Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2647 (7.7.1926)
- Date
- 1926-07-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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jPolen: aSaroszv | Wien: Zum Abhoien in der Expedition, ll-Taborstr. 1*3, oder in einer Veracbleisstelle fTiaftk) moneti. 5 Schilling Sttaesenvecfcaiif in Wien durch die Kolporteure der Firma 0 o 1 d sch mied, U WoHaefle 11 Mit Poetversand für Wien und Oestenefch monatlich 5 SchMMng i s oh e c fco- $1 owalref: Mon. K2L Nrgoatsvlen: Mon. Din. 60. Polen: Mon. 6Zloty. I>etttechland: Mon. Gm. 4, Frankreich, Belgien: Mon. Fies. 25 ftAduMhtaagea bei Frei»» 'rhAhniiffen vorbehaMes Wiener Dir. 2647 MMM>W>WW>>>>W>MW>>WlW>WW>MlWWWWMWW>>WWWWWS8WW Me«. Mittwoch. 7. guli 1986 " fffriiiMal England: Mon. 4 Schilling, ttafie«: Monatl. 20 Lire: Rttmftfitefi: Mon. 170Lei. Bulgarien: Mon. löOLewr. Schweix und das übrige Anstand monatlich Fscs. 5 Redaktion, Administration: Wien, II. Taborstr. 1 Telephone: 44-0-38,43-3-lü Ab 6 Uhr: 21-102, 25-2-82 IX., UnlversUätsstrasse 6-S (Druckerei lg. Steinmann Oesterreichisches Postspaikassen* Konto Nr. 1S0.K9 VWWWWWWWWSMSM! 8. Saflrantif! Das zeutralbankgefetz vor dem Rattonalrat Geschäft und Polttik. — Minifterbank oder Anklagebavk. Im redaktionellen Teil enthaltene entgeltliche Mitteilungen find durch ei» vorangesetztes E gekennzeichnet. n.« ■■■■■.. i .. ..ln um n .. ■■■■■■■■—.. Finanzdiklalor SaiOaui. Proßrmutitstffät'uuöctt in dev Kmnmev. Paris, 6. .Juli. Die Kammer hatte heute einen ihrer großen Tage. Selten hatte eine so große Anzahl von Abgeordneten der Sitzung des Parlaments beigewohnt. Die Tribünen waren überfüllt und Hunderte von Menschen suchten vergeblich Einlaß. Einige Minuten nach Beginn der Sitzung hielt Finanzminister C a i l l a u x sein Exposee über die Finanzlage. Caillaux erklärte, zur Entlastung des Schatzamtes von Zahlungen wie für die Staatsbahnen und die befreiten Gebiete müssen ausländische Anleihen herangezogen werden. Ausgaben wie die R ü ck z a h l u n g e n an die Bank und die B e a m t e n g e h ä l t e r müssen durch neue Steuern gedeckt werden. Die Regierung wird vom Parlament die nötigen Vollmachten fordern, um diese Maßnahmen durchzuführen. Die innere Schuld Frankreichs beträgt 286 Milliarden. Eine Konsolidierung lehnt der Finanzminister ab, da dadurch der Staatskredit zugrunde gerichtet, eine sü r ch t e rl.i ch e I n fl a t i o n herbcigeführt und die französische Industrie unter ausländischen Einfl u ß geraten würde. Sensation ruft die Erklärung des Ministers hervor, daß die Vorschüsse der Bank von Frankreich derzeit nur noch um.500 Millionen vost her Emissionsgrenze entfernt sind und daß diese Grenze bereits um über e'ne Milliarde überschrltten worden wäre, wekn nicht von der M o rg an-Masse der „bekannte Gebrauch" gemacht worden wäre. Eine neue Hilfe durch die Bank von Frankreich fei also unmöglich und die Lage'könne nur durch die Stabilisierung gerettet werden. ... lieber die ä u ß e re Schuld Frankreichs gibt Caillaux folgende Ziffern an: Amerika 9 Milliarden, England 7 Milliarden, Schweiz 900 Millionen,. A rg e n t i n i e n 800 Millionen, Holland 770 Millionen, insgesamt etwa 18,6 AMiavden Goldfranken. Bei einem weiteren Steigen des Pfundknrses würde, die Negierung die N ü ck st ä n d c u n m ö g l i ch bezahlen . können. Im August seien 8 Millionen Pfund, 1,5 Milliarden Franken, zu bezahlen. Dazu sei ausländische Anleihe erforderlich. Der Zusammenbruch der Wahrung ist die H aupt g e fahr. Eine Auf. Wertung des F ranke n s e i u n m ö g l i ch und wäre auch ein Fehlgriff. Zunächst müsse eine weitere E n t w e r t u.