Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2664 (24.7.1926)
- Date
- 1926-07-24
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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. Wien, Samstag . Wiener MorgerrzettAttS ' 24. Juli 1926 Nr. 2664 Sühne und Kunst. „Sa» RadlomSdel". Biirgertheater. Es ist ein Vorteil für die prominenten D «chmacher und Operettenkomponisten, daß diese bescheidentl ch „Operettenschwank" betitelte Novität im Hochsommer in Szene geht. Das Libretto von Zcrlett ist nämlich wirklich lustig, die flott durch« geführte Handlung erinnert durch Tempo und Witz an die französischen Schwänke, und dem Komponisten Paul Weiner ist nicht nur eine Musik gelungen, die einschlägt, sondern er hat auch eigene Einfälle und entwickelt streckenweise, insbesondere im Finale des zweiten Mtes, bemerkenswerten Humor. Die Operette, die auch vortrefflich ausgeführt ist, wäre den Serienerfolgen Her Arrivierten im verfloffenen Winter eine gefährliche Konkurrenz geworden. Norbert Fels ist ein Opereltenkomiker von Rang, verfugt über nicht gewöhnliches parodistisches Talent und ist in mancher Tanzszene zwerchfellerschütternd. Auch zwei andere Gäste, Miz;i Zampa und Fred Kurt, haben ihre Qualitäten. Das Ensemble des Bürgertheaters unter der Leitung der Frau Rose L i s ch k a - R a o u l kann sich sehen lasten. Paula B r o s i g, das heitere, liebenswerte Wiener Geschöpf, sieht und hört man immer mit Vergnügen. Im Tanzgesang hat sie jetzt schon ihre eigene Note. Cilli Toegel ist wieder außerordentlich lustig, Anny K o t t y singt angenehm und Herr van Buren ist sehr sympathisch. Auch alle anderen Mitwirkenden voll Verdienst, die Inszenierung geschmackvoll, bei aller Sparsamkeit vornehm — ein amüsanter, abwechslungsreicher Abend. A. Ser Thespiskarren. Ein nachahmenswertes Beispiel. Eine deutsche Theatergesellschaft, die Sächsische L a ndcsbühne, hat den Thespiskarren wieder zu Ehren gebracht. Mit zwei Kraftwagenzügen bereist diese Theatergesellschaft, die von der sächsischen Landesregierung gefördert wird, das ganze Land und bleibt nicht in den Landesgrenzen, wenn man sie von auswärts anfordert. Durch eine zweckmäßige Organisation ist diese Wanderbühne in der Lage, ein Bühnenwerk jetzt schon in.60 und mehr Aufführungen herauszubringen und kann es daher sorgfältiger ausstatten und besetzen als ein stehendes Theater, welches — sofern es sich nicht um fragwürdige „Schlager" und Erzeugnisse der Operettenindustrie handelt — mit einer Maximalzisfer von acht Aufführungen rechnen muß. Für die Provinzorte ist eine solche Wanderbühne ganz bestimmt den Gelegenheitsgastspielen der Theater der Hauptstädte vorzuziehen. Die Sächsische Landesbühne sendet uns ihre periodische Druckschrift zu, welche über den Spielplan bemerkenswerte Auskunft gibt. Da findet man neben Goethes „Faust" (erster Teil) und „Geschwister" und „Iphigenie" Kleists „Zerbrochenen Krug", Björsons „Fallissement", Grillparzers „Sappho", ferner Anzengruber und Georg Kaiser, Bernhard Shaw und Hermann Bahr. Und man findet auch die Bemerkung: „Die aus dem Spielplan des Vorjahres übernommenen Werke werden in den bisherigen Spielorten nur auf besonderen Wunsch wiederholt." Die uns vorliegenden „Blätter der Sächsischen Landesbühne" geben Einblick, wie diese Vereinigung von.Schauspielern an ihrer Aufgabe, in die Breite zu wirken, gewachsen ist, wie sie die Möglichkeit, in viele Gemeinden die Bühnenkunst zu bringen, mit Verantwortungsgefühl erfüllt. Sie werden Erzieher ihres Publikums.. Dafür soll das nachstehende humorvolle Zitat aus dem in diesen Blättern enthaltenen 2lppell „An unsere Theaterbesucher!" angeführt sein, „Drängen