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Wiener Morgenzeitung · 1926-07-29 · Heft 2669 (29.7.1926) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2669 (29.7.1926)
Date
1926-07-29
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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®rtft 6 Nr. SSM Dien, Donnerstag Volkswirt. Polnischer Mrtschastrbrlef. Di« panische Golddiskontbank. — Abnahme der Arbeitslosigkeit. — Der Rohölmarkt. — Belebung der Effektenbörse. Warscha u» 2t. Juli. Durch die Initiative der Bank polski wird hier in nächster Zeit eine Dollarbank ins Leben gerufen werden, deren Aufgabe es sein wird, die in Polen in großer Anzahl umlaufenden fremden Valuten und in erster Linie Dollar zu konzentrieren und produktiv zu verwenden. Die Dollarbank wird die Einlagen in Dollar wieder der Volkswirtschaft Zufuhren und langfristige Kredite in Dollar erteilen. Pressevertretern gegenüber äußerte sich ein hoher Funktionär der Bank polski über die Einzelheiten des Programms der Tollarbank folgendermaßen: Die Tätigkeit der Tollarbank wird zunächst in der Erteilung von Krediten für Produktions- und Exportzwccke bestehen. Tic Kredite werden nur in Dollar gewährt werden und innner für einen längeren Zeitraum als drei Monate, im Gegensatz zur Bank polski, die nur Dreimonatkredite in polnischen Zloty erteilt. Zum Aufgabenkreis der Tollarbank wird es auch gehören, das Diskontieren von Wechseln auf ausländische Banken zu besorgen. Die Bank hätte Kredite an Kaufleute und Industrielle zu erteilen, die mit ausländischen Kaufleutcu Verträge abgeschlossen haben und Nachweisen können, daß sie nach einiger Zeit fremde Valuten aus dem Auslande erwarten. Ferner wird die Dollarbank das Vertrauen des Auslandes zu polnischen Wechseln wieder herzustellen haben. Das Giro der Dollarbank wird sicherlich das Zweifellos bestchende Mißtrauen der ausländischen Banken zu polnischen Wechseln beheben und so die Anknüpfung neuer Kreditbeziehungen ermöglichen. Die Tollarbank wird sich insbesondere nrit jenem Teil der Industrie befassen, die Exportmöglichkeiten besitzt, also' in erster Reihe mit der Holz- und Kohlenindustrie und der Landwirtschaft. Der Hauptaktionär der Dollarbank wird die Bank polski sein, die auch die Kontrolle über die Tätigkeit der neuen Bank ausüben wird. Tie Vorbereitungen zur Gründung der neuen Bank sind schon fast zu Ende, und in nächster Zeit soll schon die Tätigkeit ausgenommen werden. Nach der amtlichen Statistik hat sich in der Zeit vom 3. bis 10. Juli die Zahl der A r b e i t s l o s e n in Polen um 5933 Personen verringert und beträgt jetzt 282.263. Die größte Abnahme der Arbeitslosen ist in der Bergbauindustrie, in der Glashüttenindustrie und in der Textilindustrie zu verzeichnen. Am Rohöl markt bemerkt man eine stärkere Tendenz infolge der Fusion der S i l v a - P l a n a mit der Limanov a. Der Preis des Rohöls der Marke Boryslaw beträgt 190 Dollar für eine 10.000-Kilogramm-Zisterne. Die Bewegung auf dem Markt der Bruttoanteile hat sich ein wenig belebt. Besonders wurden Anteile in der Krakauer, Dombrower und Tarnower Gegend gesucht. Die Preise der Bruttoanteile bewegen sich je nach der Naphthagrube (für ein Sechzehntels zwischen 80 Dollar und 340 Dollar. Tie Nachfrage nach Anteilen hat ihre Quelle darin, daß sie monatlich 4 Prozent des Kaufpreises einbringen. In der letzten Zeit hat aber die Regierung selbst einen Stillstand verschuldet, denn sie hat für die Bruttoproduktion nicht