< g des Geldes verhütet werden, dann müsse man vier bis fünf Monate hindurch den Markt sich selbst überlassen und nur im Falle der Notwendigkeit den Kurs stützen. Erst der erreichten tatsächlichen Stabilisierung kön.ne die legale S*ab:lisierung folgen. Dabei sei die Umgehung des parlamentarischen Prozesses schon deshalb notwendig, weil das S t a b i l rs i e r u n g sw c v l das größte Geheimnis voraussetze. Bei diesen Worten verlangte der Sozialdemokrat B i ncent - Auriol in einem Zwischenruf Auskunft darüber, ob Caillaux oder die Regierung diese Umgehung des P a r l a m e n t s fordere. Ministerpräsident Briand sprang von seinem Sitze auf und rief dem Zwischenrufer zu: Es ist ganz unnötig, Herr Bincent-Anriol, wenn Sie versuchen, den Finanzminister gegen den Ministerpräsidenten auszuspielen. Die Regierung steht geschlossen n nd e i n m ü t i g hinter dem F in a n z in i n i st e r! Finanzminister Caillaux schloß darauf seine Rede mit einem Appell an das Vertrauen der Kammer und des ganzen Landes. Sollte sich die Kammer ihrer B e raut w o rt n n g nicht bewußt sem, dann werde der Franken e n d g ü lt i g z u s n nt menbrechen und namenloses Elend und Unordnung über Frankreich kommen. Caillaux,. der es in seiner Rede verstanden hatte, dis. schwierigsten Finanzprobleme in Form einer spannenden E r z ä h l u n g darznstellen, wurde gegen das Ende seiner Ausführungen immer aufgeregter. Am Schlüsse seiner Rede war die Stimmung derart, daß man im Parlament jetzt gang allgemein mit einer starken Mehrheit für die Regierung rechnet. Wien, 6. Juli. Der im Sterben liegende österreichische Reichsrat führte allmonatlich eine T eu e r u n gs de b a t t e ab. Im Nationalrat, der in seinem ganzen Gehaben dem verstorbenen Reichsrat ähnelt, gibt es periodische Bankendebatten, die wie die seligen Teuerungsdebatten des österreichischen Abgeordnetenhauses sich in denselben endlosen Anklagen ergehen, nichts aber an der Tatsache ändern können, daß Banken ebenso wie andere Geschäfte der K o n j u n k t u r unterliegen und, wenn ihre Existenzgrundlagen nicht mehr vorhanden sind, den Weg alles Irdischen gehen müssen. Die Causa Zentralbank der deutschen Sparkassen hat wie selten ein Vorakt die Leidenschaften stark erregt; hatte doch dieses Institut aus der Vorkriegszeit einen ehrenvollen Namen herüber gerettet. Schon die erste Mitteilung, die in einem Blatte über Schwierigkeiten dieses Instituts auftanchten, entzündete alle politischen Leidenschaften, ja cs wurde als blanker Hochverrat an der Staats- und Privatwirtschaft'hingestellt., daß man es gewagt habe, über diese Bank das zu berichten, was in Finanzkreisen schon seit Jahr und Tag kein Geheimnis mehr war. Auch die gehässigsten Ankläger des Systems, das es verstanden hat, P a r t e i p o l i t i k u n d 'G e s ch ä f t in einen unlösbaren Zusammenhang zn bringen, haben sich nicht unterfangen, die Situation des Instituts so ungeschminkt zu schildern, wie es gestern Finanzminister K o llm a u n im Natioualrat getan hat. Seine-.OfsenhetWkeit verdient besondere Hervorhebungstund sie kann: der' Österreich» schen Wirtschaft nur , dienlich sein. Aus der Tagesordnung der gestrigen Nationälrätssitzung stand nur die erste Lesung des Anglobankgesetzes, das für. die Uebernahme dieses Instituts'durch, die K r e d i tä n st a l t' dieselben Steuerbegünstigungen gewähren