturgesetze zur Voraussetzung. An dieser Stelle zeigen sich die Grenzen der Wirksamkeit jener Zauberformel, geht der Widerstreit zwischen formaler imd materieller Rechtserfüllung über das rein Gesellschaftliche des Refundierungsproblems hinaus. So gewiß nun eine Ueberschreitung der Naturgesetze selbst noch so mächtigen Staatsmännern nicht möglich ist, so gewiß wird es ihnen nicht erspart bleiben, sich mit den Besitzern der Kronentitres auf friedlichem Wege auseinauderzusetzen. Es sei denn, sie entschließen sich, die Maske fallen zu lassen und die Enteignung von Besitzern „ewiger Rente" zu dekretieren, eine Enteignung, die das Ende der bürgerlichen Gesellschaft bedeuten würde. Eröffnung von ZaWellen der Saifse Kommune. Ts: VodenkEanstalt — Zahlstelle in Oesterreich. Die Allgemeine österreichische BodenkreLitanstalt wurde von der Caisse Commune als Zahlstelle in Oesterreich bestellt, und zwar werden von dem im Wege der Caisse Commune zu: Einlösung gelangenden Werten die 3 p : o z e n : i a e :t F r a n k e n Prioritäten der S:aats?iser.bahngeiellschasi (altes Netz und Ergänznngsnctz) unv die 4 p r o; e n i i g e n F r a n k e n p e i o r i t ä t e n vom Jahre 1900 voraussichtlich noch : ni Laufe ö'es Monats September bei den Kossen der Bodenkrcüitcnstalt zur Einlösung gelangen. Im Sinne bes Prager Akkords vom 14. November 1925 sind die Lpiozentigen Frankcnprioritä:en der Staatseisenbahngesellschast mit 27 Prozent des Goldfranker,, die tprozemigen Frankenp.ioritäreLi in französischen Franken zu honor-eren. Prager Accoud, Staturen und Reglements der Caisse Commune nebst anderen einschlägigen Materialien sann Erläuterungen wird die Berlagsabreilnng des VerbarLcs österreichischer Banken und Bankiers in Wien demnächst gesammelt herausgeben. *) Wese Ziffern sind der sehr lesenswerten Schrift von .Dr. Paul Stiaßny „Zum Problem der Rentenanfwertung in Oesterreich" (Wien und Leipzig, 1926) entnommen.! Ae Fkaakea-evlsea. Anhaltende Schwäche der Lira. Die Devise Mailand setzt.' auch gestern ihre rückläufige Bewegung fort und ermäßigte sich öis 16,88 gegen Zürich. Der französische F r a n k e n hat sich dagegen weiter befestigt und stieg bis auf 14,92; auch der belgische Franken lag etwas freundlicher und erhöhte sich auf 14,53. Der Len hat sture ansänglrchc Steigerung auf 2,52 nicht behaupten können, sonder»- schwächte sich ans 2,48 ab. Dev Ausweis der Bank von Frankreich. Die Befestigung der Devise Paris erklärt sich daraus, daß es der französischen Regierung möglich war, die vor einigen Tagen fällig gewesene Rate von 2,5 Millionen Pfund für England flüssig zu nrachen, ohne daß sie beit Devisenmarkt in Anspruch gcnommeit hatte. Diese günstige Situation des französischen Staatsschatzes, zweifellos eine Folge der Finanzmaßnahmen Poincares, bezw. erhöhter Steuereingänge, spiegelt auch der Ausweis der Bank von Frankreich vom 26. d. wider. Danach haben sich in der dritten Augustwoche die B or sch ü s se a n de n St aa t um 600 Milloueu auf 36,45 Milliarden, der Notenumlauf um 511,8 Mllionen auf 65,14 Milliarden Franken vermindert, Die Kreditdrosselungspolitik im Interesse der Währung äußerte sich in einer weiteren Abnahme des Eskomptes um 226,9 Millionen, des Lombard um 29,7 Millionen