Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2620 (10.6.1926)
- Date
- 1926-06-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Donnerstag Wiener Morgenzeitunn 10. Juni 1926 Seit« 8 H% 2620 Tagesbericht. Ne SrWuimg äset RaMlbalm. Gestern wurde durch den Bundesprästdenten Doktor Harnisch in Anwesenheit von Mitgliedern der Regierrrng rrnd der gesetzgebenden Körperschaften sowie zahlreicher Vertreter arrs den Kreisen der Industrie, des Handels und Verkehrs und inländischer und ausländiicber Pressevertreter die Seils ch w e b e b a h n auf das R a x- Plateau eröffnet. Die Bahn, die die erste nroderne Seilschwebebahn in Oesterreich darstellt, erschließt der Stadt Wien in kaum zwei Stunden eine der großartigsten Naturschönheiten, wie man sie sonst nur inmitten der Alpen sehen f«mt. Der Bahnbau wurde in kaum neun Monaten fertiggestellt. Die Bahn, die eine Gesamtlänge von 2160 Meter und eine Höhe von 1018 Meter überwindet, führt von der mit der Station' Payerbach-Reichenau der Südbahn durch eine Automobillinie verbundenen Talstation Hirschwang in neun bis zehn Minuten durch den windgeschützten LahngrabM bis zum 1000 Meter hohen Raxplateau auf den Gsohlboden. Wenige Schritte hinter der Windbrücke in Hirschwang erhebt sich dicht über der Höllcntalstrecke in großartiger Landschaft die Talstation (528 Meter Seehöhe). Von hier aus ziehen die Seile den steilen Abhang hinan, getragen von fünf großen eisernen Stützen, bei einer größten Spannweite von fast 800 Meter. Matt fährt über sanfte, geneigte Almwiesen, und während der Schneeberg in voller Größe erscheint, öffnet sich links der Blick über die Semm'eringberge und über die wunderschöne Tallandschaft bis ins Burgenland hinein. Die Bewegimg der beiden Wagen, die einen Fassungsraum für je 27 Fahrgäste haben, besorgt das 25 Millimeter starke Zugseil, das in der Bergstation um ein Triebrad läuft und beide Wagen im Gleichgewicht hält. Gegen die Talstation wird das Zugseil durch das 23,5 Millimeter starke Ballastseil gespannt. Die Brornsvorrichtung des Wagens ist so eingerichtet, daß sie nie versagen kann. Ein Reißen des Seiles ist, wie wiederholte Proben ergebe»! haben, a u sg e s ch l o s s e »t., _ Jie Snnimit») der Briimier Maschinen A.-G. Prag, 9. Juni. Der neue Generaldirektor der Brünner Maschülenfabrik, Ing. H o e d l, tritt morgen seinen Posten an. Es kann als sicher angenommen werden, daß eine Kapitatszusamnienlegung sich als notwendig erweisen wird. Die kursierenden Gerüchte, wonach eine Zusamm enlegung von 5:1 erfolgen werde, werden aber von eingeweihten Kreisen als übertrieben bezeichnet. Den „Narodni Lisch" zufolge werden seit einiger Zeit zwischen der Brünner Maschinenfabrik und einer r eichsdeutschen Gruppe Verhandlungen wegen Beteiligung und Teilnahme an der S a n i e r u n g geführt. Präsident Rotter erklärt in seinem Briefe, in welchem er seine Demission zurückzieht, er zweifle, daß er dem lsnternehmen wie bisher Dienste leisten könne, da er infolge seiner Resignation in der Länderbank nicht - mehr über den früheren Einfluß verfüge. Er werde sich, falls seine angegriffene Gesundheit dies gestattete, a-n der nächsten Verwaltungsratsfitzung beteiligen. Da« Tagesgestzräch der Leopoldstadt ist die Restenabteilung des Warenhauses Brüder Schrffmann, 2. Bez., Taborstraße 48. Alle Arten Reste von