pünktlich die Wiener Moegenzettunk , entfallenden Anteile ansbezahlt. Heute zum Beispiel sind die Maianteile noch nicht ansbezahlt worden. An der E f f e k t e n b ö r s e herrschte diese Woche eine feste Tendenz. Das Spiel der Kulisse und die Einkmvfe, die häufig für Rechnung ansländischer Klienten der Banken durchgeführt wurden, konzentrierten sich anfänglich auf die führenden I nd u st r i e- und Bankpapiere. Die größten Schwankungen wies die Aktie der Bank polski auf, deren Kurs im Laufe eines Tages abwechselnd eine steigende unb fallende Tendenz zeigte. Die Umsätze haben sich bedeutend vergrößert, denn das Aktienmaterial, das bisher wegen der niedrigen Kurse thesanriert wurde, zeigt sich jetzt wieder auf dem Markt. Um ein richtiges Bild von den Knrserhöhungen zu geben, seien hier die Kurse der bedeutenderen Aktien, wie sie am 10. Juli in Geltung waren, den Kursen vom 23. Juli gegenübergsstellt: Warschauer Diskontbank 5.65 — 6.50, Bank polski 83.-79.—, Chodorow 5.-5.40, Warschauer Zucker 2.40 _ 2.85, Nobel 2.-2.37, Kohle 63.- 07.—, Staracowice 1.30 — 1.78, Ursus 0.73 — 0.85, Zielcniowski 11.— 11.50, Zyrardow 10_— 10.00, .Haberbusch 6.50 — 8.—. äprozcntige Konversionsanleihe 43.25 - 16.—. Ausfuhrüberschuß im Juni. — Gute Ernte in Sicht. Tie Ernte in Polen wird als übermittel be.eichnet. Nach dem statistischen Amt stellt sich das Ergebnis wie folgt dar r Welzen.15 Millionen Meterzentner (1925 15,8) Roggen.51 „ „ (1925 65) Gerste.15 „ . (1925 16,8) Hafer.31 . . (1925 33) Zur Ausfuhr dürften 50 bis 60 Taufen:» Meterzentner Getreide gelangen, deren Finanzierung der neuen Dollarbank übergeben wird. — Der Ausfuhrzoll für Getreide wurde aufgehoben. In Zuckerrüben und Kartoffeln wird mit einer guten Ernte gerechnet. Der Export Polens im Juni betrug 200125.000 Zloty, der Jrnoort 123,507.000 Zloty. Der Ausfuhrüberschuß belauft sich demnach auf 76,618.000 Zloty. AuSgeführt wurden r Kohle (+ 11,509.000), Textilien (4- 3,368.000), Holz (+ 1,082.000), überdi's Eier, Butter und Naphthaprodu'te. eine industrielle Transattio» der zentraleuropSifchen Länderbank. Option auf die Majorität der Charles Cabos A.-G. Nach uns zukomnrenden Mitteilungen hat die in enger Geschäftsverbindung mit der Zentraleuropäischen Länderbank, Wien, stehende Schokoladewerkc Deli A.-G., Lobositz, einen größeren Posten von Aktien der Charles Cabos A.-G. erworben, um in den Wiener Betriebsstätten der genannten Unternehmung neben den bisherigen Produkten der Firma Cabos auch ihre Spezialartikel zu erzeugen. Durch die Neugestaltung der zolltarifarischen Verhältnisse wurde der Iinport von Schokolade und Zuckerwaren unterbunden und die Einfuhr der Artikel der Deli A.-G. soll auf diese Weise durch Erzeugung in Oesterreich ersetzt werden. Unter Führung der Zentraleuropäischen Länderbank, Wien, ist diese Transaktion durchgesührt worden, welche zweifellos in dem Interesse einer Betätigung der österreichischen Industrie gelegen ist. 29. Juli 1926 Die Zentraleuropäische Länderbank, Wien, hat sich gleichzeitig die Option der Majorität der Charl«s-Cabo8-Aktien gesichert, und es werden in einer dem»,ächst stattfindenden Verwaltungsratssitzung Vertreter der Zentraleuropäischen Länderbank, Wien, und der Schokoladewerke Deli A.-G. fit die Charles Cabos A.