auf 5,74, bezw. 2,19 Milliarden Franke,, Die Guthaben des Staatsschatzes betraget: 91,6 Millionen und sind in der Berichtswoche um 83,7 Millionen Franken gestiegen. Lar tschechoslowakische Finanzprogramm. Erklärungen Dr. Englis'. Preßburg, 28. August. Finanzminister Dr. Englis erörterte in einer ausführlichen Rede das Finanzprogramm der Regierung. Es sei notwendig, die Staatswirtschaft umzubauen. Bor allem muß unser Finanzbudget im ganzen und in seinen Bestandteilen stabilisiert sein Bon den staatlichen Unternehmungen hatteil die Eisenbahnen 200 Millionen Kronen Reingewinn und mußten eine A »leihe von 600 Millionen für Jnvcstitionerr aufnehmen, überdies sei den Eisenbahnen noch ein Teil der Transportsteuer tu der Höhe von 15.' Millionen Kronen gegeben worden. Die Eisenbahnen werden bloß Investitionen in der Höhe dieses Betrages vorneh'.iun, aber keine Anleihe aufnehnten. Die Investitionen wer'o-'.i steigen und infolgedessen allmählich eine Verbilligung mit sich bringen. Das Gleiche ist auch bei der P o st der Fall, die schon in tiefem Jahre den ganzen Gewinn behält, nni den Ausbau der wichtigsten Lauer, die Automatisierung der Teleph-me uitb Investitionen zu Erfüllung der modernen Betriebsforderuugen durchführen zu können. Die wichtigste Frage ist die S t c u e r r c f o r ni. Damit des Budget in: Gleichgewicht sei, sind radikale S p a r:n a ß n a l> :n e n notwendig. In diesem Johr.- haben wir über 376 Millionen gestrichen. Nrr italieAikÄ-vasSAiuensische Handel. Vor kurzem wurde in Mailand ein nationales Institut für Anslandswirrschast begründet. Zweck des Instituts ist es, die Handelsbeziehungen zwischen Italien und ben* ausländischen Märkten, insbesondere den Märkten des nahen Ostens, zu fördern. Der Deputierte L a n f r a n c o n i, der Leiter dieses Instituts, sprach sich gegenüber dem J.-T.-J.-Vertreter dahin aus, daß die italienischen Wirlschaftskreise mit größter Aufmerksamkeit die ö k o n o m i s ch c Entwicklung Palästinas verfolgen. Italien hat großes Interesse daran, sehr bald in einen Kontakt mit dem palästinensischen Markt zu gelangen; man hofft, daß infolge der Aufbauarbeit des jüdischen Elements der palästinensische Markt in ttiht allzu ferner Zeit große Bedeutung erhalten wird. Die maßgebend Mt italienischen Wirtschaftsfaktoren sehen mit Anerkennung und Sympathie, wie der Aufbau des jüdischen Nationalheims in Palästina forlschreitet. Es wäre zu wünschen, daß die palästinensischen ökonomischen Körperschaften mit dem italienischen nationalen Institut für Auslandswirtschaft in Verbindung treten; solche Beziehnngen wären natürlich und schon durch dieLage der i t a l i e n i s ch e n Häfen bedingt. Der gestrig« Privatverkehr. Die freundliche Tendenz hat sich gestern mchr akzentuiert, wozu unter anderem auch die Erledigung des Lohnkonflikts mit den Postangeslellten beitrng. Gesucht waren vor allem Staatsbahn. Alpine, Rima. Salgo, Oesterr. Kredit. Auch Goldrente und verschiedene trrit S-Wervevsprechen ausgestattete Cisenibahnprioritäten standen in Nachfrage. Die Frage des Expreßfrachtverkehres zwischen Oesterreich und der Tschechoslowakei. Prag, 28. August. Das Eisen bahuministerium hat bekanntgegeben, daß nach den bisher geltenden Vorschriften der direkte