Sie nicht!" „Ich dränge nicht. Sie drängen." „Schreien Sie nicht mit mir. Sie sehen ja, daß ich mir nicht helfen kann." „Warum Plötzlich diese Eile? Warum diese Nervosität? Die Vorstellung hatte ebensogut fünf Minuten länger dauern können. Niemand hätte sich von seinem Platze gerührt. Sie hätten auch eine halbe Minute früher schließen können und die Ungeduld in der Garderobe wäre nicht geringer gewesen. Das Geschrei, das Schieben und das Stoßen, die Rücksichtslosigkeit — es wäre'genau dasselbe Biw gewesen. Wird die Perteilung der Mäntel dadurch früher beendet sein, wenn auch die Garderobenfrau von zehn Seiten zugleich angeschrien, wenn ihr zehn bunte Zettel in die Hand gedrückt werden? Würde sich an dem Tempo der Abwicklung des ganzen Geschäftes, das ohnehin nicht mehr als sieben Minuten in Anspruch nimmt, das Geringste ändern, wenn die Damen und Herren, die es sonst — vor und nach dem Theater — gar nicht so eilig haben, ruhig abwarten würden, bis die Reihe an sie kommt?" Auch sonst geben diese Blätter der Sächsischen Landesbühne erquickliche Kunde von einem gesunden, erfolgreichen, frohen Theaterbetrieb. Das Beispiel ist nachahmenswert, sollte, müßte Schule machen. Um auf eine uns Juden naheliegende Angelegenheit zurückzukommen: Was könnten die Wilnaer, was könnte die Habima für die jüdische Kunst, für die Erziehung des Volkes leisten, wenn ihnen eine solche Organisation der Theatergemeinden, wenn ihnen solche prachtvolle Kraftwagenzüge zur Verfügung ständen, wie sie in diesen Blättern mit der stolzen Anschrift: Sächsische Landesbuhne, im Lichtbild zu sehen sind! Au» den Theatern. Raimund-Theater. Kommenden Freitag gelangt der Schwank .Liebe und Trompetenblasen" von Hans Lachwitz zur ersten Aufführung. Magda Garden spielt die lvetbllche Hauptrolle. ■ Die Arena-Bühne auf der Hohen Warte wird — günstiges Wetter vorausgesetzt — heute Samstag mit „Der Zigeunerbaron" eröffnet. Beginn halb 8 Uhr. Sonntag, halb 8 Uhr, ,.C a r m e n". Die wegen des schlechten Wetters abgesagte Tannhäuser"-Aufführung wurde aus Dienstag den 27. d. verlegt. Kartenumtausch bei den Kassen der Hohen Warte. Die Theatervorstellungen der Gemeinde Wien für die Schuljugend. Die Wiener Gemeindeverwaltung hat im März und April für die Schulkinder der Wiener Volks- und Bürgerschulen eine Reihe von Theateraufführungen veranstaltet. Es wurden zunächst die Kinder von unbemittelten Eltern berücksichtigt. Für die Kinder in den städtischen Waisenhäusern wurden Märchen- Vorstellungen gegeben. Die Kosten dieser kommunalen Bildnngsarbeit betragen rund vierhundert Millionen Kronen. Im Hewst werden diese Theaterausführungen fortgesetzt werden. Georg Reimers braucht für seine Freikarten keine Steuer zu bezahlen. Der Burgschanspieler Georg Reimers hat im Jahre 1921 als Gegenwert für seine völlig entwertete Gage das Recht erhalten, täglich zwei Freikarten zu beziehen. Im Jahre 1925 wurden ihm die Karten jedoch.nur gegen Entrichtung der vorgeschrie-benen Lustbarreitssteuer altsgefolgt. Reimers klagte deshalb auf Feststellung der Steuerfreiheit oieser Sitze, wurde jedoch in erster Instanz angewiesen. Das Berufungsgericht teilte aber den Standpunkt Reimers und erkannte zu Recht, daß ihm die Karten ohne Entrichtung der Steuer ausgefolgt werden müßten. Das Burgtheater hat als Veranstalter nach dem Geisetz über die Lu-stbavkeitsabgabe die Steuer zu entrichten und darf sie nach der mit Reimers seinerzeit getroffenen Vereinbarung nicht auf diesen überwälzen. Bernard, Vater und Sohn, ausgezeichnet. Die Academie Francaise hat den beiden Dichtern Tristan Bernard und dessen Sohn Jean Jacques Bernard für ihre letzten Stücke Preise