soll, wie sie bei der Zusammenlegung zweier inländisch« Aktienunternehmungen schon jetzt Geltung haben. Drei Minute n v o r B e g i n n derSitzu n g würde das Zentralbankgesetz und eine zweite, damit zusammenhängende Vorlage, das E i u l a g e n s i ch e r u n g s g e s e tz, den ' Abgeordneten zugemittelt und sofort alle drei Gesetze einer ■ ersten Lesung unterzogen. Von den: Gedanken, das Zentvalbankgesetz in erster, zweiter und dritter Lesung beschließen zu lassen, mußte die Majorität Abstand nehmen, da die Opposition eine vom Nationalbanrpräsidenten Dr. R ei s ch einber-ufene Parteienführerbesprechung boykottierte mit der Begründung, daß sie mit der Regierung, die in der Schulfräge ihr Wort gebrochen habe, nicht verkehren könne. Diese scharf oppositionelle Stellungnahme der Sozialdemokraten kam auch in der Rede Dr. Danneb-orgs zum Ausdruck, der seine Ausführungen ganz auf den von einem Ttzile der Regierungspresse aufgestellten Leitsatz abgestellt hatte, im Falle Zentralbank handle es sich um einen Generalangriff des jüdischen Großkapitals gegen ein arisches Unternehmen. Er drohte den Spieß um uud suchte den Nachweis zu führen, daß die verkrachten Bankunternehmungen der Christlichsozialen und der Großdeutschen durchwegs irgendwie nt tt jüdischen Finanz l eute n versippt waren. Dabei schlug er einen Ton a>n, der sich ansgerechnet aus dem Munde Dannobergs sehr merkwürdig a n h ö r t e. Mit einem Behagen sondergleichen und zunr Gaudium seiner Parteigenossen, denen es ein besonderes Vergnügen'machte, daß der Jude Dannoberg sich über die Namen jüdischer Bcmkleute lustig machte, übevbvt. er sich in hümischen Bemerkungen über „jüdische Spekulanten" und „Judenbanken". Zum Schlüsse drohte er mit der M in i ft e r anklag e. In der Sache selbst scheinen die Sozial d e rn o traten bereit zu sein, mit s i ch reden z n l a s s e n. Sie verlangen nur. eine Untersuchung der Borgänge bei staatlichen und privaten Kreditinstituten, wollen aber dem, was notwendig ist, ihre Zustimmung nicht versagen. Der Sitzung wohnten ans den Galerien zahlreiche Vertreter der Bcmkivelt, der" deutsche Reichstagspräsident Loebe. Stadtrat B r e i t n e r und andere bei. Zur Begründmrg' der beiden gestern eingebrachten Vorlagen, des Zentralbankgesetzes und des Einlagensicherungsgesetzes skizzierte ■ >; Finanzminister Kollmaim die Geschichte der Zentralbank, die sich, wie der Minister bedauernd bemerkte, immer mchr dem mobilen Bankgeschäfte zngewendet habe. Die Bank habe Aktien und Beteiligungen an den. . verschiedenen Unternehmungen erworben, neue gegründet und sich an Nengründungen beteiligt. Die Aktienmajörität, die fvi'tljcv in den Händen der Sparkassen war, ging in der Jnflationszcir an private Industrielle über, welche die Bank immer mehr ans das Gebiet des Jndustriogeschäftes drängten. Bei der Stabil! siernng der Währung konnte sich die Bank nicht rechtzeitig liquib stellen. Als plötzlich die Wirtschaftskrise hercinbrach, wurden auch die industriellen Großaktionäre davon betroffen. Die Bank mußte eine Reihe neuer/Beteiligungen übernehmen. Aus der K a p i t a l s e r h ö h u n.g, die.Infolge., der Wirtschaftskrise mißlang, wurde die Bank, nicht mobiler. . Nun verlangte das Finanzministerium, /daß .sie im Auslande neues flüssiges Geld si'r eine Kaprtalserhöhnng suche. Im Frühjahr" stellte .. :;;! die Berliner.Girozentrale . eine Kapitalsbeteiligung in Aussicht. Bei diesen''Verhandlungen ergab sich nun, daß die Zentralbank infolge der Wirtschaftskrise