Expreßgutverkehr zwischen tschechoslowakischen und österreichischen Stationen nicht zugelassen sei. Das Eilenbahnnttnistrriunt veryandelt aber schon längere Zeit mit der österreichischen Eisinbahnverwaltung über die.Einführung des direkten Expreßgntverkehres zwischen der Tschechoslowakei und Oesterreich und hofft, falls nicht unerwartete Schwierigkeiten ei„- treten, die entsprechenden Vorschriften in kurzer Zeit in Kraft' treten werden. Verhandlungen wegen des Verkaufes eines Werkes der Jnwakd A.-G. Prag, 28. August. Die Glaswerke Jnwald A.-G. verhandeln wegen des Verkaufes ihres Z l i ch o w e r Werkes und der umliegenden Grundstücke seit längerer Zeit mit der Staatsbah «Verwaltung. Die Verhandlungen sind soweit fortgeschritten, daß sich beide Parteien über den Preis geeinigt haben. Schwierigkeiten ergeben sich jedoch von seiten der Prager Genteinde, die sich zwar bereit erklärt hat, dem Kaufe zuzustimmen, aber nur unter der Bedingung, daß die Jnwald A.-G. aus einer anderen Stelle Groß-Prags ein Glaswerk errichte.- Die Gesellschaft tvird diese Bedingung aber kaum erfüllen. Wiederaufnahme der Arbeit bei der Brllnner Maschinenfabrik. Freitag fand in Brünn eine Versammlung der Arbeiterschaft der Ersten Brunner Maschinenfäbriks-A.-G. statt, bei der über die Beendigung des Streiks abgestimmt wurde. Die Abstimmung erfolgte in Kategorien, und in der Mehrzahl der Kategorien wurde die Beendigung des Streiks beschlossen. Die; Arbeit wird Montag wieder ausgenommen. Der Ausweis der Deutschen Reichsbank. Berlin, 27. August. Der Ausweis de: Reichsvonk vom 23. d. zeigt einen weiteren Rück-, gang der gesamten Kapitalsc,nla>gen in Wechseln, Schecks, Lombards. und Effekten um 40,9 au» 1167,7 Millionen Reichsmark. Die Be-, stände an Gold und dcckungssähigen Devisen haben sich um 21,6: auf 1876,9 M'llioncn Reichsmark verringert. Der Banknotenumlaufi verminderte sich um 165,6 auf 2753,1, der Umlauf an Rentenbank-! scheinen um 59,8 aus 1193,7 Millionen Reichsmar«. Die Deckung; des Notenumlaufs durch Gold allein besserte siH von 52,2 Prozen r auf 54,2 Prozent, die Deckung durch Gold und deckungsfähige Devisen von 66,3 Prozent auf 68,1 Prozent. Berliner Börse. Die Börse nahm gestern einen rechtPorten. Verlauf T'e zum Teil noch mit der Ulrimol'qrridation boschäfliate i Spekulation verhielt sich abwartend, so daß die Umsätze aus allen Gebieten keinen größeren Umfang a.rnahmen. Da aber U'ltimog-ld; in ausreichendem Maße zur Verfügung sicht, erhielt sich die schon j gestern hervorgrtretene freundlichere Veranlagung, so daß sich der j Kursstand arn fast allen Gebieten erhöh e. Später machte sich Realisationsneigung bemerkbar, so daß die Kurse teilweise abbröckelten und eine lustlose und abwartende Haltung einteat. , Die Hallcsche Stadtbank verliert zwei Millionen Gold-; mark. Berlin, 28. August. (Wolfs.) Wie die Blätter aus Halle, melden, soll die Hallesche Stadtbank infolge der Kreditpolitik des : Direktors Berger ein bis zwei Millionen Mark verloren haben.; Wie die „Vossische Zeitung" berichtet, habe der Regierungspräsident; einen Bericht über diese Angelegenheit eingefordert. Auch tu der Stadtverordnetenversammlung soll die Sache demnächst zur Sprache kommen. l^op^rlLkt 1926 by R. Löwit Verlag, Wien—Leipzig. 