zuerkannt. Der jüdische Dichter Menachem in Warschau eingetroffen. Nach zwölfjähriger Abwesenheit traf heute der jüdische Dichter Menachem (M. Borescha) in Warschau ein. Noch lange vor dem Krieg begann Menachem seine schriftstellerische Tätigkeit mit einer ganzen Reihe lyrischer Dichtungen. Er war damals in Warschau der Liebling der Äiteratenkreise, mit Jehuda Leib Perez und David Frischmann an der Spitze. In Amerika erwies er sich in einigen größeren Dichtungen („Zawl Rimer" und „Gilgul") auch als talentvoller Epiker. Menachem ist in New- Aork auch journalistisch tätig und arbeitet dort an jüdischen Zeitungen mit. __ »eteltte, Vorträge und Versammlungen. Zionistische Kulturgruppe XX Karl-Meißl- Straße 5/1. Heute, 8 Uhr abends, Referat des Herrn Samuel Steg über: .Die jetzige Lage in Erez Israel." Morgen, V»2 Uhr nachmittags, Ausflug unter Führung des Herrn Silberbusch. Serichtssaal. affilier un» Stzanffeur. Zweiter Verhandlungstag. Marschau, 22. Juli. Nach eintägiger Unterbrechung wurde gestern d e Verhandlung gegen den Hauptmann P a w l i t o w S k t, der einen Chauffeur erschossen hot, weitergesührt. Alle Latzeugen, sowohl der Kommissär BaranowSki als auch der PolizeifÜhrer E t t i n g e r und der Polizist Katschorek belastendenAngeklagteu und erklären, daß der Chauff e u r den Offizier erst .Lausbub" genannt hatte, nachdem PawlikowSki ihm diese» Wort zuerst zugerufen hatte. Ettlnger erttälte auch, daß der Offizier den Revolver schon wahrend der Antwort de« Chauffeurs r .Sie sind selbst ein LauSbub" aus der Tasche zog. Die Verhandlung wird morgen fortgesetzt. Auf der Flucht vor der Frau «nd dem StMerexekutor. Der Spediteur O. R. hatte wegen einer Steuerschuld von 14.000 Dinar nein Speditionsgeschäft in Jugoslawien im Stiche gelassen undttt Wien einen Posten mit 100 Schilling Monatsgehalt angetreteu. 1Er hatte jedoch das Pech, «bald abgebaut zu tverden. Run versuchte er, sich als „wilder" Gepäckträger beim Südbabnhof fortaubringen, doch ging es ihm so schlecht, daß er schließlich ans ffolgendm Schwindel verfiel. Er kaufte leere Kisten, füllte sie nnt Holzwolle. admstierte sie schön und gab sie unter falscher Deklara- -twn an fingierte Adressen auf. Auf diese Nachnahmesendungen (liefe er sich von der Bahn Vorschüsse in der Höhe von insgAmt *46 Schilling ausbezahlen. Hievon bezahlte er den fälligen Zins, sich vor der Delogierung zu retten, von dem Rest rauste er wieder Kisten und Holzwolle, um dieselbe Manipulation m,t der Donau-Dampfschifsahrts-Gesell-schaft zu versuchen. 'Inzwischen -machte die Su-dbahndirektion jedoch die Anzeige und N. wurde verhaftet. In seinen: Besitze fanden'sich außer den bereits heraerichteten Holzwollkfften nur noch 17 Schrllrng Bargeld. Bei der Verhandlung vor dem Bezirksgerichte Margareten (Landesgevichtsrat Dr. H e r k l o tz) legte der Angeklagte ein reuiges Geständnis ab Richter: .Warum haben Sie eigentlich Ihr Kvemlich gut gebendes Speditionsgeschäft sanrt Frau und Kind im Stiche gelassen?" Angeklagter: „Ich habe es mit meiner Frau mcht ausgehalten; dazu kam noch die Steuerschuld. Da habe ich den Mut verloren." Richter: ,Mas hat Ihnen denn Ihre Fvau getan?" Angeklagter: ,Herr-Richter, das kann ich Ihnen hier nicht erzählen. Es ist zu schrecklich. Ich kehre nie rm Leben mehr zu ihr zurück. Ihr habe ich mein ganzes Unglück zu verdanken. Nach meinem Abbau ist es mir hier furchtbar schlecht gegangen. Als Gepäcksträger habe ich ungefähr 60 Groschen nn Tag vevdwnt. Meine Vermieterin ist eine Holsvatswitwe. die von meiner Lage keine Ahnung hatte. Den Zins mußte ich bezahlen. So bin ich auf diese Idee verfallen." Der Richter verurteilte den AngeN-agten zud r