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Wiener Morgenzeitung · 1925-08-18 · Heft 2331 (18.8.1925) · p. Seite 28

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2331 (18.8.1925)
Date
1925-08-18
Page
Seite 28 (sequence 28)
Language
German
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«Me 88 Men, Dienstag 18. August 1988 Nr. 2881 -er bei Uebelwollenden für unsere Gesamtheit abträgliche Verallgemeinerung hervorrnfen. Moralische Prophylaxis ist unser Ziel." „Das ist, was ich sage!" warf Finkelstein ein. „Prophy-la-ris!" „Und da wir eine repräsentative Persönlichkeit an der Spitze haben müssen — jemanden, der in der merkantilen Welt einen Namen hat —, glaubten wir uns an Sie wenden zu sollen, um Sie zu bitten, das Ehrenpräsidium zu übernehmen." Brunnstein errötete vor Freude. Aber anstandshalber zierte er sich noch. „Wie komme ich dazu? — Sie überschätzen mich", stammelte er. „Und — bin ich denn aus Posen? Ich bin ja gar nicht aus Posen!" „WaS östlich von Berlin liegt — ist Posen!" sagte Finkelstein entschieden. „Ich bin doch gar nicht deutscher Bürger", sagte Brunnslein ängstlich. „Wenigstens noch nicht!" „Um so zweckdienlicher wird es in diesem Fall für Sie sein, wenn Sie an der Spitze eines Vereins stehen werden, der viel mit Behörden zu tun haben wird. Das wird Ihre Einbürgerung nur erleichtern!" „Und was habe ich zu tun?" fragte Brunnstein. „Mein Geschäft nimmt mich sehr in Anspruch!" „Sie haben nur an der Spitze zu stehen", rief Finkelstein. „Alles andere mache ich schon mit meiner Frau!" „Immerhin dürfte sich für Ihre Frau Gemahlin ein Tätigkeitsfeld. . begann der Rabbiner. »Hch bin nicht verheiratet!" rief Brunnstein entschieden. Dr. Merzbacher sah etwas befremdet auf — unterrichtete er doch zwei Kinder von Brunnstein. „Ich habe keine Frau — heißt das . . verbesserte Brunnstein. „Ich war verheiratet, aber . . ." „Also sagen Sie schon ja!" rief Finkelstein ungeduldig. „Meine Herren", sagte Brunnstein. „Wenn Sie mich so drängen — es ist eine unverdiente Ehre . . ." „Wer der Ehre entflieht, den verfolgt sie", sagte Merzbacher feierlich. „Ich bin auch der Meinung, man muß unsere armen Brüder aus dem Osten vor sittlichen Gefahren schützen — um unserer selbst willen — und wenn Sie meinen, daß mein Name Ihnen helfen kann . . ." „Ob und wie!" rief Finkelstein. „ . . .so bin ich mit meinen schwachen Kräften . . ." „Wieviel zeichnen Sie?" rief Finkelstein und riß blitzschnell einen Bogen Papier aus der Tasche, zückte seine Füllfeder und drückte sie dem überrumpelten Brunnstein in die Hände. „Zeichnen?" fragte er perplex. „Wofür?" ' „Na — für den Gründungsfonds", sagte Finkelstein kaltblütig. „Wir müssen eine Versammlung einberufen — erstklassiges Lokal mit kaltem Büfett. . „Natürlich rituell!" sagte Merzbacher. „Ist das notwendig?" fragte Brunnstein unangenehm berührt. „Ich persönlich bin Freidenker." „Wenn Sie auf meine Mitwirkung Wert legen", sagte der Rabbiner, „und auf die des gesetzestreuen Kreises überhaupt . . „Die Versammlung findet natürlich in der Kleiststraße statt . . sagte Finkelstein. „Sie laden ein — der Dr. Merzbacher — ich — und noch ein paar bekannte Menschen. — Wir wollen jetzt zu dem Konsul Burkheimer. . fassen Sie mir die Liste hier", sagte Brunnstein. „Oder