1. Fortsetzung. Fakar-daj. Gine jüdische Legende. Und eine lrübe Zeit kam über den reichen Süßkind und fein Hans. Es iwar in einer der nächstfolgenden Nächte. Totenstille lagerte bereits über her Stadt, da leuchtete plötzlich aus einer Ecke des Ghetto ein heller Schein auf, weithin das Dunkel um sich verscheuchend. „Feuer!" erscholl es herzerschütternd durch die friedliche Stille und von allen Seiten tonte bald dieser Ruf als schauriges Echo wider. Ta ward Plötzlich alles rege, in schreckenvoller Hast stürzte man herbei zu helfen und zu retten. Es war aber das Haus des reichen Süßkind, welches, bevor noch Quelle und Ort des Unheils recht erkannt werden konnten, schon von , allen Seiten in heller Flamme aufloderte. Und wunderbar genug schien das unersättliche Element sich diesmal nur auf einen abgemessenen Raum beschränken zu wollen; denn von all dem, was an das Haus und seine Nebengebäude grenzte, wurde auch nicht das geringste versengt, oöschon genug Nahrung für die beutelustige und hundert gierige Zungen emporreckende Flamme vorhanden sein mochte. In rascher Folge traf nun Süßkind ein Unglückssall näch den: anderen. Als wieder ein Jahr vergangen war, bewohnte der reiche Süßkind kein stolzes Prachtgebäude mchr; in ein kleines Häuschen hatte er sich geflüchtet mit den letzten Trümmern seiner Habe — aber Friede war mit ihm eingezogen. Keine Sorge, um den allzu großen Besitz beunruhigte mehr seine Seele, sondern in süßem Vorgefühl der kommenden heiteren Tage sah er die Zeichen der Hoffnung bei seinem Weibe sich mehren, das endlich zu seiner unaussprechlichen Freude ihn mit einem Söhnchen 'beschenkte, welchem schon in den ersten Tagen nach seiner Geburt das Licht Gottes, der kluge Geist, aus den klaren Augen strahlte. Und im Bewußtsein des schweren Opfers, das er für diesen .Sohn gebracht hatte, legte ihm Süßkind den Namen Jakar-daj Jettet genug) bei, Also war der Ausspruch Eliahu Hanabis ganz in Erfüllung gegangen. Süßkind Mandel war arm geworden, bald so arm, daß er sich zu den: gemeinen Dienst eines Schochet herablassen mußte. Der verachtete Schächter aber lebte, wie dies schon zu geschehen pflegt, zufriedener und in größerer Heiterkeit als einst der unersättliche Geizhals; er sah sein Kind blühend heramvachsen, sich immer schöner und klüger entfalten und eine Freude Gottes und der Menschen werden. In der Tat konnte es auch in kurzem keine lieblichere Erscheinung geben als den kleinen Jakar-daj. Dieser nahm täglich zu an äußerer und innerer Schönheit, das freundliche Antlitz strählte die Klugheit wider, die in seiner Seele wohnte und all feine kindlichen Reden und Taten verrieten eine weit über sein Alter hinausreichende Kraft des Verstandes und Urteils. Als der Knabe sein fünftes Jahr erreicht hatte, nahte sich ihm eines Tages sein Vater, um ihn — nach alter Sitte — selbst in den Cheder zu führen. Sie waren noch nicht lange gegangen und noch ziemlich weit entfernt von diesem Treibhause des Wissens, das. in schmutzigem, verfallenem Aeußern ihnen entgegenwinkte, als schon ein sinnebetänbender Lärm ihr Ohr erreichte. Es war der Cheder, aus dem diese einladenden Laute ertönten. BibÄverse, Talmudsprüchr, Flüche, Jammerschreie und.gellendes Gelächter bildeten