e i T a g « n A r re st, die durch die überftandene Untersuchungshaft bereits verbüßt sind. . Einer, der sich für Geld lebendig begnaden lassen will. Der evst 17 Jahre alte Johann Tesar hat trotz feiner Jugend em reichbewegtes Leben hinter sich. Er wurde von verschiedenen Ju'gendgerichten wegen verschiedener Betrügereien, Verleumdung und öffentlicher Gewalttätigkeit abgourtevlt. An verschiedene Personen hatte er Drohbriefe mit der Unterschrift „Geheime Schwarze Hand" gerichtet, die aber bei den Bedrohten keine sonderliche Furcht erweckten. Tesar. wollte die HungerMnftler überrrumpfen und erbot sich in Innsbruck zu einer sonderbaren Schailftellung gegen Eintrittsgeld: Er wollte sich in einem Sarg begrabe in lassen u nd eine halbe Stunde lang in der Erde bleiben. Die Innsbrucker Pol-iFsi verbot aber ' diese .Porführung". Dann verfiel er auf den Plan, eine Reise um die Welt zu abwvvieren und sich als „Globet r o t.t e r" Geld zu verdienen. Diese Reise um die Erdkugel trat, er -gemeinsam mit seiner Gelebten, -der um sieben Jahre älteren, püstenlosen Servievkaffevin Berta Christ an, die gleichfalls wie.de r,holt abgestraft ist. Weit kam aber das Paar auf der .Weltreise" nicht. Wegen verschiedener unterwegs verübter Betrügereien wiirden sie noch auf Tiroler Boden verhaftet. Die beiden, hatten überall ihr Alter gewechselt, indem Tesar sich als 24-jährig, Berta Cy r i st l als ITfährig ausgab. Das Innsbrucker Lamdesgericht verurteilte Johann Tesar äu anderthalb Jahren schweren Kerkers und zur nachyerig-en Abgabe in erne Besserungsanstalt, Berta Christ wurde wegen Mitschuld an mehereren' Betrugsfakten zu iffvf Jhpritrtetlff Der Jahrmarkt von Rohaatz. Novelle von Binjamin Segel. (4.Fottsitzung (Aus dem Zyklus „Versunkene Wetten".) „Wir werden es kurz machen, gnädiger Herr!" sagte Berl. „Wir sind schon beim Jischtabbach. Nur Borchu sagen wir, dann Schema und Keduschah. Es wird nicht lange dauern." Er wendete sich um, stellte sich an die Wand und fing mit lauter Stimme den Hymnus an: jischtabbach . . . Gepriesen fei dein Name, in Gvigkeit, König unser, Gott, der du bist der große Herrscher, der Heilige, im Himmel und auf Erden. Denn dir allein, ewiger Gott, Gott unserer Väter, ziemt Lied und Preis, LoHnuch und Gesang, dein ist Sieg, Größe, .Heldentum, Herrschaft und Pracht, hie Heiligkeit und das Reich ..." Aber Berl hatte sich verrechnet. Die anwesenden Arbeiter und Bauernburschen, schon etwas angetrunken und von der Gegenwart der Bauerndirnen zum Uebermut angereizt, fingen an, dreinzubrummen, zu lachen, grobe Spässe zu treiben und den Gesang nachzuäffen. Selbst die Anwesenheit des gefürchteten Großgrundbesitzers flößte ihnen keinen Respekt ein, da er sich unter diese armseligen Juden gemischt hatte und es ihnen gleichtat. In ihm kochte die Wut auf. Am liebsten hätte er ausgeholt und eine reichliche Portion Ohrfeigen ausgeteilt, aber er scheute sich, den angefangenen Gottesdienst zu stören, und sein Ingrimm wandte sich gegen diese Juden, die den seltsamen Einfall hatten, hier in diesem Wartefaal des Bahnhofes mitten unter einem halbbetrunkenen Pöbel sich eine Synagoge zu eröffnen, als wären sie bei sich zu Hause. Dieser verdammte Buckel, der ihn beredet hatte, hereinzukommen . *. Er nahm sich vor, ihm später eine Lektion zu geben, an die er denken sollte.. . . Solch eine Patsche . . .! Nun stand er da, zusammen mit Labik dem Buckel, Tawid dem Viehhändler, Salomon dem Glaser, dem Getreidemakler, dem Schneider und dem Haubenmacher, als wäre er ihresgleichen und nicht Steiner, der Großgrundbesitzer, Herr wi drei großen Gütern, vor dem die Bauern zitterten, der mit Grafen und Baronen tafelte und zur Jagd ritt . . . Welch eine Schmach . . .! Diese gemeinen Kerle werden das in der ganzen Welt herumerzählen, die Damen auf den Gütern und in der Stadt werden es erfahren . . . Man wird, ihn auslachen... Die Frau Bezirkshauptmann, für die er jetzt eine Menge'köstlicher Dinge mit sich führte und die er in einem reizenden Neglige im Garten promenierend anzutreffen hoffte, während der Bezirtshauptmann sich noch schläfrig im. Bette wälzte . . . Brr . . .! In welch eine Patsche war er da geraten . . .! 