Mantel-, Kleider-, Anzugstoffen, Brokaten, Crepe de Chine, Seide aller Qualitäten,' Marocains, Eponge, Voile, Cretons, Blaudruck für Kleider usw. werden zwecks Freimachung des Lagers zu besonders billigen Preisen abgestoßen. Benützen Sie diese Neueinrichtung, u»n sich für wenig Geld elegant und gut zu kleiden. Utzchiatrienmg Schwarzbarth». Paris, 8. Juni. Auf Verlangen der Staatsanwaltschaft ist der A t t e n t ä t e r S ch »v a r z b a r t h zur Untersuchung seines Geisteszustandes einer Heilanstalt überwiesen worden. Sein BerietdigerTorres bat gegen diese Verfügung Protest erboben unter dem Hintveis darauf, daß s e i n K l i e n t ein völlig gesunder Mensch sei und die volleVeranttvort u n g f ü r s e i n e T a t ü b e r n e h m e. Trauerakademie für zwei jüdische Spjer der Warschauer Maiereignisie. WSbrend der letzten Warschauer Malereignisse sind auch die Soldaten Jechiel Iaknbowtcz und Josef L a m eranz erschossenworden, die aktive Mitglieder des Warschmrer Maktabi »varen. Zum Andenken an die gefallenen Mitglieder veranstaltete der Makkabi am b d. e i n e Trauerakademie, zu der Vertreter der militärbchen und der zivilen Behörden sow.e jüdische Senatoren und Abgeo dnete erschienen »varen. _ Lodendorffs zukünftige. Berlin, 9. Juni. Das „8-Uhr-Abendblatt" aus München »neldet, soll Ludendorff beabsichtigen, nach durchgeführter Scheidung seiner jetzigen Ehe sich mit der Aerztin und Schriftstelleritt Fratt Dr. v. Kemni tz, mit der er seit langen! befreundet ist, zu verheirate»!. Frau Dr. Kemnitz, deren Gatte vor einiger Zeit verunglückte, hat sich durch ihre Bi'icher „Erotische Wiedergeburt" und „Das Weib und seine B e st i mntun g" sowie durch Vorträge einen bekannten Namen gemacht. Bald nach der Revolution versuchte sie, eine reine Frauen Partei ins Leben zu rufen, deren Aufgabe die Ueberbrücknng der Gegensätze innerhalb der nationalen Männervarteien sowie die P f l e g e spezieller Fraueninteressen in der Politik sein sollte. . _ Aushebung einer snternatioualen Taschenviebftchlsbanüe in Berlin. Lehrer und Schüler. Berlin, 9. Juni. Die Abendblätter melden: Langwierige Beobachtungen des Berliner Taschendiebstahldezernates haben dazu geführt, einer internationalen Taschen diebftahlsban de auf die Spur zu kommen, die aus einem Lehrer und mehreren Schülern bestand. Auf das Konto dieser Bande, die unter der Leitung eines kürzlich aus der Strafanstalt entlassenen Polen, namens Groß, stand, sind fast sämtliche in den letzten vier vier Wochen in Charlottenburg verübten Tafchendiebstähle, deren Zahl in die Hunderte geht, zu setzen. Groß wurde in einer Pension im Westen verhaftet, während zwei seiner Schüler auf frischer T o4 tu d-e-r Straßenbahn feftgenommen wurden. Ungarische„Lebensversicherung". Betrügereien eines Budapester Versicherungsdirektors. Budapest, 8. Juni. Die Polizei verhaftete heute den. Generaldirektor Adalbert K a l l a Y der Ungarischen Lebens- und Rentenversicheungs-A.