-G. eintreteu. Falsche alarmlerende Nachrichten über den Gerkehr mit »er Tschechoslowakei. Das „Prager Tagblatt" hat in den letzten Tagen wiederholt die Nachricht gebracht, daß ab 1. Ä.tgust 1926 alle Wagenladungen in den tschechoslowakischen Grenzstationen urngeladen oder mit neuen Frachtbriefen aufgegebeu werden müssen, wenn sich der Absender nicht vorher die Bewilligung zur Durchfuhr oder Einfuhr ohne Umladung und ohn' Ncuaufgabe verschafft hat. Wie wir vom Prager Eisenbahnminrsterium erfahren, beruht diese Nachricht, die berechtigtes Aufsehen erregt hat, iu dieser Forn» nicht auf Richtigkeit. Sendungen mit direkten» internationalen Frachtbrief, die die tschechoslowakische Grenze in der T'«rchfuhr, Ausfuhr oder Einfuhr passieren, werden durch die beabsichtigte Verfügung der tschechoslowakischen Staatsbahnen i n keiner Weise betroffen. Die Neuerung bezieht sich nur ans jene wenigen Sendungen in Wagenladungen, die in der Arenzstc-tlon ohne Umladung nm ausgegeben werden und besteht dari;;, daß der Aufgeber solche Sendungen — in der Regel ein Zwischcnspediteur — sich kc'.pNick.ten muß, die durch ^ie Nenr.isgabe erwachsenden erhöhten Zollnebengebühren der Eisenbahn, zu bezahle:'.. widrigr „falls ihn» die N.u'.u.gabe ohne Umladung nicht gestaltet würde. Oesterreichische Nationalbank. Der Airsweis der Oesterreichischen Nationalbank nach dem Stande vom 23. d. zeigt eine Zn- »tahme des Barschatzes um rund 3,7 auf 637,1 Millionen Schilling, während die Kostdevisen eine Zunahme um 8,6 auf 113,2 Millionen Schilling aufweifen. Das Wcchselportefeuille ist wieder zurückgegangen, und zwar» um 3,7 auf 75,7 Millionen Schilling, und beträgt nicht einmal 10 Prozent des Notenumlaufes, der in der Berichtswoche.um »veitere 20,8 auf 796,8 Millionen Schilling abgenommen hat. Dieser Abnahme des effektiven Notenumlaufes steht eine Zunahme der Verbindlichkeiten aus dem Giroverkehr und anderer, sofort fälliger Verpflichtungen um 29,8 auf 114,9 Millionen Schilling gegenüber. Aufhebung des Preistreibereigesetzes. Die Kammer für Handel, Gewerbe »lnd Jndllftrie in Wien hat im Namen der wirtschaftlichen Spitzenkörperschaften, welche wiederholt die Aufhebung des Preistrcibercigesetzes gefordert haben, die Aufhebung der Preistreibereigesetzgebung durch den Deutschen Reichstag zum Anlaß genonlmeu, um die Regierung nerlerdings aufzufordern, die Aufhebung des Preistreibereigesetzes unverzüglich in die Wege zu leiten. Zollfreiheit für Bleche in Formaten, die in Oesterreich nicht erzeugt werden. Von der Kammer für Handel, Gewerbe und Industrie in Wien wird mitgeteilt, daß das Bundesministerium für Finanzen — einvernchmlich mit dem Bundesministcrium für Handel und Verkehr — für jene ab 22. d. zur Verzollung kommenden Bleche, für welche seinerzeit mit Erlaß vom 3. Februar 1926 der zollermäßigte Bezug gewährt'wurde, die volle Zollfreiheit bewilligen wrrd. Derartige Be»villigl»ngen iverder», um Mißbräuche hintarnuhalten, in Hinkunft dur den verbrauchenden inländischen Industrien (Betrieben) erteilt toerden. Beim Bezüge durch Händler sind daher die erforderlichen Ansuchei» stets (Nachdruck verboten.) - (1. Fortsetzung) Ae Einweihung des Tempels. Bon Binjamin Segel. '(A u s dem Z y k l u § „B e r f u n k e n e Welte »".) ,^Ja, lieber Freund, das ist hier nicht so wie dort bei uns, draußen auf der Provinz. Hier sind wir zivilisiert. Wissen Sie, was das heißt? Na, ich werde Sie schon hineinöringen, Sie und Ihre ganze Schar. Sagen Sie doch, wie geht es den Leuten dort unten? Wissen Sie noch, wie wir Nächte lang 'bei Ihnen im Zimmer zwischen den vielen dicken Büchern saßen und schwatzten? Das waren schöne Zeiten . . . Aber jetzt besuchen Sie mich?cch, da