'Man muß sich von diesen Juden sernhalten, so fern als nur möglich, und nichts mit ihnen gemein haben . . . Man erntet nur Schande und Spott von ihnen und kommt um sein Ansehen in der ganzen Umgegend ... Der Vorbeter jedoch, unbekümmert um das höhnische Gebrumme und das Lachen im Saale, sang seinen Hymnus mit einer steigenden Wärme und Schwung und schloß: „. . . Herr aller Weltwunder, der du Wohlgefallen hast au Sangesliedern der Menschen, König, Gott, der du lebst ewiglich!" Hier hielt er inne und Labik benutzte die Pause, um „auszureden".*) Er sagte: „Gehen wir lieber hinaus in das Wäldchen, dort zwischen den Bäumen sind wir ungestört!" Der Einfall war gut. Sie ^rafften ihre Siebensachen zusammen und gingen hinaus in den von einem Gitter eingefaßten kleinen Hain vor dem Stationsgebäude. Der GroßgrurMositzer folgte, wütende Blicke um sich werfend und die Fäuste in den Taschen ballenb. Er war da in ein Netz hineingeraten, von dem er sich nicht freimachen konnte . . . Das sollte ihm nicht wieder passieren .... Der Vorbeter stellte sich neben einen Baum hin und fing das Kaddisch an, als. wäre nichts vorgefallen. „Erhöht und geheiligt werde fein großer Name in der Welt, die er geschaffen hat nach seinem Willen . . ." *) Durch profane Rede das Gebet zu unterbrechen, was nur im Notfall gestattet ist. ,Imen!" -hallte es -wider. „Borchu ech Monaj ha mevorach! Lobet Gott, den Hochgepriesenen!" Alle Köpfe neigten sich tief und wie aus einem Munde kam es: „Gepriesen sei der Ewige, der Hochgepriesene, immer und ewig!" Tautropfen funkelten an den grünen Blättern in allen Farben des Regenbogens. Die Sonne war aufgegangen und streute unzählige goldene Lichtflecke über das grüne Gras, wob einen schimmernden Schleier um die verschlissenen und zerfaserten TaleMm der. betestden Männer und umstrahlte die verbttchenen Thephillim mit dem Namen Gottes über ihren Stirnen. Würzige Düste schwebten in der Lust. Die Welt füllte sich mit Licht und Leben. „Du hast das Licht gebildet und du hast die Finsternis geschaffen, du stiftest Frieden zwischen ihnen, du wirkst das Weltall!" sang der Vorbeter. Die Vögel waren in den dichten Laubkronen ertvacht und -stimmten laut Zwitschernd ihr fröhliches Morgenlied an. \ „Tu erleuchtest die Erde und alle, die sie bewohnen, in deiner Barmherzigkeit. In deiner Güte verjüngst du das Werk der Schöpfung jeden Tag von neuem, immerdar. Wie herrlich sind deine Werke, o Gott, alle hast du mit Weisheit gemacht, die Erde ist voll deiner Besitztümer . . ." Nun hatten sie den Jahrmarkt und den Zug ganz vergessen. Sie gaben sich dem Mgenblick hin und dem Rausch, der zu ihnen aus der Tiefe dieser tausendjährigen Gesänge aufstieg. Nur der Großgrundbesitzer wurde etwas unangenehm aufgerüttelt, als die dralle Dienstmagd Hanka trällernd vorbeikam und ihm, vertraulich lächelnd, halb spöttisch zuMnzelte. Es war ihin unsagbar Peinlich, daß sie ihn in dieser Gesellschaft sah. Er wandte das Gesicht weg . . . ,Heilig, heilig, heilig ist der ewige Gott der Heerscharen, voll, ist die ganze Erde von seinem Glanze!" rief der Borbeter und alle fielen mit lauten Stimnien ein. (Fortsetzung folgt.)