großen Schaden erlitten habe. Biele Beteiligungen waren immobil, viele Aktien entwertet, manche Schuldner nicht in der Lage, Zinsen oder Kapitälsrückzahlungen zu Icifte.it. Die Zentral-, bank leidet infolge ungenügender Beschäftigung, und ungenügenden Erträgnisses an einem ständigen Betriebsdefizit. Die Regierung > konnte nun nicht zugeben, daß die Berliner Girozentrale sich. in Unkenntnis oll dieser Dinge an der Bank beteilige, und wollte vorerst mit hiesigen Kräften bei der Zentralbank in. aller Sti lle Ordnung schaffen. ' DUtten in diese -Beihandlungen platzte der Artikel, des „Abend". Einen Run konnte die Zentralbank in ihrer heiklen. immoMen Situation aus eigenes .Kräften nicht begegenen. Die Regierung entschloß sich, daher, dü bekannte Haftungserklärung abzugeben. Abg. Dt. Da n n e b e r g stellte den großen Hoffnung-::: . der Regierungsparteien bei Voticrung des seiner-zeitigen Anglobankgesetzes' 8er heutigen Vorlage gegenüber. Das sei das Ende der'glorreichen Aktion. Nun bringe die Regierung ein Gesetz ein, das der Anglobank den Abmarsch aus Oesterreich erleichtern scll. Die Geschichte der' letzten fünf Jahresei eine Geschichte des Zn-- sammenbruches aller mit Bewilligung der christlichsozialen Regie-' rung gegründeten Bänken. Die bürgerlichen Parteien hatte damals ein Gründnngs-sieber ergriffen, kleine n n d g r o s; c Politiker traten auf einmal in allen Arten von- Geschäften auf. Zmn Beispiel ein Pfarrer aus einem oststeirischen Dorfe, der auf einmal mit F lug zeuge n, mit Wäsche, mit Schuhen, mit Milch, mit Holz usw. zu handeln anfängt. Dann ein Universitätsp rofessor als Präsident von Handels-, Schiffahrts-, Bersicherungsgesettschaften und Bankinstituten, sie alle haben ihren politischen . Einfluß gelterrd gemacht, um fremde Kapitalien für ihr Geschäft zu bekommen, um der Bevölkerung plausibel zu machen, daß ans einmal Pfarrer, Universitätsprofessoren und Staatsbeamte, die zufällig Abgeordnete geworden sind, sich als Bankiers betätigen, hat man das als einen antisemitischen Kreuzzug gegen das jüdische Kapital hingestellt. In dem antisemitischen Kampfe gegen das jüdische Großkapital wurden mit Juden offenkundige Geschäfte gemacht. Daß das gerade die größten Rasseantisemiteu wie G a t t e r m a y e r gewesen sind, - ist ein besonderes Pech. Bei der Merkantilbank war der Direktor ein im Jahre 1920 abgeschaffter Ostjude namens Leiser Taubes, den die Herren aus Wien nicht wegließen, damit er für die Zisterzienser das Bankgeschäft führe. Von der selig entschlafenen Deutschen Bodenbanl, ivo sich Christlichsoziale und Grotzdentsche gemeinsam in die Auslage stellten, um die Arier anznlocken, wurde die Texta A.G. gegründet, in deren Ver-waltnngsrat Isaak F r i e d m a >r » aus Kolomea, Leiser R o s e n m a u n aus Buczanow, Davis S e le r aus Lemberg, Leo Seemann aus Kalusch, Markus Seidler ans Peczeniczin neben einigen Rassenautisemiten saßen. In der Boden bank, die immer inserierte, sie stehe aus deutscharischer Gr-undlage, tauchte eines Tages Sami B r v n n e r aus, durch dessen Spekulationen die Einleger um ihr ganzes Verniögeu gebracht' wurden.' Bei der Bodenbank, bei der Nordisch- Oesterreichischen Bank, bei der Kaufmannsbank und einer Reihe anderer Institute hat sich die Regierung um die Einleger nicht gekümmert. Bei der Agrarbank, die pleite gegangen ist, wandten sich die antisemitischen Tiroler Vorkämpfer an d.e Wiener Juden banken und es wurden für ju innerhalb eures Jahres 31 Milliarden aufgebracht und die neuen