Tie nun einmal hier sind. Nicht wahr? Und nun kommen Sie!" Der Fürst faßte den Rabbiner unter dem Arm und sie näherten sich dem Spalier. Tie funkelnden Zylinderhüte wurden gelüftet. Tie schneeweißen Vorhemden verschwanden schier unter den gebückten Köpfen, die- Glatzen schimmerten. Der Vorsteher richtet sich auf und öffnet den Mund. Aber der Fürst reicht ihm die Hand und' klopft ihm dann gemütlich ans die Schulter: „Schon gut, schon gut, mein Bester. Ich weiß. Sie wür- .den mir einen großen Gefallen tun, wenn Sie den Herrn Rabbiner, der mein alter, lieber Freund ist, auf einen sehr guten Platz führen wollten. Ihn und seine Schüler. Nicht ivahr, Sie werden die Güte haben?" Der Statthalter sprach sehr höflich, aber in seiner Stimme lag jener besondere Klang, vor dem das ganze Land zitterte. „Zu Befehl, Durchlaucht", hauchte das Spalier wie aus einem Munde. * Der Rabbi und seine zehn Jünger faßen in der ersten Reihe des Mittelschiffes und kennten sich vor Staunen und Bewunderung nicht fasse»». Ter alte Mann, der sein halbes Leben aufrecht und nrit erhobenem Haupt, ein Führer, ein Lehrer und ein Richter, unter seinem Volke gestanden hätte, fühlte sich hier selsam beklommen und fast gedemütigt. Den »tngehenren, fensterlosen Rannt erfüllte kaltes, gelbliches Licht unzähliger elektrischer Lampen. Mächtige Säulen reckten sich in die Höhe, wo das emporblirkende Auge sich verlor, und zwischen den Säulen wölbten sich bald runde, bald spitze Bogen, die die vbereil Galerien trugen. Was aber : die Augen des alten Rabbi am stärksten anzog, das war die ' Bühne, die sich einige Schritte vor ihm erhob. Bon der Mitte des Raumes, wo sie in altinodischen Synagogeit stand, hatte j; fU hier den Sprung nach vorne gemacht und dehnte sich, von j einer niedrigen Marmorbalnstrade umgeben, unter einem schweren Purpurteppich bis tief in die Nische dort oben hinein. Ein Altar unter einer goldgestickten Decke erhob sich, drei große, goldene Leuchter tragend, hinter dem Altar — was war das nur? Ein Schrein? Eine Kapelle? In blinkend weißem Material wundersam zart und fein geschnitzt, schien es in der Luft zu schweben und umrahmte das Allerheiligste, die Bundeslade, die ein schwerer Vorhang im Goldbrokat verhüllte. Davor hing an einer silbernen Kette eine kleine Oellampe hernieder . . . Wie groß und herrlich war das' alles. Ein würdiger Tempel des großen Gottes. Und wie klein, ärmlich und wochentäglich erschien ihm die Synagoge dort unten in seinem Heimatstädtchen. Was er bedauerte, war nur, daß er sich nicht gehörig nach allen Seiten unlwenden konnte, rrm alles genau in Augenschein zu nehmen. Ringsum herrschte tiefe Stille, obgleich die Reihen gedrängt voll waren und oben in den Frauengalerien es förnrlich hell war von den vielen lichten Sommerkleidern und den blumengeschmückten, Weißen Hüter», die sich übereinander türmterr. Alle saßen steif und stumm» Und wenn einer eine Bewegung machte, wurde er sofort zurechtgewiesen. Es streiften nämlich zwischen den Abteilungen auf den teppichbedeckten Gängen einige hochgewachsene, kräftige Männer mit seltsamen Käppchen und in langen Talaren und hatten auf die Anwesenden ein tvachsames Auge. Später Ankommende wurden von ihnen stillschweigend zu den leeren Sitzen geführt. Aller Augen waren in spannungsvoller Erwartung auf die Bühne gerichtet, als sollte dort ein ungewöhnlich sehenswürdiges Schauspiel beginnen. Aber die Bühne blieb noch immer leer, nur der Schrein im Hintergründe blinkte