ein Kreuzfeuer von Tönen, wie es wohl jeden zarteren Sinn zu verwirren imstande war. Jakar-daj stand'ein Weilchen still, erschreckt und beängstigt; von Entsetzet: ergriffen, klammerte er sich an seinen Vater, der nicht wenig Mühe hatte, ihn zun: Weitergehen zu bewegen. Endlich betrat das Kind die Schwelle des Cheders. Eine hagere, ausgemergelte Gestalt saß in der Mitte der Stube an einem Tische, der sich selbst darüber zu wundern schien, daß er noch immer aufrecht stehen konnte, also »vackelte er beständig hin und her. Hier Nxrren einige der Bachurim beschäftigt, den laufenden Abschnitt des Fünfbuches zu wiederholen. Daneben disputierten in rvütendem^ Eifer zlvei Talmudschüler eben „über das Ei, das die Henne am Jomtow gelegt hat", und da fetitcr dem anderen weichen wollte und der Streit sich immer mehr erhitzte, lagen sie sich endlich in den Haaren, bis der Magister 'wjjKen ihren Eifer und ihre .Haare trat. Dort wieder bot sich dem Auge ein Bi>ld ödelster Resignation: es waren vier Jungen, die, während ihre Häupter, in die Bücher geneigt, vom andächtigsten Wissensdrang erfüllt schienen, einander: unter dem Tische; eine erbitterte Schlacht mit den Füßen lieferten. Dort wieder schwatzten einige der liebenswürdigen Kleinen in gemütlicher Ruhe miteinander und ihr Lachen tönte nicht minder hell als; die Jammerrufe, die bald folgten, da der Stock des Lehrers mitten in ihre Heiterkeit und Sorglosigkeit fuhr. Sein nimmermüder; Stäb, der wie das böse Verhängnis drohend über aller .Häuptern; schwebte, wurde schon längst von einem Witzkopf der Gemeinde . weiland jenem des Moses verglichen, da auch er schon gespalten; und fließen gemacht. Jtt dieses Hans der Temperamente trat nun der kleine Jakar-daj. Wie unbeholfen auch der Unterricht sein rpochte, der; ihm nun bald -erteilt wurde, so verfehlte er doch nicht, in kurzetn i die schönsten Früchte zutage zu fördern; denn es ging wunderbar schnell und leicht mit ihm, utid sein ehremvevter Meister konnte : 'bald nicht aufhören, sein Lob auf allen Gassen und Straßen aus- ‘ züposaunen und jedem, den es nun kümmem mochte oder nicht, ' in seltener Redseligkeit zu versichern, daß solch ein Gedächtnis, solche wunderbare Leichtigkeit des Auffassens und Begreifens ihn: noch nicht vorgekommen sei, seit er die Ehre hatte, die wohlkonditionierte Jugend des Ortes zu belehren und zu bläuetr. Wirklich waren noch'keine sechs Wochen vergangen, als Jakar-daj! schon mit solcher Fertigkeit in seinem Sidnr die schwierigsten Stellen vorzutragen wußte, daß es eine ivahre Freude war, ihtt : zu hören. ■ Ms nach zwei Jahren der Knabe nach einer mit ihm vorgenommenen strengen Prüfung würdig befunden wurde, in die ■ Mysterien des Talmuds emgeweiht zu werden, hatte die Freude der Eltern ihren höchsten Grad erreicht. Doch unbeständig und tvechfelvoll ist das Glück; wer hat noch je auf seine Dauer baüetl können? Auch diese nun überglückliche Familie, die, geläutert aus der Feuerprobe der Drangsale hervorgegangen, endlich erkannt hatte, daß nur in heiteren:, zuftiedenem Herzen die wahre Freude, der echte Lebensgenuß tvtlrzle, sollte bald wieder jene traurige Erfahrung machen. Es tvar aber im Cheder, wo dieser verhängnisvolle Wechsel sich spann. (Fortsetzung folgt.)