ich teile Ihnen schriftlich meine Zeichnung mit. Ich muß erst meine Fr. ., nein, Freunde. . „Auch gut. . sagte Finkelstein. „Ich werde auslegen . . . oder geben Sie mir wenigstens 1000 Mark Vorschuß." Das geschah nach einigem Zögern und Brunnstein geleitete die Herren durch das Bureau hinaus. In dem langgestreckten Bureauraum befand sich nur noch der Bureaudiener und aus einem Stuhl an der Tür saß ein schäbig gekleideter Mann, offensichtlich ein Ostjude. Brunnstein stutzte, unangenehm berührt, als der Mann sich erhob und ihm vertraulich zunickte. „Was wollen Sie?" sagte er ärgerlich. „Na. . . und mein Brief?" sagte der Besucher. „Es gibt keine Antwort", rief Brunnstein. „Die Sache interessiert mich nicht! . . . Gehen Sie . . . ich bin beschäftigt! . . . Also wie heißt der Verein?" wendete er sich rasch zu Finkelstein. „Berliner Wacht an der Warthe — Berlin WW." sagte Finkelstein. „Telephonieren Sie wegen der Zeichnung an Herrn Rabbiner Merzbacher." „Zweck des Vereins . . . merken Sie sich . . ." sagte der Rabbiner. „Die moralische und materielle Stützung sittlich gefährdeter Ostjuden!" . . „Unsere Mitglieder sollen ein Schild erhalten", rief Finkelstein, mit einem Blick auf den Fremden, der unschlüssig an der Tür stand, „darauf soll stehen „Berlin WW." zur Abwehr privater Belästigungen." „Einen Augenblick... ich gehe schon mit", rief Brunnstein und ließ sich Zylinderhut und Stock von dem Bureaudiener reichen. „Schließen Sie das Bureau, Heinrich!" Die drei Herren stiegen die Treppe hinab und der Fremde folgte notgedrungen langsam. Vor der Tür wartete ein geschlossenes Auto, in dessen Fond eine stattliche Dame zurückgelehnt saß. Brunnstein sah unruhig hin und verabschiedete sich hastig. „Wer war die Dame?" fragte der Rabbiner. „Das' war doch wohl Herrn Brunnsteins Auto?" „Die Dame . . lachte Finkelstein leise. „Das ist doch seine Freundin . . . oder Erzieherin . . . wie mau's nimmt!" Miene« Movgenzeitung 8. (ironemann. Dr. Merzbacher sah sich verstohlen um und konnte gerade bemerken, wie der Fremde Herrn Brunnstein am Rockärmel packte. Kn Gegner Jarwins. (Eine zeitgemäße Reminiszenz.) Tie jüngste Sensation Amerikas, der sogenannte „Affertprozeß" dort Tayton, brachte mir eine ergötzliche Episode auL dem zionistischen Stndentcnloben Wiens in Erinnerung, in deren Mittelpunkt der bekannte, vor eüva Zwei Jahren verstorbene revolutionäre Zionist Marcou Barn ch steht, ein Mann, der es wohl verdient, daß ihm einige Zeilen der Erinnerung gewidmet werden. Anfangs 1895 tauchte er im Kreise der Wiener tzwnisti-- schen Studentenschaft aus, er verkehrte viel in der ,Mdimah" und in der ,/Ganiala", an deren Veranstaltungen und Diskussionsabenden er teilnahm. Er ergriff oft das Wort und frappierte immer mit seinen starken, von beißendem Sarkasmus getränkten Reden, deren exotisches, gebrochenes Deutsch es nicht hinderte, daß ihnen rauschender Beifall folgte. Als feuriger Redner schlug er nicht nur unsere Gegner tüchtig aufs Haupt; auch uns. die Jüdischnationalen, traf oft der giftige Sache! seiner rückhaltlosen Kritik. Wir waren ihm nicht radikal genug, viel zu wenig auf die Tat, allzuviel aus das Heovetisierende Diskutieren eingestellt. Für die Lächerlichkeit unserer Gegner machte er häufig die Unzulänglichkeit