weiß und der Vorhang schimmerte und leuchtete! Die Spannung steigerte sich und bemächtigte sich des alten Rabbi immer mehr, aber zugleich beschlich ihn ein seltsames Gefühl der Fremdheit. Diese Welt war so ganz verschieden von der, in welcher pr seit seiner Kindheit geatmet. Er suchte vergebens in seiner Erinnerung, in seiner ganzen Seele nach einem Anknüpfungspunkt, nach einer Anlehnung Und Verbindung. Cr wußte nicht, was es war, das ihn von dieser Welt schied, aber sie war so ganz und gar anders. War das das Neue, Große, war das die Verjüngung? ... Während er sann, traten von zwei entgegengesetzten Setten zwei Männer an die Bühne heran, sie waren in weite, w.lllcnX'. jchwarzse.drne Tälare gehüllt und trugen eine l?l:- sain geformte Kopfbedeckung, beinahe wie die christlichen Geistlichen. Langsam und feierlich stiegen sie die Stufen hinan, und traten an der» Altar, verbeugte»» sich vor dem Vorhang unb gingen dann jeder auf seinen Platz. Alsbald trat ein dritter Mann auf, stieg langsam und feierlich die Stufen zur Bühne hinan, trat vor den Altar, verbeugte sich, richtete sich wieder auf und stimmte eir»en Gesang an. Der alte Rabbi horchte hin. Gesang war seine besondere Leidenschaft und in jüngeren Jahren war er selber ein großer Säitger vor dem Herrn gewesen. Er horchte, ganz Ohr, aber er verstand kein Wort. Auch die Melodie in ihrer feierlichen Getragenheit klang ihm so fremd, ließ keine Saite in seiner Seele Mitschwingen, als hätte er nie etwas Aehnliches gehört. Und ringsum saß alles reglos da, ein Ausdruck verhaltener Neugierde lag auf den Gesichtern, lautlos hörten sie dem immer mehr sich entfaltenden Gesang zu, teilnahmslose Zuschauer, die abwarteten, was sich vor ihnen abspielen würde . . . War das das Nene und Große, war das die Verjünguttg? Dieser wohl abgetönte Gesang schien auf die Menge gar keine Wirkung zu üben, er erwärmte sie nicht, riß sie nicht hin. Kein Jubelruf entrang sich ihrer Brust, aus den Reihen kam kein Aufschrei, in welchem die Seelen zusammenschmelzen und sich emporschwingen. -.Erstarrt in ihrer Wohlerzogenheit saßen sie da und blickten mit höflicher Neugierde auf den Mann am Altar, der wie eine Statue dastand und aus dessen Kehle die herrlichsten Töne emporquollen. Jetzt zuckte der Alte zusammen. Ein Knabcnchor erscholl, weiche, klare Kinderstimmen schwebtenwie ein silberheller Rogen irgendwo aus unsichtbarer Höhe nieder. Dein Alten war es, als wendete sich ihm das Herz im Leibe u»n. Es erfaßte ihn ein ungeheures Heimweh nach seinem kleinen, verfallenen Städtchen, das' er mit leiblichen Augen vor sich zu sehen glaubte . . . Freitag Abend. . . die Leute eilen aus dem Bad heimwärts, um sich für den Abend umzukleiden. Aus dem Platz vor der Synagoge stehen kleine, barfüßige Mädchen und streuen aus ihren Schürzen Körner und Brosamen den Tauben und freuen sich, wie die lieben Vögel ans ihrem Nest in dem hohen Dach des alten Gobäudes herbeisliogen. Im Innern flackern die Lichter ans, und das Abendrot dringt durch die geöffneten Fenster, und in dem Laub der nahen Bäume raschelt leise der Wind. Müde und abgeavbeitete Gestalten in fadenscheinigen Sabbatgewändern füllen nach und nach den Raum, jung und alt, Arme und Reiche mengen sich durcheinander, ein heiteres Geplauder, und jeder setzt sich auf feinen Platz. Der Gesang erschallt und entzündet einen Funcken in ihren Seelen ... Wo beten hier denn die Arm?» . . .? (Schluß folgt.)

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