-G. und den Oberbeamten der Gesellschaft, Alexander K a l l o s. Gegen die Leiden ist bei der Qberstadthauptmannschaft eine Flut von Strafanzeigen aus der Provinz eingelaufen. Kallay und Kallos sollen Wechsel ihrer Kommittenten, die sich hauptsächlich aus den Kreisen der kleinen Landwirte und Gewerbetreibenden aus der Provinz rekrutierten, in der Weise gefälscht haben, daß sie die kleinen Beträge, auf die die Wechsel ausgestellt waren, durch'H i n z u f ü g u n g ffTrMT AM-GLOcIc ■I^owebrücke führt derwwwH Ja!!... ich bestelle noch beute per Postkarte zu der am 22. u. 24. Juni beginnenden Ziehung d. Klassenlotterie _Ve Los S 4 - >/4 Los S 8 - _V» Los S 16 - 7i Los S 32 - Ml gewinnt % Millionen S oder einen der vielen anderen Haupttreffer 8500.000,250.000,100.000, 75.000, 60.000, 50.000 etc. Meine Zahlung erfolgt sodann sofort nach Erhalt der Lose mit Posterlagschein. . Die Bestellung richte ich an: GLÜCKSTELLE STEIN 'K,IEN,I.,WIPPUNGERSTR.21 AN DER HOHEN BRÜCKE mehrerer Nullen verhundertfachten. Die Wechsel ließen sie sodann bei den Großbanken diskontieren und verwendeten die Summen für eigene Zwecke. Die Fälschungen wurden entdeckt, als die Großbanken die Wechsel den Ausstellern zur Zahlung präsentierten. Die Ungarische Lebensmw Rentenversicherungs-A.-G. ist übrigens seif Morratem z-ahlung-sunfähi.g. Ul ÄTLÜlö» Dienstag nachmittags wurde K«re ms von einer schwerer. Brandkataftrophe heimgesucht. Infolge des heftigen Windes breitete sich >das Feuer, das von der Dampfbäckerei W i l h e-l m seinen Ausgang nahm, rasch aus. Die Dachstühle von zwölf Wohnhäusern, die mit Schindeln gedeckt waren, brannten vollständig nieder. Gegen 6 Uhr abends gelang es den Feuerwehren, die aus der ganzen Umgebung anruckten, den Brand zu lokalisieren. Man vermirtet, daß das Feuer durch Funkenflug entstanden, ist. Unglücksfälle und Verletzungen gab es keine, doch ist der Schaden sehr beträcht l i ch. Nie jüdische TragSdiv. Gespräch mit Anna Rowina. Das Spiel der Rowina, das int zweiten und dritten Akt des „Dybuk" sowie int „Ewigen Juden" die Kothurnengröße antiker Schauspielkunst und . die Zartheit einer »nvdernen Frauenseele in sich vereinigt, hat mich veranlaßt, die Künstlerin aufzusuchen. In ihrenr kleinen Hotelzimrnerchen empfängt sie sehr liebenslvürdig und — ein wenig schüchtern. Wir sprechen hebräisch. „Worüber soll ich erzählen?" „Wie Sie zur Bühne kainen, zum Beispiel." „Eigentlich durch Zufall und doch nicht durch Zufall. Ich war gerade vor der letzten Prüfung in den hebräischen Kursen für Fröbel-Lehrerinuen, als Zemach nach Warschau kam und bei der Schulleitung anfragte, -welche von den Schülerinnen für eine Schauspielertruppe in Betracht käme. Er war ans der Suche nach einer geeigneten Schauspielerin. Meine Lehrer wußten, daß ich mit Erfolg bei Schüleranfführungen mitgewirkt hatte und verwiesen auf »nich. Ich bin aus einer orthodoxen Farnilie — geboren in einem kleinen Städtchen im Minsker Gouvernement —, und weder meine Eltern noch ich wollten von der Bühne ettvas wissen. Ich insbesondere darum, »veil ich an meine Kräfte nicht geglaubt habe" . . . „Vertrauen Sie jetzt schon Ihren Kräften?" „Ettvas mehr. Damals aber mußte mir Zemach lauge zuredeu, bis ich Schauspielerin »vurde. Ich wirkte zum ersten Male in einem Strick von Arnstein: „Schir nizchi" (Das ewige Lied) mit und hatte Erfolg. Nach langer Zeit kamen wir in Moskau znsaininen. Inzwischen »var ich drei Jahre Lehrerin getvesen, von 1914 bis 1917, und ztvar ztvei Jahre in Baku und ein Jahr in Saratoto, in einein Flüchtlingsheim. Dann ka»n die Arbeit Oit Wachtango w" Hier leuchten die Angen der Künstlerin hell auf, sie »vird nachdenklich und spricht mit sichtbarer Begeisterung. Eigentlich werde auch ich lebhafter, denn darnin bin ich gekonrmen: über die Arbeit mit Wachtangow .will ich Näheres erfahren. „Es ist schtver zu sagen, antwortet Fräulein Rowina, wie wir mit ihm gearbeitet haben. Er »var nicht nur Regisseur, er war unser Lehrer. Er hat aus manchen» Schauspieler Talente und Werte hervorgebracht, von denen der Betreffende selbst nichts wußte, ja nichts ahnte." „Hat Wachtangolv mit jedem einzelnen gearbeitet oder nur »nit allen zusammen?" „Meist mit allen zusammen. Er Pflegte vor allein die einzelnen Rollen und die einzelnen Stellen zu besprechen und vorzuzeigen. Er hat aber sehr selten gelobt, viel öfter getadelt. „Noch sehr weit znm Ziel," pflegte er zu sagen. Und »venu er mich einmal lobend ans die Schulter schlug, lebte ich davon glücklich einige Wochen. Die Borbereitungsarbeit des „Dvbnk" »var aber a»lch für »»»ich sehr schlver, denn ich »var beides: schamhaft »tut» widerspenstig." „So spielen Sie ja auch die Lea int „Dybuk", werfe ich ein. ' „Ja, lächelt Rowina, an die z»vei erste»» Akte hatte ich »nich schon herangetra»»t, vor dem dritten hatte ich aber große Angst. Wird da »»»eine Stir»»»ne ausreichen, den starken, männlichen Dybuk zu singen? Ich wollte gar nicht daran glauben, aber Wachtangolv hat auch das ans »nir hervorgeholt. Es gelang, aber auch jetzt noch gibt es Augenblicke, wo ich an meiner Kraft zweifle." Sie sagr es ganz langsam, die Augen ga»»z weltfremd in die Fernz: gerichtet. Neberzeugend; hier ringt eine Künstlerin um die höchsten Möglichkeiten ihrer K»»»»st. „Sie spielen auch den Messias inr „Golem" nnb die junge Mutter des Messias im „Eivige»» Inden". Welche Rolle spielen Sie a»n liebsten?" „Am liebsten selbstverständlich die Lea. Aber auch die Rolle im „Eivigen Juden" habe ich. obwohl sie klein ist, sehr lieb. Die Rolle im „Golem" ist eigentlich eine Notbesetznng. Für diesen zarten Messias »var damals gerade keine geeignete männliche Kraft und so hatte man die Rolle mir, als der Schauspielerin des Dhbnk, übertragen." „Glauben Sie nicht, daß den Messias doch ein Mann spielen sollte?" „Zweifelsohne. Bis jetzt hat man aber allgemein behauptet, daß mir die Darstellung dieses Jünglings gelungen ist." Üeber die zukünftigen Pläne erzählt die Künstlerin, daß die Vorbereitungsarbeit zu Hebbels „Herodes und Mariamne" schon weit gediehen ist, aber unterbrochen »verden mußte. Sie spielt die Marianne, Zemach den Herodes. Im Aug»tst und Septe»nber vorigen Jahres war Rowina in Palästina. Während sie von Jerusalent ganz begeistert ist, scheint ihr Tel-Awiw ein Gemisch von verschiedenen Elementen und Kulturen zu sein. Nach dein Westen reist sie zum ersten Male im Leben. Bisher »var Warschau die westlichste Stadt, die sie gesehen hat. Von Wien ist Rowina entzückt, sie konnte noch nicht viel sehen, aber „vor jede»»» Haus »nächte man stehen bleibe»» und es betrachten." Sie »var schon dreimal iin Theater. „Die Gefangene" bei Reinhardt hat sie in helle Begeisterung versetzt, aber auch zwei Operetten, die sie gesehe»! hat, haben ihr gut gefallen. Die große Darstellerin der Lea und der M»ltter des Messias ist innerlich noch sehr j»»ng, begeisterungsfähig und empfindlich. Sie hat vielleicht nianches unter Mitwirkung großer Lehrer erreicht, aber diese grandiose Arbeit des Anfangs und eine »virklich starke, künstlerische Natur werden sie noch sicherlich z»l eigerren, geivaltigeren Höhen führen. Leopold Thal er.