unseres nationaljüdischen Programmes verantwortlich, dessen Rahmen für den Tatendrang seiner revolutionären Ideologie zu eng war. Der neue „Kmrielte 6U ION 8 63.8." Bekanntlich steht das praktische Moment im Vordergrund! Wer es außer acht laßt, zahlt bitteren Herzens Lehrgeld. Nichts ist lästiger und den Männern gegenüber lächerlicher, als unnützer Reiseballast, ergo heißt es genau in Erwägung ziehen, was entbehrlich und was von der Liste der Mitreisenden Toiletterequisiten zu streichen ist. Madame Henriette hat mit ihrem neuen „Kenrielte en tous cas“ alle Wünsche glänzend erraten. Bei Tanz und Sport, zu Wasser und zu Lande ist dieser genial geformte und so vielen Zwecken gleich vorzüglich dienende elastische, ganz leichte, tadellos sitzende Figurformer einfach unentbehrlich. Er schmiegt sich unmerkbar unter das Badetrikot, ist unter dem Sportkleid unsichtbar und, was nicht minder wichtig ist — .unfiihlba? und verleiht geckenhafte Schlankheit unter hauchdünnen Madeira-, Musselin- und Georgettekleidchen. „Henriette vn tous cas", den man nicht Ihn darf man nicht zu zu Haufe lassen darf. Hause lassen 1 Zu haben nur bei 7, Madame Henriette 4. Bezirk, Margaretenftratze Rr 15 Ecke Paulanergasse, Marmorportal Für ihn war der „Zionismus", anch^in der bald da rauf erfolgten klareil und scharfen rrormulierung Herzls, nur dann von Bedeutung, wenn er sich nicht auf die Lösung der „Judensrage" beschränkte, sondern als Ten eines größeren „RasstnprMems" sich gäbe und in die allgemeinere Bewegung, die er ,>Pansemrtismus" nannte, einsügte. Täten wir es nicht, dann bliebe all unser Wolleil und Streben kleinlich nnd nutzlos. Seine Losung war: Los von Europa und seinen Nationen! Los vom „Arierhtm"! Unseren Kampf gegen di- Assimilation nahm er nicht ernst, denn wir selbst wären, wie er immer wieder feurig versicherte, mit Europa, mit dem „Arievtnm" zu sehr' assimiliert und das verderbe unseren Charakter, schädige unseren sittlichen Habitus, lähme unseren schwang zur wahren Freiheit! Dieser Abneigung gegen alles ,Arische" gab Baruch bei jeder Gelegenheit Ausdruck. Er erging sich in heftigen Ausfällen gegen europäische Kultur und Zivilisation und legte deren größten Vertretern die schiurpflichsten Epitheta bei. Lebhaft erinnere ich mich eines DiskufsionSaibenids der zionistischen Studentenschaft beim ,Mobitschek" am Schottenring. Es waren viele Neutrale und Gegner anwesend. Nachdem die offiziellen Redner gesprochen hatten, trat ein Student in strammer Haltung auf und drückte seine Verwunderung darüber aus, daß man von einer „jüdischen Nation" spreche. Er kenne ke'u jüdisches Volk, keine jüdische Nation. Eine Nation sei eine Gemeinschaft, die sich ihr Land mit Blut und tapferem Heldentum erkämpft; eine Nation habe eine Geschichte, auf 'deren Ruhmestaten ihre Söhne stolz sein können, wie etwa die ungarische Nation, der anzugehören er das Glück hübe. Die Juden dagegen hätten kein Land und keine Geschichte, sie hätten nie zur Verteidigung solcher nationaler Güter einen Tropfen Blutes vergossen, wie es die ungarischen Freiheitshelden so oft getan. Dieser jugendliche Gegner schien uns ideal gestimmt und der Belehrung wert zu sein. Wir versuchten es ruhig und gelassen, erzählten ihm, so tveit es in einer Diskussion möglich war, einige ruhmreiche Episoden aus unserer Vergangenheit und wiesen ihn an, in der UnivevsrtätSMliothek sich Graetz' ,/Äeschichte der Juden" geben zu lassen, aus der er ein Heldentum kennen lernen Erde, wies es kein gleiches in der Volkergeschichte gibt. Unsere ruhige Argumentation genügte Baruch nicht. Unter Mißbilligung unserer Ruhe schwang er sich auf einen Stuhl und von da auf den Tisch, hielt eine feurige Rede, aus der ich mich folgenden Satzes wörtlich erinnere: . so ein lumpiger, lausiger Arier redet ihm ein, er stamme von eHnem Affen ab — da glaubt er ihm; sein eigener Vater aber sagt - ihm, er stamme von Juden ab, und diesem glaubt er nicht! . . ." Man denke sich nun die Heiterkeit, die diese kuriose Argumentation bei den Versammelten hervorgcrustn. . Sie blieb uns lange in Erinnerung — wahrscheinlich auch dem ungarischen Studenten, den ich einige Tage später im Lesesaal der Universität mit der Lektüre des Graetz beschäftigt fand und der nach kurzer Zest als Mitglied der „Unitas" zu unseren treuesten und tüchtigsten Mitarbeitern gehörte. - Nicht anders erging es anderen ,/rrischen" Großen. So war einmal Vortragsabend in der „Gamala". Der greise hebräische Schriftsteller Samuel Modlingcr sprach über „Jüdische Typen in der deutschen Literatur" (Lessings „Nathans. Baruch fuhr entrüstet auf, hielt eine Brandrede gegen den „erbärmlichen Men", der die Jugend mit solchen „arischen Dummheiten" belästige, besonders aber gegen die Jugend selbst, die so „feig" und „verrottet" sei, sich mit den ,/krischen Trotteln" zu befassen — zu einer Zeit, da ihr Volk so viel Schmach zu erdulden habe, seine Söhne im Glend verkümmern mrd seine Töchter in die Welt hinausgestoßen und der Schande in die Arme getrieben werden u. dgl. Der Wiener Polizei scheint er als Anarchist verdächtig gewesen zu sein. Eines Morgens brachte mir in aller Früh ein Wachmann einen mit Bleistift geschriebenen Zettel. Baruch teilte mir mit, er befinde sich im PolizeigefangmS, er habe kein Geld und leide Hunger; ich möchte es den Kadimahnern Melden. Das tat ich sofort und die „Kadimah" verschaffte ihm einiges Bargeld. Ich sah ihn nicht mehr, denn er war bald nachher aus Wien verschwunden. Einige Tage vor dem ersten Kongreß tauchte er in Basel auf. Ich saß mi-t deni s. Adolf Donreich im Bureau in der „Freien Straße", da öffnete sich die Tür und mit fröhlich-burschikosem Gruß stand Baruch vor uns. Da er über Hunger klagte, ließen wir Brot und Bier holen und bewirteten ihn. In gemütlicher Plaudrer erzählte er uns von seinen Agitationsreisen im französischen Orient und trug uns seine .Hansemitischen" Ideen vor. Am Kongreß jedoch beteiligte er sich nicht. So sehr Herzt Bgruchs Fähigkeiten schätzte, so war ihm diefrr Gast in Basel sehr wenig erwünscht. Wie bekannt, lebten die russischen Zionisten beim ersten Kongreß in großer Angst vor den vielen russischen Spitzeln, di« sich gerüchtweise in Basel aufgehalten haben sollen. Deshalb sah sich Herzl genötigt, Baruch vom Kongreß ftrnhalten zu lassen. Donreich, und wie ich glaube, auch Schaltt sorgten dafür, daß Baruch für die ganze Kongreßzeit Basel verließ und sich irgendwohin ins Badische zurückzog ... Dr. M. Berkowioz A. v~rcse:r>»

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